Leserartikel-Blog

Ihre Beiträge auf ZEIT ONLINE. Zu den Blogs

Reflektion ueber eine Hinrichtung

Ich hab' ein Video gesehen, gestern, waehrend meiner Nachtwache im Krankenhaus, auf einem Bildschirm in einem Mobiltelefon.   Einem Bildschirm, 2 auf 3 cm gross.  In diesem Video, das ca. eine Minute lang war, waren drei vermummte Gestalten und ein unvermummter, knieender Mann zu sehen.  Dem Unvermummten waren die Haende auf dem Ruecken gebunden, und die Vermummten gestikulierten und schrien irgendwas in einer fremden Sprache. Dann griff einer von ihnen den Knieenden bei den Haaren, zog ein Messer und trennte den Kopf des Mannes von seinem Koerper.Ein Video, ca eine Minute lang, auf dem Mobiltelefon eines Freundes, oder eines Menschen von dem ich dachte er waere mein Freund.  Ein Bildschirm 2 auf 3 cm gross.Es hat ein Weilchen gedauert, bis die Ungeheuerlichkeit einsickerte... Dann weinte ich mich in den Schlaf gestern Morgen.  Mein Schlaf war unruhig, in meinen Traeumen war ich mal der, der gekoepft wurde, mal der, der die Koepfung durchfuehrte.  Als ich aufwachte musste ich wieder weinen.    Ein unbestimmtes Gefuehl von Verlust hat sich eingestellt.  Mein Freund, ist er noch mein Freund?  Er hat sich vielleicht bewusst, wahrscheinlich aber unbewusst zum Werkzeug des Hasses gemacht.  Das Video, ein "Werk", das aus dem alleinigen Grund gedreht wurde, Hass zu schueren, von Leuten die ihrerseits zweifellos Videos oder Geschichten gehoert und gesehen haben, die wiederum ihren Hass schuerten.  Der knieende Mann, der nicht nur ein einziges Mal sterben musste, sondern taeglich wieder und wieder stirbt, auf kleinen und grossen Bildschirmen rund um die Welt... und nicht nur dort:  ich selbst muss nur die Augen schliessen und in meinem Kopf wird dieser Mann wieder und wieder getoetet. Das Gefuehl jetzt Stellung beziehen zu muessen, eine Seite zu waehlen, fuer etwas zu sein, gegen etwas anderes, hat sich bei mir eingeschlichen.  Und dabei ist mir klar, dass dies der Sinn und Zweck des Mediums war:  Einen Keil zwischen Menschen zu treiben, die Moeglichkeit auf Kommunikation unmoeglich zu machen, weiterhin zu verunsichern, wo ohnehin schon Unsicherheit und Angst herrscht.  Ich weigere mich zu hassen.  Ich weigere mich zu schweigen.  Ich trauere um diesen Mann und verliere dabei nicht den Ueberblick, das grosse Ganze, die Tatsache, dass wir im gleichen Boot sitzen. 

Neueste Kommentare

Zu den neuesten Kommentaren
Seite 1 von 2

Leser-Kommentare

06.02.2008 um 07.00 Uhr
FahadA
1. Alles haengt mit allem zusammen

Geben Sie dem Mann, der hingerichtet wurde, seinen Namen: Es war doch wahrscheinlich Nicholas Berg! Sein Moerder ist Abu Musab Al-Zarqawi. Berg war am 7. Mai 2004, seinem Todestag, 26 Jahre alt. Seine Ermordung in Iraq fand keine 10 Tage nach den weltweit gesendeten Bildern von Abu Ghuraib statt. Ich hatte ueber mein almost significant emotional event hier gelegentlich berichtet. http://kommentare.zeit.de/node/126865/98237/#comment-98237Zarqawi selbst wurde 2 Jahre spaeter gezielt von amerikanischen Bombern getoetet.Hass gebiert Hass.

06.02.2008 um 08.45 Uhr
rabin
2. Nekrophile Welt

Hinrichtungen waren immer Gegenstand allgemeinen Interesses. Die öffentliche Hinrichtung, die Zurschaustellung des Getöteten, das alles hat Tradition.Die moderene Form sind die Gewaltbilder, die auf Handy-Bildschirmen erscheinen.Was ist die Fascination ? Gewalt erzeugt Interesse- anders könnte die Zusammensetzung der allabendlichen Nachrichten nicht erklärt werden. Gewalt und Zerstörung sind der Hauptanteil davon.Erich Fromm hat uns vor Jahrzehnten Deutungsangebte über die nekrophile Gesellschaft gemacht. Vielleicht stimmen diese ja ?

06.02.2008 um 12.20 Uhr
3. Sehen Sie, Ihr Hass ist ja

Sehen Sie, Ihr Hass ist ja das Ziel dieser Enthauptung gewesen. Es bringt solchen Vereinigungen nichts einen, zwei, 30, 400 oder 5000 Menschen zu töten, damit entscheiden Sie nichts. Was diese Personen möchten ist z.B. den Hass auf sich zu lenken um dadurch Hass in ihrer Kultur auf uns zu lenken. Es ist eine einfache Eskalationstaktik, die so ähnlich auch in Jugoslawien funktioniert hat. In Deutschland sind wir übrigens keinesfalls sicher vor derartigen Entwicklungen. Man stelle sich nurmal vor, daß es sich bei diesem Feuer in Ludwighafen um einen rechtsradikalen Anschlag gehandelt hat, auf den ein Anschlag, von wem auch immer, z.B. auf eine vollbesetzte Kirche o.ä. folgt. Wer kann garantieren, daß wir in Folge solcher Ereignisse nicht auch in einen Strudel von Gewaltätigkeiten geraten? Es gibt Menschen die so etwas versuchen bzw bewußt einkalkulieren, gerne auch mit "false flag" Anschlägen. Eben aus diesem Grund würde ich es für wichtig halten gewisse Probleme offen diskutieren zu können, denn ohne angestauten Hass sind solche Eskalationen nicht möglich. 

06.02.2008 um 13.26 Uhr
FahadA
4. Ursache und Wirkung

Nein, es geht hier um Ursache und Wirkung. Ich wurde am 8. Mai 2004 mehr oder weniger von einem aegyptischen Kollegen in unserer Staff Lounge 'genoetigt', mir 'das mal' anzusehen. Das war einige Tage nach meiner Rueckkehr aus Damaskus, wo ich in einem Hotelzimmer die Bilder aus Abu Ghuraib gesehen hatte, die ich in ihrer ganzen Wucht zu dem Zeitpunkt gar nicht verstehen konnte.
Ich bin mir nicht sicher, wen Sie hier meinen, HaJo44. Aber es geht hier doch nicht um mich. Ich hege keinen Hass. Dass die 'siegreiche' Besatzungsmacht, der wir damals noch zugetraut hatten, Iraq tatsaechlich zu befrieden, sich eine derartige Bloesse gab, ist ganz einfach eine Katastrophe in Bezug auf Glaubwuerdigkeit. Ich lebte zu dem Zeitpunkt sehr nahe am Brennpunkt des Geschehens, immer noch mit der Gasmaske im Schrank, die mir die Deutsche Botschaft zur Verfuegung gestellt hatte.
Nein, was ich an dem Beitrag hier unertraeglich finde ist die Weinerlichkeit einer jungen Frau, die offenbar gar nicht verstanden hat, dass das, was sie da gerade gesehen hat, eine Ursache hat, die naeher zu erforschen jeden Aufwand rechtfertigt.

06.02.2008 um 23.26 Uhr
5. Sagen Sie, FahadA,

was ist Ihre Aussage? Dass die Ermordung von Nicholas Berg irgendwie berechtigt war und das Herumzeigen von Videos mit Mordszenen einen daher nicht weinerlich machen darf?! Das in ihr heraufkriechende Gefühl, dass es das Böse tatsächlich gibt, mag es sein, was diese Frau so deprimiert. Der Abgrund an Hässlichkeit in den sie schauen musste, gibt ihr zugleich vage eine Ahnung von dem bedeutenden kulturellen Problem des Nahen Ostens, das Grund ist für den zivilisatorischen Rückstand der Islam-Länder. Vermutlich hatten ihr linke deutsche Lehrer immer wieder erklärt, Konflikte seinen in Wahrheit eigentlich immer nur Vermittlungsprobleme. Übrigens finden sich Foltergefängnisse wie Abu Ghraib in jeder Metropole des Nahen Ostens, das ist keine Erfindung der bösen bösen Amis gewesen.

07.02.2008 um 01.32 Uhr
6. Eigentlich hatte ich Namen,

Eigentlich hatte ich Namen, Nationalitaeten und Politik bewusst aus meinem Beitrag herausgehalten, eben weil es schon genug Diskussion und Streit darueber gibt.                                                                                                                                                                                                                                                             Mir ging es eher darum, dass eine solche Ungeheuerlichkeit ganz nebenbei auf Mobiltelefonen und Laptops weltweit die Runde macht und damit jeglicher Respekt gegenueber menschlichen Lebens auf der Strecke bleibt. Mein "Freund" lachte ueber meine Reaktion, fand es lustig, dass ich sein Handy beinahe fallengelassen hatte...                                                                                                                                                                                                                        Meinen Lebensunterhalt verdiene ich damit Leben zu erhalten, zu schuetzen.  In meiner Jobbeschreibung steht unter anderem, dass ich mich als Anwalt meiner Patienten sehen sollte... Verschwendung jeglichen Lebens macht mich zumindest nachdenklich, oft traurig, und ja, manchmal auch weinerlich.                                                                                                                                                                          Ich habe nach einem Ventil gesucht, wollte mir was von der Seele schreiben, irgendwie versuchen, den Fokus auf die menschliche Tragoedie zu lenken und darauf, dass die Angehoerigen des Hingerichteten offensichtlich auch noch vier Jahre nach der Ermordung mit dem Vorfall konfrontiert werden koennen, jederzeit und ueberall - durch so etwas Harmloses wie einem Handy.  Und dass es dann auch noch Leute gibt, die das witzig finden... oder vielleicht auch nur vorgeben es witzig zu finden, um nicht in die peinliche Situation zu kommen als weinerlich rueberzukommen.                                                                                                                                                                                                                                            Dass alles Ursache und Wirkung hat versteht sich von selbst und hab ich uebrigens auch angedeutet (Zitat: "Das Video, ein "Werk", das aus dem alleinigen Grund gedreht wurde, Hass zu schueren, von Leuten die ihrerseits zweifellos Videos oder Geschichten gehoert und gesehen haben, die wiederum ihren Hass schuerten.").     Offensichtlich war das zu oberflaechlich fuer ein paar Leute, Naja, Sie haben hier ja ein Forum in dem Sie jenem Teil der Geschichte soviel Gewicht geben koennen, wie Sie nur wollen.                                                                                                                                                                                                                         Fraglich allerdings, ob uns das menschlich irgendwo weiterbringt.  Argumente fuer etwas bringen eben Gegenargumente. Das ist auch voellig in Ordnung, wenn man Diskussion als Bereicherung sehen kann, und nicht als Grund, seinem Gegenueber eins ueberzuziehen.  Mein Antrieb diesen Beitrag zu schreiben war jedoch nach einer Moeglichkeit zu suchen, den Hass leerlaufen zu lassen (daher auch die Vermeidung von Namen, Nationalitaet usw.), ihm die Daseinsberechtigung zu entziehen, und die dadurch freigewordene Energie zu echtem Dialog zu nutzen.                                                                                                                                                                                                                                                                 Vielleicht klappt's ja noch?                                                                                                                                                                                                                              http://nikolakress.com

07.02.2008 um 06.28 Uhr
FahadA
7. @tobias

Natuerlich nicht! Dieses Video und Abu Ghuraib stehen in unmittelbarem Zusammenhang. Gestern habe ich mich meiner Gedanken und Empfindungen erinnert, die ich nach beiden Ereignissen hatte. Mir fiel ein, dass ich mir das Schlimmste vorstellte, was man uns Westerners antun koenne, das Abschneiden des Kopfes bei lebendigem Leib.
Was ist fuer einen Araber das Schlimmste, was er sich vorstellen kann? Gegen seinen Willen in einen homosexuellen Akt gezwungen zu werden. Ich habe das erst ein paar Tage nach Ausstrahlung der Bilder von Abu Ghuraib realisiert, die waren alle unkenntlich gemacht, aber genau das ist passiert. Die haben nackte Maenner zu sexuellen Handlungen gezwungen. Das Zweitschlimmste ist, den Koran zu beschmutzen. Eine Kollegin in Kuwait berichtete mir weinend (!) dass man in Guantanamo den Koran die Toilette runtergespuelt habe. 
Das ist die Perfidie. So moechte man, dass Muslime sich fuehlen: hilflos, gedemuetigt, ausgeliefert, suendhaft. Die Schergen in Abu Ghuraib stehen in nichts den Schergen in Bergen Belsen nach. 
Und der Verbrecher Zarqawi hat es auf dieselbe Weise heimgezahlt. Ich erinnere mich heute (7. 2. 2008), dass mir damals Orwells Roman 1984 einfiel, wo der Folterknecht O'Brian genau wusste, was den bedauernwerten Winston am meisten Angst macht. Schliesslich wurde das exerziert, ein Kaefig mit hungrigen Ratten, in den sein Kopf gesteckt wurde. Das ist die schlimmste Folter, die Menschen anderen antun: wenn sie herausbekommen haben, was der andere am meisten fuerchtet.
Wir muessen uns staerker bewusst sein, was Bilder ausloesen, sei es dieses unertraegliche Video oder die fuer Araber, Muslime unertraeglichen Bilder aus Abu Ghuraib. Es geht nicht darum, das Verbrechen in Abu Ghuraib aufzuklaeren und Zarqawi 2 Jahre nach diesem und dutzenden anderen Morden zu liquidieren, sondern um die verheerende Wirkung auf beiden Seiten. Glaubwuerdigkeit wird die USA nicht mehr zurueck bekommen. Abu Ghuraib hat diesem Krieg eine neue Dimension hinzugefuegt: nach dem Kampf gegen der Terror den (nicht nur von Muslimen gefuehlten) Kampf gegen den Islam.

07.02.2008 um 10.54 Uhr
8. @Fahad

[entfernt, bitte unterlassen Sie diese Beleidigungen und Unterstellungen/ Redaktion; svb]

07.02.2008 um 13.40 Uhr
Dingele
9. Der Krieg ist pervers, aber..

Ich sehe in dieser Diskussion noch einen anderen Aspekt. Was mir auffällt, und was mich insgesamt auch stört, ist die Verallgemeinerung, die sich mit solchen Bilder verbreiten lässt. Wir brauchen uns ganz sicher nicht darüber zu unterhalten, ob eines der Bilder/Video schlecht war und das andere weniger schlecht oder als Reaktion auf das andere verstanden werden kann. Daß dieses Video wohl eine Reaktion war, entschuldigt rein garnichts.Aber es wäre grundverkehrt, daraus jeweils etwas abzuleiten, was allgemeine Gültigkeit haben soll. Sicher, wir ertappen uns selbst auch immer wieder, wie wir im ersten Moment ein "Ist ja klar...." usw. denken. Ich nehme mich da nicht aus.Aber ich würde doch schon gerne beide Taten, die doch in unmittelbarem Zusammenhang stehen, als Verbrechen verstanden wissen, die von Einzelpersonen oder Gruppen verübt wurden. Soll heißen, ich kann nicht die USA an sich für Abu Ghuraib verantwortlich machen. Und ich kann auf der anderen Seite nicht die Moslems an sich für die Verbrechen des  Al-Zarqawi verantwortlich machen. Mir ist auch klar, daß es oftmals schwierig ist, die Dinge voneinander zu trennen. Nur nützt es nichts, wenn wir verallgemeinern.Aber @Nikola, ich hätte wahrscheinlich das Handy samt Video sofort die Toilette gehauen und runter gespült. Und ob der Freund noch ein Freund wäre, das liegt daran, ob er versteht, warum ich so reagiert habe. 

07.02.2008 um 14.20 Uhr
FahadA
10. Die Macht der Bilder

Unterschaetzen Sie nicht die Macht der Bilder. Wenn sowas tatsaechlich kaltbluetig gedreht und dann gesendet wird, mag das bei uns vielleicht lediglich psychomotatische Stoerungen ausloesen, bevor das ganze schnell verdraengt wird, weil man es anders gar nicht ertragen wuerde.
Einen vergleichbaren Effekt, was mich persoenlich betrifft, hatten die Bilder aus Abu Ghuraib zunaechst definitiv nicht. Dass sich da tatsaechlich eine nicht wiedergutzumachende Katastrophe ereignet hatte, musste ich erst spaeter im Umgang mit meinen arabischen und muslimischen Kollegen vor Ort lernen. Die Sensibilitaet wird eine andere, wenn man wie ich gerne in ME gelebt hat, das auch als immense Bereicherung erfahren hat.
Hier (in Europa) wird man auch die Brisanz der Mohammed-Karikaturen gar nicht wahrnehmen, da schon.

Service