Leserartikel-Blog

Mit Zombiepflegern unterwegs – Alltag und Abgrund im Altersheim (Teil II)

Ihre Kindheit das war ihr Hof etwas außerhalb vom Dorf. Der Vater, den sie sehr geliebt hatte, stellte im Garten einen riesigen Findling hin, um den einzigen Sohn zu ehren, der im 2. Weltkrieg gefallen war.
- Fragte jemand meinen Vater wie viele Kinder er hätte, so antwortete er immer „Ich habe sechs Töchter und jede Tochter hat einen Bruder“.
Frau Anna lächelt mich zahnlos an.
- Ja, und dann haben die Leute gedacht, dass er zwölf Kinder hätte.
- Das ist gut, - antworte ich mit einem Lachen. – Ich muss sie jetzt umdrehen, geht das in Ordnung?
- Selbstverständlich.
Frau Anna, 91 Jahre, nach einem Sturz gelähmt, ist seit langem ans Bett gefesselt und strotzt vor Humor und Lebenswillen. Manchmal frage ich mich wie sie das macht. Denn nicht selten fühle ich mich, als wäre ich am Boden zerstört, platt, würde gern vor dem Wahn der Welt fliehen. Und da fehlt mir die Kraft sich aus dieser Depression herauszumanövrieren. Vielleicht sind die guten Erinnerungen eine Quelle aus der sie ihre Zuversicht schöpft?
- Immer wenn ich Heim kam, wartete mein Vater mit einer guten Flasche Wein auf mich. Wir haben uns dann neben dem Kachelofen hingesetzt und geredet. Ich glaube solche Öfen werden heute nicht mehr hergestellt.
Ich mache die Windel auf. Der Geruch eines gnadenlosen Durchfalls hat sich schon vorher im ganzen Raum verteilt.
- Ich hoffe, dass ich ihnen nicht allzu viele Umstände mache – sagt sie beschämt.
- Nein, - sage ich, - kein Problem.
Die braune Masse ergießt sich aufs Stecklaken .
Nachdem ich den gesamten Afterbereich gesäubert habe, beginne ich mit dem Einkremen. Eine neue Windel liegt an der Bettkante bereit.
Plötzlich quirlt es flutartig und überraschend heraus. Ich versuche den Stuhlgang mit Toilettenpapier einzusammeln. Meine Hände stecken in Gummihandschuhen. Erst der Hintern, dann das Stecklaken – jetzt werde ich ein neues nehmen müssen. Die Kackflut stoppt nicht und eine heftige Gasexplosion aus der dunklen Hölle schleudert winzige Brocken auf mein schneeweißes T-Shirt. Aus dem Radio trällert Schuberts „Unvollendete“. Eigentlich müsste ich schon bei Frau Götz sein. Die von den Krankenkassen vorgeschriebene Zeit für diese Art Körperpflege ist bereits abgelaufen. Die Zeit für den Leistungskomplex 1, der in der kleinen Morgen- und Abendtoilette auch den Windelwechsel beinhaltet, beträgt 20 Minuten, Einsatzkosten: ungefähr 7 Euro. Nachdem ich also Frau Anna das Gesicht gewaschen, die Zahnprothese gereinigt und in einem Plastikbecher eingetaucht habe, blieben mir noch 12 Minuten für die untere Körperpartie. Das wäre eigentlich genügend Zeit um einen kompletten Windelwechsel samt Waschung und Einkremen durchzuführen. Aber die Krankenkassen rechnen wahrscheinlich nicht mit einem überaus häufigem Happening, wie einem Durchfall, oder permanenter Inkontinenz.
Also, ich liege jetzt genau 1 Minute vor Ablauf der regulären Zeit, die Krankenkassen bezahlen nur die vorgesehenen 20 Minuten. Die Pflegedienstleitung (PDL) entwickelte deshalb einen strickten Plan, in dem fast jede Minute peinlichst genau zugeteilt ist; so und so viel Zeit für diesen Patienten und so und so viel für den nächsten und so fort. Die PDL lässt auch deshalb keinen variablen Zeitraum zu, weil sie eine Pflegekraft für möglichst wenig Zeit bezahlen und dabei optimal nutzen, oder besser gesagt, ausnutzen will. Ich kenne Mitarbeiter, die so lange dabei und an den permanenten Zeitdruck dermaßen gewöhnt sind, dass sie eine beispiellose Gleichgültigkeit an den Tag legen. Die Zombiepfleger – wie ich sie nenne – würden Frau Anna in so einer Durchfallsituation schlampig eine neue Windel anlegen ohne den Intimbereich richtig abzuwaschen und zum nächsten Patienten rennen, weil die Zeit ihnen einen größeren Spielraum nicht zulässt.

Wenn man das anhand weniger Beispiele veranschaulichen will, so würde sich eine Zeittabelle für die folgenden Leistungskomplexe ergeben:

Ganzkörperwäsche: 20-25 Minuten
Wasserlassen: 2-3 Minuten
Komplettes Ankleiden: 8-10 Minuten
Zahnpflege: 5 Minuten

So könnte man noch weiter in Zeitspannen die Arbeit abzählen. Aber heute werden die Patienten auch nach Punkten gegliedert. Was ist ein Patient für einen Pflegedienst wert? Einmal Kämmen: 20 Punkte. Einen Trinkbecher reichen oder beim Trinken behilflich sein sind bereits 30 Punkte und eine Ganzkörperwäsche beansprucht ganze 250 Punkte! Ein Punkt gleicht einem Wert von 0,043 Euro, die Stundensätze der Pflegekräfte nicht mitgerechnet. Was ist aber wenn man nur den Oberkörper wäscht, zählt das als 100 Punkte oder sollte man von einer Teilkörperwäsche sprechen? Und wie viel Punkte hat eigentlich das präzise Herausschneiden der Borsten aus den Nasenlöchern oder das Massieren der unbeweglichen Glieder bei Liegepatienten? Wie viel Punkte wird ein Gespräch kosten?

Jeder muss das mit seinem Gewissen selber ausmachen. Aber wenn man weiß, dass die Heiminhaber einen neuen Mercedes fahren, das zweite Haus auf Ibiza bauen, während hier die Opis und Omis wegen Personalmangel langsam wegdämmern und dabei teilweise stundenlang in ihren Exkrementen vegetieren, dann entwickelt man entweder einen Hass gegen das ganze Pflegesystem und/oder nimmt mit der Zeit eine Scheißegal-Einstellung ein, stumpft ab und ärgert sich nur noch über den mickrigen Lohn. Der Patient oder Kunde bleibt dabei auf der Strecke, wird zum Objekt eines geizig-gierigen Pflegeplans der PDL und der Krankenkassen, ein Opfer der lustlosen, ausgebrannten und überforderten Pflegekraft. Ich habe es schon ausprobiert, mein Gewissen meldet sich abrupt, wenn ich etwas bewusst bei der Pflege versäume. Ich will es auch gar nicht. Also hänge ich noch weitere 15 Minuten an, um Frau Anna nochmals zu waschen und gehe dann zu Frau Götz. Nicht selten passiert es, dass ich bei mehreren Patienten ein paar Extraminuten dazu addieren muss, um sie seniorengerecht zu versorgen. Und die Zusatzminuten dehnen sich leicht zu einer Stunde mehr aus, die ich an meinen Dienst anhänge, ohne Lohnausgleich selbstverständlich.
Ich habe gekündigt.

Wieder Nacht. Die Fenster im Aufenthaltsraum sind geöffnet, die muffige Luft wird von der Frische teilweise verdrängt. Ich höre draußen auf dem Gelände die Wildschweine herumgehen.
Der Spätdienst hat Frau Götz abends noch Lactulose verpasst, weil sie seit vier Tagen keinen Stuhlgang mehr hatte. Ich kann mich also auf etwas gefasst machen.

Es ist drei Uhr früh, der Pflegeplan, auch Tourenplan genannt, beginnt um sechs. Das muss auch so sein wegen der Rechtslage. Offiziell brauchen die Bewohner ihren Schlaf, den man nicht unnötig unterbrechen sollte. Inoffiziell ist man unterwiesen worden, dass man bei den Liegepatienten, die nicht sprechen, ergo sich nicht beschweren können, bereits ab drei die Morgentoilette durchführen soll, weil man sonst nicht fertig wird, wenn der Frühdienst kommt.
Der Frühdienst hat sowieso alle Hände voll zu tun: die, die noch gehen können gilt es in die Duschen zu jagen, in Klamotten zu pressen und an die Frühstückstische zu verteilen. Außerdem sind da noch die „Rollis“, die Rollstuhlpatienten, die müssen auf Toilettenstühle gesetzt werden, die inkontinenten Kunden werden im Schnellverfahren in neue Windeln gestopft. Vorhänge auf, Bett richten, Zahnprothesen einsetzen, die Bremsen lösen und zu den anderen an die Tische schieben. Wer ein Herz hat geht zu den Morgenmuffeln zuletzt.
Hier bin ich in der Hölle, ich weiß es und ich fühle, dass einige Bewohner es auch wissen. Ein Gefängnis ohne Gitter, ein Lager für Abgeschobene, Ungewollte. Ein Konzentrationslager – wobei es nicht um Rassenunterschiede geht, politische oder religiöse Gesinnung, sondern um das unschickliche Altern, den Rückstand in jeglicher Form. Der Körper schwächt, zerbricht an einigen Stellen, so wird das pflegebedürftige Element gleich abgeschoben. Niemand will auf Dauer mit Alten, gebrechlich Schwachen zu tun haben. Man will das Leben genießen, Spaß haben so lange es geht. Altern und Tod werden durch den Jugendkult massiv verdrängt. Demenzkranke und Alzheimerpatienten werden als schrottreife Computer betrachtet, die geistesklaren Alten als veraltete Modelle, wie eine Urversion des Rechners, der viel Platz, viel Zeit und Geduld beanspruchte und voller Fehler war.

Einige Male sprach ich ein paar wenige Kollegen auf die Problematik hier an. Sie wollten oder konnten mir nicht präzise antworten, weil sie um ihre Stelle fürchteten, sich nicht zu der vorhandenen Tragik deutlich bekennen mochten und den Blick senkten. Die, die mit Leib und Seele Pfleger sind, gehen nach einiger Zeit, weil sie es nicht aushalten können. Sie kündigen und suchen sich ein neues Heim, wo man wiederum einige Zeit human arbeiten kann, frisch an den Patienten herantritt, bevor man wieder mit der Zeit in Routine und Automatismus verfällt. Die Roboter, Zombies unter den Pflegern zählen nur die lästigen Arbeitsphasen von einer Zigarettenpause, einem Kaffee zum nächsten ab.
Die Verweildauer der Arbeitskräfte in deutschen Pflegeheimen beträgt durchschnittlich 6 Jahre und ist damit eine der kürzesten in Europa. In Polen, Belgien und in der Slowakei bleiben die Pflegekräfte durchschnittlich über 10 Jahre in einer Einrichtung.

3.10 Uhr, Frau Götz: das Durchfallmittel hat ganze Arbeit geleistet. Schon beim Betreten des Zimmers schlägt mir eine stinkende Sturmwelle entgegen. Geschwind schließe ich die Tür hinter mir, damit die Geruchsfluten nicht auch den Flur überschwemmen. Die Arbeit, die dann folgt ist grundsätzlich der Höhepunkt einer jeden Pflegetätigkeit. Ich hebe die Daunendecke hoch, merke, dass Frau Götz nicht schläft. Die Decke ist bräunlich gefärbt, aber bereits trocken. Da Frau Götz auf einer Dekubitusmatratze liegt, die elektronisch gesteuert, ständig in Bewegung ist, hat sich die braune Soße, die in Massen aus der Windel strömte, übers ganze Bett verteilt. Die Patientin schwimmt in ihren Fäkalien. Was wollen mir ihre geweiteten Pupillen sagen? Frau Götz hört schlecht, sieht schlecht und spricht nicht. Ich sehe, dass sogar ihr Kissen Schaden genommen hat und im Kot leicht eingesunken ist. Nichts ist verschont geblieben. Man kann sich wirklich wundern wie viel Stuhlgang der Mensch produzieren kann. Das ist auch der Moment wo man sich fragt, womit man eigentlich anfangen sollte. Ich denke an einen Hochdruckwasserstrahler in einer Autowaschanlage, aber ich habe keinen zur Hand und außerdem ist der Boden nicht gekachelt, sondern mit einer Imitation eines alten Perserteppichs ausgelegt.
- Scheiße, - zischt es aus meinem Mund.
Um das schmutzige Bett erst einmal trocken zu legen verbrauche ich eine Küchenrolle und zwei Rollen Toilettenpapier. Der Mülleimer ist voll. Knapp vierzig Minuten sind nötig um die Bettwäsche zu wechseln, Frau Götz zu waschen, sie in ein neues Nachthemd zu hüllen und eine neue Windel anzulegen. Jeder kann sich denken wie schwer und ungelenkig ein unbeweglicher, menschlicher Körper ist. Zum Schluss decke ich sie gut zu und öffne das Fenster, damit der penetrante Odem seinen Weg nach draußen findet.
Noch vier Stunden später, als ich bereits auf dem Weg nach Hause bin, spüre ich den Kotgeruch oder Kotgeschmack auf der Zunge – als ob ich den Mist gegessen hätte.