Was treibt uns wirklich um?
Als ich diesen Artikel und die Kommentare dazu gelesen habe, ist mir ein eigener literarischer Spaziergang eingefallen, der damit zu tun hat. Wir haben eingesehen, daß wir nichts bewegen können, daß es kaum noch Spielraum für Veränderungen in Politik und Gesellschaft gibt. Da kommt uns das Internet gerade recht. Da wir am Wichtigen gescheitert sind, konzentrieren wir uns auf das Unwichtige. Milliarden Ameisen versuchen, im Internet etwas von ihrer verlorenen Bedeutung zurückzugewinnen Jeder Google-Auftritt erhöht unsere Wichtigkeit. Jeder Blog, jedes Foto, jeder Gästebucheintrag machen uns allgegenwärtiger. Das entwertete Indvidium wird wieder aufgewertet, wir erhalten etwas von unserer Unsterblichkeit zurück:
"In der Finanzpolitik haben wir die fetten Hühner schon vor langem geschlachtet. Ihre Küken sind die unterernährten Hühner von heute, die nur noch mickrige Eier legen. In der Sozialpolitik stehen überall Schilder mit der Aufschrift: «Sie verlassen das Schlaraffenland – Achtung! Minengefahr!» Und dahinter erstreckt sich eine unwirtliche Einöde, so weit das Auge reicht.In der Innenpolitik bauen wir an einem unüberwindlichen Schutzwall gegen den globalen Terrorismus, und mit jedem Stein, den er höhergemauert wird, geben wir ein Stück Freiheit auf.In der Wirtschaftspolitik backen wir immer kleinere Brötchen, und nicht einmal diese können wir verkaufen, weil die anderen sie billiger herstellen.In der Gesellschaftspolitik herrscht ein pluralistischer Minimalkonsens, der jedem etwas gibt und allen nichts. <?xml:namespace prefix =" o" ns =" "urn:schemas-microsoft-com:office:office"" />
Früher gab es den Gegensatz zwischen Gruppe und Individuum. Die Gesellschaft als Gruppenveranstaltung hat abgewirtschaftet. Aber der Individualismus hat die Bedeutung des einzelnen nicht erhöht, im Gegenteil, er hat ihn bedeutungslos gemacht. Die Gesellschaft ist die Masse der einzelnen, die als letzte Instanz nur sich selbst anerkennen. Sie sind der Massstab aller Dinge, nichts steht über ihnen. Jeder einzelne ist ein autonomes Meisterwerk, er bedarf weder einer Bestätigung durch die anderen noch einer Rechtfertigung seines Daseins. Sein Dasein selbst ist Rechtfertigung genug. Milliarden Ameisen, von denen jede glaubt, eine Königin zu sein, versuchen die Welt zu regieren. Und wenn sie den Deckmantel einer Gruppe, einer Ideologie, einer Religion, einer Partei suchen, dann nur, um ihre eigenen ganz persönlichen Interessen durchzusetzen. Zwischen den einzelnen gibt es keine Solidarität. Aber es gibt auch keine ausreichend starke Solidargemeinschaft als Gegengewicht. Ein banaler Konflikt, doch die Welt wird ihn auf Dauer nicht ertragen, sie wird daran zerbrechen. Wenn dies allerdings einer ausreichend grossen Anzahl einzelner klar geworden sein wird, wird es zu spät sein, den Big Bang zu vermeiden."
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Leser-Kommentare
Leider kenne ich jetzt noch nicht den Artikel - auf den du Bezug nimmst, aber das was du schreibst, gefällt mir sehr. Du stellst ihn zwar etwas überspitzt dar, aber gerade das muss man machen, um überhaupt noch etwas Aufmerksamkeit zu bekommen.
Liebe Grüsse emailchen