Leserartikel-Blog

Gibt es eine Biologie des Entscheidens?

„Herr Professor Mayr, wenn Sie auf ihr bisheriges Leben zurückblicken, können Sie irgendetwas herausgreifen, was die entscheidende Rolle gespielt hat?“ Ernst Mayr: „Der Zufall. Mein Leben war voller Zufälle…“
In einem Interview (17.6.2003, „Die Macht des Zufalls“, www.netzeitung.de ) hat der berühmte Biologe Ernst Mayr (1904-2005) erzählt, wie sehr Zufälle sein Leben immer wieder umgelenkt haben, wie unglaublich viel er Zufällen zu verdanken hat. Aber was lehrt die Standard-Biologie über die lebenswichtige Bedeutung von Zufällen? Nichts. Warum ist die Rolle des Zufalls kein Thema in den Lehrbüchern der Biologie?
Weshalb wir uns mit dem Zufall so schwer tun, habe ich bei Martin Urban („Warum der Mensch glaubt“, Auszug in Rotary Magazin Nr. 2/2007, S. 48 – 51, siehe http://rotary.de/rotary_v... ) und Stefan Klein („Alles Zufall“, Rowohlt 2004) gelernt: Wir haben einen Sinn für Regeln, nicht für den Zufall; der Zufall ist nicht beweisbar. Und damit kein Thema für die Biologie?
Der universelle Dualismus von Notwendigkeit und Zufall ist aber erforderlich, um Begriffen wie Möglichkeit, Entscheidung (Auswahl), Freiheit, Problem einen wirklichen Sinn zu geben.
Leben braucht in seiner Entstehung einen Freiraum von Möglichkeiten, um die physikalische Kausalität mit einer eigenen Kausalität rund um die Darwinschen Grundkonzepte Reproduktion, Variation und Selektion zu ergänzen. Alles Leben ist Entscheiden, Möglichkeiten finden und auswählen. Freiheit und Zwang zum Entscheiden sind eins. Leben bedeutet aber mehr, es schafft und sucht evolutionär neue Möglichkeiten (und damit neue Zufälle), ferner ökologische Ergänzungen und Kooperationen und damit qualitativ Neues.
Dabei spielt die Information, als Entscheidungshilfe definiert, eine unentbehrliche Hauptrolle. Dazu gehören die Signale aus der Welt und das, was in den Zellen und im Gehirn gespeichert und verarbeitet wird. In diese konditionale Definition passt der (wahrgenommene) rote Apfel, die Shannonsche Definition, die Gene und der chiffrierte Code, der nur dem Decodierer nützt. Mit der Information (z. B. Gene) kann das Leben Entscheidungswege fixieren und eine eigene Kausalität entwickeln.
Das Gehirn ist also primär ein Lenkungsorgan für die Entscheidungsprozesse des Lebens. Um zu entscheiden, muss es lernen und erkennen. Letzteres läuft zwanglos ab, als unsicheres Probieren (trial and error), mit vielen Zweifeln. Das Gehirn jagt ständig nach Neuem und Zufälligem, um daraus Regeln zu kreieren.
Die Wissenschaft beschreibt Leben weitgehend als funktionierendes Ganzes. Was ist aber das Leben als Berg von Aufgaben, als unaufhörliches Problem, sich für Aktivitäten zu entscheiden? (vgl. Karl Popper, Alles Leben ist Problemlösen)
Kann der politische Buchtitel „Information und Entscheidung“ auch auf einem Biologiebuch stehen? In der Politik ist „Entscheidung“ ein Topthema, das vollkommen von Information abhängt, in der Biologie nicht, die sich auf die detaillierte Erläuterung von längst entschiedenen Abläufen konzentriert und an der Frage „Gibt es einen freien Willen?“ verzweifelt. Kennt der Biologe Entscheidungen nur als persönliches Problem, sonst nicht? Haben wir einen Sinn für sie, nur wenn sie uns selbst betreffen?
Entscheiden Tiere und Pflanzen etwa nicht? Entscheidet die Katze nicht, wenn sie auf der Lauer liegt? Entscheidet die Pflanze nicht, wohin sie wächst? Kann die Biologie die Entscheidungsmethoden der Natur und damit Begriffe wie Zufall, Information und Entscheidung bedeutsam machen?