Leserartikel-Blog

Der entmannte Mann und was davon im 21. jahrhundert noch übrig ist

Ein guter Bekannter schickte mir vor ein paar Tagen einen Link via Mail. Draufgeklickt öffnete mir der Browser ein Bild, ein in der Mitte senkrecht unterteiltes Bild.

Links waren diverse Schwarz-Weiß-Fotos zu sehen, meist Soldaten, aber auch Stahlarbeiter, Kohlekumpel etc.

Rechts der Trennlinie einige Männer, deren Aussehen mich dann doch amüsierte. Vorne drauf prangte ein großes Bild von Bill Kaulitz (geschenkt), drumherum diverse Männer in ihren 20ern. Allen gemein war, dass sie recht bunt und schrill gekleidet waren, viele geschminkt, einige sehr androgyn.

Unter den Bildern stand "Männer damals – Männer heute".

Der Satz brachte mich zum nachdenken.

Was seit Jahren in immer wiederkehrenden Abschnitten in den Fokus der Öffentlichkeit rutscht, mich als bekennenden Trendverneiner aber immer nur wenig bis gar nicht interessiert hat, regte mich zum Nachdenken an.

Die nächsten Tage achtete ich aufmerksamer auf die Angehörigen des gleichen Geschlechts, nur um einmal zu sehen, wie sehr diese Überspitzung aus dem Web der Wahrheit entspricht.

Jetzt, wo ich diese Zeilen tippe, bin ich überzeugt: SO weit weg von der Wahrheit waren die Kerle auf dem Bild nicht.

Ich bin 28, leicht übergewichtig und habe mich eigentlich nie wirklich für Mode interessiert. Jeans und Shirt waren mir immer treue Begleiter, mittlerweile wurde das T-Shirt von diversen Hemden abgelöst. Hauptsache es sieht in meinen Augen nach was aus und lässt sich genau so gut im Büro wie auch in der Kneipe tragen.

Schminke? Ich bitte Sie, an meine Haut kommen genau drei Dinge: Duschgel, Wasser und Aftershave. Auch den großen Labellotrend aus Jugendtagen konnte ich vermeiden. Kurzum, ich scheine einer verschwindend geringen Minderheit anzugehören, was männliche Körperpflege anbelangt, zumindest dem Bild zufolge, das von den Medien verbreitet wird.

Komisch, dabei hat sich noch nie eine Frau bei mir beschwert.
Ich bin der Ansicht, mehr als sauber kann man nicht werden. Ein wenig Duft ist okay, aber bitte dann auch "for men" und keinesfalls "unisex".

Sowieso komme ich mir im Zuge dieser Debatten, ob sie nun im TV oder in diversen Politausschüssen ausgefochten werden, immer mehr wie ein Dinosaurier vor. Ein 28-jähriger Dinosaurier.

Sie werden sicher lachen, Sie, der Sie vielleicht in den 60ern geboren wurden und ihre ersten modischen Sünden aus bis zum Nabel offenen Satinhemden und zu engen Hosen bestanden.

Ich bin da jedoch der Meinung: Man ist nie zu jung um die Gegenwart, zumindest in Auszügen, zutiefst zu verabscheuen.

Doch zurück zum Thema.

Natürlich hat jede Generation ihre eigenen Sünden. Auch ich bin vielleicht Ende der 90er ein- oder zweimal mit einer drei Nummern zu großen Jeans unter dem Allerwertesten herumgelaufen, aber das soll ja hier nicht zur Debatte stehen.

Wohin ich schaue, sehe ich Männer, die in erschreckender Weise dem ähneln, was mich von dem Webbild heraus angeschaut hat, vor allen Dingen junge Männer.

Mal im Ernst: Würden Sie als Mann kurze Hosen tragen, die kurz unter dem Gesäß enden? Nein? Ich auch nicht. Oder eventuell die Augebrauen mit Kajal nachziehen, nachdem sie mit Bräunungscreme eingesprüht wurden?

Was ich damit sagen will: Kein Mann macht sowas, zumindest kein hoher Prozentsatz.

Warum aber will man uns dann weismachen, dass es für den modernen Mann einfach ein "Muss" ist, sich bis auf den Kopf sämtliche Körperhaare abzurasieren? Ich meine, wer sitzt in den Chefetagen von Werbefirmen und segnet sowas ab: "Ja, der moderne Mann muss androgyn wirken. Machen Sie mir bis zum Wochenende einen Spot draus!"

Im Ernst, so stelle ich mir das vor.

Einige denken sich sowas aus und durch die Werbung, die bei jungen Männern auf fruchtbaren Boden fällt, wird es viral, verbreitet sich über sämtliche Medien und auf einmal bin ich am ganzen Baggersee der einzige Mann unter 50, dessen Brust von einem dicht wuchernden Haarteppich bedeckt ist.

Woher dieser Trend zur Entmännlichung? Und wieso folgen ihm so viele bereitwillig? Und warum erheben die, die es für blödsinnig halten, nicht ihre Stimme? Faulheit? Mangelndes Interesse im Schatten von Fukushima?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will keine Grundsatzdiskussion über die Geschlechterrolle anschieben. Ich frage mich nur, warum der Mann von Jahr zu Jahr in den Medien und der Modewelt immer mehr feminisiert wird, die Frauen dagegen immer in gleichem Maße feminin und mit Betonung des weiblichen bleiben dürfen.

Wie sehen Sie das? Rasieren Sie sich auch die Waden weil es Ihnen besser gefällt, oder gehören Sie zu der Kategorie Mann, die wie ich Lederjacke, Hemd und Jeans für die Krone der Schöpfung in Sachen Männerbekleidung ansehen?

Ich freue mich auf Ihre Kommentare.

Hellmann