Leserartikel-Blog

Phototriennale in Hamburg

„Der Übergang von dem leidenden Zustande des Empfindens zu dem tätigen des Denkens und Wollens geschieht also nicht anders als durch einen mittleren Zustand ästhetischer Freiheit. … Es gibt keinen anderen Weg, den sinnlichen Menschen vernünftig zu machen, als dass man denselben zuvor ästhetisch macht.“

Friedrich von Schiller
„Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ (1795)

Anlässlich einer bescheidenen, persönlichen Beteiligung im Programm der „5. Triennale der Photographie“ - Hamburg 2011 ( http://news.elasticismo.n... ), möchte ich den Moment nutzen, um einige Reflexionen zum radikalen Wandel im Bereich von Photographie, Ästhetik und Kybernetik zu kommentieren. Dadurch, dass sich über die Kybernetik Signalkombinationen als Träger von Informationen auswiesen, und hier auch gerade die ästhetischen „Signale“, war seit den 1950er Jahren die gesamte Kunst, gerade aufgrund dieser Erkenntnis, wieder in Bewegung geraten. Ein Konzept von „Stimmigkeiten“ gestaltet uns seit den 1970er Jahren eine virtuelle Raum-Zeit, in der zeitgenössische Ästhetik seit dieser Zeit rationalisiert werden kann. So entwickelte sich die kybernetische Methode zu einem effizienten Hilfsmittel, Zusammenhänge und eben gerade auch Stimmigkeiten über Spezialgebiete hinaus auszuweisen: einerseits zwischen Natur- und Geistes-Wissenschaften und andererseits insbesondere auch zwischen Technik und Kunst. Da ein Bild oder eine Figur niemals ausschließlich aus seiner materiellen Masse wie Leinwand, Farbe, Holz, Stein oder Ton besteht und die Musik auch nicht über die energetischen Komponenten, wie die Windstärke die einem Blasinstrument entweicht, erfahren wird, wurde immer eindeutiger, dass wir den Zugang zur Kunst in ihren Botschaften finden. Die Kybernetik half uns also, Ästhetik und Information in einem vereinheitlichten, ebenso impliziten wie expliziten Konzept vom Stimmigkeiten zu entdecken.

Anfänglich ging es hierbei vielfach um lediglich statistische Fragen. Es ging um Komplexitäten von Informationsmustern, die Verlustschwelle von Übersichtlichkeiten darin, die Anordnung von Elementen und deren Wirksamkeit in den ästhetischen Mustern. Hinzugezogen wurde die Konfrontation der jeweiligen Empfänger mit den unterschiedlichen ästhetischen Objekten. Es wurde erkannt, das ein Kunstwerk ein Wahrnehmungsangebot, also eine Art kognitiver Nahrung für den Geist des Menschen ist und das jenseits von dekorativen oder investitionstechnischen Motiven hier die „Magie“ eines Kunstwerkes als ein rationaler Wert erkannt wurde; und auch Hoelderlin in seiner poetischen Theorie Bestätigung fand: „Wie Reichtum sind des Geistes hohe Stunden“. Diese Erkenntnis unterstrich ebenfalls, dass ein gewisser Teil an Innovation in einem Wahrnehmungsangebot enthalten sein muss, um das Interesse der Empfänger zu wecken und aufrecht zu erhalten.

Eine spätere, kybernetische Kunsttheorie wurde zu einem Fachbereich und ist aufgrund der rasanten Entwicklung in der Welt der Informatik, mit all ihren Facetten, heute zum Schlüsselfaktor zu sämtlichen gestalterischen Prozessen geworden. Wie eine dicke Gewitterwolke, ebenso wie ein kristallklarer Himmel erhob sich die Evidenz: Durch jedes Phänomen das wir empfangen oder senden, werden Verhaltensmuster aktiviert und Kunstwerke zeichnen sich dabei durch ihre besonders intensiven, und erfolgreichen wie andauernden Resonanzeffekte in der kognitiven Welt des Menschen aus. Damit wurde die Kunst letztlich als eine Aktivität definiert, die über das Prinzip der biologischen Notwendigkeit bereits schon immer originär kulturstiftend war: Kunst wird aus Freude an geistiger Aktivität ausgeübt.

Die Kybernetik trat 1968 in Form eines Buches in mein Leben, dass ich in einem modernen Antiquariat gekauft hatte: „Philosophische Probleme der modernen Naturwissenschaften“. Es enthielt alle Beiträge der legendären Moskauer Allunionskonferenz vom Oktober 1958 zu diesen Fragen. Im Vortrag zur Kybernetik fand ich sensationelle Aussagen: „Die Nervenerregung, die über die Nervenfaser übertragen wird besteht aus aufeinanderfolgenden Wechseln von Zuständen. (Absatz) Die einen oder die anderen Signale können verschieden für die Übertragung ein und derselben Mitteilung genutzt werden.“ Und weiter: „Die Kybernetik untersucht Erscheinungen, die sich in steuernden Systemen ereignen, abstrahiert in gewissem Maße von der physikalischen Natur dieser Systeme, indem sie das Allgemeine beibehält, das sie unter einem gewissen, genau bestimmten Gesichtspunkt enthalten.“ Damit hatte ich alle zentralen Aussagen zu meinen kreativen Experimenten mit der Collage und der Photographie, wie mit Installationen und auch Texten.

Dabei bleibt aber keine Theorie endgültig. Ihre Widerlegung hat die Innovation der Theorie zur Folge. Durch eine „Falsifikation“ der Theorie erfolgt ein Regress in die Nähe von anderen Wirklichkeiten. Die Forschung und ihre Erfindungen, technischer oder ästhetischer Art, sind durch ihre Kontinuität im Wandel geprägt. Hier ermöglicht die Zulassung abbildender Begriffe mit möglicherweise fließenden Grenzen, das begrifflich eindeutige, in allen Einzelheiten reproduzierbare Beschreiben, auch in unvollständig erforschten Gebieten, in welchen die Definitionsbildung notwendigerweise spekulative Elemente enthält. Sie erlauben nämlich die strenge Kennzeichnung des begrifflichen Inhalts, ohne die Bedingung scharfer Grenzziehung und durchgehender kennzeichnender Merkmale zu stellen, die in solchen Gebieten wegen der Unvollkommenheit der vorliegenden Kenntnisse oft noch unerfüllbar ist. Hierbei behauptet sich die Kunst immer stärker, als ein dem verbalen überlegenes Dialogfeld.

All diese Erkenntnisse wurden vor vielen Jahren schon prägend für meine Arbeitsweise, aber die „Schuld“ an meinen Versuchen mit der Distorsions-Photographie hatte die Hamburger Hochbahn. Genauer gesagt die Straßenbahn der Linie 11, die bei gewissen Witterungseinflüssen im vorbeifahren auf der vorn gelegenen Straße, im hinteren Wohnzimmer das Bild auf dem Fernsehschirm verzerrte. Diese Störungen provozierten einerseits Aggressionsausbrüche bei fußballbegeisterten Herren, während der Übertragung wichtiger Bundesliga- oder Weltmeisterschafts-Spiele, doch erweckten sie andererseits in mir einen ästhetischen Forschungsdrang. Eine eigene Kamera hatte ich seit 1962 und ich weiß zwar nicht mehr genau, wann ich erste Probeaufnahmen verzerrter Testbilder gemacht habe, kann mich aber genau daran erinnern, dass ich schnell das Portrait (z.B. von Nachrichtensprechern oder Ansagerinnen) als ideales Distorsions-Motiv erkannt hatte. Leider waren die Aufnahmen jedoch größtenteils wenig zufriedenstellend und das bewegte meine Eltern dazu, mich von meinen Experimente abzubringen - nicht zuletzt weil sie ja schließlich die Abzüge und die Entwicklung, also den technischen Aufwand meiner frühen, visuellen Forschungen finanzierten.

Historisch gesehen gab es ursprünglich keinen eigentlichen Unterschied zwischen Kunst, Wissenschaft und Technik. Der Begriff „techne“ umschrieb sämtliche gestalterischen Aktivitäten in der menschlichen Gesellschaft. Im Laufe der Jahrhunderte kam es jedoch zu einem formellen „Auseinanderleben“ der Disziplinen, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Wiedervereinigung auf höherer Ebene erfuhr – quasi als Negation der Negation. Um die Jahrhundertwende entstanden erste künstlerische Arbeiten, bei denen die moderne technische Welt nicht nur als Tatsache akzeptiert, sondern sogar zunehmend in den ästhetischen Ausdruck integriert wurde. Diese Einstellung äußerte sich als Erstes sehr konkret in den Bildern der Kubisten. Hundert Jahre danach wurde jetzt der selbe Schritt von einer Digitalkamera übernommen, der einst durch Maler mit ihren Pinseln Ausdruck fand. Es markiert die Distorsions-Fotografie in der Kunstgeschichte und in der Geschichte der Fotografie einen zeitverschobenen, doch parallelen und ebenso wichtigen Schritt, wie er seinerzeit in der Malerei, von zwar modernen aber immer noch herkömmlichen Darstellungen, in Richtung Kubismus vollzogen wurde. Und so kann ich etwa ein halbes Jahrhundert nach meinen ersten Versuchen, heute zufriedenstellende Ergebnisse meiner visuellen Forschungen vorstellen. Wir zeigen: Nicht weil die Elektronik da ist, gibt es die Computerkunst, sondern der Computer erlaubt fortzusetzen und weiterzuführen, was ohne ihn und seine Leistungen angefangen wurde, denn ohne PC wäre die digitale Photographie undenkbar.

Schon 1976 schrieb Ion Pascadi in der Rumänischen Rundschau: „Die modernen Kommunikations-mittel bleiben nicht ohne Einfluss auf das, was sie übertragen; das Zivilisationsbild der multiplen Vorstellungen schafft eine neue Empfindsamkeit; die Elektronik und die Kybernetik verändern nicht nur den Status der Kunstwerke, sondern manchmal sogar ihre Entstehung; die Computer erschließen noch ungeahnte Perspektiven, nicht allein für die Wiedergabe bereits vorhandener, sondern auch für die Schaffung anderer neuer Schöpfungen.“ Kreativität zeigte sich hier bereits als ein evident nicht-lineares Phänomen, das jederzeit tatsächliche Innovationen im zeitgenössischen Ausdruck der Kunst hervor-bringen kann, auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür immer geringer ist. Die Ästhetik unserer Tage entspringt eines qualitativ wie quantitativ wesentlich größeren Potentials und dringt tiefer in die gesamte Gesellschaft, als es je zuvor der Fall war. Geschieht der Übergang von dem leidenden Zustand des Empfindens zu dem tätigen des Denkens und Wollens also tatsächlich nicht anders als durch einen mittleren Zustand ästhetischer Freiheit … ?

Sant Joan, marzo 2011
Holger E. Dunckel

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