Leserartikel-Blog

Eine Entscheidung der Kanzlerin

Ich lehne mich hier weit aus dem Fenster und behaupte einfach mal, dass das doch wohl ein jeder weiß:

Wir alle sind, wie auch unsere Kanzlerin, freie Menschen und wir treffen in beinahe jedwedem Augenblick unseres Lebens mannigfache Entscheidungen und wählen meistens sogar die "richtigen“. Dabei greifen wir überwiegend auf Erlerntes oder Erfahrenes zurück. Der Begriff „Erfahrungsschatz“ passt meiner Meinung nach in diesem Zusammenhang sehr schön. Wenn dieser Schatz vermehrt wird, macht dieses uns unter Umständen sogar jedesmal ein wenig glücklicher und bereichert unser Leben.

Im Kleinen und Privaten geht es häufig einfach nur darum, ob nun die Himbeermarmelade auf diesem Frühstücksbrötchen gerade besser schmecken würde oder doch der geräucherte Lachs. Andererseits gibt es freilich im Leben Entscheidungen, die eventuell unsere gesamte Lebensplanung betreffen. Diese umfangreicheren Entscheidungen benötigen in ihrer Abwägung üblicher Weise etwas mehr Zeit.

Ich vermute jedoch, dass im menschlichen Zusammenleben tatsächlich vielfach eine Geste, ein Wort oder auch nur ein Blick genügt und das Leben des Einzelnen oder gar gesamter Menschengruppen wird radikal verändert. Bis hin zum Leben ganzer Völker, das sich plötzlich, wegen des Kopfnickens eines Despoten, in höchste Not gebracht sieht. Eine verneinende Geste bei Verhandlungen in Demokratien beispielsweise, kann tausende Menschen in Afrika in Hungersnöte oder in ganz andere, eventuell gar bis hin zu akut lebensbedrohliche Situationen bringen. Das diese Entscheidungen anschließend Kraft schriftlicher Erklärungen oder in Verträgen ausformuliert festgehalten werden, sei hintangestellt.

Dass uns das Leben prägt, ist ein alter Hut. Wir Menschen sind möglicherweise am Ende die Summe aus all unseren Erfahrungen und wir lieben und benötigen es anscheinend nachgerade, wenn diese Erfahrungen wieder und wieder bestätigt werden. Wie man hört, verlangen in vielen Fällen sogar die negativen Erkenntnisse besonders nach positiver Bestätigung.

Über die Jahrtausende menschliche Entwicklungsgeschichte wurde im Miteinander unterschiedlichster Kulturen, vorwiegend jedoch mit unseren Nächsten, herausgefunden, welches Verhalten in einer entsprechenden Situation angebracht ist und was man sagt oder tut oder was man auch besser unterlässt. Und auch da hat der Einzelne in jeder Generation wiederum, zusätzlich zum Beigebrachten oder Abgeschauten, ganz spezifische Erfahrungen gemacht, die es für ihn zu bewahren gilt. Manchmal ist es nicht gar so wichtig oder es geschieht wie nebenbei. Dann wiederum, zuweilen für Außenstehende völlig unverständlich, gehen Menschen mit sehr hohem Einsatz daran, ihre gemachten Erfahrungen zu bekräftigen, sie zu verteidigen und sie aufrecht zu erhalten. Das geht unter Umständen bis hin zur Verzerrung der realen Gegebenheiten.
Denn "Rechthaben" hat sicherlich auch des Öfteren etwas mit dem Gefühl, „richtig“ zu sein, zu tun. „Richtig“ im Sinne von passend oder fehlerfrei und „richtig“ im Sinn von voll und ganz gegenwärtig sein.

Als Person haben wir vernünftiger Weise im Laufe unserer Lebensjahre unüberschaubar viele Erfahrungen gesammelt, auf die wir bei Bedarf, bewusst oder des Öfteren wohl unbewusst, zurückgreifen können. Diese erlebten Erfahrungen machen meines Wissens einen Großteil der Basis für unser individuelles Wertesystem aus.
Und jede weitere „richtige“ Entscheidung -das ist ausschließlich die, die unsere Erfahrung bestätigt- wird gewöhnlich mit einem guten Gefühl des „erfolgreich“ und des „richtig“ seins belohnt und verstärkt. Dies gilt im Alltag ganz offensichtlich für die Lösung von Rätseln und Fragen aller Art, wie wir sie wöchentlich bei den beliebten Millionärs - Quizfragen im TV sehen können, bei sportlichen Herausforderungen, auch in Diskussionen, beim Flirten und besonders beim Essen greifen wir auf Erfahrungen zurück, die wir gern auf die eine oder andere Art bestätigt haben wollen. Dabei geht es sicherlich nicht vorrangig allein um die persönliche Erfahrung, nein, besonders großartig fühlt es sich mit einer Bestätigung von Außen, also einer Zustimmung durch unsere Mitmenschen an. Dies gilt, so meine Annahme, wahrscheinlich insbesondere für unsere, so sehr auf öffentliche Wirksamkeit angewiesenen, PolitikerInnen.

Wie Anfangs erwähnt, fühlen wir uns in unseren Entscheidungen wohl überwiegend frei und sind zudem ausgestattet mit viel Entwicklungspotential. Zudem könnte ich einer Theorie folgen, die behauptet, dass sich unsere Lebensspanne aus einer endlichen Anzahl von großen und kleinen Entscheidungen zusammensetzt oder ergibt. Im Grunde mögen wir aber, vermutlich je größer der persönliche Erfahrungsschatz geworden ist oder aber je älter wir werden, keine wesentlichen oder grundsätzlichen Veränderungen mehr. Dann verteidigen wir unseren Schatz bisweilen vehement und mit allen Mitteln. So wie einst der edle Ritter im Märchenbuch, der für sein Gold und seine gehorteten Edelsteine gekämpft hat. Denn unsere Erfahrungen haben immerhin bisher zu unserem Überleben beigetragen und das mögen sie bitte auch weiterhin unbeschadet tun.

Frau Merkel hat sich anscheinend mittels ihrer Erfahrungen irgendwann entschlossen, im Zweifel so zu entscheiden, dass sie möglichst weiterhin und überdies so lange wie irgend möglich Bundeskanzlerin sein kann.

Auch ich habe mich auf Grund meiner langjährigen Erfahrungen entschieden:

Ich wähle bei Gelegenheit einfach etwas Anderes.