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Was die Deutschen an den Griechen nicht verstehen

Die zornige Reaktion vieler Deutschen auf die griechische Finanzkrise kann ich als Grieche, der viele Jahre in Deutschland gelebt hat, sehr gut verstehen. Wenn man sowohl die deutsche wie auch die griechische Mentalität kennt, kann man leicht begreifen, warum „Griechenland wie kaum ein anderer Staat derzeit verspottet und verachtet wird“. Ich will trotzdem versuchen, den Deutschen zu erklären, warum die Hellenen zu dieser Krise gekommen sind; darüber hinaus, warum diese Krise für Griechenland gut ist.

Obwohl viele Griechen seit Jahren in Deutschland leben, und viele deutsche Touristen jedes Jahr Griechenland besuchen, haben die Deutschen den Grundmangel der griechischen Mentalität immer noch nicht erkannt. Es mangelt nämlich den modernen Griechen und der griechischen Gesellschaft überhaupt an einem grundsätzlichen Lebens- und Existenzzweck.

Meine These lautet: Griechenland leidet wesentlich nicht an einer Finanz- sondern an einer kulterellen Krise. Das verstehen die Deutschen auch, jedoch nicht korrekt. Die Deutschen haben sich ein Bild von den Griechen gemacht, als von den „etwas besseren Südeuropäern, kultiviert und lebenslustig“, „die aber quasi das Gegenteil der deutschen Tugenden verkörpern“ und „lange über ihre Verhältnisse gelebt haben“. Das ist alles zwar richtig, sagt aber gar nichts zu den eingentlichen Gründen, warum die Griechen, besonders in den letzten dreißig Jahren, so gelebt haben.

Ich werde hier natürlich sehr grob die Gründe anführen, die, wie ich meine, zu der ökonomischen Pleite geführt haben. Auf die Art, glaube ich, kann man die griechische Besonderheit besser ergreifen und lernen, wie man mit diesem Volk erfolgreicher umgehen kann. Die Kulturkrise nämlich, an der Griechenland leidet, stammt von der bisherigen Unfähigkeit der griechischen Nation, nach der gewonnenen Unabhängikkeit vom Osmanischen Reich, vor ungefähr 200 Jahren, eine bestimmte Rolle im Weltgeschehen zu erarbeiten und zu verwirklichen.

Der seit damals existierende, moderne hellenische Staat konnte keine konkrete Identität erwerben. Die modernen Griechen verstehen sich als natürliche Nachkommen der Altgriechen und der Byzantiner, konnten jedoch keineswegs die vormalige Herrlichkeit wiederherstellen. Noch schlimmer, die vierjahrhundertlange osmanische Herrschaft bewirkte den Niedergang der Bildung eines frühen hochzivilisierten Volkes; die Neugriechen sind in gewisser Hinsicht ein neues Volk, auf dem die grosse Tradition lastet.

Diese Tradition zeigte sich im Rahmen der modernen Welt, die besonders im Westen grosse Fortschritte machte, als wenig brauchbar. Vom Anfang an herrschte im neuen Hellas Zweideutigkeit darüber, was eigentlich die griechische Identität ausmacht. Nach dem zweiten Weltkrieg gewann die Orientierung nach Westen, nach Europa, die Oberhand; diese Tendenz etablierte sich mit der Aufnahme Griechenlands in die EU. Die Eingliederung in die Eurozone war der Kulminationspunkt des eingeschlagenen Wegs.

Obwohl die Präsenz Griechenlands in der EU ein in wirtschaftlicher Hinsicht wirklicher Gewinn für das Land war, nahm die Mentalität des Volkes gleichzeitig eine unerwartete nihilistische Wende. Bis vor dreißig Jahren hat die kulturelle Tradition, die sich hauptsächlich dem orthodox-christlichen Kredo verdankte, dem Volke sittliche Stützen veschafft. Die nähere Bekannschaft mit dem fortgeschrittenen Westen, Europa und USA, hat in den letzten Jahrzehnten die herkömmlichen Werte und Sitten pulverisiert. Die Griechen haben sich seitdem in regelrechte Betrüger, Lügner und Verleumder gegeneinander gewandelt. Dies betrifft sogar die grosse Mehrheit des Volkes. Es ist weit bekannt, dass viele Griechen ihren Steuerpflichten kaum nachgehen.

Warum ist dies geschehen? Das ist die entscheidende Frage. Die Antwort verlangt eine durchgehende Analyse; ich werde hier den Hauptgrund anführen. Die Griechen wurden nämlich Nihilisten, jedoch auf eine eigentümliche Art, die wirklich katastrophal war.

Ich verwende hier den Ausdruck „Nihilismus“ im Sinne der Unwilligkeit oder der Unfähigkeit, dem Leben einen höheren Wert und Sinn zu verschaffen. Der enge Kontakt mit dem Westen hat die Griechen, die inzwischen auf der Suche nach einer neuen nationalen Identität waren, vollkommen überkommen. Der westliche Fortschritt, der sich mit der Macht der Technik und der Fülle des Konsums präsentierte, zeigte, dass die Tradition ohnmächtig war, für das hellenische Volk die Grundlage für ein besseres Leben zu leisten; es war klar geworden, dass die Zukunft dem Westen angehörte.

Unglücklicherweise aber konnten die Griechen, die die geistige Grundlage für die westliche Welt geschafft haben, in diesem Fortschritt nicht mitmachen, da sie über die nötigen materiellen Mittel und die nötige Bildung nicht verfügten. Im Kampf für das Erreichen einer neuen Kultur sind die Griechen immer weiter zurück geblieben. Das Volk hatte deshalb kein eigentliches Lebensideal mehr; das Integrationsgeld, das von der EU ins Land reichlich floss, war aufgrunddessen ein gefundenes Fressen.

Die Hellenen haben sich ohne Mass und Halt in den Konsum gestürtzt. Das Resultat ist allen bekannt. Es erhellt sich, dass die jetztige Krise im Grunde das Beste ist, was den Griechen passieren konnte. Es ist die Zeit gekommen, in der sich die Griechen besinnen müssen. Das wird aber leider, wie immer, von den Qualen der Reue begleitet sein.

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Leser-Kommentare
  1. 1. @Pavlos Klimatsakis

    Hallo und danke für Ihren Artikel!

    Ihre Aussage: "(...) Die Griechen haben sich seitdem in regelrechte Betrüger, Lügner und Verleumder gegeneinander gewandelt. Dies betrifft sogar die grosse Mehrheit des Volkes ..." ist ja ziemlich 'starker Tabak'.

    Meinen Sie das ernst und befürchten Sie nicht, vielen Ihrer griechischen Mitbürger damit Unrecht zu tun? Ich wage mal den schüchternen Einwand: Hatten diese griechischen Bürger/innen vielleicht einfach nur "schlechte Vorbilder" (ihre Oberschicht und die Regierenden)? Und mußten sie dieses Verhalten notgedrungen kopieren, um überhaupt zu recht zu kommen? Ist nur eine (naive) Frage, so nach dem Motto: "Der Fisch stinkt vom Kopfe her"

    Was ich allerdings scharf verurteile ist die "Hetzkampagne" die unser "Intelligenzblatt Bild" seit einiger Zeit gegen Griechenland fährt. Ich schäme mich dafür, obwohl ich das Blatt nicht anrühre (die Headlines reichen mir bereits, um Übelkeit zu erzeugen). So schafft man Feindschaft zwischen den Völkern. Zum Kotzen!

    Beste Grüße
    Blogger

    • 06.05.2010 um 13.41 Uhr
    • outis
    2. Lieber Herr Klimatsakis,

    Vielen Dank für den interessanten Artikel; es ist wirklich an der Zeit, das man sich miteinander unterhält und das Übereinanderreden nicht den schon erwähnten Medien überlässt.
    Ich finde, dass die Deutschen sich riskanter Weise auf ein sehr hohes Ross setzen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir genauso dastehn wie die Griechen. Wir haben hier meines Erachtens das gleiche Problem: Politiker die aus wahltaktischem Kalkül die unbequemen Themen lieber außen vor lassen, und so tun, als könne man ewig so weiter machen und weiterhin das blaue vom Himmel verheißen (es wird schon über bedingungslose Einkommen diskutiert) und auf der anderen Seite Bürger, die an der Urne gerne auf Kosten kommender Generationen Kasse machen und still halten, so lange der Rubel rollt.
    Und wenn es dann so weit ist, dann wird es hier auch Tote geben, denn man wird sich doch nicht vom internationalen Heuschreckentum und vom gierigen Spekulanten Besitzstände rauben lassen. Propagandistisch wird der Boden schon seit einigen Jahren bereitet, es reicht schon "Wall Street" zu sagen, dann ist kein Argument mehr erforderlich: klare Feindbilder verschleiern die eigentlichen Verantwortlichkeiten. Wir sitzen alle im selben Boot: wir sind selbst zu gierig gewesen, und haben den Lügen nur zu gerne geglaubt. Und die meisten werden den Lügnern weiter glauben und Banken anzünden.

  2. 3. Identitätskrise?!

    @Blogger Zitat: "Was ich allerdings scharf verurteile ist die "Hetzkampagne" die unser "Intelligenzblatt Bild" seit einiger Zeit gegen Griechenland fährt." Dieser "Artikel" unterscheidet sich tendenziös in keinster Weise von dem von ihnen mit Scham belegten Blatt. Schlimmer noch. Neben völlig haltlosen Thesen (u. a. "Griechenland leidet wesentlich nicht an einer Finanz- sondern an einer kulturellen Krise.") suggeriert er eine Selbsterkenntnis, die eindeutig nicht von befangener Seite stammen kann, sondern eine negative Steigerung der im Vergleich dazu sachlichen Berichterstattung des ihnen Übelkeit erzeugenden Blattes darstellt.

    Teilweise entfernt. Verzichten Sie bitte auf Spekulationen zur Person des Autors. Untermauern Sie zudem Ihre Kritik mit sachlichen Argumenten. Warum halten Sie zum Beispiel die These für haltlos? Die Redaktion/sh

  3. 4. # 3 @maculatur

    Hallo,
    einen ähnlichen Verdacht hatte ich zunächst auch. Vielleicht wird eine Erwiderung des Autors auf meinen Kommentar # 1 uns allen ein wenig Klarheit verschaffen? ;-)
    Blogger

  4. 5. Ich danke den Lesern für die

    Ich danke den Lesern für die Kommentare. Meine These, dass die Krise in Griechenland im Grunde eine Kulturkrise ist, ist hier natürlich nur andeutungsweise dargestellt worden. Man braucht, wie ich selber sagte, eine durchgehende Analyse, um sie korrekt zu untermauern. Ich arbeite an einem Buch mit diesem Thema. Im Vorworte eines anderen Buches von mir mit dem Titel Theos kai Kosmos (Gott und Welt) habe ich veruscht, klar zu stellen, dass und wie die Haupttendenzen des neugriechischen geistigen und kulturellen Lebens versagt haben. Diese Haupttendenzen waren: Zurück zu den Alten, Zurück zum byzantinischen Geiste,oder vorwärts und modernisierung. All dies hat nichts gebracht zur wirklichen Besserung der tagtäglichen Sitten und des Umgehens miteinander. Es wird also klar, dass es um eine Krise im Kern der griechischen Mentalität und Identität handelt.

    Den Hautpgrund nannte ich im Beitrag selbst und nur darauf wollte ich hinweisen. Es klingt hart, wir Griechen müssen uns jedoch vor allem als Menschen korrigieren. Und, Ja, ich denke, dass dieses das Volk insgesamt und nicht nur die "schlechte Vorbilder" oder die Oberschicht betrifft. Stellen Sie euren griechischen Freunden die Frage, was heisst "Lamogio".

  5. 7. Die Griechen

    Die Griechen sind ein eher unauffälliges Volk in Europa und mir grundsätzlich sympatisch. Die Griechen scheinen das Leben geniessen und leben zu können, ohne daß sie Exportweltmeister, Fußballweltmeister, Olympiasieger oder sonst irgend etwas so "Wichtiges" sind.

    Ich finde es schlitzohrig, was die Vertreter der Griechen mit den "Europäern" da gemacht haben.
    "Was, ihr wollt ein großes Europa? Nichts dagegen, wir machen mit!"
    Und die, die ein mächtiges, starkes, gefährliches, selbstbewußtes Europa wollen, um sich dann selbst stark zu fühlen, haben sich ein Kuckkucksein ins Nest legen lassen.

    Respekt ihr stolzen Griechen. Ihr habt gelebt, während woanders wegen "grösserer Ziele" vergessen wird zu leben.

    Daß die ganze Sache nun aufgeflogen ist, wird Euch doch nicht daran hindern, weiter glücklich zu sein, oder?

    Ihr habt doch nicht wirklich gemeint, daß in Deutschland bis 67 gearbeitet wird, die Renten gekürzt werde, Kinderarmut kein Fremdwort mehr ist der Kelch aber an euch vorüber geht?

    • 06.05.2010 um 18.19 Uhr
    • Zapfen
    8. Prinzipien fehleln

    Ich möchte den guten Artikel ergänzen:
    Insbesondere moderne Lebens- PRINZIPIEN, moderne Ethik fehlen und wurden von der EU auch nicht ausreichend vermittelt,
    weil die EU selbst diese nicht sonderlich würdigt!

    Unsere Demokratie und auch Brüssel sind primär materialistisch eingestellt.
    Ein jahrehundertelang abgehängten Volk am Rande des Geschehens wie GR hätte die EU erstmal ihre hehren Prinzipien, wenn sie denn welche hätte, vermitteln müssen:

    Das sind der Vermittlung und unbedingter Glaube an das kooperative (statt dem Clan- Vorteilsnahme-r) RECHT , so wie es sich in Westeuropa in 750 bis heute Stück für Stück herausgeschält hat.
    Auch Russland hätte das vor allem Kapitalismus unter Gorb und Jelzin als erstes gebraucht.

    Man ist aber in der EU und den USA gar nicht daran interessiert, hier etwas zu vermitteln,man will erstmal das gemeinsame grosse Fressen,riesige Produktionen,Verkäufe,
    vielleicht auch primär wegen mangelnden Bewussteins, z.T., weil man sich dafür erstmals selbst wieder besinnen müsste und dazu hat unsere Nomenklatura gar keine Lust!!

  6. 9. Griechenlands Ausgabenstruktur

    Ich möchte nur hinzufügen, dass Griechenland ist über ihr Militär verrückt.

    Griechen geben 2.8% des Haushalt für Armee aus. Zum Vergleich: Deutschland - 1.5%, Polen 1.9%.

    Wer in Griechenland war, der weiss, dass die Armeeeinheiten, Flugzeuge etc dort überall gibt.

    Liegt man beispielsweise auf dem Strand und plötzlich drei F16 angreifen.

    • 06.05.2010 um 18.41 Uhr
    • outis
    10. Lieber Herr Klimatsakis,

    Sie gehen vielleicht ein wenig zu hart ins Gericht mit ihren Landsleuten. Das mit den nationalen Identitäten ist so eine Sache. Existieren die überhaupt jenseits von Krisen? Jedenfalls scheinen sie immer und überall in Krisen zu stecken. Und eine wie auch immer geartete, vor- oder rückwärtsgewandte nationale Identität wird den Griechen keine Gehaltschecks ausstellen, die ihre Familien durch den Monat bringen.
    Außerdem sehe ich wie gesagt, eine Ähnliche Entwicklung in Deutschland heranbrechen. Auch wir sitzen mitten in der Schuldenfalle und da ist kein Ausweg in Sicht. Das dürfte den meisten klar sein, sonst hätten würzige Schlagzeilen, denen kein nmationales Klischee zu banal ist, nicht solche Auflagen steigernden Auswirkungen. Und wenn bei uns hier nationale Klischees aufleben und die Griechen nationale Identitäten ausdiskutieren, dann handeln wir uns zum ökonomischen Desaster gleich noch weitaus desaströsere Probleme ein. Man sollte um ouranou Willen theos und laos da rauslassen.

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