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Besserwisserei ist keine Hilfe, Ratschläge retten keine Leben

Ein Mann überquert nach einem harten Arbeitstag die Straße. Plötzlich wird er von einer Gruppe Streitsüchtiger angegriffen. Die Schaulustigen versammeln sich. Keiner greift ein, da man Angst hat, selbst Opfer zu werden. Anhand der Gesichtsausdrücke kann man die Gedanken ablesen.

Wie kommt er damit klar? Wird er überleben? Soll ich helfen? Kann ich helfen? Was könnte ich tun?

Bis jeder einzelne für sich entschieden hat, was wohl das Beste ist, liegt der Mann bereits bewusstlos am Boden. Er wird lange brauchen, bis er wieder aufstehen kann, bis er wieder bei Kräften ist.

März 2011, Japan. Ein Erdbeben nahe der Küste hat einen Tsunami ausgelöst, der weite Landstriche Japans überspült hat. Unzählige Häuser und Dörfer wurden vernichtet und etliche Menschen leben nun auf der Straße.

Doch damit nicht genug. Zwei der japanischen Atomkraftwerke wurden bei dieser Naturkatastrophe beschädigt. Durch die Nachbeben und den Tsunami wurde das Stromnetz Japans stark beschädigt. Die Kühlaggregate der AKW konnten nicht ausreichend mit Strom versorgt werden, um die Brennstäbe im Innern der Reaktoren herunter zu kühlen. Das Kühlwasser verdampfte langsam.

Kurz darauf explodierten die Schutzhüllen der Reaktoren, sodass diese nun freiliegen. Beschädigungen an den Reaktoren selbst lassen leichte Strahlung austreten. Zufällig liegen noch abgenutzte Brennstäbe herum, die bei bestimmter Hitze eine Kernschmelze eingehen könnten. Unglücklicherweise dreht der Wind, wodurch austretende Strahlung direkt in Richtung Tokyo getragen wird. Von dort aus würde die Strahlung weiter über China ziehen. Ein Großteil der Weltbevölkerung könnte Schäden durch die Strahlung bekommen. Nach neuesten Ereignissen beginnt langsam die Kernschmelze in den meisten Reaktoren. Die letzte Möglichkeit wäre, die Brennstäbe zu kühlen, um die Kernschmelze und den GAU zu verhindern.

Zufall oder Schicksal? Wer trägt die Verantwortung?

Um die Bevölkerung zu schützen, evakuiert die Regierung große Gebiete um die beiden Atomkraftwerke. Die Flüchtlinge leben zusammengepfercht und kämpfen jeden Tag ums Überleben. Durch mangelnde Hygiene und schlechte Bedingungen bilden sich Krankheiten, die sich zu Epidemien oder Seuchen ausweiten könnten. Wie lange werden diese Menschen noch überleben?

März 2011, Rest der Welt. Alle haben das Erdbeben, den Tsunami und die Folgen gespannt beobachtet und warten tagtäglich auf neue Bilder und Berichte der Geschehnisse.

Jeder stellt sich die Fragen: Wie kommen die Japaner damit klar? Werden sie überleben? Sollte ich helfen? Kann ich helfen? Was könnte ich denn schon tun?

Die Länder debattieren über Atomenergie. Die Gegner der Atomenergie schießen aus dem Boden und fordern den Ausstieg. Jeder sieht die Probleme der Atomenergie nun deutlicher als je zuvor. Angst breitet sich aus und beflügelt uns.

Die deutsche Regierung fiebert auf die kommenden Landtagswahlen hin und äußert sich nun auch zum Atomausstieg. Experten der ganzen Welt recherchieren, rechnen und analysieren. Sie stellen fest und vermuten. Keiner weiß, was passieren wird, alle spekulieren. Jeder hat einen guten Rat, doch niemand kommt, um ihn durchzuführen. Jeder kann seinen Senf dazugeben, doch niemand will selber versuchen zu helfen.

Es scheint wie ein Glücksspiel, in dem jeder seinen Einsatz gibt. Jeder will mitwetten in diesem Spiel mit ungewissem Ausgang. Alle wollen teilhaben und die Zukunft voraussagen können, alle wollen wissen, was morgen passiert. Keiner schafft es, sich aufzuraffen um zu helfen.

Wozu gibt es Bundeswehr und US-Army?

Es ist klar, dass Japan unmöglich die Katastrophe allein aufhalten kann. Es ist quasi nicht machbar, mit ein paar Hubschrauberladungen Wasser die Brennstäbe zu kühlen. Dafür wären unzählige nötig. Aber die gibt es ja. Jedes Land kann helfen. Der Einzelne ist dieser Gewalt nicht gewachsen, doch als Gruppe sind wir stark. Was können schon zehn Hubschrauber ausrichten? Was könnten dann tausend ausrichten?

Es wird schwer für die Bevölkerung Japans weiter zu überleben. Es gibt unzählige Hilfsorganisationen weltweit, aber kaum einer will sich in die Gefahrenzone begeben. Wenn wir jetzt nicht einschreiten, so wird Japan für viele Jahrtausende unbewohnbar bleiben.

Aber wir diskutieren lieber, ob und wie lange sich ein Atomausstieg lohnt. Offenbar sind wir so tief gesunken, dass wir nicht mehr bereit sind zu helfen, wenn dafür kein Gewinn übrig bleibt. Jeder versucht die Geschehnisse für sich zu nutzen und macht damit Politik.

Und so sitzen wir nur vor den Fernsehgeräten und verfolgen alles, verschlingen die grausamen Aufnahmen und wollen mehr sehen. Es wirkt wie eine Neuverfilmung, wie eine spannende Serie, bei der niemand eine Folge verpassen will. Doch trotz grandioser Spezaileffekte wird der Regisseur diesmal keinen Oscar bekommen. Und auch die Hauptdarsteller werden nicht auf dem roten Teppich laufen, weil sie bis dahin tot sind.

Wenn die Kernschmelzen nicht aufgehalten werden, ist Japan lange nicht bewohnbar. Die Luft wird radioaktiv verseucht. Selbst wenn die meisten weit von Japan entfernt leben und uns keine direkten Auswirkungen treffen, so werden wir doch etwas verlieren: ein Land und viele Leben. Und selbst wenn uns das nicht besonders kümmert, so sind wir doch alle Menschen und Bewohner dieses Planeten. Wir haben alle viele Fehler in der Vergangenheit begangen und begehen sie immer wieder. Aber jetzt haben wir die Möglichkeit zu zeigen, wozu wir als Menschen fähig sind. Wir können zeigen, dass so eine Katastrophe gegen uns als Gemeinschaft nicht bestehen kann. Und dabei sollten wir uns nicht durch selbstgebaute Barrieren wie Geld oder Feindschaften behindern.

Wir müssen handeln, wir können handeln. Jetzt!

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Leser-Kommentare
  1. 1. Sie haben

    natürlich völlig recht. Ich frage mich allerdings, was ich jetzt KONKRET tun kann. Nach Japan fliegen und ein paar Decken zusätzlich mitnehmen? Suppe kochen und mit der Post nach Japan schicken? Geld kann ich spenden, das ist klar und wird geschehen.
    und das hier kann man tun: die Regierung hier in Deutschland auffordern, japanische Flüchtlinge (Opfer) aufzunehmen. Da so viele Flüge nach Europa gehen, sollte es möglich sein, eine große Zahl von Japanern mitzuschicken.
    http://www.facebook.com/home.php?sk=group_133034630102385&ap=1#!/home.php?sk=group_133034630102385&ap=1

  2. 2. @ r.schewietzwek

    Wie bereits gesagt ist es quasi sinnlos als Einzelner etwas tun zu wollen.
    Aber wie wäre es damit, die Regierung aufzufordern bei Löschversuchen oder Flüchtlingsbergung mitzuwirken?
    Was mich stört ist, dass es zurzeit weitaus wichtigere Themen gibt, als die nächste Landtagswahl. Unsere Regierung begreift das nur leider nicht.

    • 18.03.2011 um 15.28 Uhr
    • 2b
    3. take care?

    "Es gibt unzählige Hilfsorganisationen weltweit, aber kaum einer will sich in die Gefahrenzone begeben. Wenn wir jetzt nicht einschreiten, so wird Japan für viele Jahrtausende unbewohnbar bleiben."

    Der Einzelne soll sich opfern?
    Welche Lösungen steuert der "Bund der SpaltungsKraftwerksbetreiber" bei, um aus den gigantischen Gewinnen der letzten Jahrzehnte, welche zur Verbesserung des technischen Verständnisses und zur Erhöhung der Sicherheit verwendet wurden, passende Schutzmassnahmen zu generieren??? Hierin läge die Verantwortung der Hersteller und der Betreiber dieser ProvisoriumsTechnologie aus der Nachkriegszeit und nicht in der einlullenden Neubeleuchtung der befürwortenden Argumente. Aber kann man ernsthaft darauf hoffen???

    Was passiert hier bei einer Reaktorkernschmelze?
    http://de.wikipedia.org/w...

  3. 5. Welle.

    Die Welle, die enstanden ist, ist größer als damals ber Tschernobyl. Internet machts möglich, hysterisch Geigerzähler zu kaufen und sich in Betroffenheit zu üben. Statt daß gezielt darüber nachgedacht wird, wie geholfen werden kann, wird Wahlkampf gemacht. Mehr Information bringt also nicht mehr output.

    • 18.03.2011 um 18.03 Uhr
    • Petka
    6. Unwissen über internationale Abläufe ...

    ... ist wahrscheinlich die beste Entschuldigung des Autors, seinen Aufruf zur Hilfe wörtlich nehmen zu wollen.

    Die Devise "Auf in den nächsten Flieger, schnell vor Ort helfen!" scheitert erstmal daran, dass die Japaner offiziell um Hilfe bitten müssen, was sie auch ggüber Hilfsorganisationen und den USA getan haben.

    Da kann unsere Bundeswehr gern "Sandsack bei Fuss" stehen, solange die Japaner die Hilfe nicht wollen, sei es aus Stolz oder aus schlicht verständlichen eigenorganisatorischen Gründen, solange kommt auch keine Bundeswehr rein.

    Schade, einen Aufruf zum für uns "Betroffenheitstouristen" einzig möglichen SPENDEN so missraten formuliert zu haben.

  4. 7. Helfen deutsche AKW-Betreiber?

    Wir sind aufgerufen wurden zu spenden. Das werde ich auf jeden Fall auch tun. Aber wie so oft bei von administrativer oder industrieeller Seite verschuldeten Katastrophen habe ich das Gefühl, dass diese Spenden zwar akute Not lindern, aber auch helfen, die Katastrophenverursacher finanziell und politisch zu entlasten. Vor allem wird bei unendlich vielen anderen Mißständen nicht umgesteuert. Nach der Katastrophe ist also immer vor der nächsten Katastrophe.

    Mein Aufruf an alle AKW-Betreiber weltweit: Seien Sie solidarisch. Geben Sie technische und finanzielle Unterstützung für die vom atomaren Gau betroffenen Opfer (Verstrahlte und Evakuierte, auch Verstrahlte durch Uranmunition)! Die Spenden sollten wenigstens in Höhe den Wahlkampfspenden entsprechen, bzw. adäquat zu den märchenhaften Gewinnen sein!

    • 18.03.2011 um 20.44 Uhr
    • Debatz
    8. kein Interesse da

    Vorschläge, wie man Helfen kann solche Sachen zu vermeiden gibt es seit Jahrzehnten. Es interessiert bloß niemanden:

    http://community.zeit.de/...

    ...weil man kein Geld damit machen kann, wenn man den Planeten retten will. So einfach ist das. Und doch so kompliziert.

    Alles was ich tun kann ist schreiben, denn meine Möglichkeiten tatsächlich etwas zu bewirken sind sehr gering. Ich würde gerne mehr tun, sagen wir ich hätte im Lotto gewonnen und hätte das Geld, ich würdes spenden. Aber leider ist es nicht so einfach und eine Lektion will ja schließlich auch gelernt werden. Wir sind, so böse das jetzt klingen mag, mitten drin in dieser Lektion. Damit meine ich nicht Japan und Atomkraft allein, sondern viele Sachen, die momentan am Kochen sind, überall auf der Welt.

    • 19.03.2011 um 00.09 Uhr
    • ztc77
    9. Kann ein solcher Artikel nicht auch frag

    Ein solches schier unermessliches Leid bei den Menschen in Japan mitzuerleben weckt unser Mitgefühl, unsere Anteilnahme und das Bedürfnis, so viel Unfassbares in Worte zu fassen! Wir alle, oder jedenfalls die meisten von uns, brauchen die seelische und geistige Aufarbeitung eines so tief alle Fasern unseres Herzens berührenden Ereignisses: Sollte dies denn irgendjemand bestreiten? Und sollte das eine oder andere Wort, das in diesen Tagen fällt, einmal nicht ganz angemessen sein, dann darf man sich auch vergegenwärtigen, dass wir nur Menschen sind, fehlbar vor allem im Unfassbaren.

    Daneben wird es immer welche geben, die das tiefe, liebevolle Mitgefühl leugnen und Besserwisserei unterstellen. Kann es sein, dass sie etwas zertreten, was echt und menschlich ist, den Mitfühlenden in Bestürzung treiben und heimlich feixen, wenn das Mitgefühl der Frage weicht, ob man irgendwo Ratschläge gegeben hat?

    Der Mitfühlende, dem hier etwas unterstellt wird, kommt gar nicht auf die Idee, dass es Besserwisserei ist, zu behaupten: "Besserwisserei ist keine Hilfe, Ratschläge retten keine Leben".

    • 19.03.2011 um 03.49 Uhr
    • leon1
    10. Man liegt in dem Bett was man sich macht

    Die japanische Bevoelkerung hat sich entschieden alles auf die Karte Atomkraft zu setzen. Solar oder Windenergie waren kein Thema oder wurden sogar behindert.
    Warum soll man Verantwortung uebernehmen fuer Entscheidungen die man selbst nicht getroffen hat?

    • 19.03.2011 um 04.31 Uhr
    • Talor
    11. Dann hat sich die deutsche

    Dann hat sich die deutsche Bevölkerung also auch für die Nutzung von Kernkraft entschieden?

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