Leserartikel-Blog

Was ist eigentlich "gesunder Menschenverstand"?

Oft wird in einer Diskussion behauptet, man müsse etwas mit dem "gesunden Menschenverstand" sehen, als wäre dieser das "Standard-Betriebssystem" eines Gehirns im Normzustand. Verstand, Vernunft, Logik – was für Begriffe – sind das nur Fremdworte? Laufend wird hier in Beiträgen mit diesen Begriffen operiert, obwohl ich den dringlichen Verdacht habe, der leider manchmal zur Gewissheit wird, dass einige JuhserInnen gar nicht wissen, worüber sie schreiben oder diskutieren!

Gesunder Menschenverstand – was ist das? Leider ist es ziemlich schwer, darauf ein Antwort zu bekommen! Ist „gesunder Menschverstand“ so etwas ähnliches wie die „öffentliche Meinung“ oder das „öffentliche Interesse“? Oder gibt es sogar als Gegensatz einen „kranken Menschenverstand“? Und wer heilt ihn eventuell, damit er wieder „gesund“ wird? Viele Fragen – keine Antworten!

Ist der 'homo sapiens', also der „vernunftbegabte Mensch“ wirklich vernünftig oder geht er eher sparsam mit dieser Gabe um? Es gibt ja kein Gesetz und keine Verordnung, die ihn zwingt, die Vernunft einzusetzen. Viele Menschen, die ich kenne, sind kaum in der Lage kausale Zusammenhänge zu erkennen, geschweige denn logisch komplex zu denken. Das setzt nämlich voraus, das Prinzip von Ursache und Wirkung zu kennen und gegebenenfalls Abläufe logisch zu erfassen und dialektisch umzusetzen. Aber ich denke, das ist für viele wie höhere Mathematik, hat aber etwas mit Intellekt, Logik, Flexibilität und Kreativität zu tun!

Ich habe nicht die Absicht hier als „Zwerg Allwissend“ aufzutreten und da ich zu den Begriffen nichts Neues erfinden möchte, hier einmal die Definitionen einiger Begriffe nach www.wissen.de:

Verstand
allgemein die Fähigkeit, sinnliche oder gedankliche Inhalte im Denken aufzunehmen, zu entwickeln oder zu beurteilen; nach Kant das Vermögen zu urteilen, auch das Vermögen begrifflicher Erkenntnis im Unterschied zur Anschauung; seit Hegel vielfach als bloß zergliederndes, endliches Erkenntnisvermögen Vernunft und Geist untergeordnet. Auch Intellekt.

Vernunft (im engeren Sinne)
Höheres Erkenntnisvermögen, das nicht wie der Verstand auf die Erkenntnis des einzelnen, sondern auf den totalen Zusammenhang der Erscheinungen gerichtet ist und das Einzelne aus diesem Zusammenhang oder aus universellen, systematisch geordneten Prinzipien heraus begreift; nach Kant das Vermögen, aus eigenen Grundsätzen zu urteilen (theoretische Vernunft) oder zu handeln (praktische Vernunft); bei Hegel als Weltvernunft das immanente Prinzip alles Seienden.

Logik [die; griechisch]
Lehre von der Folgerichtigkeit. Die im aristotelischen "Organon" kodifizierte, in der Antike und im Mittelalter kommentierte und erweiterte Logik ist der Grundstock der klassischen, traditionellen (Schul-)Logik. Die Tradition unterschied zwischen der reinen (formalen) und angewandten (materialen) Logik. Zur reinen Logik gehörte die Lehre vom Begriff, Urteil und Schluss. Die angewandte Logik umfasste die Lehre von der Definition, vom Beweis und der Methode.

Intellekt [der; lateinisch]
Einsicht, Verstand; ursprünglich das höchste Erkenntnisvermögen, das in der Bedeutung sowohl des göttlichen anschauenden Denkens als auch des menschlichen diskursiven Verstandes gebraucht wurde. Im 19. Jahrhundert wurde Intellekt die Bezeichnung für das eingeschränkte verstandesmäßige Denken.

Na, ich hoffe, jetzt wissen wir alle Bescheid, worüber wir reden und haben so viel Vernunft, dass wir unseren Verstand einsetzen werden, um durch die Logik mit unserem Intellekt zu einem schlüssigen Ergebnis zu kommen. Dann könnten wir vermutlich schlussfolgern, dass der „gesunde Menschenverstand“ nur eine sprachliche Floskel ist und damit der Beweis erbracht werden kann, dass eigentlich durch den Intellekt unser Urteil nur negativ beeinflusst wird! Nun werden sicherlich einige meiner Lieblings-JuhserInnen mir sofort nachweisen, dass ich hier ohne Verstand mit wenig Vernunft versucht habe, eine logische Beweiskette zu erstellen, die meinen Intellekt in einem völlig negativen Licht zeigen!

Ich möchte abschließend feststellen: Der "gesunde Menschenverstand" ist also eher eine Floskel, eine Phrase, denn eine konkrete Begrifflichkeit! Der englische Begriff 'common sense' (lat. sensus communis), der oft als Synonym dafür eingesetzt wird, bedeutet eher „Gemeinsinn“ und wurde in Sinne von 'allgemeine Erkenntnis' durch konkrete, praktische Erfahrung und nicht durch theoretische Erörterung verwendet.

"Der gesunde Menschenverstand ist die am besten verteilte Sache in der ganzen Welt, denn ein jeder fühlt sich damit angemessen ausgestattet. So pflegen sich auch jene, die sonst in allen Dingen sehr schwierig zufrieden zu stellen sind, von diesem nicht mehr zu wünschen als sie bereits haben" (René Descartes, 1596-1650)