Leserartikel-Blog

Und wieder hab ich Angst

Warte auf das Geld. Wann kommt endlich der HartzIV-Bescheid nach Hause, der mir verkündet, dass die nächste Periode unseres tätigkeitslosen Lebens eine finanzielle Spritze erhält, so wichtig zum Überleben. Arbeitslosigkeit ist ein Gefängnis; deine Zelle ist dein Zuhause. Automatisch wirst du marginalisiert von der Gesellschaft, der Familie. Fast schon ein Penner. Ich werde immer kleiner und kleiner und beginne mich selbst schon in eine Ecke zu drängen, fern vom Leben und Kultur. Überhaupt scheinen Leben und Überlegen zwei verschiedene Kategorien zu sein. Telefoniere dem Brot hinterher.

Ich rufe an, aber bevor man mich mit dem entsprechenden Verantwortlichen verbindet, der entsprechend meines Anliegens eine meist nicht entsprechende Antwort gibt, vergeht erst mal eine gute halbe Stunde. Manchmal wird auch die Verbindung unterbrochen. Ich gehe aufs Klo und versuche im Buch „Haben oder sein“ von Erich Fromm eine Antwort auf meine Misere zu finden.
Ach, der JobCenter. Ich versuche doch lediglich das Arbeitslosengeld für meine Familie zu verlängern, zu sichern. Nach zwei Magistertiteln wertloser humanistischer Fächer, einer journalistischen Ausbildung, massig Praktiken, einer Pflegerausbildung und als Bonus einer chronischen Dickdarmentzündung mit Chemotherapie, sitz ich auf dem Trockenen. Wegen der Chemo konnte ich meinen alten Job als Pflegehelfer vergessen. Es ist mir peinlich, dass ich ohne Arbeit bin, aber es sieht weiterhin finster aus. Einen Wiederholungsantrag für HartzIV längst abgeschickt. Der Zuspruch des Sozialgeldes wäre vom JobCenter reine Formsache. Aber sie machen es einem meist nicht einfach.
Es meldet sich der Anrufbeantworter; nachdem ich eine bestimme Zahl eingebe, werde ich weitergeleitet, bleibe in der Leitung. Chopins Mazurka nr. 23 oder mal Beethovens Symphonie nr. 5 lassen mich weiterhin an den Hörer hängen wie an einer Geliebten. Minuten verstreichen. Schließlich meldet sich eine Stimme vom Band und verkündet, dass alle Leitungen zur Zeit besetzt sind. Dann bricht die Verbindung ab. Das durchgängige Signal im Telefon sagt mir: Herzstillstand.

Reste verwerten

Freitag am Bahnhof Berlin-Spandau; ich steige in den nächste ICE von Hamburg nach Berlin Ostbahnhof. Schnell arbeite ich mich durch die Wagons und sammle Leergut ein. Die Züge am Freitag sind die besten, da kommen die Leute guter Laune wieder zurück in die Hauptstadt und genehmigen sich mal hier und da eine Dose Bier (0,25€ Leergut) oder eine Flasche (0,08€ Leergut). Der blaue Sack wird schnell zur Hälfte voll, mehr nicht, da auch andere „Hartzis“ nebenher verdienen wollen und in den Zügen unterwegs sind. Die Schaffner wissen Bescheid und kontrollieren nicht bei uns die sowieso nicht vorhandenen Fahrkarten. Es gibt doch noch Menschen. Am Ostbahnhof wird das meiste bei Lidl abgeben. Dann geht’s wieder zurück nach Spandau.

Alles Groschen. Ich erfahre, dass mein Sachbearbeiter beim JobCenter gerade Urlaub macht und ihm mein Wiederholungsantrag irgendwie abhanden gekommen ist, unter andere Dokumente rutschte. Ich bleibe den folgenden Monat mittellos.
Ich bekomme ein Beratungstermin. Der Mann ist freundlich, braungebrannt, hin und wieder schiebt er sich ein Butterbrot in den Mund. Du sitzt wieder gebückt, eingesunken. Leicht verärgert, aber nüchtern informierst du ihn, dass du die geforderten Anlagen schon lange an das JobCenter versandt hast und die Sozialhilfe noch nicht zugesprochen bekamst. Der Beamte nickt dir gelangweilt zu, kratzt sich Essensreste mit dem Fingernagel von den Zähnen und beginnt nach Jobvorschlägen im Netz zu suchen. Nach einer halben Stunde druckt der Herr mir drei Jobangebote raus, die ich bereits vor zwei Wochen fand und mich dort auch erfolglos beworben habe. Der Beamte lässt sich dadurch nicht irritieren, sein Blick wirkt konzentriert, sicher, glaubwürdig, professionell. Inkompetent aber freundlich. Später in der Nacht schlaflos denke ich über Reinkarnation nach: wie wäre es im nächsten Leben ein Berater beim JobCenter zu sein? Vielleicht würde ich die armen Hartzis nach Strich und Faden vereppeln, mittellos ins Niemandsland schicken. Vielleicht hätte ich für die Armen mehr Verständnis, wäre nicht nur freundlich sondern würde wirklich helfen wollen.

Der Kampf ums Überleben zerstört

Immer weniger wird gelesen, immer mehr stumpfsinnig vor der Glotze herumgelegen. Irgendwie die Zeit vertreiben, für eine kurze Weile den Frust vergessen, die Arbeitslosigkeit. Ich schaue mir eine Quizsendung an, höre jedoch überhaupt nicht zu und bohre in der Nase.
Man will nur noch überleben, kaum einer denkt da an Freiheit, Selbstverwirklichung und andere Ideale. Vielleicht gibt es im Keller noch etwas zum Verkaufen? Entweige Einsparmöglichkeiten? Manchmal bin ich nicht einmal in der Lage den Augenblick zu genießen, wenn ich mit meiner Tochter einen Spaziergang durch den Park mache. Tausende Gedanken drehen sich in mir; was habe ich in der Vergangenheit verbockt, welche Auswirkungen hat das auf die Gegenwart und Zukunft. Was kann ich nun machen? Man streitet sich auch immer mehr zu Hause, wirft sich die mittellose Lage gegenseitig an den Kopf. Alles kann aus den Fugen geraten wenn du arbeitslos bist.

Kann mir vielleicht einer von Ihnen helfen und eine Arbeitstelle vorschlagen?