Leserartikel-Blog

Filmkritik AVATAR v. J. Cameron

AVATAR - Die unüberwindbare Natur
–ein nicht nur technisches Meisterwerk von James Cameron

Der Blockbuster „Avatar“ ist angelaufen

Das neueste Werk des Film-Maniac James Cameron ist bereits von vielen als opulent und Maßstäbe setzend beschrieben worden, was die technische und formale Umsetzung seines Stoffes betrifft, bemängelt aber wurden meist seine inhaltlichen Schwächen. Offensichtlich ist, und dies ist in der Tat ein Mangel, dass die Handschrift des Regisseurs bewirkt, dass das Menschliche in seinen Filmen unpersönlich, ja überpersönlich verkörpert wird. Der einzelne Mensch scheint Cameron nicht sonderlich zu interessieren, wobei man auch an seine kolportierte Neigung zu Egomanie, narzisstischem Größenwahn und verbaler und körperlicher Misshandlung seiner Mitarbeiter denken kann.
Dies ist wohl die Schattenseite eines Menschen, der von Visionen getrieben scheint, die die Menschlichkeit, die er im Kleinen wohl oft vermissen lässt, als großes Ideal zu feiern vermögen. Cameron ist nicht nur besessen von seinen Ideen, er versucht mit diesen Ideen andere Ideen und Ideale umzusetzen, zur Darstellung zu bringen.
Vor allem seine letzten Arbeiten fragen alle danach, was weiterlebt, wenn es ans Sterben geht. Diesem transzendenten Moment verdankt „Titanic“ gewiss einen großen Teil der Bewegtheit seiner Zuschauer. Dass, was den einzelnen zu überleben befähigt, ist das, was ihn überlebt. In diesem Fall die über den Tod hinausgehende Liebe, die Sehnsucht nach einer dem Einzelschicksal gewogeneren Welt. Etwas, das größer ist als der Gigantismus der Technik, der Maschinen, die menschheitsgeschichtlich oft auch Kinder des Krieges sind. In diesem Sinn transportiert Cameron etwas, was die Psychologie des Kollektiven bewegt und dies erklärt vielleicht auch einen Teil der Massenwirksamkeit seiner Filme.
So wie in „Titanic“ die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen über das Medium der den Tod überlebenden Liebe, so werden auch in „Avatar“ die gesellschafts- und zivilisations-kritischen Ideale zu den eigentlichen Protagonisten, die sichtbaren Hauptdarsteller sind lediglich Verkörperungen von Prinzipien und Idealen, von Archetypen, will man mit C.G. Jung sprechen. Die dünne und vorhersagbare Oberfläche der äußeren Handlung verbirgt so nicht das Anliegen, die den Einzelnen bewegenden, will sagen jeden angehenden Gefühle angesichts der Zerstörung anderer Welten jenseits unseres beschränkten Vorstellungsvermögens. Mit seinen Nahaufnahmen ist Cameron eines gelungen: Der Blick in die fremden Augen der Na´vi lässt uns etwas ahnen, was in unseren Seelen ein Schattendasein fristet.
So ist die auf dem Planeten Pandora angesiedelte Story des als trojanisches Pferd vorgesehenen Ex-Marines Jake (!), der dem Körper eines Avatars, einer Kreuzung aus Mensch und indigenem Einwohner, sein Bewusstsein leiht, eine Geschichte der Wiederentdeckung seiner Möglichkeiten, wie sie sich aus dem Verbundensein mit der Natur, auch der Natur seines Körpers ergeben. Dass Jake sich dazu erst in einen neues Körper begeben muss, scheint paradox, macht aber auch psychologisch Sinn, denn die Sinne eines Marines sind vielleicht einfach zu abgestumpft. Dies wird stimmig und ohne viele selbstbezügliche Kommentare erzählt und lässt uns selbst mit Jake wieder ins Staunen geraten, freilich paradox erst durch die eindrückliche Technik, die für die Bebilderung dieses Erlebens aufgeboten wurde.
Jake ist kriegsversehrt und gelähmt, bei einem Anschlag (im Irak?) starb sein Bruder. Die Metapher will sagen: so geht es nicht weiter, kriegerische Auseinandersetzungen sind ein suizidaler Zirkel, der unterbrochen gehört.
So finden zwei großen Themenkreise, die unsere Welt seit Jahren bewegen wie zufällig zusammen: Die Diskussion über die Sinnhaftigkeit von Kriegen angesichts von religiös begründetem Terror trifft auf die Frage ob es nicht einer neuen Religiosität, eines neuen Bewusstseins für die Frage bedarf, wie man mit der Erde, der scheinbar Vertrauten, umgehen darf, ohne dass sich dies für die Menschheit bitter rächt.
Rückbezug, „religio“ meint in der in Avatar transportierten Form nicht die oft missverstandene Idealisierung des Primitiven, des „glücklichen Wilden“, die die Züge der Sehnsucht nach einer heilen Welt trägt (die die Welt der Na`vi im Film realistisch ebensowenig ist), sondern der Wiederentdeckung von äußeren und auch inneren Welten, die auf neue Weise verstanden und integriert werden wollen. Erinnert sei an das immense Potenzial der Natur auf dem Gebiet der Heilpflanzen, was, da viele Pflanzen bereits als ausgerottet gelten, nie wird geschätzt werden können.
Die in das Gewand eines Actionfilms mit obligatorischer Liebesgeschichte (kriegen sich Jack und Rose denn diesmal?) gekleidete Spektakel transportiert die (siehe Obamas Friedensnobelpreisrede) so schwer zu beherzigende Moral, dass es manchmal wirklich! besser ist, nicht zu kämpfen. Auch hier ein Paradox, doch wird in der verzweifelt und martialisch gegen die Eingeborenen aufmarschierenden Armada des letztlich als vorgestrig dargestellten Haudegens Colonels Quaritch die ganze Absurdität des Kampfes gegen die Natur, gegen das Gestern, gegen das Dasein derer „im Schlamm“ durch die „Himmelsmenschen“ vorgeführt. Nie kann man diesen Kampf gewinnen, da man letztlich einen Teil von sich selbst trifft. Den Himmel kann letztlich nur der berühren, der aus der Erde, der Verbundenheit, aus den Wurzeln seine Kraft und sein Wachstum schöpft.
So wie die außerirdischen Eingeborenenen die irdischen Eindringliche als „Himmels-menschen“ beschreiben und somit deren Einseitigkeit der Überbetonung der Ratio meinen, so begreift Jake auch anhand seiner Behinderung, die ihm erst den „Job“ als Führer eines Avatars verschafft hat, dass sein Mangel ihm sehr viel zu geben in der Lage ist: die Entwicklung eines veränderten, nicht einseitig „solaren, maskulinen“ Bewusstseins, (um mit der archetypischen Psychologie zu sprechen), geschieht über Erfahrungen mit seiner Physis, eingebettet in ein Umfeld, dass ihm die Möglichkeit gibt, sich auszuprobieren. Nicht wildes Ausagieren ist hier gemeint, sondern bewusste Auseinandersetzung mit seiner Welt, die nicht bewusstlos konsumiert, sondern der achtsam, auch im Kampf, bei der Jagd, in der Tötung begegnet wird.
An Colonel Quaritch darf Jake auch seinen inneren Kampf austragen, der ihn schließlich seinen früheren Kriegerstolz überwinden lässt, als ihm dessen hohle Begründungen bewusst werden. Und das geschieht in der persönlichen Begegnung mit etwas in ihm, was ihm anfangs noch gar nicht klar ist. Die fliegenden Sporen des heiligen Baumes jedoch erkennen schon früh sein Potenzial...
Wenn Jakes Partnerin Neytiri nach innerem Kampf den Bogen wieder sinken lässt, dann weil sie nur so weiterleben kann, anders als Quaritch, der mit seiner Härte letztlich auch sich selbst zu Fall bringt. Die Umsetzung dieser inneren Entwicklungsbilder in filmische Gegenwart ist manchmal grandios gelungen.
So wie sich Jack von seinem früheren Status des militärischen Helden, der für die hohlen Ziele der Selbstbereichung Anderer kämpft, löst, so nimmt in ihm der mit der Schöpfung verbundene für höhere Ideale Kämpfende langsam immer mehr Raum ein. Dass dies ein Prozess ist, der Angst und Trauer auslöst, der es erfordert, lange mit innerer und äußerer Heimatlosigkeit und uneindeutigen Fronten leben zu können, spiegelt sich auch im an- und abschwellenden Misstrauen seiner indigenen Freunde wider. Jake erkennt diese als diejenigen, die wir werden könnten, nicht die, die wir waren. Cameron findet starke Bilder für diese neue Sichtweise: es geht nicht um ein „zurück zur Natur“ im Sinne einer Rückentwicklung des zivilisatorischen Prozesses, eines Abbaus dessen, was ist, ein Wiederaufleben von mittelalterlichen oder gar frühzeitlichen Verhältnisses. Es geht um einen Entwicklungssprung, den die Menschheit machen muss, sollen nicht viele leiden. Es geht um die Versöhnung des Geistes mit seiner Natur.

Auch im letzten Bild von Avatar wird noch einmal die Cameron´sche Lösung für die Überwindung der Krise unserer Zivilisation nahegelegt. Es überrascht nicht, dass sie in vielen Mythen der Menschheit niedergelegt ist. Camerons Werk bebildert nur einmal auf Neue, dass die „sterbende Welt“, also unsere malträtierte Erde, nur überleben kann, wenn sich deren Lebewesen auf ihre Endlichkeit einlassen und ihre Grandiosität fahren lassen. Dieses Einlassen ist möglich, nachdem Jake realisiert hat, wie sehr er eingebunden ist in die Kreisläufe der Natur.
Wiederum: Dies nicht als regressive Schönfärberei sondern als Anerkennung, dass Kampf und Todesgewissheit Teil des Lebens sind und die Würde des persönlichen Weges, des Arbeitens an diesen Mächten dieses so erst wertvoll machen.
Die alte Hülle muss aufgegeben werden und betrauert werden und es gibt keine Garantie, dass der Übertritt in die neue Welt gelingt. Als Jack sich schließlich entscheidet, seine Seele der höheren Macht zu überantworten, muss er riskieren, dass sie sich nicht mehr in der Gestalt seines Avatar verkörpern wird, er muss dem Tod ins Auge sehen, um wahrhaft neues Leben zu erhalten. Er muss sich stellvertretend von seiner Entfremdung entfremden, seine hiesige Identität zugunsten von etwas Größerem aufgeben können. Assoziationen zur christlichen Passion sind wohl nicht zufällig...
Es geht um die Frage, wie ein neues Bewusstsein erreicht werden kann. Im Avatar stehen die Na`vi für den neuen Mensch, der ein Gefäß sein kann für den Menschen, Altes und Neues miteinander zu verknüpfen, zu integrieren.
Überall gibt es diese Netzwerke, in den Wurzeln der Bäume auf Pandora, in den Verknüpfungen, die die Na´vi zu den anderen Lebewesen dort herstellen können, alles ist Teil eines größeren Bewusstseins, miteinander verschränkt. Das Gute ist dort eben nicht nur das Gute, das Böse nicht nur das Böse, sie wandeln sich, je nachdem, wie man zu ihnen steht, ganz wie im menschlichen Individuum. Insofern stimmt nicht, dass diese Geschichte eine simpel gestrickte ist, das ist wohl eher Ausdruck der dominierenden Quaritch´schen Weltsicht.
Aus der Asche des Lebensbaumes, des „Heimatbaumes“ der Na´vi entstiegen findet Jake den Mut, seinen Phönix zu treffen – es ist der riesige, drachenähnliche Flugsaurier Turuk, der in den Farben der Hölle schimmert. Dieser Hölle blickt der Held des Filmes stellvertretend für alle in die Augen, um das Schicksal zu wandeln. Er findet seinen Mut belohnt mit der Bereitschaft der Clans, sich im Kampf dem möglichen Tod zu stellen – für ein hohes Ziel. Dass der unwahrscheinliche Sieg der „Wilden“ über die technisch überlegene Armee auch der Selbstmordattentäter unter den Flugsauriern bedarf, ist eine pikante Randnotiz. Sie verweist auf die oben kurz skizzierte Lebensfeindlichkeit einseitiger Ideologien, aber auch auf die heikle Grundfrage, was man für Ideale zu tun bereit ist.
Das Eigentliche ist unsichtbar – diese Weisheit ist alt und sie führt uns nicht nur mit Jake zu den für uns kaum mehr verstehbaren geheimen Ritualen der indigenen Einwohner Pandoras, sie führt uns zu Fragen, was uns im Inneren zusammenhält, was uns, in dieser Welt am Leben hält. Die grandiosen, ja furiosen Bilder von Avatar dürfen von uns sozusagen als genau die Übung, derer wir am meisten bedürfen, verstanden werden und nicht als das, was sie zu sein scheinen: Mit seiner visuellen Opulenz führt uns Cameron an eine fast schmerzhaft schöne Grenze und lässt uns gleichzeitig auf etwas ganz Neues hoffen: in der Filmtechnik und hinsichtlich der Verwirklichung von Idealen, was im Avatar zusammenfiele. Angesichts des noch nie Gesehenen wird der Sinn für das Erstaunen, die Neugier, die Achtung, die Demut ins Bild gesetzt, in dem der Autor diese Affekte in uns weckt. Er will wohl sagen: auf diesem Weg geht es weiter...

Volker Münch