Leserartikel-Blog

Egon war schwer in Ordnung - Es war eine schöne Beerdigung

Wenn ich so zurück denke, werde ich manchmal nachdenklich.

Gut kann ich mich daran erinnern, dass ich oft die Handwäsche machte. Da gab es viele Geschwister, und da war oft Strümpfe waschen angesagt. Ein Bottich, ein Waschbrett, mal in der kleinen Wohnung oder auch im Waschraum, der sich außerhalb des Wohnhauses befand. Es war viel zu tuen, und meine Arbeitskraft war gefragt.

Strumpf ist nicht gleich Strumpf und die Socken von Egon sind mir besonders in Erinnerung geblieben. Sie hatten einen penetranten Schweißgeruch, den ich mir nicht erklären konnte, und den ich nicht mochte. Ich habe ihn verabscheut.

Im Sommer 1962 trennten sich unsere Wege und erst im Herbst waren wir nahezu alle wieder zusammen. Die Mutter hatte ohne Ankündigung fluchtartig die gemeinsame Wohnung in Duisburg verlassen und im Spätherbst waren wir Geschwister wieder vereint in einem Kinderheim in Bochum. Ich blieb nicht mehr lange dort, denn als das älteste vieler Geschwister fand man 1963 für mich eine Lehrstelle in Dortmund.

Dann 1967 hatte ich endlich einen Führerschein gemacht und besuchte mit meiner Kreidler die "Kleinen" in Bochum, und auf dem Sozius nahm ich sie mit auf eine Spritzfahrt einmal um den Block, ich, der größere Bruder.

Später fand Egon Anschluß an eine Familie, die ihn aufnahm und die der DKP nahe stand. Auch er war nun erwachsen geworden und oft hatten wir heftige Diskussionen über die Partei, die ihm so viel bedeutete, über die DDR und über Kuba. Eigentlich beneidete ich ihn, denn er hatte es perspektivisch und familiär zu etwas gebracht, was mir eigentlich versagt war. - Es waren halt die 70ger Jahre.

Irgendwann kurze Zeit später bekam ich ein Telegramm, worin stand, dass er verstorben sei, und dass ich mich rasch auf den Weg machen sollte, um an seiner Beerdigung teilzunehmen. Dieser Nachricht leistete ich umgehend Folge. Er hatte sich von einer Rheinbrücke gestürzt, nachdem seine Hilferufe nicht gehört worden waren, bzw. nicht genügend beachtet wurden. Liebeskummer soll es gewesen sein. Danach war er nicht fähig gewesen, seine Liebe einer jungen Frau mitzuteilen und er sah für sich keinen Ausweg. Sein Körper war getrennt, als man ihn fand und dies im Abstand von einigen Wochen.

Zahlreich war die Anwesenheit der Trauernden und nie mehr in meinem späteren Leben, habe ich so viele Hände geschüttelt, die mir ihr Beileid aussprachen. Alle waren gekommen, die vielen Kollegen seiner Firma Thyssen und die Genossen und Genossinnen der DKP. Dann spielte die Musik "Wachet auf Verdammte dieser Erde" und "Völker hört die Signale". Danach senkte sich der Sarg nach unten, und wurde dem Feuer anheim gegeben.

Du sollst nicht umsonst gestorben sein, waren meine Gedanken und ich will Dich in Ehren halten, so gut ich es kann. Heute habe ich dies in die Tat umgesetzt.

Nachtrag: Eine Woche später starb meine Schwester Hildegard, vermutlich als Kettenreaktion auf den Tod von Egon. Beide sind nicht sehr alt geworden und haben nicht die Höhen und Tiefen des Lebens kennengelernt. Egon verstarb mit 21 Jahren und Hildegard hat es gerade mal auf 23 Jahre gebracht.

MfG PS.