Leserartikel-Blog

Kausalität, Zufall, Erkenntnis

von Gerhard Schallenkamp

A. Zehn prinzipielle Thesen

1. Die Welt ist ein Konzept von Möglichkeiten, von Kausalität und Zufall, von abhängig und unabhängig, von stetig und unstetig. Kausalität beinhaltet logische Konzepte, unabhängige Systeme von vernetzten Regeln.
2. Unaufhörlich passieren zufällige Ereignisse: Kausale Pfade stoßen zusammen oder gabeln sich. Gabelung (Bifurkation) heißt: Aus mehreren möglichen Fortsetzungen wählt der Zufall eine aus.
3. Prinzip Kreativität: Durch Zusammenspiel entstehen plötzlich neue Einheiten mit neuen logischen Strukturen und neuen Eigenschaften und Wirkungen. (Neu heißt unvorhersehbar, nicht ableitbar.) Kausales erzeugt Zufälliges (z. B. Zufallszahlen), umgekehrt erzeugt Zufälliges Kausales (siehe Wahrscheinlichkeitstheorie).
4. Widersprüche/Probleme treiben die Entwicklung voran.
5. Information macht aus möglichen Gabelungen Entscheidungen. Information entsteht durch phys. Kommunikation und als zufälliges Entscheidungskriterium, das Möglichkeiten setzt oder löscht. Sie ist für künftige Entscheidungen fixierbar.
6. Ohne Zufall kein Leben: Alles Leben ist Entscheiden und Entwickeln einer eigenen Kausalität mittels Information. Freiheit und Zwang zur Entscheidung sind eins.
7. Ohne Entscheidung keine Fiktion: Um zu entscheiden, erzeugt das Gehirn fiktive Regeln und sammelt, was erfolgreich ist. Wir haben einen Sinn für Regeln, nicht für Zufälle, nicht für die Entscheidungen der Natur, nur für unsere eigenen Probleme/Erwartungen.
8. Ohne Logik kein Wissen: Die Entdeckung, dass Regeln voneinander abhängen, führt zum offenen Wissen (Prinzip Fantasie). Wissen ordnet zufällige Informationen und bildet so Kausalität. Es wächst dialogartig durch Thesen/Fragen/Probleme, Versuch, Irrtum sowie Vernetzung und Schlussfolgerung.
9. Wissen ist stets unvollständig und unsicher (außer in eng definierten Situationen). Möglichkeiten sind versteckt. Daher bleibt die Frage offen (unentscheidbar): Ist der Zufall objektiv oder eine versteckte Kausalität? Der Zufall ist nicht nachweisbar.
10. Wissenssegmente (Theorien) sind hierarchisch aufgebaut. Aus dem Kleinen entsteht das Große. Prinzip von Konstruktion und Reduktion.

B. Anmerkungen:
Das Zusammenspiel von Kausalität und Zufall hat mich immer interessiert. Ich habe versucht das Prinzip „Die Natur würfelt.“ konsequent weiterzudenken. Irgendwann fiel mir ein: Zu Möglichkeiten gehört so etwas wie die zufällige Auswahl: Als neutralstes Wort dafür fand ich schließlich den Begriff zufällige Gabelung. Beispiel Ziehung der Lottozahlen: Aus den Möglichkeiten der 6 richtigen Zahlen werden ganz zufällig 6 Zahlen gezogen. Die Natur trifft eine zufällige Auswahl aus Millionen von Möglichkeiten, die nicht als Zufall nachweisbar ist. Entscheidung ist dann eine Eigenart des Lebens, die mit Information verbunden ist. „Information und Entscheidung“ ist ein politisches Thema, keines der biolog. Wissenschaft, weil Entscheidung immer mit Zufällen verbunden ist und die Naturwissenschaft nur Abläufe und Ursachen wahrnimmt. Und weil Zufälle nicht nachweisbar sind, klammert die Naturwissenschaft Begriffe wie Zufall und Entscheidung weitestgehend aus. Zufall ist nur ein metaphysischer Schatten-Begriff in der Naturwissenschaft. Nur die Mathematik hat eine Theorie des Zufalls. Die Philosophie mag auch den Zufall nicht und ordnet Entscheidungen nur dem Menschen zu. Ich glaube an die Existenz des Zufalls, weil wir sonst vieles gar nicht erklären können.
Die Philosophen, ob Materialisten oder Idealisten, haben die ungeheure konstruktiv-kreative Gestaltungskraft des Gehirns, das Eigenleben des Bewusstseins unterschätzt. Das Mittel der Sprache hat ihm eine ganz neue Qualität gegeben. Die Wahrnehmungen sind die Eckpunkte unseres Wissens. Die zahllosen Verbindungen muss das Gehirn im Laufe seines Lebens selbst entwerfen und abspeichern, soweit sie Erfolg hatten. Deren innere Logik erzeugt Fantasie, aus dem Schlussfolgern entstehen Fragen an die Umwelt. Erst wenn unser Wissen logisch konsistent ist, sind wir zufrieden. Die Mathematik zeigt, dass die den Regeln innewohnende Logik keine subjektive Erfindung ist, sondern einen objektiven Charakter hat (s. Roger Penrose, Dieter Wandschneider in "Computerdenken", 1991). Für Platon war das eine kulturhistorische Entdeckung, die seinen objektiven Idealismus begründete.
Weil unser Wissen so erfolgreich ist, halten wir es für wahr und müssen glauben, dass die Welt analog strukturiert ist. Der Pragmatismus hält den persönlichen Erfolg für den Maßstab der logischen Konsistenz. Was letztlich logisch konsistent ist, bleibt offen, ist mehrdeutig: mit Gott oder ohne.
Die alten Griechen fanden die Logik als Schlüssel zur Mathematik und machten die Mathematik zur ersten Wissenschaft: Mathematik als Theorie und als Mittel, um Theorien zu bilden. Die Mathematik steht im Leitkonzept fast aller Wissenschaften. Liegt es da nicht nahe zu fragen: Ist die Mathematik der Schlüssel zu einer effektiven Erkenntnistheorie?
Erkenntnis beginnt mit Problemen. Dann folgen: Suche nach Möglichkeiten, Suche nach Regeln und logische Abstimmung, d.h. Kontrolle der Schlüssigkeit. Ihre Methode ist der Dialog. Am Ende stehen rational beeinflusste Entscheidungen, in der Mathematik die Lösung oder der Beweis. So gehen wir täglich vor, nicht nur in der Mathematik.
Was ist also in den Thesen von mir und was aus der Literatur? Von mir stammt die Ergänzung der Begriffe „Gabelung“ und „Entscheidung“ und die Definition von Information. Karl Poppers Satz: „Alles Leben ist Problemlösen.“ habe ich umformuliert. Entscheidung ist das Schlüsselwort in meinen Thesen und ich finde, dem sollte die Wissenschaft viel mehr Aufmerksamkeit schenken. Von uns selbst wissen wir, wie wir uns mit Entscheidungen herumquälen, nur anderswo erkennen wir sie nicht, weil wir nur die wirklichen Abläufe sehen. Information gilt allenthalben als nicht definierbar. Ich habe sie so getroffen, weil sie mir in meinem Modell fehlte und nur so hineinpasste.
Alles andere ist eigentlich nicht neu. Ich habe nur versucht, es möglichst knapp und präzise zu formulieren. Hilfreich war mir die Literatur des Biologen Ernst Mayr, dessen Satz „Leben entwickelt eine eigene Kausalität“ ich wörtlich nehme, des Hirnforschers Manfred Spitzer und des Mathematikers Didier Dacunha-Castelle. Sie alle haben eine sehr hohe philosophische Kompetenz. Stefan Klein und Martin Urban sind Wissenschaftsjournalisten. Martin Urban wurde mir durch einen Artikel „Kein Sinn für den Zufall“ im Mathematik-Heft des Rotary-Clubs (Feb. 2007) bekannt.
Ernst Mayr, Konzepte der Biologie.
Ernst Mayr, Die Macht der Zufalls, Interview 17. Juni 2003 (s. www.netzeitung.de )
Manfred Spitzer, Lernen.
Didier Dacunha-Castelle, Spiele des Zufalls, Instrumente zum Umgang mit Risiken.
Martin Urban, Warum der Mensch glaubt.
Stefan Klein, Alles Zufall.
Niklas Luhmann, Entscheidungen in der "Informationsgesellschaft" (s. : http://www.fen.ch/texte/g... )