Leserartikel-Blog

Mit Zombiepflegern unterwegs – Alltag und Abgrund im Altersheim (Teil III)

Wenn sich 90% aller Altenpfleger überlastet fühlen, 18,5% laut der Next-Studie den Ausstieg erwägen und 63% damit rechnen, dass sich die Attraktivität dieses Berufes noch verschlechtern wird, dann ist gewiss etwas verkehrt.
Viele der Pflegekräfte leiden nach einer Weile im Berufsleben am so genannten Burn-Out-Syndrom; denn neben der körperlichen nimmt auch die psychische Belastung in der Pflege immer mehr zu. Für ein Individuum gibt es einfach zu viel zu tun, die emotionale Belastung ist zu groß und die Bezahlung zu schlecht. Ist man in den Berufsalltag motiviert und überzeugt eingestiegen, so erfährt man mit der Zeit, dass der Job einen tristen, kalkulierten und menschenunwürdigen Plan verfolgt, den man Punkt für Punkt und Minute für Minute nachgehen soll. Für echte und ehrliche zwischenmenschliche Beziehung bei Pfleger und Patient bleibt keine Zeit. Fließbandarbeit ist hier kein Fremdwort und der anfängliche Enthusiasmus verbleicht schnell. Ein großes Konzentrationslager muss pragmatisch und planmäßig geführt werden. Und leider hat sich das auch bei Pflegeheimen bestätigt: je größer das Heim, desto härter und unbarmherziger sind die Bedingungen; die Arbeit des Personals wird schlampiger ausgeführt, Patienten schenkt man weniger Aufmerksamkeit; sie gammeln stundenlang durch die Gänge oder sitzen ganze Ewigkeiten hinter einem Tisch oder in einem Sessel, wie ein weiteres Möbelstück, ein ungeliebtes Spielzeug, das man in irgendeine Ecke knallt.

- Erinnern sie sich noch an Frau Mentzel? Die war schon fast hundert und wohnte im Erdgeschoss.
- Ja, wir begegneten uns öfters auf dem Flur, als sie noch gehen konnte.
- Sie hatte kurz vor ihrem Tod eine Lungenentzündung bekommen.
Frau Härtling ergreift meine Hand und fordert mich mit einem Nicken auf, sich hinzusetzen. Sie gehört zu der Sorte Mensch, die einen Verständnis entgegenbringen, noch bevor sie versteht, um was es eigentlich geht.
- Gerade begann mein Spätdienst und ich reichte ihr einen aufgeweichten Keks und warmen Kaffee in einer Kanüle. Man spritzte ihr die Flüssigkeit in den Mund, weil sie eine Tasse nicht mehr halten konnte. Manchmal hatte ich das Gefühl, sie wäre nur noch ein Stück Fleisch, das die Seele in sich gefangen hält; sie reagierte auf keine Gesten oder Worte, sprach nicht. Eben ein Fleischklumpen zum füttern und sauber machen. Sie stellte viele Pfleger mit ihrer geistigen und physischen Schlappheit auf eine Geduldsprobe. Es fiel nicht nur mir schwer so jemanden zu pflegen, eine Person, die kaum reagiert, nur in die Windel macht und beim Essen reichen die Hälfte davon ausspuckt. Nebenbei erwartet man auch eine Form von Dankbarkeit für unser Bemühen, und es stört und ärgert manchen, dass von einem solchen Kranken nichts rüber kommt. Ich reichte ihr den Keks und spritzte etwas Kaffee in den Mund. Sie verschluckte sich und einen Teil der Pampe spuckte sie quer über die Bettdecke. Jetzt musste ich den Bezug wechseln. Ihr Hustenanfall dauerte an und sie besabberte sich noch mehr. Nachdem ich die Kaffeespritze beiseite gelegt habe, klopfte ich ihr ein paar mal auf die Schulter und ging dann zu ihrem Schrank um einen frischen Bezug zu holen. Frau Mentzel hustete nicht mehr, röchelte dafür leise und - ich weiß nicht, - habe ich es nicht gehört oder wollte ich es nicht hören? Als ich dann mit dem Bezug vor ihr stand war sie tot. Ihre Augen waren geschlossen und der Kopf nach vorn gekippt. Bis heute mach ich mir Vorwürfe deswegen und fühle mich schuldig. Nicht zuletzt deshalb, weil ich mir schon seit langem gewünscht habe, dass sie stirbt.
- Ich glaube nicht, dass du schuldig bist, obwohl ich der Meinung bin, dass Schuldgefühle auch beim Nachdenken helfen können. Alles ist Politik. Ja sogar der Körper führt seine eigene Politik. Schau – sagt sie und strahlt mich lächelnd an, - da sind zum Beispiel die roten Blutkörperchen und die weißen. Beide Arten werden im Knochen hergestellt, man könnte also sagen, die kommen aus demselben Haus, werden auf die gleiche Weise geboren. Aber dann kommt’s: die roten Blutkörperchen, auch Erythrozyten genannt, sind Transporter, die den Sauerstoff bis in die entferntesten Winkel des Körpers befördern, reine Arbeiterklasse, Malocher. Die weißen Blutkörperchen, die auch als Leukozyten bekannt sind, stellen die exekutive Gewalt dar. Wenn mal irgendwo eine Demo böser Viren oder Bakterien stattfindet, da greift die Leukozytenpolizei ein. Da geht’s richtig zur Sache. Sicher gibt es dabei Opfer auf beiden Seiten. Wenn du mal auf der Haut irgendwo Eiter siehst, dann sind das nichts weiter als tote Bullen.
Frau Härtling schmunzelt.
- Wie nicht anders zu erwarten ist die Lebenserwartung der Arbeiterklasse kürzer als die der ausführenden Gewalt und die armen Erythrozyten werden in der Leber zum Grabe getragen. Das arme Proletariat. Und dann kann es kommen, dass die Polizei plötzlich einen Putschversuch anzettelt, sich krankhaft verändert und nach Macht strebt. Sie vermehren sich, sind aggressiv und irgendwann wird aus den Leukozyten die Leukämie, der Blutkrebs und bringt das ganze System zum Einsturz. Das war der Anfang bei mir. Und jetzt, schau mich an, wie durchlöchert ich bin. Und um meine Wunden da kümmern sich die Blutplättchen, die für die Gerinnung des Blutes sorgen. Es herrscht Krieg, eine Wunde klafft auf und um die Blutung zu stoppen fassen sich die Blutplättchen an den Händen, ganz wie in dem Zeichentrickfilm „Es war einmal das Leben“, erstarren zu schützenden Mauern, ganzen Dämmen. Sie opfern sich, sind Märtyrer. Aber bei mir nützt das nichts mehr. Die Politik meines Körpers ist selbstmörderisch, dem baldigen Untergang geweiht. Irgendein berühmter Kopf sagte einmal bevor er starb: „Ich werde schauen, was ich geglaubt habe“, dem kann ich mich nur anschließen. Die Angst vor dem Tod habe ich verloren.

Unter Berücksichtigung des Status-Quo-Modells werden wir 2020 etwa 2,91 Millionen Pflegebedürftige haben und 2030 werden es 3,36 Millionen sein. So wird die Zahl der Menschen mit Pflegeanspruch um mehr als ein Drittel steigen, das sind 37%. Wenn sich dabei die Arbeitslosenquote im Altenpflegebereich bis dahin nicht ändert, kann der Kunde, Patient nur noch mehr ein Opfer von ausgebrannten, seelentoten Pflegern werden.
Deshalb ist es grundsätzlich wichtig, dass der Staat den Pflegesektor mehr subventioniert. Vor allem sollte die psychische und physische Betreuung der Pflegekräfte ausgebaut werden durch spezielle Reha-Zentren, aber auch spezifische Fortbildungen, die vermehrt auf das Individuum abzielen und den Arbeitnehmer in seinem Beruf systematisch begleiten. Dabei sollten Problemzweige wie das Burn-Out-Syndrom, die enorm starke Belastung und die permanente Routine offen angesprochen werden. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) müsste öfters, unangemeldet und absolut unbestechlich die Pflegeeinrichtungen nach ihrer Beschaffenheit und Funktion kontrollieren und damit optimalen Komfort für die Patienten gewährleisten. Durch Lohnerhöhung sollte der Pflegeberuf attraktiver gemacht werden; ein staatlicher Fond aus dem ein Prozentteil des Gehalts ausgezahlt werden könnte wäre zweckhaft. Woher das Geld dafür kommen könnte? Die Bundesregierung gab 2007 über 36,9 Milliarden US-Dollar für Waffen aus. Für die Rentenaufstockung konnte jährlich gerade einmal 1 Milliarde Euro aufgebracht werden. Anständig bezahlte Pfleger wären eine sinnvolle Alternative zu verpulvertem und verschossenem Geld.