Leserartikel-Blog

Strichcode Heidi

„Wie kann ich Dir helfen?“, fragte ich und duzte sie unwillkürlich,
weil das kleine, klapperdürre Häuflein Elend, das da vor dem Stationszimmer stand,
so gar nicht wie eine erwachsene Frau wirken wollte.
Sie bibberte vor Kälte, war an diesem kalten Novembermorgen nur leicht bekleidet und ihr fehlte ein Schuh.
„Darf ich für ein paar Tage hier bleiben?“, fragte sie und sah mich dabei mit ihren riesigen blauen Kinderaugen direkt und herausfordernd an.
Dann lächelte sie verschämt.
„Ich kann nicht zu Hause bleiben, bitte, nur für ein paar Tage.
Mein Freund ist vor vier Stunden an Aids gestorben, da bin ich abgehauen, ich kann jetzt nicht alleine bleiben!“
Wir verpassten ihr die Einweisungsdiagnose “Verdacht auf Pneumonie“, damit war ihr ein gemütliches Plätzchen für die nächsten Tage sicher.
Heidi war selbst schon lange heroinabhängig und HIV-positiv, von daher gab es
genügend Gründe, die selbst einen längeren Aufenthalt gerechtfertigt hätten.
Sie war überglücklich und strahlte über ihr knochiges Gesicht.
In den nächsten Tagen revanchierte sie sich auf ihre ganz eigene Art.
Nach dem Mittagessen verließ sie meist die Klinik, um sich Heroin zu beschaffen und kehrte oft erst spät zurück.
Die Vormittage aber verbrachte sie damit im Raucherzimmer zu sitzen und Aufklärungsarbeit zu leisten.
Dabei nahm sie die Rolle des “abschreckenden Beispiels“ ein und erzählte, wild mit ihren dürren Ärmchen fuchtelnd davon, was die Drogen aus ihr gemacht hatten.
„Mein Leben ist vorbei“, betonte sie dabei immer wieder und trug dann ihre schrecklichsten Erlebnisse mit einer naiven Leichtigkeit vor, die ihresgleichen suchte.
Das wurde manchen Patienten und Besuchern nach einer Weile zu viel, aber da Heidi jede Frage mit brutaler Offenheit beantwortete, siegte dann doch meistens die Neugier.
Im Vorbeigehen sah ich immer öfter puterrote ältere Herrschaften in den Rauchschwaden sitzen und hörte Heidis Stimme Sachen sagen wie: „Die meisten wollen ja ohne Gummi, obwohl die verheiratet sind. Deshalb sind die doch auf dem Straßenstrich, weil die Mädels das machen, wenn sie auf Entzug sind und weil es billig ist.
Denen ist es auch egal, wenn man krank aussieht!“
Für ein katholisches Krankenhaus ging die Detailliertheit von Heidis Schilderungen entschieden zu weit und in der Klinik haben die Wände Ohren.
So dauert es nicht lange und Guido, unser Assistenzarzt, wurde freundlich gebeten,
mit Heidis Behandlung zu einem Ende zu kommen.
„Was wird jetzt aus Dir?“, wollte ich zum Abschied wissen,
da hat sie nur gelächelt.
Ein Jahr später habe ich sie wieder getroffen.
Sie stand im strömenden Regen am Straßenrand.
„Kann ich Dich mitnehmen?", fragte ich sie.
„Klar, ich muss zur Arbeit, Du weißt ja wohin“, hat sie geantwortet und ist eingestiegen.
Während der Fahrt zum Straßenstrich faselte sie irgendetwas davon, was es für ein Glück sei, dass sie mich zufällig getroffen hat.
Dabei bemerkte ich, dass ihre Schneidezähne fehlten und eine scheußliche Lücke hinterlassen hatten.
„Was ist mit Deinen Zähnen passiert?“
„ Och, ich hatte etwas Ärger“, lispelte sie.
„Da vorne kannst Du mich rauslassen!
Weißt Du was?
Eigentlich hast Du jetzt einmal Blasen gut“.
Dann hat sie laut gelacht und ist winkend ausgestiegen,
mit einem breiten, zahnlosen Grinsen im Gesicht.
In diesem Augenblick hielt ein alter Golf, aus dem sich gerade ein junges Mädchen in einem neonfarbenen Minirock verabschiedete.
Im Vorbeifahren betrachtete ich den Fahrer, es war ein gutaussehender Typ, in meinem Alter.
Er lächelte mich an, dann streckte er den Daumen hoch, so als ob er mir sagen wollte,
„die Kleine solltest Du als nächstes nehmen!“