Leserartikel-Blog

Die deutsche Verklemmtheit

Die deutsche Verklemmtheit ist unerträglich. Da wird doch tatsächlich die Unterstützung der türkischen Einwanderer für die Türkei problematisiert - und als Beleg für die noch nicht gelungene Integration der Türken in Deutschland genutzt. Das ist absurd. Denn die Identifikation eines Fans mit seiner Mannschaft entzieht sich rationalen Kriterien wie sie in dem Begriff "Integration" zum Ausdruck kommt. Beim Fan geht es um Emotionen - und die sind seit der Kindheit positiv oder negativ besetzt. Man identifiziert sich halt zumeist mit der Mannschaft, die auch in der Familie unterstützt worden ist. Und jeder Fan hat als Kind Erlebnisse gehabt, die diese emotionale Bindung haben entstehen lassen. Beim Autor dieser Zeilen war es der Sieg der deutschen Mannschaft im EM Viertelfinale von 1972 gegen England. Das Spiel wird der kleine Junge von damals nie vergessen ... . Beim Fußball schaltet die Identifikation den Verstand aus. Fans sind begeistert oder tief betrübt. Je nach Spielausgang. Heute könnte also auch der am besten integrierte Türke Deutschlands (etwa der komplett integrierte Vorzeigetürke Cem Öcdemir von den Grünen) ein Anhänger der Türkei sein, wenn er denn eine emotionale Bindung an diese Mannschaft haben sollte. Es ist für die politische Frage der Integration belanglos. Diese hängt nicht an der emotionalen Verbundenheit mit dem neuen Heimatland, sondern ist eine rationale und politische Entscheidung. Man kann das mit Dolf Sternberger oder Jürgen Habermas als Verfassungspatriotismus bezeichnen. Deshalb war es in den USA bei der WM 1994 kein Problem, dass die einzelnen Einwanderergruppen ihre Mannschaften unterstützt haben. Also etwa die Italoamerikaner Italien - selbst wenn sie schon seit hundert Jahren in den USA lebten. Kein Amerikaner kam deshalb auf die Idee die angeblich fehlende Integration der Italiener in die amerikanische Gesellschaft zu thematisieren. In den USA ist Patriotismus eine Verfassungsfrage - und bedeutet eben nicht die primär emotionale Bindung wie im klassischen europäischen Nationalismus. Zwar wird auch in den USA der Patriotismus emotional ausgebeutet, aber aus historischen Gründen - die Gründung der USA als politische Willensentscheidung freier Bürger - kommt dort kaum jemand auf die Idee, solche dummen, in diesem Fall deutsche, Integrationsfragen zu stellen. Oder steckt hinter unserer Debatte doch ein grundsätzliches Problem,? Ist in Deutschland immer noch der alte Nationalismus mit seiner emotionalen Grundierung dominant - und wird der Patriotismus keineswegs als eine rationale Entscheidung begriffen? Für den Fan ist die Identifikation keine rationale Entscheidung. Er hat einen Grundsatz: "Right or wrong, my club (country)". Totale Identifikation, da ist es auch völlig egal, ob die eigene Mannschaft gut spielt oder nicht. Man freut sich sogar darüber, wenn man gegen eine bessere Mannschaft gewonnen hat. Schadenfreude ist die schönste Freude – und am besten verliert Holland nach einer tollen Vorrunde im Viertelfinale. Zu solcher Niedertracht führt die totale Identifikation - und sollte deshalb auf den Fußball begrenzt bleiben. Denn ansonsten sind Holländer nette Menschen. Diese Trennung zwischen Fußball und dem sonstigen Leben funktioniert sogar: Im Sauerland etwa ist man Fußballerisch nicht integriert, wenn man kein Fan vom BVB oder S04 sein sollte. Wenigstens in der Logik der Integrationsapostel aus der derzeitigen Debatte. Als Werder Bremen Fan ist man in Feindesland. Grässlich, diese westfälischen Barbaren, sagt der Fischkopp, so heißen hier die Bremenfans...und wollen vor allem nicht mit dem unsäglichen HSV in einen Fischtopf geschmissen werden. Von Integrationskursen – Jubeln für S04 und BVB – war allerdings bis heute noch nie die Rede. Man kann sogar als Bremenfan im Sauerland mit S04 Fans befreundet sein – und gar mit einer solchen zusammenleben. Ganz ohne Integrationsapostel im diskursiven Ausnahmezustand. Vielleicht sollten diese einmal thematisieren, warum solche Verbindungen überhaupt möglich sind. Aber vor allem sollten sie über ihr Verständnis von Integration nachdenken. Warum sie eigentlich Integration, wie im klassischen Nationalismus, als die emotionale Grundierung in Form der totalen Identifikation missverstehen.Das Problem sind also nicht unsere Einwanderer als Fans der Türkei, Rußlands, Italiens oder auch Bhutans. Es sind die Integrationsapostel, die den öffentlichen Diskurs bestimmen. Sie sollten sich lieber integrieren. Schließlich stehen die Türken wie 1683 vor Wien. Und werden wieder von "Polen" (Podolski und Klose) gestoppt werden. Aber nur im Fußball. Und das ist der Fortschritt seit 1683.