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Bußgeldverfahren gegen "Selbstlerner" eingestellt.

Homeschooling heißt das Zauberwort, das in diesen Tagen wieder mehr die Gemüter von Richtern, Schulbeamten und Betroffenen in Deutschland bewegt. Was in allen anderen Ländern gängige Bildungsalternative ist, wird hierzulande meist mit Bußgeldern bestraft. Hintergrund für diese Kuriosität ist der mit einem Homeschooling-Modell ausbleibende Schulbesuch, der traditionell als Pflicht im Rahmen der allgemeinen Schulpflicht eines Bundeslandes gesehen wird.

Verfassungsrechtlich jedoch gibt es keinerlei Grundlage für erzwungenen Schulbesuch. International und im Gleichklang dem Grundgesetz zufolge bleiben Eltern in jeder Beziehung vollverantwortlich für ihren Nachwuchs, sofern dem Wohl des Kindes nichts entgegen steht und es staatsbürgerliche Kompetenz entwickelt. Die allgemeine Schulpflicht anderer Staaten stellt hierzu alle privaten Möglichkeiten inklusive schulfreier Bildungskonzepte frei.

Vor diesem Hintergrund macht es natürlich keinen Sinn, allgemein gegen Schulpflicht zu klagen, wie dies eine Familie aus Bremen kürzlich versuchte. Ihr Antrag gegen die Schulpflicht der beiden Söhne (9 und 12) wurde zwischeninstanzlich mit einem schlichten Verweis auf die gesetzliche Schulpflicht abgelehnt.

Anders sah es bei einem verschobenen und wieder aufgenommenen Verfahren in Siegburg aus. Die zu einem Bußgeld verdonnerten Eltern, die ihren Kindern private Bildung ohne Schulbindung ermöglichten, wurden nun am 17.02.2009 zwar nicht direkt freigesprochen, aber durch die Einstellung des Verfahrens auf Kosten des Klägers entlastet. Der mit einem Haufen Beweisanträgen ausgestattete Verteidiger der Familie konnte dies bereits nach einem lockeren Gespräch mit dem erfahrenen Richter erreichen. Während Staatsanwaltschaft und Gericht noch einwandten, man mache sich ja "nur Sorgen um die Kinder", konterte der Verteidiger, auch im Hinblick auf die "erleichterten familienrechtlichen Eingriffe" nach §1666 BGB, dass man doch "kaum noch atmen" könne "vor lauter staatlicher Fürsorge".

Das eingestellte Verfahren ist kein Paukenschlag gegen staatliche Bevormundung. Es macht aber deutlich, dass sich immer mehr Widerstand bei denen zu regen scheint, die Kinder erziehen müssen und dies nach ihren eigenen Vorstellungen von Selbstbestimmung und Weltanschauung umsetzen wollen.

Der Souverän der staatlichen Gemeinschaft wacht auf. Das zeigt sich neben der Kritik am deutschen Verständnis der Schulpflicht auch in Bezug auf vermeintliche Wohltaten etwa beim Datenschutz, bei der Terrorabwehr, bei der Kleinstkinderbetreuung, die in die Freiheit persönlicher Lebensmodelle hineinregiert oder auch bei der völlig unkontrollierten, amtlichen Jugendfürsorge.

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Leser-Kommentare
  1. 1. Schule am Küchentisch

    Weshalb sollte man religiösen Fundis ermöglichen, ihre Kinder ohne Kontakt zur Aussenwelt zu indoktrinieren? Zur Bildung gehört auch das Lernen von Umgangsformen ausserhalb der Familie.
    Worüber man diskutieren könnte wäre ein weltanschaulich etwas breiter gefächerstes Angebot, aber Schule am Küchentisch kann kein Modell sein.

  2. 2. Das sind nicht alles religiöse Fundis

    Ich hab mal überlegt, über den Seiteneinstieg in Mangelfächern (Mathe, Physik, Informatik) Lehrer zu werden. Hab im Unterricht hinten gesessen und Notizen gemacht und auch hier und da mal vorne gestanden. Gesamtschulen, NRW.
    Ergebnis: Durchschnittlich wird in einer Schulstunde 5 Minuten gelernt und 40 Minuten Radau gemacht. So ist es bei neun von zehn Lehrern (m/w). Bei einem von zehn Lehrern gibt es manchmal längere Lernphasen, bis 20 Minuten. Stichprobenumfang: 34 Lehrer.
    Es ist verständlich, dass Eltern Alternativen suchen. Sei es in teuren Privatschulen mit kleinen Klassen und Schülern aus dem Bildungsbürgertum, oder eben am Küchentisch.
    Das sind nicht alles religiöse Fundis.

  3. 3. Homeschooling ist nix.

    Zu Privatschulen, staatlichen Schulen oder staatlich anerkannten Ersatzschulen gibt es für ich keine Alternative.

  4. 4. Tja, ...

    ... wenn sie denn ihre Aufgaben erfüllen würden ...

  5. 5. Ich freue mich über den eingstellten Art

    da ich das Thema, genau genommen den Fall der Bremer Familie Neubronner seit längerem verfolge.
    Deren Klage gegen die Schulpflicht wurde am 3. Februar vom OVG erneut abgewiesen, eine Revision nicht zugelassen. Die Familie, die seit einem Jahr getrennt lebt (Vater mit den Söhnen in Frankreich bei Freunden - Mutter in Bremen leitet den familieneigenen Verlag), um die Kinder nicht zur Schule schicken zu müssen, will nun vor das Bundesgericht oder den Europäischen Gerichtshof ziehen.

    Was in dem Siegburger Verfahren entschieden wurde, wie die betroffenen Kinder unterrichtet werden geht aus Ihrem Artikel für mich nicht hervor.

    Mich schreckt die Vorstellung, daß mehr und mehr Familien ihre Kinder dem öffentlichen Schulwesen entziehen könnten. Für mich ist ein öffentliches staatliches Schulwesen eine Errungenschaft und eine Zierde des demokratischen Gemeinwesens!

    Daß nicht jede einzelne Schule dies in allem verwirklicht, das weiß ich auch; aber mehr und mehr Kinder den öffentlichen Schulen zu "entziehen", wird es schlimmer machen - nicht besser.
    Eltern, die an Schule oder Lehrer etwas auszusetzen haben, sollten den (häufig nicht vorhandenen) Mut haben, mit konstruktiver Kritik und mit politischen Forderungen die Situation zu verbessern!

    Hält es irgend jemand für erstrebenswert, daß die Antwort auf die Forderung nach mehr und besser ausgebildeten Lehrern dann irgendwann lautet: "Ja, dann machen Sie's doch selbst!"

    Für mich (ehemalige Lehrerin an einem Gymnasium) gibt es keine bessere Grundlage für den Zusammenhalt einer Gesellschaft als die öffentliche Unterweisung ihrer Kinder. Man beachte meine Formulierung: öffentliche Schulen sind nicht perfekt, aber es gibt nichts Besseres!

    Nicht zuletzt stellt sich auch die Frage, wie sinnvoll es ist, sehr viel Geld in die Infrastruktur für Kontrolle der Ergebnisse dieses häuslichen Unterrichts zu stecken, wenn gleichzeitig das öffentliche Schulwesen möglichst gut zu unterhalten ist.

    Mir gehen dazu noch viele andere Gedanken durch den Kopf, ich ende aber erst einmal hier.
    Nur soviel, Spitzbub: das waren wirklich keine zu verallgmeinernden Erfahrungen, die Sie da leider gemacht haben.

  6. 6. Den Titel des Artikels

    würde ich an Ihrer Stelle, @NetEducatOr noch einmal verändern, vielleicht auch das Wort "Homeschooling" mit aufnehmen, da es m.E. ein in Zukunft bedeutsames Thema ist, das mehr Beachtung finden sollte.

  7. 7. Opferlamm

    Hallo karolachristiane,
    klar, verallgemeinern ist problematisch. Zwar hab ich einen ziemlich großen Stichprobenumfang, aber eben alles von NRW, und alles von Gesamtschulen, außerdem alles aus der Großstadt.
    Als Gymnasiallehrerin sind Ihre Erfahrungen andere, das verstehe ich auch, denn unter meinen Nachhilfeschülern gabe es einen großen Teil Gymnasiasten, und die berichteten auch anderes als was ich erlebt habe.
    Ein Vetter von mir ist Lehrer an einer Kleinstadt-Gesamtschule. auch er berichtet anderes.

    Ich stelle mir aber vor, ich wohnte in einer NRW-Großstadt und hätte ein Kind, das keine Gymnasiumsempfehlung gekriegt hat und zur Gesamtschule muss. Das Kind kommt jeden Tag weinend und völlig entnervt nach Hause, weil es sechs oder mehr Stunden Terror erlebt hat. Ich gehe zum Elternabend und übe konstruktive Kritik. Wenn ich Glück habe, werde ich dort nicht niedergebrüllt. aber ändern wird sich nichts. Null.

    Wenn ich deshalb mein Kind der Schule "entziehe", wird es dort schlimmer. Auch das verstehe ich. Aber mein Kind ist kein Opferlamm. Wenn ich nicht in eine Kleinstadt in Baden-Württemberg ziehen kann, werde ich es zu einer teuren Privatschule schicken oder, falls das nicht geht, am Küchentisch unterrichten.

    Wenn ich ein Kind hätte, dann hätte ich auch Verantwortung. In erster Linie für mein Kind. Für die Schule, für die Demokratie erst in zweiter Linie.

  8. 8. Ich kann Ihre Argumentation nachvollzieh

    ich würde mein Kind auch nicht ernsthaft gefährden oder das von anderen verlangen wollen.

    Aber dennoch ist der Rückzug aus der Gemeinschaft nicht der Weg: so wird es schlimmer!

    Mich beunruhigt der Trend zu mehr und mehr privaten Schulen, weil sich das gesellschaftliche Spektrum so nicht mehr annähernd in der Schule abbildet, die ich als den gesellschaftlichen Sandkasten betrachte.

    In begrenztem Umfang hat es Privatschulen wie Konzeptschulen und insbesondere die öffentlichen Ersatzschulen in privater Trägerschaft ja schon immer gegeben: das sehe ich auch eher als eine Bereicherung des Ideenpools für Schule an, wenn es nicht gerade um Modelle wie die "Nena-Schule" in Hamburg geht.

    Aber die Vorstellung einer sozusagen institutionalisierten Hausbeschulung mit allen denkbaren Konsequenzen macht mich wirklich schaudern.

  9. 9. Hoffnungsschimmer

    Ja. Das kann ich nachvollziehen. Einen Hoffnungsschimmer gibt es dennoch: Die wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen, die der öffentlichen Schule entzogen werden, ist ein Indikakor für die mangelnde Qualität der öffentlichen Schule. Und das müsste von den Verantwortlichen auch so gesehen werden.
    Gut zureden hat nichts gebracht. Die Schüler aus den bildungsbürgerlichen Schichten sind deshalb bald alle weg, wenn nichts passiert. Aber irgendwann wird sich die Schule bewegen, bevor das passiert.

  10. 10. Das nützt nichts

    Es gibt Familien, bei denen das Ordnungswidrigkeitsverfahren (Strafgerichtsbarkeit) eingestellt wurde - und die dann wegen des Schulzwangs (Verwaltungsgerichtsbarkeit), d.h. Zwangsgeld, Zwangshaft oder zwangsweise polizeiliche Zuführung des Kindes in die Schule, oder Angst vor dem Familiengericht auswanderten.
    Ich halte es für eine Illusion, dass schulischer Unterricht jedem Kind gerecht werden kann. Jedes Kind hat eigene Stärken und Schwächen, Zugangswege, Fragen - der Unterricht, der sich an alle wendet, wird an einigen notwendigerweise vorbeigehen. Lehrer agieren von Berufs wegen mehr oder weniger autistisch; sie handeln und sprechen nach formalen Regeln, denn einfühlsam auf den Gesprächspartner eingehen lässt sich nur in kleinsten Gruppen oder, für manche Angelegenheiten, gar nur im Zwiegespräch.
    Wir home-educaten in England, seit unser Kind im fünften Schuljahr noch nicht lesen konnte, die deutsche Hauptschule einen dafür hinreichenden Unterricht mit Verweis auf die Versetzungsbestimmungen an Hauptschulen (man kann auch mit drei Fünfen, die auch in den Hauptfächern sein dürfen) weder für möglich noch nötig hielt, und wir vor dem Verwaltungsgericht verloren.
    Angst vor Vereinsamung oder Parallelgesellschaften durch Home Education ist unserer Erfahrung nach unbegründet.
    Mittlerweile liest unser Kind "Herr der Ringe".

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