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Die Piratenpartei - Ein Plädoyer für die Anonymität im Internet

Immer wieder wird die Forderung erhoben das Netz zu zivilisieren, indem die Anonymität dort abgeschafft wird. Die wenig netzaffinen Vertreter dieser Forderung stellen es sich etwa so vor: unter jeder Graffiti steht der Name des Sprayers. Wie wäre ein Internet, in dem alles öffentlich und unter Nennung von Name und Wohnort stattfindet? Ein erdachtes Drama in 12 Akten.

Januar: Eine Mail eines Rechteinhabers erreicht mich:
Sehr geehrter Herr Renner, am 15.01. luden Sie ein urheberrechtlich geschütztes Musikstück (Hummelflug gespielt von Helmut Zacharis) herunter. Im Rahmen eines vereinfachten Mahnverfahrens überweisen Sie 10.000 EURO auf das Konto ..... Nun ja, ich leugne ja nicht. Die 10.000 EURO habe ich nicht, ich muss wohl meine Rentenversicherung beleihen.

Februar: Eine Mail meines DSL-Providers:
Sehr geehrter Herr Renner, am 15.02. suchten Sie nach der IP-Adresse für www.dickdarmkrebs.de. Kennen Sie bereits unsere Partnerunternehmen www.internetapotheke.org und www.patientenverfügung.de? Nutzen Sie noch heute unsere leistungsstarke Internetinfrastuktur und besuchen Sie diese Seiten.
Die Mail wird gelöscht. Meine Erkrankung geht keinen etwas an!

März: Auf der Strasse lauern mich 5 junge Männer mit kahlgeschorenem Schädel auf. Einer erkundigt sich nach meinem Namen. Dann verprügeln sie mich 10 Minuten lang mit Baseballschlägern. 10 Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkommen. Beim Gehen raten sie mir, in Internetforen mit Äusserungen wie geistigen Brunnenvergiftern und brauner Abschaum vorsichtiger zu sein. Ich kannte keinen von ihnen. Auf der Polizeiwache zeigte man wenig Interesse an einer Strafverfolgung. So etwas passiere derzeit öfter. Aber die Polizei weiss ja nicht wer sich sich gerade in welcher Strasse aufhält.

April: Ein Bussgeld vom Ordnungsamt: ich hätte einen schlafenden Polizisten am Bahnhof fotographiert und das Bild ins Netz gestellt. Sie werten das als Beleidigung einer Amtsperson. Ausserdem sei Fotografieren am Bahnhof aus Sicherheitsgründen grundsätzlich untersagt. Nun ja, das wusste ich schlicht nicht. Ein Erstverstoss mit 50 EURO wirft mich nicht wirklich um.

Mai: Ein Päckchen eines Weinhändlers wird geliefert. Im Begleitschreiben steht:
obwohl Sie bei Ihren unzähligen Besuchen auf unserer Webseite nichts bestellten sind wir sicher, dass die geschickten Weine Ihren Geschmack treffen.... Falls ich wider Erwarten kein Interesse habe kann ich die Weine innerhalb einer Woche unfrei zurück schicken. Das ist doch mal nett!

Juni: Eine Mail eines Rechteinhabers:
Sehr geehrter Herr Renner, am 01.06. luden Sie einen urheberrechtlich geschützten Film (Die Buddenbrooks (1959)) herunter. Im Rahmen eines vereinfachten Mahnverfahrens überweisen Sie 150.000 EURO auf das Konto ..... Als ich wieder Luft bekomme deinstalliere ich den ktorrent von meinem Rechner. Dann setzt das Denken wieder ein. 150.000 EURO sind verdammt viel Geld für so einen ollen Schinken. Bei der Rentenversicherung ist nichts mehr zu holen. Der Markt für Nieren ist kollabiert seitdem die Anonymität im Internet abgescchafft wurde. Dank meines Verhandlungsgeschicks einigen wir uns auf Ratenzahlungen.

Juli: virtuelles Hausverbot auf den Webseiten eines Boulevardblattes. Sie hatten mich bereits vor Monaten darauf hingewiesen, dass die hohe Qualität der Artikel nur mit genügend Abonnenten gewährleistet werden kann. Beim Aufruf werde ich nun mit Namen begrüsst. Doch der Zugang wird unterbunden, da ich nur Kosten verursache, jedoch noch immer kein Abo abgeschlossen hätte. Egal, ich kenne mich gut mit Netzwerken aus. Ein chinesischer Proxyserver ermöglicht mir den anonymen Zugang. Aber Mist: nur Artikel über die Schönheit Tibets, die Fortschritte beim Ausbau der Infrastruktur dort sowie ein Artikel über eine angebliche Drogenaffäre in Taiwans Regierung sind zu sehen.

August: Wieder kickt mich ein Nachrichtenportal. Ich sehe nur eine wegen dringender Wartungsarbeiten ..... Fehlermeldung. Meine Frau kann die Seite erreichen. Nun ja, sie war schlauer als ich und folgte der Aufforderung hin und wieder einen dieser Werbelinks zu klicken. Ich finde mich dank meiner Starrsinnigkeit solcher Blödsinnswerbung nicht zu folgen nun also auf der anderen Seite des digitalen Grabens. Es hat aber auch etwas schönes: Abends liest mir meine Frau nun die Nachrichten vor.

September: Ein Brief (auf Papier!) eines Anwaltes ich hätte (ja, ich habe) in meinem Blogeintrag die Stadt Gabelburg erwähnt. Diese sei jedoch nicht existent, sondern Erfindung ihres Mandanten und deswegen sein geistiges Eigentum. Die Forderung ist halbwegs moderat, doch der Urlaub fällt aus.

Oktober: beim Aufruf meiner liebsten Suchmaschine kommt statt der gewohnten Suchzeile ein bildschirmfüllendes Popup:
Sehr geehrter Herr Renner, unlängst suchten Sie nach Begriffen wie intelegent, Emfehlung und dähmlich.... Sie verweissen auf das Angebot eines Verlages für Lexika, die speziell für Menschen wie mich gemacht werden. Ich klicke jeden der Links an, mich verlässt der Mut es zu ignorieren.

November: Das Unternehmen in dem ich arbeite geht auf unverantwortliche Weise mit Giftstoffen um, gefährdet damit die Gesundheit der Angestellten sowie die der Kunden. Eine Anzeige wage ich aus Angst um meinen Arbeitsplatz nicht. Ich lote die Möglichkeiten aus anonym auf die Misstände aufmerksam zu machen. Telefon scheidet aus, Internet scheidet aus. Ich reisse ein Blatt Papier aus einem 30 Jahre alten Schulheft und bringe meine Vorwürfe mit dem Füller zu Papier. Das Blatt werfe ich in den Briefkasten der Staatsanwaltschaft. Später erfahre ich, dass anonyme Anzeigen schon lange nicht mehr verfolgt werden.

Dezember: Eine Mail meines Internetproviders. Sie informieren mich darüber, dass mein Ranking bei der iSchufa, die Organisation welche die Lohnenswertigkeit eines Interntnutzers bemisst, in den negativen Bereich abrutschte. Deswegen werde mein Internetzugang noch heute gesperrt. Es gelingt mir noch eine Mail an den Provider zu schreiben in dem ich darlege, dass eine Abschaltung meines Internetans

Teil 1 erschien am 26.04.2009: Die Piratenpartei. Weit mehr als eine Milieupartei!
Teil 2 erschien am 03.05.2009: Die Piratenpartei. Kein Name wie ihn sich die Schwiegermutter wünscht!
Teil 3 erschien am 10.05.2009: Die Piratenpartei. Das Imperium schlägt zurück
Teil 4 erschien am 18.05.2009: Das Dilemma der Kleinparteien
Teil 5 erschien am 24.05.2009: Seid Piraten und spielt Robin Hood - Wie funktioniert die staatliche Parteienfinanzierung?
Teil 6 erschien am 31.05.2009: Die Piratenpartei. Vom möglichen Ende der Politikverdrossenheit.
Teil 7 erschien am 07.06.2009: Die Piratenpartei - keine Verschwörungstheoretiker
Teil 8 erschien am 14.06.2009: Die Piratenpartei - Widerstand ist machbar
Teil 9 erschien am 21.06.2009: Die Piratenpartei - was soll nur aus dieser Jugend werden?
Teil 11 erscheint am 05.07.

Leser-Kommentare

28.06.2009 um 13.12 Uhr
1. Sehr schön

Nur mit solchen anschaulichen Beispielen kann man klarmachen, dass das Thema jeden angeht. Vielleicht überdenkt dann doch der ein oder andere mal seine bisherige Auffassung, "das brauche ich nicht" - "ich habe nichts zu verbergen" - "ich zeige mein Gesicht" - usw.

28.06.2009 um 13.27 Uhr
2. Stellen Sie Fallen? ... oder ist es scho

Ja, gut gewählte Szenen.... Ich hoffe, es lesen viele hier mit und gehen im Zweifelsfall nochmals in sich und überdenken ihre weniger kritische Haltung....

Bei der iSchufa kam ich gerade ins Grübeln, ob ich da mal wieder was verpasst habe (obschon um Aufmerksamkeit bemüht) und dieses Dingsbums auch schon wieder längst Wirklichkeit in der Realität all dieser Irrealität ist!? ... werde ich gleich mal googlen und schauen, ob ich Ihnen da sozusagen schon mal in die denkbare Zukunftsfalle gestolpert bin.

28.06.2009 um 13.35 Uhr
3. Es gibt sie also (noch) nicht!

Laut google - und DIE müssten es doch nun wirklich wissen - gibt es also die ischufa noch nicht.

Wäre es nicht ein gag, damit die Piratenpartei zu finanzieren?

Ich meine: damit schlagen Sie mehrere Fliegen auf einmal .... aber das muss ich ja jetzt sicher nicht erklären :-)

Schaunmermal, wer also mit der offenbar von Ihnen kreierten ischufa demnächst die Gelder einsackt....

... also gegönnt hätt ich es Ihnen ja schon! Und vielleicht hätte man mit diesem System dann aber noch ganz andere sinnvoll-clevere Dinge machen können, auch wenn sich die Geldgeber später dabei ein wenig verarscht vorgekommen wären...

... gelungene Schildbürgerstreiche der futuristischen Machart wären mir da denkbar. Genaugenommen doch ein Supermarkt unwahrscheinlicher Möglichkeiten für die technisch Intelligenten und Kreativen (wozu ich leider nicht gehöre), das System vor allem mit sich selbst aus den ANgeln zu heben...

.... oder?

28.06.2009 um 14.09 Uhr
4. Die Wirklichkeit übertrifft immer die Sa

"Three strikes" in Neuseeland, Frankreich, Australien sind schon so Ideen, die nicht aus dem Reich der Satire stammen, wo man sie als eigentlich ansiedeln sollte.

Na und dass "unsere Politker" wieder mit dem Finger auf Iran und China zeigen und ohne jede Scham das Wort "Zensur" in den Mund nehmen, ist doch nun wirklich besser als jede Satire.

Ich glaube, Satire zu machen, die nicht von der Wirklichkeit überholt wird, dürfte verdammt schwer zu machen sein.

--

Zensur findet nicht statt

28.06.2009 um 14.43 Uhr
5. Der Bruder

Ich glaube, Satire zu machen, die nicht von der Wirklichkeit überholt wird, dürfte verdammt schwer zu machen sein.

Ja, das stimmt schon.... und in gewisser Weise und mancher stillen Minute muss ich - sorry - über das ganze Affentheater lachen, dass die Menschheit da mit sich selbst kreiert. Ein wenig später geht es dann in stilleres, besinnteres Lächeln über.

Denn wir schaffen uns ja selbst diese WIrklichkeiten, über die wir uns aufregen, über die wir lachen, unter denen wir leiden oder andere leiden lassen - und sind absurd genug bei und mit all unserer Intelligenz, uns zugleich für "nicht zuständig" zu erklären.

Die Menschheit und jeder einzelne von uns hat noch verdammt viel zu lernen und das auch gefälligst im Leben umzusetzen - und nicht nur zu theoretisieren. Aber ein innerer Abstand, der sich gedanklich hin und wieder auch über die Dinge stellt und sie zugleich zu sein, ist ein hilfreiches Mittel in dieser grotesken Situation wie Dimension seinen geradezu göttlichen Humor nicht zu verlieren.

... Aber der ist Hilfsmittel und engster Bruder des dann auch notwendigen Ernstes. um diesen schönen Planeten wieder lebenswert für alle zu machen!

28.06.2009 um 16.57 Uhr
Zapp54
6. Ich miete mir das Google-Mobil.......

Bei Disputen gewinnt immer der Optimist (Hermann Hesse) *gg*

und fahr ma ein paar Strassen ab bei meinen Rotten-Neighbours.

Das Mobil ist für 19,99 E per Day zu mieten und bringt ne Menge Spass.

Konto-Ausspähungen mit 6 Millionen Pixel pro Pic sind da in EchtZeit machbar beim NachBar - die Daten stell ich meistbietend ins Web.

Ich bin totaly AnoNym, da ich noch nicht gescannt bin und keinerlei elektronischer Innereien besitze.

Wer meine Dienste in Anspruch nehmen will, stecke mir einen Cassiber.

Ommmmm*

28.06.2009 um 17.41 Uhr
—Thomas Karlegger (nicht überprüft)
7. Gut getroffen!

ich finde Ihren Artikel sehr gut! Er verleitet zum lachen und zum weinen :-)

Dr. Thomas Karlegger

28.06.2009 um 19.04 Uhr
knuham
8. die sog. Kulturflatrate wird mir auch ke

plausibel machen können, ansonsten gibt es durchaus Anknüpfungspunkte um zu verhindern, daß sich politische Inkompetenz und Bevormundung des NETZes bemächtigt. MfG ________________

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