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"There’s a (Toy) Soldier in All of Us"

Wer den Werbespot zu "Call of Duty: Black Ops" als Verherrlichung von Gewalt kritisiert, der unterschätzt die Reflexionsfähigkeit von Gamern und Fernsehzuschauern und berücksichtigt nicht das Genre und die Besetzung des Werbespots.

Der "freundlich[e] Kerl vom Typ Familienvater" beispielsweise ist für ein amerikanisches Publikum der deutliche Hinweis darauf, dass es hier nicht darum geht, in den Fußstapfen von Thomas Hobbes die dünne Membran zwischen Zivilisation und Kriegszustand zu thematisieren.

Vielmehr hinterfragt der Spot diese Vorstellung – und bewegt sich dabei innerhalb der Genre-Konventionen von Comedy und Satire. Denn hinter diesem etwas trotteligen Mann, der sichtlich überfordert mit der Panzerfaust hantiert, verbirgt sich niemand anderes als Jimmy Kimmel, dessen erfolgreiche Comedy-Show allabendlich von etwa 1.7 Millionen Zuschauern verfolgt wird.

Ein deutscher Werbespot, der Otto Waalkes oder Bastian Pastewka dabei zeigte, wie sie fahrig und ungeschickt eine Waffe abfeuern, würde in Deutschland sicher problemlos als Satire verstanden.

Eine – durchaus kritisch zu hinterfragende – Botschaft des Clips lautet vielmehr, dass ein bewaffneter Konflikt im Onlinespiel in keinem direkten Verhältnis zu realer Gewalt steht.

Die adrett gekleidete, um sich schießende Geschäftsfrau, der Krankenpfleger, der mit Granaten wirft, all diese Menschen werden hier nicht wie im Spiel durch einen muskulösen Avatar ersetzt, sondern als die Personen, die sie im realen Leben sind, gezeigt. Dadurch wird klar, dass Gamer nicht etwa eine einheitliche, anonyme Gruppe tickender Zeitbomben sind, sondern sich jenseits des Bildschirms in den unterschiedlichsten Kreisen bewegen.

Genauso deutlich ist, dass diese Menschen eben nicht das brutale Spiegelbild ihrer Onlinefigur, sondern vielmehr im Alltag verankert oder gar während des Spiels bei der Arbeit sind, so wie der schnurrbärtige Rezeptionist, der noch im virtuellen Schützengraben Anrufe entgegen nimmt.

Der Spielcharakter von Black Ops ist in der Tat die deutlichste Botschaft dieses Spots, zu sehen am begeistert strahlenden Gesicht des Teenagers, der hinter der Tür in Deckung geht, sowie am beinahe kindlich-glücklichen Lächeln von Basketballprofi Kobe Bryant, dessen untersetzter Online-Teamkollege mit penibel über den Rücken geworfener Krawatte dem Ausnahmesportler einen Weg freischießt.

Sämtliche Waffen tragen die Namen der Onlineprofile ihrer Spieler, in deren bunter Mischung aus Groß- und Kleinschreibung, sowie Zahlen (PROUD n00b) zumindest aktive Gamer einen weiteren Hinweis auf die klare Trennung zwischen dem Geschehen im Spiel und in der realen Welt erkennen. Genau wie niemand auf einer Party nach einem guten Witz laut "LOL" oder gar ":-D" ausrufen würde, würde im realen Leben kaum jemand das Wort "n00b" (Internet-Slang für "newbie": Anfänger, Greenhorn) benutzen.

Damit ist auch klar, dass "Kick-Ass," der im Artikel zitierte
youtube-Kommentar, nicht etwa bedeutet, dass das Ziel des Clips darin liegt, "es der Welt mal so richtig zu zeigen." Ein "Kick-Ass-Spot" muss ebenso wenig brutal sein, wie ein "geiler Film" von einer ständigen Erektion begleitet ist.

Vielmehr bedeuten die beiden Begriffe etwa das gleiche, und drücken eine Begeisterung für die budgetstarke und prominent besetzte Produktion aus, nicht etwa die Lust an Brutalität.

Der Werbefilm verspricht statt einer sadistischen Gewaltorgie einen Onlineraum, in dem Menschen, unabhängig von sozialem Status (Geschäftsfrau oder Pizzabäcker), körperlicher Fitness (Basketballstar oder pummelige Außenseiterin mit Brille), Geschlecht oder ethnischer Herkunft (Afroamerikaner, Latinos, Weiße) allein oder in Teams um das Überleben ihres elektronischen Avatars ringen. Nicht "killen ist fun," sondern gemeinsames Spielen.

Ob dieses blauäugige Versprechen einer Morus’schen Online-Utopie der Realität entspricht, mag dann wiederum jeder selbst beurteilen.

Kai Biermann hat Recht wenn er schreibt: "Im Computerspiel ist die Entfesselung [brutaler Energien, die sonst von der Gesellschaft unterdrückt werden,] nur solange vertretbar, wie wir die Möglichkeit haben, es eben als Spiel zu sehen.” Die Werbung zu "Call of Duty: Black Ops” ist jedoch hierfür kein Hindernis, sondern vielmehr eine Erinnerung daran, dass wer online mit Freunden ums virtuelle Überleben kämpft, darüber nicht seine echte Pizza im Ofen verbrennen lassen, oder sein Mittagessen mit dem Abteilungsleiter sausen lassen sollte – denn sobald wir die Konsole ausschalten, erlischt auch der Soldat in uns.

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Leser-Kommentare
    • 16.11.2010 um 17.19 Uhr
    • GEBE
  1. 2. Der Autor irrt...

    ...wenn er sagt, dass im realem Leben kaum jemand "LOL" oder "noob" sagt. Ich kenne genug,die das tun, und es sind auch gerade diejenigen, die viel übers Internet spielen...Nerds halt...;)

  2. 3. Hi Niclas Heckner

    Wussten sie, dass ein Farmer mit Namen Kehoe 1927 in Michigan, ganz in ihrer Nähe also, eine Schule in die Luft sprengte und 45 Menschen tötete. Dieser Vorfall gilt als eines der ersten "school massacre"

    Bitte hier nachlesen, unter Punkt 2: Schulamoklauf, ein altes Phänomen mit neuer Qualität

    http://www.psychoanalyse-...

  3. 4. lol sag ich da

    Also die Sprache der Computerspiele ist mittlerweile Alltag geworden. LoL zu sagen ist nicht mal mehr neu, sondern so etabliert wie "wow".
    Und Noobs gibts auch überall. :)

    Aber ich finde diese Entwicklung gar nicht schlimm. Die Sprache verändert sich und das ist gut.

  4. 5. guter beitrag

    Vollkommen richtig analysiert. Auch interessanter Hinweis, wer in dem Clip mitspielt.

    • 16.11.2010 um 23.46 Uhr
    • Klaue
    6. Guter Artikel

    Schön mal solche Sätze von den Medien zu sehen:
    'Die Werbung zu "Call of Duty: Black Ops” ist jedoch hierfür kein Hindernis, sondern vielmehr eine Erinnerung daran, dass wer online mit Freunden ums virtuelle Überleben kämpft, darüber nicht seine echte Pizza im Ofen verbrennen lassen, oder sein Mittagessen mit dem Abteilungsleiter sausen lassen sollte – denn sobald wir die Konsole ausschalten, erlischt auch der Soldat in uns.'

    N00b und lol gehören mittlerweile zur deutschen Sprache, jedenfalls bei den jüngeren Menschen (bis zu den ~30 Jährigen).

    • 17.11.2010 um 12.58 Uhr
    • TD
    7. Sehr guter Artikel....

    und jetzt gehts erstmal zum Mittagessen mit dem Abteilungsleiter

    • 17.11.2010 um 13.56 Uhr
    • Renago
    8. Der Führer als Satire Waffe ?

    Also im Internet gibt es schon einige mehr zum Beispiel habe ich ein Video entdeckt, in dem
    Alexander Kluge, den Führer zur Atomkraft befragt und der zitiert teilweise Thea Dorn. Das ist kurz und knackig einfach Satire & Parodie pur.
    http://www.youtube.com/wa...

  5. 9. auch ein Thema für:

    The American Psychological Association:

    http://www.apa.org/about/...

    hier eine Analyse zu Effekten von Gewalt in Videospielen:

    http://www.apa.org/pubs/j...

    Da las ich vor zwei Tagen, dass das Spielen von "Tetris" die Ausprägung einer posttraumatischen Belastungsstörung hemmen würde. Bestimmt unterstützt ein Spiel wie "Call of Duty" dann jene Störung,

    alles eine Frage der Reflexionsfähigkeit und Verstehen von

    Satire und Parodie?

  6. 10. Geprägt durch ein tiefes Kultur-Unverstä

    Der Artikel macht den ursprünglichen Text nur noch schlimmer: wenn so eine einzig veröffentlichte Entgegnung aussehen soll, dann ist das noch beängstigender. Dieser ganze Rückgriff auf Morus ist an Übelkeit kaum zu überbieten: als ob der Spot auch nur irgendetwas idealisiert hätte. Da wird einfach nur völlig verständnisbefreit über einen eingebildeten Realismus zu Werke gegangen: und die Schreibtat könnte im Ergebnis dabei auch brutaler kaum ausfallen.
    Wie stellen sich diese Leute die Auseinandersetzung mit einem Phänomen wie Krieg eigentlich vor: nur mit Zurückhaltung? In jeglich erdenklicher Überlegenheit? So als ob man mit solchen Interessen gar nichts zu tun hätte. Welche Mechanismen greifen denn allein schon im deutschen Innenministerium, wenn wieder mal eine Terrorwarnung, so wie unlängst erst der Fall, ausgestoßen wird? Welche Ideen von Staat in einem solchen Alltag? Und dann soll mit dem Allem nichts zu tun gehabt werden. Sich beständig in Zurückhaltung geübt – nobel, schöngeistig. Kein Platz für Ironie, Ambivalenz ODER Vielfalt. Und das nennt sich noch “demokratisch”…

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