Busfahren in Montevideo im Winter
Morgens viertel vor neun, gerade noch die Sonnenbrille aufgesetzt und die Jacke zugezogen, da fährt auch schon der erste Bus vorbei. Naja, der nächste kommt wohl gleich. An der Bushaltestelle herrscht reges Schweigen, die Leute verkriechen sich hinter dicken Wollschaals, Mützen und Hüten, während der morgendliche Fahrzeugwurm alter zusammengeschusterter Karossen samt Pferdekutschen zwischen überlaut knatternden Mopeds sich durch die Straßen zwängt, an der Ampel immer einen Fuß auf dem Gaspedal um als erster wegzukommen. Das Kuriose dabei ist, das weniger die eigene Ampel dabei betrachtet wird, sondern die des querlaufenden Verkehrs, denn schaltet diese auf Gelb, heißt das für die Mehrheit grün für sich selber, obwohl die eigene Ampel noch in tiefem Rot daher strahlt.
Jetzt, der nächste Bus nähert sich, was steht drauf „Cuidad Vieja“ spitze, den kann ich nehmen. Wie bei einem Fischschwarm, der wie bei einer einstudierten Choreographie die Richtung ändert, fahren die Hände aus den Jacken und Hosentaschen der Herumstehenden und zeigen zur Straße hinaus: Bus hält an! Leider schaffen es nur drei einzusteigen, da der Bus mal wieder bis in alle Ecken, nach Antreiben des Kassierers aufgefüllt wurde. Also warten auf die nächste Chance, oder, den Fußmarsch von 25 min antreten. Nun, „faah“, endlich habe ich es geschafft, der nächste Bus war zwar auch brechend voll aber auf der Treppenstufe stehe ich schon mal, nachdem ich nach alter Kavaliersart das Damengeschwader vorbeigelassen habe.
Im Bus gibt es immer zwei treibende Kräfte. Den Fahrer und den Kassierer, der Letztere, der von Spiegeln umgeben das Geld einzieht, die Straße, den Ein- und Ausstieg im Auge behält und den Fahrgästen zum ständigen Aufrücken und Zusammenrücken einheizt. Das hindert jedoch manche nicht bei der Nachbarin, die drei Stationen weiter vorne eingestiegen ist und einen Sitzplatz ergattern konnte, stehen zu bleiben, um das gestrige Soufflé, was in ihrem uralten Gasherd völlig in sich zusammen gefallen ist, zu belamentieren. Die Aufrückmanöver haben jedoch bei allen Teilnehmern dieser morgendlichen Abenteuerausfahrt ein einstudiertes kollektives Verhalten heraufbefördert.
Während die Sitzbänke für zwei Personen, in Fahrtrichtung zu beiden Seiten nach vorne blicken lassen, steht das Fußvolk Rücken an Rücken, mit Ausblick auf die vorbeirauschenden Fassaden und kahlen Bäume. Zu den jetzigen Jahreszeiten erscheint mir der Bus jedoch eher einem Durchlauferhitzer gleich. Vorne steckt man die Menschen rein, fährt sie zusammengekuschelt drei vier Blocks weit, um sie in der Zwischenzeit damit zu beschäftigen vom vorderen Einstieg rechtzeitig den Ausstieg am hinteren Ende des Busses zu erreichen, der sie dann hoffentlich rechtzeitig zurück in die kalte Luft befördert. Bei all der Nähe bleibt in den meisten Fällen die vor der Tür herrschende Kälte auch zum sich hinter schwarzen Sonnengläsern versteckenden fremden Nachbarn bestehen, und wird nur durch das laufende „Permiso“ ay „Perdon“ unterbrochen. „Permiso“ ist jedoch nicht die Bitte etwas mehr Platz zum Durchgang zu erhalten, sondern vielmehr die Ansage das gleich, bei aller erhaltenden Höflichkeit, sich Platz geschaffen wird. Dieses rege Treiben von vorn nach hinten schafft es jedoch zu keinem eigenen Lärmpegel sondern wird von der alles übertönenden Musik des Busfahrers begleitet, lediglich unterbrochen durch das refrainartige Gekrächzte des Kassierers, ob das bisschen Platz zum Nachbarn nicht doch noch ausreichen könnte zwei weitere Fahrgäste aufzunehmen. Beim ständigen Aufrücken und Vorbeigleiten des Hintermanns oder Hinterfrau, kommt es nicht etwa dazu, dass man sich den Kopf stieße, oder auf den Fuß träte, vielmehr reiben Arsch an Arsch die Fahrt über für den einen angenehm für den anderen unangenehm aneinander und wird nur dadurch aufgelöst, das sich die eine Stehschlange weiter bewegt während die andere stehen bleibt. In diesem Fall lassen sich die Vorbeiziehenden an der Anzahl der Hinternkontakte ausmachen solange, bis der nächste Popo hinter einem halt gemacht hat. Wenn man seltenerweise einmal ein Lächeln von seinem „Hinternüber“ erhält dann wohl deswegen weil er gerade ansetzten wollte zu sagen: „Permiso - Steigen Sie auch aus?“ „Ja“, und glücklicherweise habe ich es dieses Mal auch geschafft herauszukommen.
Sie wollen Winterurlaub machen? Kommen Sie nach Uruguay, bitte ja nicht im Sommer wo die Hochburgen Punta de Este & Co mit horrenden Preisen und attraktiven Stränden locken, kommen Sie im Winter nach Montevideo und fahren Sie Bus, das ist das wahre Uruguay, Montevideo hautnah, denn viel näher als hier werden Sie einem Uruguayer bei Ihrem Aufenthalt nie wieder kommen.
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Leser-Kommentare
Ihr Bus-Szenario kommt mir sehr bekannt vor, allerdings aus etwas wärmeren Gefilden, sprich: aus Mexiko-Stadt! Ein schöner Beitrag!