Leserartikel-Blog

Ihre Beiträge auf ZEIT ONLINE. Zu den Blogs

Werte Dame…., werter Herr …..,

ich kann mich nicht erinnern, während meiner Schulzeit, während meines Studiums oder im Berufsleben jemals mit dieser Anrede konfrontiert worden zu sein oder sie gar selbst genutzt zu haben.

Ich muss allerdings einräumen, ca. 1989 einen Brief von einer Behörde aus der damaligen DDR erhalten zu haben, in dem ich zu meiner großen Verwunderung genau mit dieser Floskel angeredet wurde. Das Schreiben war handschriftlich abgefasst, das Schriftbild erinnerte mich entfernt an die Sütterlin-Schrift und ließ mich vermuten, die Absenderin sei bereits im fortgeschrittenen Alter und einer anderen Generation zugehörig und so habe ich mir keine weiteren Gedanken über diese Formalie gemacht.

Am Rande soll hier nur erwähnt werden, dass auch der Inhalt des Schreibens mich verwunderte. Ich wurde nämlich aufgefordert, mich an den Wasserkosten für den örtlichen Friedhof, die bis dahin offensichtlich von der Kommune getragen worden sind, zu beteiligen, mit der durchaus zutreffenden Begründung, meine Großeltern seien dort begraben. Gefordert wurden bescheidenerweise nur die anteiligen Kosten rückwirkend ab 1936!

Doch nun zurück zu meinem eigentlichen Thema. Ich bin schon erstaunt, in diesem Forum vergleichsweise oft die Anrede „Werte ....", "werter ....", lesen zu können. Mich hat das neugierig gemacht und ich habe ein wenig im Internet recherchiert und verschiedene Interpretationen bzw. Aussagen gefunden:


- Die Anrede "werte(r)" gilt heute als veraltet und eigentlich unpassend; wird sie benützt, so klingt das ironisch, und eben auch despektierlich.

- Veraltet ist die Anrede mit "Werte(r)", sie sollte deshalb nicht mehr verwendet werden." Duden, Gutes und richtiges Deutsch, S. 149.

- Manche finden die Anrede "werte frau“ „dämlich und irgendwie herabwürdigend“.

- Denken Sie am Briefanfang über eine sympathische Anrede nach, auf verstaubte Floskeln wie "Werter Herr Schneider" verzichten Sie besser.

- Interessant in der Autobiographie des Wissenschaftspublizisten Hoimar von Ditfurth "Innenansichten eines Zeitgenossen", ist eine Episode aus dem Jahre 1931: das Hausmädchen der v. Ditfurths hatte im Überschwang politischer Gefühle einen Brief an Hitler geschrieben, und sogar einen "persönlichen" Antwortbrief erhalten und sie bemerkte:

Da aber war ein Punkt, der mich stutzig machte. …. Der Eindruck jedoch, den ich bei dieser ersten Gelegenheit von Hitler gewann, war, ich kann es nicht anders sagen, ausgesprochen ungünstig. "Wertes Fräulein ..." das schrieb ein Herr einfach nicht. "Sehr geehrtes..." oder einfach "Geehrtes ..." das wäre in Ordnung gewesen, ebenso so auch "Verehrtes...", meinetwegen auch noch "Liebes Fräulein Mehrling". Aber "Wertes...", das war spießig und unmöglich. Soviel war auch mir als Elfjährigem mit absoluter Gewißheit klar. Denn mochten wir auch noch so arm sein, die vielfältigen kleinen sprachlichen und Verhaltensmerkmale, die dem Eingeweihten die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse signalisierten und die jemand, der nicht dazugehört, in aller Regel nicht registriert, die hatte man uns so eingedrillt, daß sie uns in Fleisch und Blut übergegangen waren.

- die briefanrede werter herr mustermann bzw, werte frau musterfrau ist ein absolutes *no go* – sprich unmöglich. vom zk der sed sowie anderen organen der verblichenen ddr benutzt, bringt diese anrede den verwender flugs in die nähe dieser miefigen ex-nomenklatura.

Ich selbst muss gestehen, dass auch ich – innerlich widerstrebend und ohne Hintergedanken, einfach nur nachahmend – in Einzelfalle dieses absolute *no go* hier auch schon verwendet habe.
Was also bewegt einzelne Foristen, diese Anrede trotz ihrer offensichtlichen Geringschätzung immer wieder zu nutzen?

Zeige nur empfohlene KommentareZu den neuesten Kommentaren
Seite 1 von 2
Leser-Kommentare
  1. 1. Na, sehr geehrter drelux,

    die Antwort ist doch ganz einfach und die Geringschätzung offensichtlich und beabsichtigt: setzen Sie vor das werte/r ein 'aller' und hintendran ein 'ste/r' und Sie wissen, wohin die Reise geht. Ich bin mit Ihnen hier ganz einer Meinung - *no go*.

  2. 2. Danke, @drelux, für eine wunderbare klei

    Vignette!

    Ich hab' das "Werte/r" als Anrede hier im Forum erstmalig praktiziert gesehen. Ich hätte es mir vorher höchsten im Gespräch zwischen Goethe und Schiller vorstellen können - daß Goethe etwas herablassend "Werter Freund" sagt.
    Hier empfand ich es zu Anfang meist als ein wenig hochtrabend und pompös. Auch schien es häufig mehr den eigenen Wert unterstreichen zu wollen als den des Angesprochenen.
    Es klang für mich auch ein wenig nach "alte Männer".

    Inzwischen, habe ich den Eindruck, ist für manche daraus eine relativ "normale" Anrede geworden, wenn einem "Liebe/r" zu nah oder der Situation nicht angemessen und nur der Nick zu kühl erscheint.

    Ich hab's nach anfänglicher schlichter Vermeidung inzwischen auch schon gelegentlch verwendet, mal mit ein wenig Ironie oder schlicht als Antwort auf ein "Werte K.".

    Man kann es so negativ sehen, bzw. verwenden, wie die dame das oben beschreibt, aber in der Regel würde ich das den hier Schreibenden nicht unterstellen. Ich glaube, die Verwendung ohne negativen Beigeschmack ist hier die häufigere, nachdem dieses "Werte/r" hier schon vor langem eingeschleppt wurde und sich festsezte.

    Und zur Ehrenrettung all derer, die es ohne Arg vewenden, veranschiede ich mich, werter Drelux, und erlaube mir nur noch die Frage, wieviel denn 23 Jahre Begießen der Vorfahrenkosten sollte.

    In gespannter Erwartung,
    KC

    • 24.11.2009 um 14.30 Uhr
    • drelux
    3. "Werte" KC,

    mit Goethe und Schiller liegt man meistens richtig;-).

    Hier ein Satz aus einem Brief Schillers:

    >Wie sehr fürchte ich, mein werther theurer Freund, daß mein langes Stillschweigen auf Ihre lieben Briefe die von einem so werthen Andenken begleitet waren, Ihnen eine seltsame Meinung von mir möchte beigebracht haben.

    Je nach Anlass wurden früher aber auch die Wörter „verehrenswerther Freund“ oder „beklagenswerther Freund“ in Briefen verwendet.

    Ihre Frage, wieviel denn 23 Jahre Begießen der Vorfahrenkosten sollte. kann ich leider nicht mehr beantworten, da ich das Schreiben nicht nur ignoriert, sondern auch entsorgt habe. Den Betrag hätte ich allerdings begleichen können, ohne eine Hypothek auf mein Haus aufnehmen zu müssen.

    P.S.: 89-36 ergibt 53, nicht 23!

  3. 4. "Werther" Drelux: Peinlich,

    meine Rechenkünste! In der Praxis klappt das aber alles ganz gut.
    Danke für das Schiller-Zitat. Es "bewertete" folglich auch dieser den Älteren.

  4. 5. Also Schluss mit

    Also Schluss mit "werter"/"werte".

  5. 6. Werte Kohlmeise...werter Drelux, werte D

    Ich fändete es sehr sehr schade, wenn ich das derob mitunter nicht mehr zum Besten gäben dürfen sollt dürfthe...wo ich doch so wert bin;-)

  6. 7. Werte Foristen,

    Sprachgebrauch entwickelt sich auch in geschlossenen Systemen. So hat die Community diese Anrede doch eher, so ich mich recht erinnere, neutral bis positiv gebraucht. Standard war zum Beispiel "Werter Viscount". Das können Sie ja mal googeln.
    Es stimmt schon mit dem sonstigen Sprachgebrauch. Ich kann mich ebenso erinnern, es zuvor nur einmal in schriftlicher Anrede gebraucht zu haben. Der Herr war Studentenparlamentspräsi und vom RCDS. ;-)
    Wie gesagt, hier ging ich davon aus, dass es eher nett gemeint ist. Sollte das ein dicker Fauxpas gewesen sein, werde ich mich schleunigst umstellen.
    Grüße Klearchos

    • 24.11.2009 um 23.05 Uhr
    • Loki45
    8. Oh, mein GOtt! @Werte Diskutanten!

    Wie sagt der Berliner: "Vata, ick krich' die Tür nich' zu!" ;-)
    .
    Wie niedlich, die intellektuelle Elite des Forums zerbricht sich den Kopf über Formulierungen in der deutschen Sprache und stellt einhellig fest, das die Formulierung "Werte Damen und Herren" ein absolutes *no go* ist!
    .
    Wie schön und erhabend, endlich wieder im Forum ein prägnantes Zeichen von tiefem Interesse für die "doitsche Sprake" zu finden! ;-)
    .
    Das Leben kann so schön sein! *lol*

  7. 9. Na ja...Allerwertester Loki...

    ...hat ja auch so was, was nicht jedem gefällt.

    Was schlagen Sie also vor? ;-))

    • 25.11.2009 um 00.35 Uhr
    • Loki45
    10. Vorschlag? @Volker Steinkuhle

    Warum Eulen nach Athen tragen? Was ist an der Anrede "Werte..." so untragbar und schlimm? Ich halte die Diskussion darüber für einen "Sturm im Wasserglas"!

    Wir haben ja sonst keine Probleme! ;-)

Leser-Kommentare
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
Anzeige
Service