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„RÜBENSÜSSCHEN“ & „MACHO“

Das „Rübensüßchen“ war eine blutarme Kreatur, die im 19-ten Jahrhundert nach dem „Riechfläschen“ verlangt hätte. Eine scheinbar ferne Zeit, an die sich vermutlich kein Leser mehr erinnert, auch wenn diese Zeit gelegentlich in unsere Gegenwart hinüberweht. Aber „Rübensüßchen“ lebte immerhin schon im 21-igsten Jahrhundert. Und da wurde das „Riechfläschen“ durch den Heilpraktiker ersetzt.
Kurz, Frau R. fühlte sich eigentlich immer „schlecht“. Und bei ihrer rhetorischen Frage: „Aber was soll ich da klagen?“ musste sie aufpassen, dass diese Art von Rhetorik nicht zur Gewohnheit verkam. Und so fror Frau R. immer noch, trotz ihrer mutig gemusterten Wollkleider.
Man musste schon ein Menschenfreund sein, um für „Rübensüßchen“ zur Blutspende zu gehen. Aber ihr einen „Aderlass“ anzubieten war sicher nicht die beste Methode, um ihre „Anämie“ zu heilen. Da war die Behandlung mit den rituell verabreichten Milchzuckerkügelchen doch mit weniger Gefahren verbunden.
Immerhin war „Rübensüßchen“ wie „Lore“ bereit einen Mann zu erhören, wenn er dann wollte. Und ihrem „Heiler“ fielen immer wieder neue Worte ein, die freundlich klangen. So suchte Frau R. ständig ihren Dr. Energie auf, weil der an Hand seiner „Diagramme“ und ihres Urins, ihr, Frau R., sagen konnte, wer sie denn nun wirklich war. So wie „Rübensüßchen“ ihre schmalen Lippen verzog, dass man ein Lächeln erahnen konnte, war sie von der Diagnose ihres „Heilers“ immer noch beeindruckt. Denn der hatte ihr lächelnd, wie sie erzählte, noch einen „guten Rat“ mit auf den Weg gegeben. Dabei zupfte Dr. Energie an seinem Schnurrbart und nickte bedeutsam: Sie, Frau R., solle sich in Zukunft wirklich mehr Zeit nehmen so zu sein, wie sie war.
Das konnte nicht gut gehen, dachte ich nur, als sie mir das Frau R. erzählte. Denn sie hatte nicht den geringsten Sinn für Selbst-Ironie. Und diese Ironie war ohnehin nicht die Lösung, nach der " Rübensüsschen" suchte.
Kurz, nachdem Frau R. ihren „Heiler“ „durch“ hatte, stand sie nahezu zweimal die Woche morgens an meiner Praxis-Anmeldung. Denn „Rübensüßchen“ war nicht nur blutarm, sondern sie litt auch noch ständig ( wie sie behauptete ) unter „Blasenentzündungen“. Wenn sie dann aber aus dem Zeitungspapier das Einmachglas mit dem Urin wickelte, schnüffelte sie und spitzte dabei ihre blutleeren Lippen, als übte sie sich in Lebensfreude. Um ihren Mund herum allerdings lag ein säuerlicher Schmerz. Und ich dachte oft, wie man so denkt: Wer diesen Spitzmausmund küssen wollte, brauchte ein „Spekulum“.
Als ich ihr also das Einmachglas mit Urin abnahm, um es im Labor untersuchen zu lassen, sagte Frau R. mit einer Stimme, die mich an eine Flüstertüte erinnerte: „Danke“ und dabei schob sie ihre Brille zu Recht, während ihre Augenlider zuckten, als stiegen in ihr die Tränen auf.
Was gibt es da zu heulen? dachte ich oft. Aber vielleicht war sie deshalb immer so weinerlich, weil sie so krank aussah, wenn sie flüsternd vor sich hin seufzte.
Obwohl ich leidenschaftlich gern ins Kino gehe, selbst in „Hollywood“ hätte man „Rübensüßchen“ nicht in einen Schwan verwandeln können. Aber gleichzeitig dachte ich dann auch, nicht jeder Erpel wird seiner bunten Federn gerecht.
Also, ob Ente oder Schwan, mit der Zeit mochte ich „Rübensüßchen“ irgendwie und ihr „Blasenleiden“ machte mich neugierig. Denn obwohl sie nie gesund wurde, wusste „Rübensüßchen“ trotzdem immer, welche Medizin ihr am besten half. Und das, immerhin, machte meine Arbeit einfach.
Und doch war da ein Anflug von Widerspenstigkeit, wenn Frau R. „ihre“ Urin-Analyse verlangte. Dabei ermahnte ich sie immer wieder, doch endlich einen Facharzt aufzusuchen. Dann sah sie mich verhalten an, als überprüfte sie meine Geduld. Sobald sie aber das Rezept über die Medizin, die ihr immer half, in den Händen hielt, lächelte sie, als träumte sie heimlich von der Liebe oder doch wenigstens vom häuslichen Glück. Und wenn sie dann ihren Kopf neigte, um wohlwollend das Rezept zu prüfen, als duftete sie an Rosen, dann konnte man glauben, „Rübensüßchen“ hätte soeben den Frühling erfunden.
Aber dann hörte ich lange Zeit nichts mehr von ihr. Oder, um es anders zu sagen, ich dachte nicht mehr an sie.
Aber irgendwann rief mich Frau R. am späten Nachmittag an und flüsterte in das Telefon: Sie sei nun wirklich sehr krank und ich müsse umbedingt zum Hausbesuch kommen.
Eine Stunde später saß ich bei „Rübensüßchen“ auf dem Doppelbett und kontrollierte ihren Blutdruck. Sie starrte vor sich hin. Oder wurde ihr Blick im Widerschein ihrer Gesichtszüge von einer Vision unter der Zimmerdecke gefesselt? Aber dann griff sie plötzlich nach meiner Hand und weinte oder besser, sie schluchzte wie ein Kind. Immerhin, in ihrem Bett erkannte man ihre Umrisse als Frau. Nur über ihrem Doppelbett hing kein Kruzifix, das über ihr „Glück“ oder „Unglück“ gewacht hätte.
Aber hinter ihrem Bett nahm ein großformatiges Bild die Wand ein.
„Ja,“ lächelte Frau R. verschämt und setzte sich auf, nachdem sie sich geschnäuzt hatte. „Er war mein ganzes Glück. Und jetzt ist er tot…“
„…und? Er war blasenkrank?!“ fragte ich vorsichtig.
„Ja,“ nickte sie. „Aber ihre Tabletten haben wirklich lange geholfen.“
„Und wie hieß er?“ fragte ich Anteil nehmend
„Ja, das war mein „Macho“, lächelte Frau R. zärtlich. „ Sehen Sie nur, er war sehr schlank und so kräftig.“
Ich sah wieder zu „Macho“ hinüber, der uns, Rübensüßchen und mich, selbstbewusst und seiner Muskelkraft sicher von der Schlafzimmerwand aus beobachtete. So herausfordernd wie er aber ehemals ins Objektiv sah, so wollte er auch später von seiner Umwelt gesehen werden.
Obwohl mir „Macho“ sozusagen ständig auf Augenhöhe begegnete und ich nie seinem Blick entkam, so konnte er trotzdem nicht Frau R.`s Birkenstocksandalen, die unter dem Bett standen, sehen. Gleichzeitig aber zuckte „Macho“ immer wieder mit seinen Nasenflügeln, um nur keine Gerüche zu verpassen.
Als ich aber seine Schnauze sah, da war ich mir sicher, von diesem Hund wollte ich nicht gebissen werden. Aber vielleicht, dachte ich, war gerade dieser „Macho“ der Rüde, durch den sie, „Rübensüsschen“, allen Männer verzeihen konnte.
„Ja,“ lächelte Frau R. verschämt. „Das mit dem Urin war nicht fair…“
“Na ja,“ sagte ich, während ich mein Stethoskop einpackte, „Menschen sind auch nur Säugetiere. Aber vielleicht wären Sie doch besser zum Tierarzt gegangen.“
Dann gab ich ihr freundschaftlich die Hand, denn ich glaube, sie liebte wirklich diesen Hund.

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