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Mit Zombiepflegern unterwegs – Alltag und Abgrund im Altersheim (Teil I)

Draußen ist es schon dunkel, als ich das letzte Stück vom Bus den Kiesweg entlang gehe. Von den umliegenden Wald ziehen Nebelschwaden über die feuchte Wiese.
Die schwere Tür lässt sich mühsam öffnen. Ein großes blaues Schild verkündet vor dem Eingang in großen Lettern:

SENIORENHEIM – SONNENSCHEIN

Früher schmunzelte ich noch über die Ironie darin, heute empfinde ich nichts mehr dabei. Was sollen schon Namen sagen, welche Bedeutung haben sie? Urteilt man etwa Menschen nach Namen oder nach Taten? Gilt das auch für ganze Einrichtungen? Verlockend. Namen können Hoffnung geben: Seniorenresidenz, Abendfried, Goldener Herbst, Zweiter Frühling oder Schöne Aussicht. Aber das Schild Arbeit macht frei klang vielleicht auch vielversprechend; dahinter verbargen sich jedoch ganz besonders grausame Wohn- und Arbeitsheime.
Wenn es um betreutes Wohnen, Alters- und Pflegeheime geht, haben wir es nicht selten ebenfalls mit Vernichtungslagern zu tun, allerdings mit einer anderen Form der Vernichtung. Man zermürbt die Kunden, die Bewohner oder Patienten meist psychisch, vernichtet sie innerlich durch eine subtilere Form der Gewalt: soziale Isolierung, Missachtung des Willens, Verletzung des Schamgefühls, Mangel an Ernährung und Hygiene. Kein Wunder, dass bei der Krisen-Hotline jährlich knapp 5000 Senioren anrufen und über Gewalt in Heimen klagen.

Über den langen, im trüben Licht getauchten Flur komme ich zum Dienstzimmer, wo Karin gebeugt noch über den Papieren sitzt und die Dokumentation, die Berichte über die einzelnen Patienten während ihrer Schicht abzeichnet. Seinen Rhythmus findet man hier schnell: ein kurzer Wortwechsel mit der Diensthabenden, dann ziehe ich mich um und schalte die Spülmaschine mit dem restlichen Geschirr vom Abendessen an. Mit einem nassen Lappen wische ich die toten Fliegen von den Fensterbänken im Aufenthaltsraum.
- Frau Konrad hatte heute einen heftigen Durchfall, da musst du wahrscheinlich mehrmals die Windel wechseln, - meint Karin. – Die Wäsche von Herrn Schütz hab ich dir schon im Flur bereitgestellt. Vergiss nicht, um 2 Uhr läuft das Wasser bei Frau Reiche ab, stell dann die Sonde ab, sonst piepst sie die ganze Nacht.
- Mach ich, - gebe ich zurück. – Und wie geht’s dir so?
Ich mag diese kleine drollige 130kg-Frau. Sie hat mich zu Beginn meiner Zeit hier eingeführt und eingearbeitet. Immer freundlich, überarbeitet, am Rande eines Schlaganfalls. Dabei ist sie alleinerziehend und hat einen behinderten Sohn zu Hause – ein Pflegefall.
Sie packt ihre Sachen zusammen. Ich gehe in die Abstellkammer und trage ihr Rad in den Hof.
- Fahre vorsichtig, ja?
- Klar. Schau dir den Plan für Oktober an, hängt gleich links bei den Ordnern. Trage die Tage an, wo du kannst.
Ich winke ihr noch nach, dann gehe ich rein und mache von innen die Tür vom „Sonnenschein“ zu.
Die Wäsche wird in die Maschine gestopft, dann bereite ich das Frühstück für den kommenden Tag, wobei ich jeden fertigen Teller mit einem Stück Folie überziehe, damit das Essen frisch bleibt und die Toastbrote und Schnitten nicht austrocknen. Die Toiletten, der Aufenthaltsraum und der Eingangsbereich werden geputzt. Bin müde, immer wieder bleiben mir die Gedanken an einem Gegenstand, einem Schatten hängen. Ich atme tief durch und versuche mir den nächsten Arbeitsschritt ins Gedächtnis zu rufen.
Um eins ist es so weit, die haushälterischen Tätigkeiten liegen hinter mir. Ich mache meine Runde, schaue nach, ob alle schlafen. Falls nicht, gibt es einige Schlaftropfen oder mal einen heißen Kamillentee. Die Pillen und die Tropfen sind bequemer als Wasser aufsetzen und einen Tee zubereiten. Vor allem braucht man nicht so genau abzumessen, schließlich sollen die Bewohner schlafen, da kann man schon eine halbe Pille Haloperidol mehr geben, oder auf den Löffel großzügig Nuvaminsulfon übertröpfeln. Alles stillschweigend von der Pflegedienstleitung abgesegnet.
Mit Psychopharmaka werden die Greise „fixiert“, was so viel heißt wie im Bett ruhig gestellt. Eine effektive und recht populäre Methode, die ich noch aus meinem Praktikum im Krankenhaus kennen gelernt habe. Der Geist eines Patienten ist nicht so wichtig wie die Aufrechterhaltung seiner Physis, denn je länger er lebt, desto länger kommt das Geld rein, desto mehr lässt es sich an ihm verdienen

Jetzt habe ich etwas Zeit und würde mich gern vor dem Fernseher im Gemeinschaftsraum setzen, aber der ist seit zwei Monaten defekt. Das hindert uns nicht jeden Tag die Demenzkranken und Alzheimer in die Sessel davor zu hieven. Die kriegen es sowieso nicht mit, sagt man. Sie glotzen den toten, grauen Bildschirm an, manchen wischt man mit einem Lappen nach einiger Zeit den triefenden Sabber aus den Mundwinkel. Das Radio läuft – damit haben sie genug zu tun. Manchmal läuft Volksmusik, manchmal etwas, womit die jungen Pflegekräfte etwas anfangen können, was natürlich oft die Alten überfordert. Egal.

Mittlerweile gibt es 2,1 Millionen Pflegebedürftige in der Bundesrepublik. Während man noch bei der Krankenpflege von Vollbeschäftigung sprechen kann, ist die Arbeitslosenquote in der Altenpflege längst über die 10%-Marke geklettert. Hoher Zeitdruck, ein überdurchschnittliches Maß an Flexibilität und schlechter Lohnausgleich machen den Job unattraktiv. Bereits 2003 wurde errechnet, dass die Beschäftigten im Pflegebereich über 8 Millionen Überstunden geleistet haben, was ungefähr 4500 Vollzeitstellen entspricht. Bis heute hatte sich in der Beschäftigung bei der Altenpflege kaum was geändert. Auf Vorschlag der Bundesagentur für Arbeit sollen „schwer vermittelbare“ Fälle als Zusatzkräfte in Heimen für Demenzkranke mithelfen, damit soll eine der Personallücken im Pflegebereich gestopft werden – ein Vorschlag, der auf Widerstand trifft.

Das Dienstzimmer ist leer, wahrscheinlich ist die Pflegerin bei irgendeinem Patienten. Auf dem Tisch liegt ein ganzer Stapel Werbehefter mit dem Titel: Der Friedhofswegweiser – Diesseits und Jenseits. Der Heimpfarrer war also vormittags hier. Keiner mag ihn; er ist ein Geistlicher scheinbar ohne Geist, der die Patienten wie potentielle Todeskandidaten betrachtet, statt wie Menschen, die einen aufmunternden Zuspruch, Hoffnung und Trost bedürfen. Seine segnende Hand gleicht einem fallenden Beil mit dem er unsere Bewohner vorab ins Jenseits schickt. Danach drückt er jedem seiner Opfer den Friedhofswegweiser in die Hand, so für alle Fälle. Die Pfleger sammeln die Hefter nach jedem seiner Besuche ein und schmeißen sie in den Müll. Aber mit dem Pfarrer, seinen dunklen Augenringen und leichter Alkoholfahne, legt man sich nicht an.
Ich blättere jetzt darin herum: billig, billig heißt die Devise! Oder anders: es muss nicht immer teuer sein! Je früher man sich ein Grabplatz, eine Marmortafel aussucht, desto günstiger ist es. Es gibt Rabatte, Sonderangebote der Feuerbestattung, Urnen mit verschiedenen Motiven ganz so wie die saisonmäßigen Zigarettenpackungen oder Coladosen.
Hier kann man mit den Patienten so umgehen wie die eigene Laune es einem aufzwingt. Den Frust von Zuhause kann man beispielsweise hier abladen, vielleicht durch einen krassen Entzug der Aufmerksamkeit oder nur leichte Vernachlässigung in der Hygiene – lassen wir die Viecher traurig sein und dreckig ins Bett gehen!

Manche sind halbblind, schwerhörig und kriegen kaum Besuch. Oft bauen die Bewohner innerhalb weniger Wochen rapide ab, weil sie sich nutzlos und verlassen fühlen. Sie werden träge, verschlossen, essen nicht und die Sehnsucht nach dem was war, zermürbt sie. Wenn die Verwandtschaft spendabel ist, kauft sie ihrem Angehörigen einen Großbildfernseher – für Schwerhörige mit speziellen Kopfhörern - um die Zeit totzuschlagen, Tag ein, Tag aus. Die finanziell weniger betuchten Patienten haben ein Radio und hören meistens einen Sender mit klassischer Musik. Die Familie ist beruhigt, denn sie meint der technische Fortschritt würde sie selbst ersetzen. Dementsprechend werden die Besuche immer rarer. Außerdem befindet sich unsere Gesellschaft im Jugendwahn und will das Altern und Sterben so weit wie möglich von sich stoßen und nichts damit zu tun haben.
Aber man ist immer noch in der Lage – falls man mobil genug ist – die Glotze oder das Radio auszuschalten und einige Runden im Flur, und bei schönem Wetter im Garten zu drehen, wenn man von den Medien die Schnauze voll hat. Mit einem Spaziergang, einer TV-Talkshow oder einem netten Konzert im Radio lässt sich die drückende Einsamkeit mit einem dünnen Tuch von Geräuschen und Bildern für einige Zeit zudecken. Nur die Liegepatienten können nicht raus und haben sehr wenig von einem Flimmerkasten, da sie ständig auf den verschiedenen Seiten gelagert werden müssen und das Bild ihnen abhanden kommt. Bei vielen laufen die Geräte stundenlang, zumal sie unfähig sind diese aufgrund motorischer Behinderungen auszuschalten. Sie warten dann auf das Pflegepersonal, damit sie die elektrischen Störenfriede ausknipsen und ihnen irgendwas von der Welt da draußen mit eigenen Worten ins Ohr schreiend berichten können. Und dann erzählen wir über die nach Süden ziehenden Vögel, die Säuger, die sich für den Winterschlaf rüsten, die Fische in unserem Aquarium, während hier zumeist der Krebs tobt.

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Leser-Kommentare
  1. 1. ganz ausgezeichnet

    geschrieben. ich meine den stil noch vor dem thema.
    Eigentlich geschmacklos, soetwas zu sagen, doch wechsel Sie von ungeheurer Auffassungsgabe in der Beschreibung von Melancjolie zur unbedingten Härte.

    Das macht es eindringlich. Man glaubt, sie haben es so erlebt, selbst dann, wenn dies nicht so wäre.

    Tycho.

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    nec fasces, nec opes, sola artis sceptra perennant.

  2. 2. über drei Jahre Pflege

    über drei Jahre Pflege hinter mir...

  3. 3. Der Blick in die Realitaet

    Dies alles hoert sich so uebel und grausam an, das Leben reduziert auf die koerperlichen Funktionen. Da fragt man sich ob die medizinischen Errungenschaften Menschen am Leben zu erhalten in der Form nicht eine weitere Folter bedeuten. Wo liegen die Loesungen und wo kann was veraendert werden um aus diesem Sumpf rauszusteiegen? All diese alten Menschen waren mal Vaeter, Muetter, Geschwister, Opa oder Oma und standen voll im Leben. Jetzt sind sie ausgestossen und werden behandelt wie Objekte. Dies kann uns allen bluehen und mit immer verbesserter Medizin droht uns dann noch eine laengere Folter. Dazu kommt das die Kassen leer sein werden und wahrscheinlich in der Zukunft Robotor uns versorgen denen es egal ist ob man weint oder lacht.

  4. 4. Ich

    werde mich jetzt vom Computer erheben, das Lesen lassen, in die Küche gehen, einen Tee machen. Einen warmen Tee. Manchmal schlagen einem Berichte mit Wahrheiten in den Magen.
    Gute Nacht wünsche ich Ihnen, P.Lindner.

  5. 5. Diese Form der Folter,

    hat nicht das geringste mit dem Fortschritt der Medizin zu tun.
    Diese Zustände resultieren aus einer Gesellschaft, die ganz im Sinne unserer Wirtschaft, sämtliche Werte über Bord geworfen hat.
    Leben wird an Leistung und Produktivität gemessen, für Respekt vor dem Menschen ist da kein Platz.
    Wir Pflegekräfte sind die Helfer eines unmenschlichen Systems.
    Wir machen uns tagein, tagaus strafbar um die Leichen im Keller des Systems verschwinden zu lassen.
    Altenheime sind Vernichtungslager!

    http://www.hartz-aber-lus...

  6. 6. Ganz vergessen:

    Danke, für den gelungenen Beitrag!

    http://www.hartz-aber-lus...

  7. 7. Hallo Harald

    Dies bezog sich auf die lebenserhaltenden Systeme. Es gibt soviele alte Menschen die kuenstlich am Leben gehalten werden, die aber vielleicht wesentlich schneller diesen Ort verlassen wuerden und auch wollen. Mental haben dort doch schon viele aufgegeben oder sind gebrochen, verlassen von den Kindern oder Enkelkindern, reduziert auf das rein koerperliche. Kann man das nicht als psychische Folter bezeichnen?

    • 29.07.2009 um 10.57 Uhr
    • outis
    8. So traurig es ist, so wahr ist es auch!

    Meine Erfahrungen als Zivi decken sich hundertprozentig mit ihren Schilderungen. Danke für diesen sehr gelungenen Beitrag. Haben Sie ihn mal an Ulla Schmitt geschickt?

    Dieu me pardonnera, c'est son metier.(Heine)

  8. 9. Ja, Sie haben Recht!

    Aber ich denke, dass ist eine andere Problematik, die sogar jüngere Menschen eher betrifft.
    Die grauenvollen Zustände in der Pflege haben völlig andere Gründe.
    Das ist strukturelle Gewalt gegen hilfsbedürftige Menschen und den Leuten, die das Elend zu verwalten haben.
    Ermöglicht von einer Gesellschaft, die beeinflusst durch Medien, Politik und insbesondere der Wirtschaft, sämtliche menschlichen Werte über Bord geworfen hat.
    Was hier betrieben wird, ist purer Sozialdarwinismus und Menschenverachtung.
    Anders ist es wohl auch kaum zu erklären, dass gerade kein Aufschrei durch die Bevölkerung geht, wenn die CDU für Hartz IV Empfänger einen unbezahlten Arbeitsdienst in der Privatwirtschaft fordert.
    Man nennt das schlicht Zwangsarbeit, von der ökonomischen Unsinnigkeit dieser Forderung ganz zu schweigen.
    Erst waren "die Alten" dran, jetzt kümmert man sich um die Arbeitslosen!
    Dieses Land wird es allmählich wert, dass es untergeht!

    http://www.hartz-aber-lus...

  9. 11. In der Mehrheit koennte es so sein

    Die Pfleger sind jedoch auch nur Menschen mit Fehler ebenso wie die Alten oder Kranken. Haetten wir nur dieses System und wuerden versuchen Loesungen zu finden, so gaebe es das geschilderte Problem nicht. Jetzt gibt es aber noch die Verwaltung, die Vorstaende, die Organisation dahinter, die eben nach dem Gelde schaut und nicht nach dem Wohlergehen ihrer Kunden. Dieses System dann hochgehoben auf eine noch hoehere Stufe, die Politik ist noch mehr mit Zahlen und Statistiken beschaeftigt. Der Gedanke das diese Gesetze oder Verordnungen Auswirkungen haben auf die untere wesentlich wichtigere Struktur, genau dies ist denen egal. Und die leidtragenden sind die Alten, die Arbeitslosen und die Schwachen. Das neuste Fiese dabei ist, das der Staat genau dies foerdert durch Hartz IV. Aus zuvor stabilen Lebensumstaenden werden potentielle Arme.

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