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JOHANNES, der Priester

Wenn er seinen „Ornat“ abgelegt hatte, merkte man nicht, dass er Priester war. Im Gegenteil, er spielte gelegentlich die Rolle des gelassenen Erfolgsmenschen, der trotzdem bescheiden blieb. Dabei hatte er gute Manieren und das fiel auf.
Gut, seine Freundlichkeit durchzogen gelegentlich zeremonielle Schwaden, die an Weihrauch erinnerten, wenn man dann gewusst hätte, dass er Priester war. Aber vielleicht lag das auch nur daran, weil Johannes Teetrinker war und „seinen“ Tee nur nach bestimmten Regeln aufgoß. Erst dann konnte er mit seiner Arbeit als „Gesprächstherapeut“ beginnen:
Das schlichte Mobiliar seines Beratungszimmers schüchterte keinen Menschen ein. Und hinter seinem Schreibtisch hing der Spruch:
„Ein feste Burg ist unser Gott“
“Ja…, “ lachte dann Johannes gutmütig, wenn man diesen vermeintlichen Widerspruch entdeckte. „…ich liebe „meinen“ Paul Gerhard, auch wenn der von der anderen Fakultät kommt. Aber irgendwann müssen wir doch mit der Ökumene beginnen…“
Kurz, selbst wenn Johannes ein Arzt gewesen wäre, so musste sich keiner für seine verschlissene Unterwäsche schämen. Denn jeder Mensch hatte das Anrecht auf seine Freundlichkeit. Das war schon immer Johannes Devise. Und so wurde auch sein Arbeitsstil durch das Gespräch mit den Menschen bestimmt. Er war für jeden, jeder Zeit ansprechbar. Und er dachte nicht in Zielgruppen.
Gelegentlich allerdings erinnerte mich Johannes an einen Animateur, der sein Publikum nicht nur ansprach, sondern auch mit freundlichen Sprüchen aus der Menge zog. Denn bei „Glaubensfragen“ war er weder sentimental, noch selbstgerecht. Und da er auch noch über rudimentäre Sprachkenntnisse verfügte, verstand es Johannes auch weltmännisch aufzutreten. Denn immerhin verfügte ein Teil seiner Gemeinde über das, was man „Migrationshintergrund“ nennt.
Da also Johannes weder arrogant war und schon gar nicht selbstgerecht, versuchte er auf alle Lebensfragen, die man ihm stellte, eine Antwort zu finden.
Dabei wiederholte er wie bei der Liturgie die „Satzbausteine“, die sein Rat suchender Gesprächspartner zuvor benutzt hatte. Denn die Menschen lieben die Wiederholung und er, Johannes, konnte in dieser Zeit, in der er die Fragen wiederholte, die gestellte Frage überdenken. Der Klient aber musste nicht befürchten, dass ihm die Zunge abgeschnitten wurde, wenn Johannes, dem Priester, die Frage nicht gefiel.
Natürlich hingen diese therapeutischen Gespräche auch von der Erwartungshaltung desjenigen ab, der hier die „Beratung“ aufsuchte. Und oft genug verliefen diese Gespräche auch nur ins Allgemeine.
„Aber, was solls? “ sagte Johannes, der Priester. „Solange die Menschen noch miteinander reden, schiessen sie nicht.“
Dabei lächelte er, als wollte er sagen: pragmatische Haltungen haben schon immer das Leben der Menschen erleichtert.
„Und…,“ sagte Johannes sachlich, „wer soll mir verübeln, wenn auch ich gelegentlich Banalitäten so herausputze wie einen polierten Intarsientisch.
Das kann doch immerhin trösten. Aber, “ sagte er zögernd und irgendwie klang er enttäuscht, „kein Mensch kommt auf die Idee, dass auch ich ein einsamer Mensch sein könnte, der die Nähe seiner Gemeinde sucht, die von mir immer nur tröstende Worte verlangt.“
„Der Platz am Kreuz ist schon lange besetzt,“ lächelte ich ironisch und bot ihm eine Zigarette an.
„Und Sie sind auch nicht mehr der „Halb-Gott in Weiß“, sagte Johannes, der Priester und sog an seiner Zigarette.
Seitdem treffen wir uns regelmäßig zur „Gesprächstherapie“ – beim Bier.

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Leser-Kommentare
  1. 1. -

    Sie posteten sieben Tage keinen Artikel.
    Ich las aus Frust schon im redaktionellen Teil der Zeit.
    Um so größer die Freude dieser bemerkenswerten Geschichte.
    Danke und zum Wohl :)

    • 03.04.2011 um 08.44 Uhr
    • hardob
    2. gern gelesen, danke

    gern gelesen, danke

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