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VERALLGEMEINERTE MOMENTE

Jedes System hat eine Struktur. Es muss sie haben. Menge und Art seiner Elemente - und der diese Elemente verbindenden Relationen, bedingen die Zahl seiner möglichen Zustände. Hier finden wir die Grundlage jeder allgemeinen Systemcharakteristik. Das System des menschlichen Mit-, Bei- und Zueinander, die “Soziale Plastik”, wird als System also immer von allen Beteiligten “gestrickt”. Dazu benötigen wir jedoch keine Wolle. Wir benötigen weder Geld noch Gold, nicht Länder, noch Waffen - sondern Information. Information (auch simpelste Erfahrungen) um Vitalwelten zu dominieren und den Ideen von virtuellen Welten über Visionen Gestalt zu geben. Mit seiner genialen Suchmaschinenidee hat Google uns eben diese Informationsbeschaffung revolutioniert. Wer will, ist bereits überall total online – also: Stets und ständig am “stricken”.

Informationen, Ideen und Visionen existieren originär als Illusion. Werden sie nicht zu gelebter Realität, in einem Konsens von “Sozialer Plastik”, von strategischem Diktat, oder wenigstens taktischen Kontexten, bleiben sie als “Traum” transparent und sozial unsichtbar. Diese Transparenz ist die Exzellenz der Kommunikation, als Potential von Möglichkeiten. Und was dann über Kommunikation in Systemen öffentlich wird, hat ganz und gar öffentlich zu sein. Das bedeutet: wir als die Öffentlichkeit haben das Recht zu beobachten, auf etwas zu zeigen, es mit anderen zu teilen und es zu kommentieren. Und das Internet ist öffentlich, was sich ebenso vor- wie nachteilig auswirken kann.

Auch wenn die heute wesentlich leichter zugänglich gewordenen Informationen nicht im Besitz ihrer “Vermittler” sind, so machen diese trotzdem ihr “Geschäft” damit. Das ist aber nichts Neues, sondern hat eine lange, historische Bilanz aufzuweisen. Ging es hier nicht schon immer um den Kampf über Monopolansprüche auf die Ressourcen einer mehr oder weniger reifen “Wissensgesellschaft”? Geld, vor allem über Werbung, wurde bereits verdient, als es darum ging, riesige Kathedralen zu konstruieren und in ihnen möglichst wertvolle Reliquien auszustellen, um Kunden an die lokalen Marktplätze zu locken. Wenn der Vorstandsvorsitzende von Google, Eric Schmidt, jetzt sagte, Google wolle dem Nutzer auf jede Frage die eine, immer richtige Antwort geben – ist das der Größenwahn einer Firma, deren Chefs wieder und wieder betont haben, ihre höchste Ambition sei es, künstliche Intelligenz zu schaffen? Kann eine simple Suchmaschine zu einer Art Religion werden? In allen nur möglichen Kontexten, die bereits seit einem Jahrhundert durch Quantenwahrscheinlichkeiten geprägt wurden?

Der Vorstandsvorsitzende Schmidt hat anscheinend eine Vorliebe für einfache Antworten: »Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgend jemand erfährt, sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun.« Hatte er das bei Kant gelesen? Und: weshalb sollte ein kategorischer Imperativ heutzutage zur Basis von totalitärem Denken werden? Kann sich eine verlautbar demokratische Gesellschaft politisch gegen „Öffentlichkeit“ wehren, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren? Zugegeben: Auch mir ist es etwas unheimlich, wie Datenströme geschrieben, gelesen, geleitet und so auch unabwendbar manipuliert werden. Es geht aber lediglich darum, tote Planstellen mit weiteren Nieten zu besetzen, wenn jetzt Zukunftsministerien gegründet werden. Sollten da die Internet-Macher nur müde lächeln, ist das sicher weniger Überheblichkeit, wohl aber weil der Witz eben nicht sonderlich gut ist. Um die neue Netzwelt zu ordnen, ist viel, viel mehr gefordert: Das kreative Potential ALLER.

Die Herkunft von Informationen zu belegen, wird inzwischen nicht nur im digitalen Journalismus als ethische Notwendigkeit betrachtet. Ethik – genau das Systemelement, das uns durch die herkömmliche Wirtschaft verloren gegangen ist. Der Grund, weshalb sich die Zahl der möglichen Zustände unserer allgemeinen Systemcharakteristik kontinuierlich reduziert und nicht nur gegen Null hin bewegt, sondern auch einer gewissen ästhetischen Erosion einen Nährboden schafft. All diese “Kulturen” und “Demokratien” entspringen da einem Quell der Verantwortungslosigkeit. Statt Wasser entspringt dort Schall und Rauch; und nicht einzutreibende Schulden werden zu Höchstpreisen verkauft. „Man“ ist bemüht, dem Zuschauer eine unterhaltsame Show zu präsentieren. Aber die Profis der Medien betrachten das Internet mit anderen Augen. Sie sehen das Internet weder als Zeitung noch Fernsehsender, wo ein passiver Informationskonsument lediglich berieselt wird, sondern als einen lebendigen Ort. Mehr noch: Als eine ebenso ästhetische wie ethische Situation. Diese Situation zu gestalten kann nur Aufgabe aller Beteiligten sein. Auch wenn ein einzelnes Individuum nie alle Links öffnen kann: Ein Link macht gleichberechtigte Anmerkungen möglich. Er ist ein Werkzeug, um Verantwortung zu übernehmen. Hier hilft das Internet, den Ideen von viurtuellen Welten in Visionen Gestalt zu geben. Zu gelebter Realität, in einem Konsens von “Sozialer Plastik” zu werden. Liegt es an dem, auf den verlinkt wird, die Verbindung, die durch den Link entsteht, für seinen Vorteil zu nutzen (Schmidt) – ist es unsere Aufgabe diesen Vorteil zu kultivieren.

Ein Krieg um vermeintliche Präsenzen sollte uns jedoch erspart bleiben. Nicht der eigentliche Besitz von Wahrheit und Schönheit, sondern ein manchmal erfolgsreicheres oder auch erfolgsärmeres Suchen belebt uns die Wirkungszusammenhänge. Dabei wird wohl von keiner restlosen Beschreibung der Welt, ebenso wenig die Rede verlauten können, wie von der Belegung einer virtuellen Sphäre idealen Geistes durch menschliche Intelligenz. Leugnen wir absolute Gewissheit ebenso wie Unmöglichkeit, lassen wir größere oder geringere Grade von Wahrscheinlichkeiten zu. Unsere Kommunikation wird so elastischer und die Zahl der möglichen Zustände in jeder Systemcharakteristik wird größer. Es geht darum, die immanente Gesellschaftsrelevanz des Mediums in seiner Zeit und an einem öffentlichen Ort zu gestalten. Doch wird nicht auch das Internet in seiner finanziellen Abhängigkeit immer irgendeine Stellung im gesellschaftspolitischen Diskurs einnehmen müssen? Ist dadurch eine unabhängige, neutrale Wirkung für eine freie Entwicklung des Mediums und seines kulturpolitischen Klimas in Frage gestellt, auch wenn sich die Internet-Macher verbal gegen derartige Tendenzen aussprechen?

Da bleibt es grundsätzlich von kreativem Vorteil, in Kommunikation mit einem weit gefächerten Potential von Ausdrucksformen zu leben. Eine Erstarrung in „Life-Style Kategorien“ versagt uns die Türen zu einer offenen Gesellschaft. Eine offene Gesellschaft ist da immer als Schichtung und Verflechtung von ästhetischen Situationen in einem Netzwerk von Ethik zu erleben: unsere Kultur. Und weil Kultur nie uniform sein kann, ohne ihren ureigensten Sinn zu verlieren, wird es immer – und immer wieder – diverse Rezeptions- und Emissionsmöglichkeiten geben. Das Produktbild in den Medien hatte spätestens seit Andy Warhol über das eigentliche Produkt gesiegt. Die bunten Bilder der Werbung können inzwischen oft unterhaltsamer sein, als hervor gequälte Sendungen. Hierarchien, die sich in ihrer Struktur trotzdem immer aus materiellen Fundamenten erheben und von hier über den Markt auch die freie Kreativität in ihrem Sinne zu domestizieren versuchen, haben sich des für die „Soziale Plastik“ erforderlichen Transparenzparadigmas grundsätzlich und bedingungslos zu unterwerfen. Wenn schon öffentlich, dann auch wirklich offen.

Erst als wirklich offenes und freies Forum kann das Internet in der Lage sein, die Veränderungen von virtuellen wie vitalen Welten hilfreich zu begleiten. Markt-technische Erwägungen im Hintergrund haben dabei transparent zu sein. Dann wäre ein Rahmen von Gegenwartsbezug geschaffen, in dem eine für die allgemeine Systemcharakteristik unvorteilhafte Lobby schwerlich Einfluss nehmen kann. Diese neue Ausrichtung in einer Art „Suchprogramm“, in dem Gegenwart und Zukunft von Ideen anhand freier Publikationen für jeden zugänglich werden, schaffte endlich ein Feld gleicher Chancen. Eine Community, die jenseits herkömmlicher Konventionen Momente verallgemeinert. Wie schön kann unsere Neue Welt werden? - Es beginnt in unseren Köpfen.

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Leser-Kommentare
  1. 1. Ein interessanter Artikel!

    Danke!
    http://community.zeit.de/...

    • 21.01.2010 um 14.22 Uhr
    • hagego
    2. Moment mal...

    "Verallgemeinerte Momente" oder "Verallgemeinernde Momente"?

    Egal! Der Artikel weist auf interessante Aspekte unseres Lebens hin. Vielen Dank dafür!

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