Leserartikel-Blog

Gebrüder Ede, Bibe, Lude

Das Parkbankgenie mit dem biergemischhaltigen Blechbrötchen in der Hand hat den Gürtel locker um den sich abzeichnenden Brauereitumor gespannt. Es leidet konkret an ergiebigem Analhusten, der großflächig als Baumwollrost in die Unterwäsche mündet. Sein Gesicht erscheint wie ein Testgelände für Aknemittel. Ein zahnarztverschriebener Umstand hat ihm den Spitznamen “Drahtfresse” eingebracht. Der Parmesan-Regen aus seinen Locken tschillt locker flockig auf seinen Schultern. Viel aufgeregter zeichnen sich krasse Ränder von Achselkaffee auf seinem T-Shirt ab.

Sein erwachendes erotisches Interesse gilt nun der großen Glasfläche zum Hallenbad. Manch eingebildeter Blick-Fick ließ sich hier erzielen - aber um diese Zeit ist es das reinste Cellulite-Zentrum. Verzweifelt wendet er sich ab. Besser wäre das Münz-Mallorca gleich um die Ecke, wo Steckdosensonnen leider nur blickgeschützte Häute gerben. Wird man dort entdeckt, verliert man schnell sein Gesicht, denkt er - obwohl gerade ihm nichts besseres passieren könnte...

Erschöpft von all den unmenschlichen Anstrengungen wird ihm sehr schnell klar, dass er sein Dasein entschleunigen muss. Er läuft zum Hafen, in der großen Hoffnung, dass sein Schiff endlich einläuft. Aber wie immer ist es nur die Flut, die einläuft: Ein ewig nervendes, immer gleiches, langweiliges Kommen und Gehen. Aaargh. Sein Hauptlaufwerk zeigt mal wieder nur blinkende Nullen. So mimt er Entschlossenheit und bricht sofort auf in Richtung Irgendwo.

In seinem Leben hat er kaum eine Mahlzeit versäumt, ja, er ist sogar super gut über den letzten Winter gekommen. Wie ein Gehwegpanzer schiebt er nun sein Gehäuse durch die asphaltierte Stadtlandschaft. Vorbei an all den anderen gewichtigen Leuten, den Puddingdampfern und den Schnürschinken. Als Gruppenzwangkind gehorcht er selbstvergessen den vorgegebenen Bahnen des Straßenverlaufs. Seine Bewegungen werden bestimmt von leblos leuchtendem Grün-Gelb-Rot in stetem Wechsel. Und den ebenso leblosen Fahrzeugbewegungen. Sein Weg wird beengt von gespannten Hundeleinen, kontrolliert von unzähligen Schildern, vorgeschrieben durch Wegmarkierungen, von uniformierten Bewegungsmeldern beobachtet. Was für eine gähnende Leere zwischen Anspruch und Realität!

Zeit, den Taschendrachen anzuwerfen. Die Flamme entzündet den übriggebliebenen Kotzbalken von der Party letzter Woche. Sein Qualm ist süßlich fett und krass wie der Schall und Rauch der Stadt. Stechend fahl im Geschmack. Zum Nachtisch zieht er sich dann die softeren Lungenbrötchen aus dem Automaten.

Er geht nach Hause, wurstelt räppend in die Keramik. Abgekämpft lässt er sein One-Pack in das Sofa fallen. Blickrichtung Fernseher. Seine Couch verschlingt ihn wie das aufgerissene Maul eines Sarkophags.

Wieder ein pubertärer Tag geschafft!

Und seine Familie?

Die Mutter der Abgestumpftheit ist die gelangweilte Litanei, neben dem Vater monumentaler Tatenlosigkeit. Schon das dicke Erbe der Großeltern war das Desinteresse. Vom Stammbaum ist nur noch ein Stumpf übrig - und allein dessen Sinn gewidmet. Die Brüder sind die Träger der Familie. Doch einer ist träger als der andere. Dazu die Schwestern liebreizender Passivität. In der trostlosen Nachbarschaft der Gleichgültigkeit dröhnt hallende Gefühlsleere. Den Onkel Lüsternheit beschlagzeilen die Zeitungen. Aus der Teilnahmslosigkeit der nahen Menschen gedeiht fruchtbar Bedeutungslosigkeit. Entfernte Menschen töten einander und loben sich dafür. Alle lügen und betrügen. Das in der Interesselosigkeit Schutz suchende Ich erstarrt zu herzloser Unempfindlichkeit. 'Verkopft' wird allzu schnell 'verstopft'.

In den gesellschaftlichen Schlagzeilen heißt es dann statt ‘Autokauf’:
“Laut Verbraucherumfrage ist die Lust zum ‘Amoklauf’ gestiegen“.

Ob es das ist, was die Epikureer mit "Ede, bibe, lude” meinten?