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Urteilsvermögen

Marissa Mayer (Google): "Its not what you know, it's what you can find out." (Es kommt nicht darauf an, was man weiß, sondern was man herausfinden kann.)

Man kann verstehn, daß die Vizepräsidentin von Google so bedacht-unbedacht daherredet, denn was sie sagt, ist natürlich ganz in Googles Sinn. Aber ist es auch zutreffend?

Früher, vor Googles Zeiten, als man noch mit Zetteln und Karteikarten hantierte, sagte derjenige, dem das Auswendiglernen und die Beschäftigung mit primitiver Mnemotechnologie zu mühsam und zu fade waren: Es kommt nicht so sehr darauf an, was man an Wissen anhäuft, wichtig ist vielmehr zu wissen, wo man suchen muß.

Damals war wichtig, daß man etwas wußte: nämlich wie und wo man suchen sollte. Das ist heute nicht anders, der Fokus des Wissens hat sich nur noch gravierender verschoben vom Faktischen zum Methodologischen. Manche halten diese Akzentverschiebung für eine bahnbrechende Neuerung, gar einen paradigmatischen Wendepunkt. Ich nicht, denn am Wesentlichen bei der Betrachtung von Fakten, Gedanken und Schlußfolgerungen hat sich nichts geändert. Wir benötigen zur Beurteilung all dessen das, was wir schon immer dazu brauchten und was von jeher viel rarer gesät ist als die üppig ins Kraut schießende Vielfalt der Informationen und Informationsverarbeitungstechnologien: Urteilskraft. Aber woher nehmen, wenn nicht plagiieren? Leider überall dort, wo vorhanden, nicht knackbar kopiergeschützt. Was also tun? Dazu müssen wir ein wenig nachdenken. Ob es nützt?

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Leser-Kommentare
  1. 2. -

    Zu 1, lieber Stellmann,
    eine Schwierigkeit ist, worüber man schweigt, kann nicht diskutiert werden.
    Ist der Diskussionsgrund streitbar, dann soll gestritten werden.
    Demokratie besteht nicht alleine auf ein allumfängliches Wissen. Wer hat dies schon. Aber Sie wissen dies alles selber.

    Doch, z.B., wo der individuelle Urteilswert keinen Unterschied mehr zwischen Streitbarem und genereller Diffamierung erkennt, kann Gefahr in Verzug sein.
    Das kann man ruhig mal herauskitzeln, auch wenns unangenehm wird.
    Danke
    ___

    Zum Artikel:
    Hallo Lyriost,
    ein sehr nachdenklicher Text. Danke.
    Die Urteilskraft als Synonym, bezeichnet ja auch die korrekte Einordnung einer Situation oder eines Sachverhaltes und ist so die Grundlage des nachfolgenden, auf Vernunft gegründeten Handelns.

    Ich denke, vor einem Plagiat, in Ihrem angesprochenen Sinne, sich zu "schützen", geht widerum nur über die Urteilskraft. S.h., wenn in einem Urteil kein Zusammenhang ableitbar ist, der das Urteil schlüssig bestätigt, dann war die Urteilskraft "daneben" und man verwirft es.
    Ist das Urteil deckungsgleich mit einem anderen, könnte die "Nachforschung" über den Sachverhalt des Urteils erkennbar machen, welches ein Plagiat ist.
    Was ein Anwalt schlicht durch nachblättern in einem bestimmten Buch macht, ist bei Google die Stichwortsuche.
    Sie sagten es bereits richtig.
    In Gesprächen allerdings, ist die Informationsgewinnung eine andere, vor allem dann, wenn man irgendwie auf Besonderheiten stößt. Besonderheiten alleine dürfen natürlich noch zu keinem (abschliessenden) Urteil führen, aber sie müssen dazu führen die Kriterien, die Informationen für ein möglichst vernünftiges Urteil, entsprechend zu erweitern.

    Dies mag vollkommen verkehrt sein und ist nur meine Meinung.

    Viel Spass noch.

  2. 3. Emotionale Intelligenz

    Zum Nährboden des Urteilsvermögens gehört auch stets eine ordentliche Portion Emotion, lieber Stellmann, im Gegensatz zu Idealen, die das Urteilsvermögen tatsächlich mehr trüben als alles andere; in diesem Punkt gebe ich Ihnen recht.

  3. 4. Abschließendes Urteil?

    Vor abschließenden Urteilen sollte sich jeder hüten, sagt auch das Urteilsvermögen, lieber de Menz, immer sollte eine Tür zum Dialog offen bleiben, sonst wird man leicht zum Scharfrichter. Das denke ich – vorläufig.

    • 06.04.2011 um 15.49 Uhr
    • hagego
    6. Scheibe oder Google?

    .
    Die Erde ist zwar keine Scheibe - obwohl manche ja meinen, das Wichtigste könne man auf eine DVD pressen - aber eine Google ist sie dann doch auch nicht. Ich jedenfalls vermute, dass all das, was nicht via Google zu finden ist, sowohl weitaus mehr an Quantität als auch an Qualität ist, als das, was man durch Google ermitteln kann.

  4. 8. zu 4

    Hallo Lyriost,
    ich stimme Ihnen zu. Wir meinen auch das Gleiche, bezeichnen es nur anders. Das mag an meiner schlechten Bildung liegen.
    In meiner Kognition ist ein Urteil immer ein Absshluß eines Prozeßes, sonst wäre der Beriff "Revision" wertfrei. Ein abschliessendes Urteil soll jenes sein, dass in der Summe seiner Bildung zu einem praktischen Ergebnis führen muss.
    Es gibt nunmal keine vorläufige Klage, oder vorläufige Beleidigung, oder vorläufige Umgehungsstrasse, oder vorläufiges AKW.
    Selbst eine vorläufige Laufzeit eines AKW's ist als gefasster Entschluß ein abschliessendes Urteil. Was danach neu bewertet würde, wäre eben ein neuer Prozeß, eine neue Beurteilung.

    Danke.

  5. 9. @ de Menz

    Die Prozesse, lieber de Menz, sind allesamt unabgeschlossen, und es gibt nur vorläufige Ergebnisse, gewissermaßen richterliche Empfehlungen.

  6. 10. @ Walter Stellmann

    Lieber Walter Stellmann, ist der kühle Verstand, der, die Emotion beiseite schiebend, sachlich argumentierend sein scheinbar objektives Urteil spricht, nicht eine idealistische Fiktion? Kein sonst eher unkonventioneller Angeklagter vor Gericht würde durch Anpassung an Konventionen – "ordentlicher" Haarschnitt, "anständige" Kleidung etc. – versuchen, auf das Gericht einzuwirken, wenn er davon ausgehen würde, allein im kühlen Verstand wachse sein Urteil. Wir alle beurteilen andere Personen hauptsächlich nach äußeren Gesichtspunkten und vor allem danach, ob sie uns sympathisch sind, also auf einer emotionalen Ebene.

    Sie müssen sich entscheiden: Sie bekommen das Emotionale nur weg, wenn Sie in der Nachfolge Kants die Vernunft idealisieren; das aber führt letztlich möglicherweise wieder zu einem ideologischen Brei von Idealismen wie dem, der wesentlich dazu beigetragen hat, das zwanzigste Jahrhundert aufs Äußerste zu verheeen.

    Nur ein Beispiel: Was meinen Sie, rein vernünftig gesehen, auf welche Zahl die Weltbevölkerung idealerweise begrenzt werden sollte, um den Planeten zu retten?

  7. 12. Google und Infos

    Lieber Lyriost,

    zunächst ein Lob für diesen Artikel. Er bietet viel Platz zum Debattieren, da sich viele ein Leben ohne googlen - vielleicht gar nicht mehr vorstellen können. Wer heutzutage täglich mit dem Internet verbunden ist, nutzt dieses Wissensangebot, um Informationen schnell abzurufen. Ob vom Schüler, der eine Referat halten muss, bis hin zur Großmutter, die vielleicht für den Frauenbund noch Infos für einen Vortrag sucht – Fakt ist, letztendlich muss jede einzelne Person selbst entscheiden, sich ein Urteil bilden, ob die Informationen wahrheitsgemäß veröffentlicht wurden und ob man sie für seine eigenen Zwecke nutzen darf.
    Google bietet etliche Nachteile, wenn man zum Beispiel über eine Person Einkünfte einholen möchte.
    Ein interessantes Beispiel von Verfälschungen von Infos, die man bei Google findet, betrifft mich auch. Kurz vor Karneval verreiste ich nach Heidelberg, blieb dort einige Tage. Bevor ich verreiste, erschien ein Artikel über mich in der SWP. Dort wurde mein Buch Wechselbäder vorgestellt. Ich schrieb eine Glosse und veröffentlichte diese bei ZEITverdichtet, bevor ich abreiste. Dabei nahm ich mich selbst auf den Arm. Wenn man nun die Daten „Corina Wagner Autorin“ bei Google eingibt, erhält man etliche Informationen über mich, allerdings auch eine Kurzinformation, die etwas ganz anderes suggeriert, wenn man die Seite nicht anklickt. Klickt man sie an, landet man im Archiv von Corina Wagner und müsste diesen Text suchen.
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    ZEITverdichtet • Corina Wagner
    Die Neu-Ulmer Autorin und Sopranistin Corina Wagner tauchte nun nach der Pressemitteilung unter, sie war dem anschließenden Stress durch die regionale ...
    zeitverdichtet.de/?author=12&paged=2
    ______________
    Jeder, der nun diese Infos liest, glaubt ich hätte dies seelisch nicht verkraftet. Dabei habe ich diese Worte selbst verfasst, diese waren ironisch gemeint...
    Alleine die Überschrift deutet schon auf eine Glosse hin.
    In eigener Sache – Luftschlangentransport
    Achtung:
    Bitte ab Morgen keinen Such-Aufruf starten, sonst schreibt eventuell übermorgen die Boulevardpresse: Die Luft ist raus…
    Die Neu-Ulmer Autorin und Sopranistin Corina Wagner tauchte nun nach der Pressemitteilung unter, sie war dem anschließenden Stress durch die regionale Bevölkerung nicht gewachsen. Sie floh mit Luftschlangen und bunten Ballons.
    http://zeitverdichtet.de/...
    Wie war daaaaaaaaaaaaas noch mit dem Urteilsvermögen?
    Liebe Grüße
    Corina

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