Leserartikel-Blog

Gerechtigkeit für den Mann

Er war ein Kämpfer. Und so hatte er nach Jahren schließlich doch noch Karriere gemacht. Der Weg war schwer genug und manches Mal auch sehr verletzend und so hatte er wohl die eine oder andere Narbe in seiner Persönlichkeit davongetragen. Ausdauernd um eine feste Anstellung zu kämpfen, um dann doch unverständlicherweise wiederholt abgewiesen zu werden, das kostete ihn über all die Jahre viel Substanz und belastete außerdem das Familienleben zeitweise bis aufs Äußerste. Aber er hatte alles daran gesetzt und nun endlich, mit 44 Jahren, war er verbeamtet. Auf einer recht gut dotierten Lebensstellung.
Er musste jedoch seine heimatverbundene Frau noch von einem Umzug in die 400 Km entfernte Großstadt überzeugen. Sie waren seit nunmehr dreizehn Jahren verheiratet und sie hatte ihre Freiberuflichkeit in den letzten Jahren hintenan gestellt, um für Haus und Hof und für den mittlerweile 9jährigen Sohn zu sorgen. Und sie verfügte über ein Jahrzehnte lang gewachsenes soziales Netz, welches sie nicht so ohne weiteres bereit war aufzugeben.

Immerhin hatte sie sich jedoch schon um die hundert Hausangebote im Internet angesehen und sie waren zwischenzeitlich mehrfach gemeinsam an seinen neuen Arbeitsort gereist, wo sie sich als Architektin auch einige der in Frage kommenden Häuser in dieser Region angeschaut hatte.

So nahm er sich eine Zweitwohnung und pendelte etwas über ein Jahr mit der Bahn zwischen den beiden Orten. Da er etwa sechs Monate Semesterferien hatte und ansonsten eine 3-4 Tage Woche, ließ sich das ganze erst einmal einigermaßen bewerkstelligen. Er gewann nach und nach ein wenig mehr Sicherheit im Beruf und auch Gefallen an der neuen Stadt.
Irgendwann war er sehr genervt. Von der Fahrerei und von seiner unlustigen Frau. Sie war im Alltag ganz gut organisiert, kümmerte sich mit leichter Hand um die Vermietungs- und Bankbelange, Haushalt, Auto und Büro. Zudem betreute sie das Kind sehr liebevoll und unterstützend und war unter anderem als Elternsprecher außerdem engagiert für die Schul- und Hortbelange. Beruflich entwickelte sie sich jedoch nicht erkennbar weiter und ohnedies lief zwischen ihnen auch schon länger nichts mehr. Er hatte einige Versuche gestartet, sie mal wieder für ihn zu interessieren. Hatte ihr zum letzten Weihnachtsfest relativ teure Geschenke gemacht. Pures Kaschmir und superfeine gekämmte Baumwolle. Sich auch eines Abends auffordernd neben sie ins Bett gekuschelt und ihr bei anderer Gelegenheit freundlich die Hand auf den Unterarm gelegt. Aber ihre Reaktionen waren nicht so wie er es erwartet hatte. Sie reagierte jedesmal fast so, als könne sie es nicht glauben. Überdies konnte er ihr, wie er schon in den vorangegangenen Jahren bemerkt hatte, nicht mehr aufmerksam zuhören. Sie hatte regelmäßig ihren Computer in Betrieb und bewegte sich häufig im Internet und war infolgedessen eigentlich gut informiert, aber Ihre Weltsicht und ihre Gedanken hielt er für ziemlich lebensfremd. Er vermisste außerdem ihre Anerkennung und Begeisterung für seine Leistungen. Und da ihn von je her ein wesentlich schnellerer Lebensrhythmus leitete, war er bezüglich seiner Frau gegenwärtig manchmal noch ungeduldiger. Er war einfach zu enttäuscht und absolut unzufrieden mit der bestehenden Situation. Er wünschte sich zu seinem endlich erreichten Berufsziel, nun auch sein Traumfamilienleben. Doch seine ohnehin behutsame und nachdenkliche Frau machte nicht den Eindruck, als könne sie alsbald von einer Veränderung oder einem Neuanfang überzeugt werden.

Als es ihm mal wieder vollkommen reichte, drohte er mit Trennung. Er wollte allerdings seinen Sohn nicht verlieren und ihn am liebsten mitnehmen.

Bei Gelegenheit beriet er sich telefonisch mit einer langjährigen Freundin aus Süddeutschland. Die lebte schon länger alleinerziehend mit ihren zwei Kindern. Sie sagte er solle sich unbedingt ab sofort aufs intensivste um das Kind bemühen. Kleine Geschenke und Extras und möglichst viele gemeinsame und schöne Unternehmungen wären jetzt wichtig. Und ein intensives Bild von einer schönen Zukunft in der neuen Stadt müsse er dem Kind vermitteln. Dort eine eigene Wohnung zu beziehen, wäre unbedingte Voraussetzung. Ebenso solle er auf jeden Fall die Konto und Bankgeschäfte wieder selbst übernehmen und ihr gleichzeitig den Zugriff unmöglich machen oder zumindest erschweren. Und wenn möglich auch versuchen, das Jugendamt mit einzubeziehen. Da gäbe es mittlerweile gut ausgebildete Berater, die seine Situation nachvollziehen könnten und ihn sicherlich unterstützen würden. Er solle nur eine Strategie entwickeln. Gute Argumente wären zum Beispiel, das bisher nicht eingehaltene Versprechen des gemeinsamen Familienumzugs und außerdem gehöre ein Sohn in dem Alter doch schon eher zum Vater.

So reifte in ihm innerhalb kurzer Zeit ein Entschluss. Mit dem Wissen um Strategien und einiges an Projektmanagementkenntnissen ging er die Sache an.
Ab sofort brachte er seinem Sohn bei jeder Heimkehr einige DVDs oder andere schöne Dinge mit und verbrachte zudem konsequent jede freie Minute mit seinem Kind. Sie unternahmen überdurchschnittlich viele und aufregende Dinge. Und er richtete es so ein, dass diese nach Möglichkeit ohne die Mutter vonstatten gingen. Fast an jedem Wochenende waren sie zu zweit unterwegs und malten sich immer mal wieder eine gemeinsame schöne Zukunft aus.
Alsbald suchte er, nicht wissend was ihn erwartete, den Kontakt zum Jugendamt. Und tatsächlich wurde er dort schon während des ersten Gesprächs freundlich und fürsorglich behandelt und seine Wünsche wurden auch verstanden. Er beklagte seine Aussichtslosigkeit gegenüber den Positionen seiner Frau und es flossen unkontrolliert ein paar Tränen ob seiner Hilflosigkeit. Es wurde ihm jedoch Hilfe zugesagt. Er solle doch einen gemeinsamen Mediationstermin mit seiner Frau im Jugendamt vereinbaren.
Und seine Frau ging wie selbstverständlich zu diesem Termin mit. Zuversichtlich wie immer. Sie weigerte sich zwar, eine Trennung als Ausgangsstatus für weitere Gespräche zu Akzeptieren und widersprach, für ihre Verhältnisse recht vehement, als ein Umzug unseres Sohnes zu ihm in die entfernte Großstadt zur Sprache kam, aber sie wollte trotzdem an einer weiteren Besprechung teilnehmen.
Er schlug ihr weitere Mediationsmöglichkeiten vor. Sie ging jedoch nicht ernsthaft darauf ein. Zufällig stellte sich dann heraus, dass sie einen Beratungstermin, bei einer ursprünglich von ihm zur gemeinsamen Mediation vorgeschlagenen Anwältin, in Anspruch genommen hatte. Er war darüber ziemlich sauer und stellte sie zur Rede. Sie sah es jedoch als ihr gutes Recht an, sich im Rahmen einer Trennungsmediation auch rechtlich beraten zu lassen und sie sei tatsächlich zufällig an gerade diese Anwältin weitervermittelt worden. Es war einfach unglaublich.
Umgehend nahm er sich nun, auf Empfehlung eines Kollegen, auch sogleich einen Anwalt. Der war zwar recht kämpferisch, leider kamen jedoch bei einem gemeinsamen Anwaltsgespräch keinerlei Fortschritte dabei heraus und er suchte sich alsbald einen anderen, bekannten Fachanwalt für Familienrecht. Der überzeugte ihn davon, doch keine weitere Mediation zu versuchen, sondern direkt das Gericht mit einzubeziehen, um eine Klärung zu erlangen. Zusätzlich riet er dazu, doch den Wunsch des Kindes mehr in den Vordergrund zu stellen. Er war erstaunt, wie viel Unterstützung er erfuhr, wollte er doch immerhin seine Frau verlassen und zudem das gemeinsame Kind als Alleinerziehender in eine fremde Stadt und eine neue Schule, ein unbekanntes soziales Umfeld, mitnehmen. Auch eine gerichtlich eingeschaltete Familienberatungsstelle unterstützte ihn überraschend eindeutig in seinen Belangen und nahm den Wunsch seines Sohnes, das gewohnte Leben hinter sich zu lassen und mit ihm gemeinsam etwas Neues zu beginnen, als maßgeblich an und überzeugte damit im weiteren Verlauf auch das Gericht. Der Richter stellte nun seine Frau vor die Wahl, dem Umzug des Sohnes protokollarisch zuzustimmen oder aber das bisherige gemeinsame Sorgerecht anschließend neu auszuhandeln und dann eventuell auch dieses noch zu verwirken.
Er nahm an, sie würde zumindest nun ihre Ruhe verlieren. Sie verhielt sich jedoch überraschend souverän. Sie äußerte ihre Unzufriedenheit, denn sie hatte sich all die Jahre gekümmert und angenommen, sie sei die Hauptbezugsperson für das Kind und nun hatte der gemeinsame Traum von Familie eine solche Entwicklung genommen. Mehr oder weniger notgedrungen gab sie sich letztendlich einverstanden und willigte ein.

Er hatte gekämpft und sich durchgesetzt. Gottseidank hatte sich die Rechtsprechung nach so vielen Jahren der gesellschaftlichen Entwicklung angepasst.
Es war das Ende seiner bisherigen Familienkonstellation. Er spürte, er brauchte sie nun tatsächlich nicht mehr. Der Rest war eine Frage der Organisation.