Leserartikel-Blog

Der lange Weg zur Wahrheit. - Der Fall des Priesters und Theologen Prof. Dr. Paul-Gerhard Müller (Trier)

Im Juni 1976 habilitierte Prof. Josef Ratzinger gemeinsam mit Prof. Mußner in Regensburg den 36 Jahre alten Dr. Paul Gerhard Müller und fügte der Veröffentlichung der Habilitation 1982 ein beflügelndes Geleitwort bei. Zwei Monate später missbrauchte dieser zwei vierzehnjährige Jungen, darunter seinen Neffen Benedikt Maria Trappen, worüber SPIEGEL ONLINE im April berichtet hat. Inzwischen wurde bekannt, dass sich bereits 2007 ein weiteres Opfer sexueller Gewalt aus seiner Zeit als Kaplan im saarländischen Illingen im Jahr 1965 gemeldet hatte. Weitere sexuelle Übergriffe sind für die Jahre 1980 und 1988 eidesstattlich belegt. Der Beschuldigte leugnete wiederholt die Taten, bezichtigte in unverfrorener Umkehrung der Rollen die ihn beschuldigenden Opfer zum Teil der "wiederholten versuchten Erpressung" und tauchte zwei Monate ungehindert im Libanon unter. Zentral aber bleibt die Frage nach dem Hintergrund seiner Versetzung 1989 aus dem renommierten Rektorat des Katholischen Bibelwerks Stuttgart in eine kleine Gemeinde in Trier. Hier hätten Bischofskonferenz und Papst Gelegenheit, wirklichen Willen zur Aufklärung radikal zu beweisen - auch wenn sie von den Vorgängen möglicher Weise selbst betroffen sind. Wurde auch hier - wie so oft - mit einer vorgeblichen "Rotationsregel" nur eine "Sprachregelung" erfunden, um den Täter zu schützen und seine geschätzten intellektuellen Fähigkeiten andernorts weiter nutzen zu können? Der Nachfolger im Rektorat des Bibelwerks war immerhin 21 Jahre im Amt und auch der derzeitige Direktor wusste noch im März von einer solchen Regelung nichts. 2007 hat der Beschuldigte übrigens seine Wohnung auffallend gründlich "gesäubert" und dabei auch unzählige Dias vernichtet, was damals niemand verstehen konnte.
Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen erwartungsgemäß wegen Verjährung eingestellt und damit den Ball dem Bistum Trier, Dr. Ackermann und der Deutschen Bischofskonferenz zurückgespielt. Da die Vorfälle auch kirchenrechtlich verjährt sein dürften, bleibt abzuwarten, wie die Kirche nun weiter agiert um ihr Versprechen rückhaltloser Aufklärung auch verjährter Fälle einzulösen und den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
In den Akten wird man jedenfalls nichts finden können. Diese wurden, einer Meldung der FAS vom 23.05.10 gemäß, im Bistum Stuttgart-Rottenburg seit 1984 im Einvernehmen mit dem vestorbenen Bischof Dr. Moser von allen Verfahrensabläufen im Zusammenhang mit sexuellen Missbrauchstaten freigehalten. Auch dieses, dem Schutz der Täter und der Institution Kirche dienende Verfahren, kann nicht anders als "Vertuschung" genannt werden und erschwert die Aufklärung erheblich.
Der Staatsanwaltschaft gegenüber hat sich der Beschuldigte übrigens nicht eingelassen. Das Bistum will nun mit seinem Einverständnis ein forensisches Gutachten erstellen lassen. Nachdem aus dem Umfeld des Professors inzwischen bereits zu erfahren war, dass er - zumindest verbal - "Unrechtstaten" einräumt, wenn auch unangemessen und auf unerträgliche Weise verharmlosend - sexuelle Annäherungen habe er immer als "freundschaftliches Spiel in bester Laune, nie als Gewalt" verstanden, "Folgen" habe er nie erwartet und "es habe auch in den letzten 35 Jahren keine gegeben", "Gewissensbisse" habe er in all den Jahren nicht empfunden und sei von der mit der "Medienwelle gegen die Kirche über ihn hereingebrochenen Entwicklung" nun "eiskalt überrascht" - hat er mit Schreiben vom 24.06.10 inzwischen die Taten uneingeschränkt eingeräumt und um "Vergebung und Verzeihung und Barmherzigkeit" gebeten. Er wolle "alles tun um wieder in ein gutes persönliches und familiäres Vertrauensverhältnis" zu gelangen und sich "um Wiedergutmachung bemühen".
Nachdem es lange still geblieben war, beteuerte Prälat Damiano Marzotto in einem Schreiben vom 25.10.10, dass der Kongregation für die Glaubenslehre bis zum 11.05.10 der Fall Prof. P.G. Müller nicht bekannt gewesen sei und versichert, "dass die Kongregation entsprechende kanonische Maßnahmen eingeleitet hat".
Der Bischof von Trier, Dr. Stephan Ackermann, weist in einem Begleitschreiben vorsorglich - "damit bei Ihnen nicht der Eindruck entsteht, als habe der Bischof von Trier irgendetwas verschweigen wollen" - darauf hin, dass er erst "nach Durchführung einer Voruntersuchung" die Glaubenskongregation zu informieren habe. Diese Voruntersuchung sei "abgeschlossen, sobald das von mir angeforderte forensische Gutachten vorliegt. Nach Auskunft des Gutachters wird dies noch bis zum 22. November dauern. Sodann werde ich alle Unterlagen der Kongregation zustellen, damit sie entscheide, wie im vorliegenden Fall weiter vorzugehen ist".
Er merkt an, dass die Taten straf- und kirchenrechtlich zwar verjährt sind, er aber als zuständiger Bischof die Kongregation bitten wird, von der Möglichkeit "von der Verjährung in einzelnen Fällen zu derogieren (Normae de gravioribus delictis, Artikel 7, §1)" Gebrauch zu machen.

Bei Interesse bitte hier weiterlesen:

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