Leserartikel-Blog

Kant und Swedenborg

Als Antwort auf den Leserkommentar zu meinem Parapsychologie-Interview möchte meinen Essay "Kant und Swedenborg" hier einstellen. Er ist meinem Werk "Zwischen Himmel und Erde. Git es ein Leben nach dem Tod" (Bod 2010) entnommen:

GIBT ES EIN LEBEN NACH DEM TOD?

Der Philosoph Immanuel Kant
und der Hellseher Emanuel Swedenborg

"Trat man als Gast in Kants Haus, so herrschte eine friedliche Stille ... Durch eine ganz einfache, ja, armselige Tür, kommt der Gast in das eben so ärmliche Sans-Souci, zu dessen Betretung man beim Anpochen durch ein frohes Herein eingeladen wurde. Das ganze Zimmer atmete Einfachheit und stille Abgeschiedenheit vom Geräusche der Stadt und Welt. Hier saß der Denker auf seinem ganz hölzernen Halbcirkelstuhle, wie auf einem Dreifuß... Im Studierzimmer sind die Wände weißgetüncht. Und auf dem weißen Papier ging seine zügige Schrift voran mit dem Federkiel, der Kopf etwas geneigt."
Es war der 10. August 1763. Kant hatte über glaubwürdige Zeugen von Visionen und Totengesprächen des "Geistersehers" Emanuel Swedenborg aus Stockholm erfahren. Und "um nun das Vorurtheil von Erscheinungen und Gesichtern nicht durch ein neues Vorurtheil blindlings zu verwerfen, fand ich es vernünftig, mich nach dieser Geschichte näher zu erkundigen (...)", heißt es in einem später berühmt gewordenen Brief an ein Fräulein von Knobloch. Kant war geneigt, diesen paranormalen Erscheinungen Glauben zu schenken. So berichtet er in seinem Schreiben zustimmend über eine gewisse Madame Hartville, "die Witwe des Holländischen Envoyer in Stockholm“, diese sei "einige Zeit nach dem Tode Ihres Mannes von dem Goldschmidt Croon um die Bezahlung des Silberservices ... welches ihr Gemahl bei ihm hatte machen lassen“, gemahnt worden: "Und die Witwe war zwar überzeugt“, so Kant, „dass ihr verstorbener Gemahl viel zu genau und ordentlich gewesen war, als dass er diese Schuld nicht sollte bezahlt haben, allein sie konnte keine Quittung aufweisen ..."
Madame Hartville bat Swedenborg um Hilfe. Er sagte zu, und drei Tage später behauptete er, "dass er ihren Mann gesprochen“, so Kant in seinem Brief: Die Schuld sei sieben Monate vor seinem Tode bezahlt worden, die Quittung aber könne in einem Schrank, der sich im oberen Zimmer befände, gefunden werden. Der Tote habe es genau beschrieben; wenn man an der linken Seite des Schrankes eine Schublade öffne, und ein Brett beiseite schiebe, dann in einer anderen verborgenen Schublade unter der geheim gehaltenen holländischen Korrespondenz des Verstorbenen suche, wäre dort auch die Quittung zu finden. Und die Quittung wurde zur Verblüffung der Hofgesellschaft tatsächlich am beschriebenen Ort gefunden. Kant schildert auch die hellseherischen Fähigkeiten Swedenborgs, der den Brand Stockholms aus hundert Kilometer Entfernung genau wahrgenommen und beschrieben hatte: "Die folgende Begebenheit aber scheint mir unter allen die größte Beweiskraft zu haben und benimmt wirklich allem erdenklichen Zweifel die Ausflucht (...) Des Abends um sechs Uhr war Herr von Swedenborg herausgegangen und kam entfärbt und bestürzt ins Gesellschaftszimmer zurück. Er sagte, es sey eben jetzt ein gefährlicher Brand in Stockholm am Südermalm (...) und das Feuer griffe sehr um sich. Er sagte, dass das Haus eines seiner Freunde, den er nannte, schon in der Asche läge und sein eigenes Haus in Gefahr sei. Um acht Uhr (...) sagte er freudig: Gottlob der Brand ist gelöscht (...)" Auch diese Angaben des Hellsehers wurden bis ins Detail durh die späteren Berichte und offiziellen Dokumente bestätigt.
Kant kam schon am Beginn der Ausarbeitung seiner apriorischen Philosophie die absolute Offenheit Swedenborgs auch methodologisch entgegen. Swedenborg vertrat die Ansicht, dass es "nun erlaubt sei", "mit Hilfe des Verstandes in alle Geheimnisse des Glaubens einzudringen", aber es wäre "gefährlich ... mit einem Verstand in solche Glaubenslehren einzudringen…, die das Ergebnis einer bloß menschlichen Einsicht und mithin aus Falschheiten zusammengesetzt sind." Wer sich immer nur an das halte, was er alltäglich vor Augen hat, sei mit Blindheit geschlagen.
Kant hatte Swedenborg geschrieben, ihm Fragen gestellt. Der Gelehrte ließ Kant sagen, er bereite ein Buch vor, und darin wolle er auf Kants Fragen antworten. Es handelte sich um Swedenborgs Werk "Arcana Coelestia", zu Deutsch "Himmlische Geheimnisse", in acht Bänden. Es heißt, es seien nur vier Exemplare verkauft worden, eines davon habe Kant erworben. Er las es - mit wachsendem Unbehagen, ja, mit wachsender Enttäuschung. Swedenborg behauptete nämlich: "(... ) durch meine Augen durften sie (die Geister und Engel) die in der Welt befindlichen Dinge sehen ( ...) und dann auch die Menschen mit mir reden hören (...) sie sahen auch ihre Gatten und Kinder (...) Durch die Gassen einer Stadt, und durch ihr Gefilde wandelnd, und zugleich auch im Gespräch mit Geistern... "
Zur Erklärung dieser Entrückung zitiert Swedenborg die Bibel, von der er in seinen "Himmlischen Geheimnissen" auch ausgeht: "...wenn man im Wort liest, ´sie seien dem Körper entrückt worden (abducti a corpore), und sie seien vom Geist an einen anderen Ort weggeführt worden.´(...) Alle Sinne sind dann so wach wie im höchsten Wachsein des Körpers (...), sowohl das Gesicht, als das Gehör, und merkwürdigerweise auch der Tastsinn, welcher alsdann schärfer ist, als er es je sein kann beim Wachen. (...)"

Kants Enttäuschung über die "Arcana coelestia" äußerte sich in seiner Streitschrift "Träume eines Geistersehers erläutert durch die Träume der Metaphysik", die 1766 anonym erschien. Er nannte Swedenborgs "Himmlische Geheimnisse" "acht Quartbände voller Unsinn" und ließ sich zu Invektiven hinreißen: " ... wenn ein hypochondrischer Wind in den Eingeweiden tobet, so kommt es darauf an, welche Richtung er nimmt, geht er abwärts, so wird daraus ein F -, steigt er aber aufwärts, so ist es eine Erscheinung oder eine heilige Eingebung."
Er nannte den international anerkannten Gelehrten plötzlich "einen gewissen Herrn Schwedenberg ohne Amt und Bedienung", "Erzphantasten unter allen Phantasten" "unbekannten Narren" und gar Betrüger. Dabei war Swedenborg königlich schwedischer Assessor beim Bergwerkscollegium, ein anerkannter Verfasser wissenschaftlicher Arbeiten,. Mitglied der Academien zu Stockholm und Petersburg. Swedenborg hatte allerdings nach einem Bekehrungserlebnis in London alle seine Ämter niedergelegt und widmete sich nur noch seiner "Berufung".
Irritierten Kant die so naiven "Tatsachen" des Unbegreiflichen, oder gar die Trivialisierung der tiefsten Geheimnisse? Schon der Philosoph Moses Mendelssohn hatte in einem Brief an Kant über die "Träume eines Geistersehers" entsetzt nach der Ursache dieser Beschimpfungen gefragt. Und Kant antwortete ihm am 8. April 1766, dass es ihm "also am rathsamsten" schien, "andren dadurch zuvorzukommen, dass ich über mich selbst zuerst spottete wobey ich auch ganz aufrichtig verfahren bin indem wirklich der Zustand meines Gemüths hiebey wiedersinnlich ist..." "Widersinnlich" war also sein Gemüth, gespalten, denn er habe zwar gespottet, doch, "was die Erzehlung anlangt" hat er sich "nicht entbrechen" können, "eine kleine Anhänglichkeit an die Geschichte von dieser Art als auch was die Vernunftgründe betrifft einige Vermuthung von ihrer Richtigkeit zu nähren ungeachtet der Ungereimtheiten..." sich zu bewahren.
Eine solche Bewusstseinsspaltung in Sachen übersinnliche Unheimlichkeiten nannte Freud später einen "Urteilsstreit". Natürlich spielte die Angst des angehenden Professors, sich lächerlich zu machen, eine große Rolle. In der veröffentlichten "Streitschrift", greift Kant Swedenborg heftig an, als Privatperson aber schreibt er einen begeisterten Brief über den Hellseher. Wie ist das möglich?
Kants Herz hing an der "Geisterwelt". Erfahrung und Vernunft aber waren die Grundlagen seines Berufes. Diese Spaltung ist der Antrieb seines Denkens. Und er erarbeitet in der Streitschrift schon 1766 die beiden Gegenpole: 1. die Grundmethode seiner kritischen Philosophie, Grenzen setzend, und 2. in seiner Morallehre: Grenzen öffnend. Er verdammt nicht nur Swedenborg, sondern auch die erfahrungslosen Spekulationen der Metaphysik seiner Zeit als "Hirngespinst": "Leben und Tod werden wir nie durch Vernunft einsehen können. Das ist die Grenze."
Ganz streng urteilt er, ohne freilich etwas anderes als die Vernunft als Erkenntnisorgan zuzulassen. Wer sich auf "Träume" verlasse, der falle der "Krankheit des Kopfes" und der Spinnerei zum Opfer: a. beim "Phantasten" Swedenborg durch die Empfindung, b. bei den Metaphysikern durch die Vernunft. Immer wieder zitieren Kommentatoren genüsslich Kants Äußerung: "(...) dass man die anschauende Erkenntnis der anderen Welt nur erlangen kann, indem man etwas von demjenigen Verstande einbüßt, welchen man für die gegenwärtige nötig hat.“
Unterschlagen wird freilich der darauf folgende Satz Kants: "(...) Wollte ich wirklich ein Ungläubiger sein, wäre ich doch genau wie der Denkpöbel, mit einer wetterwendischen und auf den Schein angelegten Gemütsart, um so vor der herrschenden Meinung und Mode den Rücken zu beugen, nur um zu avancieren."
Aufklärung, deren "Vater" Kant genannt wird, ist innere Revolte, Denken mit dem eigenen Kopf denken! Widerstand leisten gegen versteinerte Gedanken und versteinerte Verhältnisse und Autoritäten! Die Radikalität des jungen Kant wird (auch heute noch) missdeutet! Philosophie war für Kant die Wissenschaft von den Grenzen der Vernunft, doch das Übersinnliche wird nicht geleugnet, nur der Zugang dazu mit unseren theoretischen Denk-Mitteln für unmöglich gehalten. Weil sowohl Vorstellungen von "drüben", als auch "begleitende Ideen" fehlen, um das postmortale Leben überhaupt denken zu können... Swedenborg dagegen geht vom Glauben aus, einen "vom Herren erleuchteten Verstand" zu besitzen. Enge, vorurteilsvolle Kritik, die sich dem Unbekannten verschloss, lehnte er als "Vernünfteln" ab.
Kant, dem Handwerkersohn, war jede Frömmelei zuwider, und er konnte spöttisch und auch drastisch werden; er mochte im Denken das Solide und im Leben das Handfeste. Und er war ein Weltmann, begierig auch nach Welt und Geselligkeit, er schwebte nicht über den Wolken, saß in keinem Elfenbeinturm. Kaufleute, Offiziere, Juristen waren seine Freunde, kaum Kollegen. Kriminalrat Jensch stopfte seine Pfeifen, die Frau Professor Pörschkes besorgte das Trocknen der Schotenerbsen und Schwertbohnen, der Engländer Motherbey, Schwager von Kants bestem Freund, dem Kaufmann Green, schaffte Käse und Kabeljau herbei, der Kaufmann Jacobi den Rheinwein, Regierungsrat Vigilantius erledigte die Gehaltsquittungen. Kant hatte ein gutes Gespür für Leute und Realitäten, ließ sich in seinem täglichen berühmt gewordenen Mittagstisch von seinen Gästen aus allen Bereichen der Wirklichkeit berichten. Es wurde nie theoretisiert!
Wie bei Swedenborg ist für Kant die praktische irdische und sinnlich-körperliche Existenz auch für die Seele absolut notwendig, um Erfahrungen machen zu können. Nicht nur um die Persönlichkeit auszuformen, ihr Stoff und Kontur zu geben, sondern weil "sich alle ... Fähigkeiten erst durch den Körper entwickelt haben": "... und … sie alle Kenntnisse, die sie von der Welt hat, erst durch den Körper erlangt, und sich also durch den Körper zu der künftigen Fortdauer hat vorbereiten müssen."
Hier übernimmt Kant sogar die Auffassung Swedenborgs, bei dem "das Leben, welches sich der Mensch in der Welt verschafft hat“, ihm nach dem Tode "folgt". Ja, dass der Sinn des körperlichen Lebens sehr ernst zu nehmen sei, da er dem Bau eines "geistigen Leibes" dient, und so alles, was hier erworben wurde, samt liebgewordenen Gewohnheiten, aber auch alle Vergehen mitgenommen werden müssten! Freilich mit dem Ziel, hier Erfahrung für ein unendliches Wachstum zu erwerben, um nach dem Tode die notwendigen Verbindung zwischen Seele und Körper zu lösen, endlich frei zu sein, ihr "wahres Leben" im Unermesslichen zu führen. Beim reifen Kant heißt es: "Also ist der Tod nicht die absolute Aufhebung des Lebens, sondern eine Befreiung der Hindernisse eines vollständigen Lebens."
"Die" Aufklärung ist bei ihrem tiefsten Denker Kant nicht, wie Adorno es sah, nur "Entzauberung der Welt", Sturz der Einbildung durch Wissen, "Triumph des Tatsachensinns", ein Wissen, dessen Wesen Technik sei, das nicht auf das "Glück der Einsicht, sondern auf Methode, Ausnutzung der Arbeit anderer" ziele. Für Kant trifft das nicht zu. Kant hat selbst gesagt, er habe das Denken als eine Art "Räumungsarbeit" angesehen, es nur eingeschränkt, um Platz für das Transzendentale zu schaffen. Er hatte Swedenborg als eine Art "Reibungsfläche" benützt, um seine eigene kritische Philosophie aufzubauen, die ihn dann berühmt machte. Schon in der Streitschrift "Träume eines Geistersehers", heißt es: "...wie er in dieser Welt gegenwärtig sei, die wie eine immaterielle Natur in einem Körper und durch denselben wirksam sein könne; alles um einer sehr gültigen Ursache willen, welche diese ist, dass ich hievon insgesamt nichts verstehe, und folglich mich wohl hätte bescheiden können, eben so unwissend in Ansehung eines künftigen Zustandes zu sein ... Und eben die Unwissenheit macht es, dass ich mich nicht unterstehe, so gänzlich die Wahrheit so mancher Geistererzählung abzuleugnen."
Gegen Swedenborg ist Kant ungerecht und böswillig, als wüte er gegen sich selbst! Es ist erstaunlich, dass der handschriftliche Urtext der "Träume eines Geistersehers" voller Freudscher Verschreiber ist, und zwar immer an jenen Stellen, wo sich Kant offensichtlich mit sich selbst im innern Streit befindet, bewusst oder unbewusst die Unwahrheit schreibt.
Die Kieler Dissertation von Gottlieb Florschütz, die unter dem Titel "Swedenborgs verborgene Wirkung auf Kant" 1992 erschienen ist, weist ausführlich nach, dass Swedenborg vieles von Kants Philosophie vorweggenommen hat, ja, dass Kant ohne Swedenborg kaum denkbar wäre.
Schon Balzac hatte in seinem "Buch der Mystik" darauf hingewiesen. Wer ein wenig in den Autorenbiographien blättert und Einflüssen nachgeht, kann in Wut geraten über die Literaturgelehrten und Historiker, über den Skandal ihrer Unterschlagungen und Verdrängungen; dieses gilt freilich für alle Disziplinen bis hin zur Theologie; und möglicherweise wurde auf diese Weise die gesamte Kulturgeschichte durch rationalistische Ideologie verfälscht, ja, gefälscht. Und eine gut dokumentierte Gegengeschichte, die diesen Skandal einmal untersucht und beschreibt, steht leider noch aus! Auch das Märchen von der Aufklärung ist falsch. Das schlagende Beispiel dafür ist der große Kant.
Schon Kant war, wie Swedenborg davon überzeugt, dass die materielle Welt nur Erscheinung, Schein ist, was inzwischen die Mikrophysik auch experimentell bestätigt. Schon für Kant waren sinnliche und "übersinnliche" Welt nicht getrennt, sondern die sichtbare Welt war nichts weiter als die Erscheinung der geistigen (oder der Geisterwelt), die unsichtbare Welt aber die wahre Ordnung der Dinge.
Kein Wunder, dass sich der "Vater der Aufklärung" nie vom "Geisterseher" befreien konnte und Hass-Liebe empfand! Doch die Einflüsse des "Sehers" sind auch auf die deutsche Klassik und Romantik unübersehbar, und sie werden von der Forschung unterschlagen.
Zur Zeit der Kant-Swedenborg-Kontroverse (1765/66) wurde das Weltbild der Aufklärung erarbeitet und Denken zugunsten einer im Praktischen abgesicherten Erfahrungswelt eingeschränkt. Doch Kant wendet sich schon anderthalb Jahrzehnte später, nämlich ab 1783 in den "Vorlesungen über Metaphysik", vor allem aber 1790 in den "Vorlesungen über die rationale Psychologie" dem verdrängten Übersinnlichen wieder zu. In dieser dritten Periode seines Lebens steht das "Ding an sich" im Mittelpunkt, dieses ominöse und berühmte "Ding an sich" ist theoretisch und den Sinnen unzugänglich, es ist aber nach Kant die unbezweifelbar der Erscheinung zugrunde liegende tiefere Wirklichkeit, die Sinne und Verstand bewegt, ihnen erst den "Stoff" liefert, damit überhaupt Welt entstehe! In dieser Zeit rehabilitiert Kant Swedenborg wieder, nennt ihn sogar "erhaben", übernimmt dessen Grundgedanken vom geistigen, ja "jenseitigen" Grund der Welt.
Kant war aber auch im Spätwerk niemals "Spiritist". Nicht der "Geisterkontakt" interessierte ihn, sondern die Kontinuität der menschlichen Seele, und damit die Gründe für eine moralische Handlungsweise, Gründe, die in der andern Welt zu suchen seien. Das Geheimnis des sittlichen Antriebs, der gegen die körperlich-tierische Natur und ihr Interesse gerichtet ist! Kants "Postulate" zur Vervollkommnung des "höchsten Gutes", der berühmte Kategorische Imperativ gehört dazu.
Kant definiert diesen geistigen Grund der Welt sogar schon im Basiswerk der Aufklärung, der "Kritik der reinen Vernunft", so: "Gott also, und ein künftiges Leben, sind zwei von der Verbindlichkeit, die uns reine Vernunft auferlegt, nach Prinzipien eben derselben Vernunft nicht zu trennende Voraussetzungen."
Noch strenger heißt es in den "Vorlesungen über Metaphysik": "Gott und die andere Welt ist das einzige Ziel aller unserer philosophischen Untersuchungen, und wenn die Begriffe von Gott und von der anderen Welt nicht mit der Moralität zusammenhingen, so wären sie zu nichts nütze."
Schon Moral also wäre eine übersinnliche, ja, "okkulte" Einwirkung vom Welt-Grund in unsere Erscheinungswelt. Dieses führt Kant in seinen späten "Vorlesungen zur rationalen Psychologie" (1790) aus, nämlich die Verbindung zum Übersinnlichen, das sogenannte "Commercium von Leib und Seele, den Wechsel der Anschauungsart durch den Tod und eine Geistergemeinschaft schon zu Lebzeiten." Dies 1790. Zur Zeit der Streitschrift 1766 geht Kant noch als junger Aufklärer davon aus, dass wir nur das wissen können, was uns unsere Sinne und der Verstand vorgeben, dass die Welt so ist, wie sie uns Auge und theoriegelenktes Denken vorgaukeln. Dies, obwohl er schon damals schwankte, gespalten war, den transzendentalen Gedanken in sich selbst bekämpfte. Kant wird heute missverstanden, für ein reduziertes rationalistisches Weltbild in Anspruch genommen. Dabei ist dieses einschränkende Denken nur die Antwort auf die erste der drei Fragen, die Kant stellt, und die seinen drei Hauptwerken entspricht: Was können wir wissen - in der "Kritik der reinen Vernunft" (1781), was sollen wir tun, in der "Kritik der praktischen Vernunft" (1787), und was dürfen wir hoffen, in der "Kritik der Urteilskraft" (1790).
In der ersten Kritik, ist das Fazit ein Skandal, dass wir mit Sinnen und Verstand nur das wissen können, was wir nach den Bedingungen, in denen wir gefangen sind, selbst hineingelegt haben, also über die Dinge, wie sie an sich sind, nichts wissen können. Dazu kommt die Unmöglichkeit, mit unseren rationalen Mitteln, etwas über Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zu erfahren. Doch gebe es, so Kant, noch Vernunft und Urteilskraft, sie seien der Weg, aus dem Gefängnis zu entkommen: Mit Intuition, Gefühl, vor allem mit dem Gewissen. Sie führen uns zu höheren Realitäten, an die weder Theorie noch Wissenschaft heranreichen können. Sie sind erst im Handeln zu erfahren, im Bereich der Entscheidung. Erst sie geben uns Würde und Selbstbewusstsein, Selbstgewissheit und Verantwortung, die einer anderen Welt angehören. Gesellschaftliche Rücksichten dürfen sie nicht einschränken! Nach Herder, Kants Schüler, galt für Kant keine Kabale, keine Sekte, kein Vorteil, nur die Vernunft. Vernunft, nicht zu verwechseln mit dem "Verstand", - sie allein ist Garant der Freiheit, steht vor jeder Erfahrung. Schon der Verstand ist "übersinnlich", die Vernunft aber hat ihre eigene Ursache. "Für die Freiheit“, so Kant, "ist das Bewusstwerden des Übersinnlichen", fundamental, und mit dem "bestimmten Denken des Übersinnlichen" sind die Postulate der praktischen Vernunft gemeint: die Postulate der Unsterblichkeit und eines Gottes zum Zwecke der Vervollkommnung des "höchsten Gutes" als Gegenstand des Moralgesetzes; das "Übersinnliche" also ist im Menschen fundamental, es gibt uns und der Natur die höheren Gesetze aus einer allumfassenden Ur-Sache und allgemeinen Zweckmäßigkeit; Die Vernunft aber ist höchste Autonomie. Autonomie, diese Grundforderung der Aufklärung, entspringt weder der Politik, der Wissenschaft, noch gar der Wirtschaft, sondern dem eigenen Gewissen, und dem Wissen, dass wir Bürger zweier Welten sind! Genau dies meint auch die berühmte Antwort Kants, was Aufklärung sei: " ... Ausgang des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit..."
Unmündigkeit aber ist Unfähigkeit, sich seiner eigenen Vernunft zu bedienen. Dazu gehören Einsicht und Mut. Abhängigkeiten, Vorurteile, als eigenen Fehler zu erkennen, nämlich, nicht Widerstand zu leisten gegen das übliche Denken, das dem gerade herrschenden Gesellschaftssystem dient, Angst davor zu haben, dem eigenen Gewissen entsprechend zu erkennen und zu handeln. Von nichts und niemandem abhängig zu sein, auch vom Körper nicht, von der Uhrzeit nicht, war Kants Devise. Er überlistete etwa die Tyrannei der Uhr-Zeit durch extreme Pünktlichkeit, und die Königsberger stellten ihre Uhren nach der immer gleichen Uhrzeit seines Spaziergangs ein. Jede freie Selbstbestimmung gab Kant ein Glücksgefühl ein, denn er war alles andere als ein angepasster Spießer. Herder schreibt über ihn: "Seine offene, zum Denken gebaute Stirn war ein Sitz unzerstörbarer Heiterkeit und Freude; die gedankenreichste Rede floss von seinen Lippen; Scherz und Witz und Laune standen ihm zu Gebot ..."
Kant bestimmte die feste Ordnung seines alltäglichen Lebenskreises bis ins Kleinste, um für seine geistige Arbeit frei zu sein, eben weil sein Körper und seine Psyche äußerst sensibel und irritierbar waren. Feste Gewohnheiten garantierten eine Art inneres Schutzgehäuse. Manches freilich wirkte, besonders im Alter des Junggesellen Kant, schrullenhaft. In der Jugend hatte seine Angst, sich selbst und die Ruhe für seine Arbeit und seinen Professoren-Beruf zu verlieren, mit zur Aggressivität gegen den Hellseher Swedenborg beigetragen, der behauptete, mit Toten reden zu können. Doch auch den eigenen schwächlichen Körper, der ihn bedingte und bestimmte, fürchtete Kant. So hatte er eine höchst drastische Ausdrucksweise, wenn er über seine Physis sprach:
"Dieser gänzliche Mangel an Hintern... Und wenn er keinen Hintern hat, wie mag der Edle sitzen? Gar denken? " Nur, weil sein Sessel sehr hoch und sehr konvex gepolstert war ... Haarbeutel verrutscht, die Schulter ganz schief... Er habe eine zarte Constitution. Und der kleine Leib werfe einen geringen Schatten nach außen. Und er wundere sich jeden Morgen vor dem Spiegel über diesen muskelarmen Corpus. Da sei die flache Brust, die Beschwerden daher, diese Brust fast eingebogen, und stehe vorgeneigt. Und das rechte Schultergelenk sei hinterwärts etwas verrenkt.
Das Gefängnis des Körpers also, und das der gegebenen Zeit. "Zeit" stand auch philosophisch im Zentrum seines Denkens. Paradox, dass schon im Alltag sogar Objekte, die doch nebeneinander stehen, verzeitlicht werden, in einer Abfolge erscheinen. Und dem Gespenstischen, Irrealen der Erscheinung, ja, der eigenen Körperexistenz, zwingt Kant ein Diktat des Geistes, des Plans, der Selbstbeherrschung auf. Der Zerstreuung des Bewusstseins setzt er sogar in der Zeit selbst etwas Unwandelbares entgegen: nämlich das außerhalb der Zeit, des Körpers und jeder Erfahrung gegebene "moralische Gesetz". Dieses könne jeder unmittelbar in sich selbst empfinden, so Kant: Nur jener Mensch ist frei und unabhängig, auch von Zeit und Körper, der sich nicht seiner physischen Existenz, Schwächen, Trieben und egoistischen Interessen überlässt, sondern dem Gesetz seiner Vernunft, dem Gewissen, das einer anderen Welt angehört, folgt. Der Sklaverei unserer Sinne, der engen Ratio, der Vorurteile, sowie sozialer Hörigkeit entgehen wir erst, wenn wir diesem Ruf folgen. Dazu gehört ein starker, aber auch ein "guter Wille" zur Selbstüberwindung. Und sein "reales Objekt" ist der "unendliche Progressus".

Kant aber war kein Asket und Weltverächter. Im Gegenteil. Er mochte Gesellschaft, war witzig und tolerant, mochte die Natur; das einzige Bild, das in seinem Arbeitszimmer hing, war ein Porträt von Rousseau, den er verehrte, einer seiner Freunde war der Förster Wobster von Moditten, bei dem er oft im Forsthaus zu Gast war. Kant hatte eine gute Beziehung auch zu Frauen, und sie mochten ihn, er konnte mit ihnen angenehm und gut informiert auch über Kochkunst plaudern, hatte sogar vor, ein Kochbuch zu schreiben. Wie ist das möglich? Die Seele ist, laut Kant, unbeschrieben, sie braucht den Körper, die Welt, um sich zu entwickeln. Freilich: Da wir uns über den Tod hinaus weiterentwickeln, also das, was wir hier getan und erworben haben, "mitnehmen", so Kant, sollten wir uns nicht nur auf die 8o Jahre hier auf der Erde einstellen, unser Leben also nicht um die Ewigkeit verkürzen, denn als Körperwesen wird der Mensch schließlich vernichtet, als Vernunftwesen, das allerdings vom Leben geformt wird, ist jeder dem Tode entzogen. Freiheit hat nur Sinn, wenn es diesen "Fortschritt" gibt, der zum "höchsten Gut" gehört! Wir sehen, Freiheit und Fortschrittsbegriff der Aufklärung wurden völlig verkehrt verwendet. Bei Kant hieß es noch: "Dieser unendliche Progressus ist aber nur unter Voraussetzung einer ins Unendliche fortdauernden Existenz und Persönlichkeit desselben vernünftigen Wesens (welche man die Unsterblichkeit der Seele nennt) möglich. Also ist das höchste Gut praktisch nur unter der Voraussetzung der Unsterblichkeit der Seele möglich; mithin diese, als unzertrennlich mit dem moralischen Gesetz verbunden."
Kant ging zwar von den Sinnen und dem Verstand aus. Doch diese und den Leib sah er nur als vergängliches Instrument an. Und er musste mit diesem schwächlichen Körper haushalten, um sein Riesenwerk zu vollenden. Bis zur Pedanterie und Selbstdisziplin kasteit er den Körper. Zum Frühstück nur zwei Tassen Tee und eine Pfeife Tabak, das Abendbrot lässt er ausfallen; Kaffee, den er sehr mochte, dessen Geruch ihn reizte, vermied er gänzlich. Und nicht mehr als zwei Pillen pro Tag, auch wenn er krank war, verschrieb er sich, dazu seltsame Gesundheitsregeln. Der Wohnraum seines eigenen großen Hauses im Schlossgraben, das er wie ein Gast bewohnte, und die Dinge wie geliehen in dieser flüchtigen, täuschenden Existenz auf Zeit, galt ihm Besitz nichts, alles war äußerst karg, aber zweckmäßig: Im Esszimmer nur ein Spiegel, im Studierzimmer, Schreibtisch, Kommode zwei Tische mit Büchern und Schriften, die Wände weiß, keine Tapeten. Überall störten Körper, der Raum, die Uhr-Zeit deuteten auf die niederste Stufe der Existenz hin, die sich am schlimmsten als täuschend vergehende Zeit äußerte. Dagegen setzte Kant äußere peinliche Ordnung, er wirkt daher wie ein Sonderling: Schere oder Federmesser durften auf dem Schreibtisch nicht verschoben sein, sonst geriet er in Unruhe und Verzweiflung, auch wenn der Stuhl nicht an gewohnter Stelle im Zimmer stand. Mit Regeln und selbst auferlegten Tageseinteilungen versuchte er, Zeit und Raum zu beherrschen. So stand er morgens um fünf Uhr auf. Bis sieben arbeitete er und dachte seinen Vortrag durch; von sieben bis neun hielt er Vorlesungen als Professor, von neun bis Viertel vor ein Uhr widmete er sich der kreativen Arbeit im Studierzimmer, ein Uhr empfing er seine Tischgäste, bis vier Uhr war Mittagstafel, wenn er große Gesellschaft hatte bis sechs Uhr. Punkt sieben Uhr ging er etwa eine Stunde spazieren. Dann noch Lektüre von Zeitschriften, neuen Büchern oder der Zeitung, pünktlich um 10 Uhr ging er schlafen.
Alles war fast zeremoniell geregelt. Denn die Zeit als Phänomen hatte für Kant etwas Beunruhigendes, Gespenstisches, da er seinen Geist von einem anderen Reich her, aber als Gefangener, bestimmt sah. Er sah sich fremd hinter einer Wand der Sinne steht, und der Art, wie er und alle Menschen gezwungenermaßen sehen müssen, ausgesetzt. Er war einerseits ein Kind seiner Zeit, so dass er an die "Kontinuität", also auch an den Zwang der Uhrzeit glaubte, andererseits aber gab es für ihn viel Wichtigeres, so: "die Bestimmung seines Daseins nur in der Form des inneren Sinnes": "Das Bewusstsein seiner selbst und die Identität der Person beruht auf dem innern Sinn. Der innere Sinn aber bleibt doch auch noch ohne den Körper, weil der Körper kein Princip des Lebens ist, also auch die Persönlichkeit."
Fremd, weil der Mensch nach Kant eine Art Ebenbild des "höchsten Gutes", des "Einen" sei. Dieser "innere Sinn" aber gehe über die Alltagswelt der Sinne weit hinaus, da schon wegen des Voranrückens von Zeit in den Außeneindrücken eine Erfahrung überhaupt nur möglich sei, wenn "Zusammenhang" oder "Einheit" unseres Bewusstseins als "Gewusste" und zugleich Wissende, also Verstehen da ist. "Einheit der Apperzeption (oder des Bewusstseins)." "Einheit der Synthesis in der Mannigfaltigkeit" nannte Kant diesen Kernpunkt seiner Philosophie. Wir sind sozusagen "Gewusste" und zugleich Wissende. Diese "Selbstunterscheidung" ist nach Kant aber "schlechterdings unmöglich zu erklären, obwohl ... ein unbezweifelbares Faktum ... (sie) zeigt ... ein über alle Sinnenanschauung ... weit erhabenes Vermögen an ... den Grund der Möglichkeit eines Verstandes." Das Zauberwort dieses Vermögens heißt "synthetische Urteile" oder die berühmte "Einheit der Synthesis in der Mannigfaltigkeit", was am besten die Mathematik, die Zahl leiste, aber auch ein Begriff. Nun ist die Zahl das Substrat oder Subjekt der nicht wahrnehmbaren Zeit, die zur Unendlichkeit gehört, also zu einer undurchschaubaren Einheit eben jenes Einen und höchsten Gutes, dessen Spiegel auch der Mensch ist. Es geht eigentlich nur um die erwähnte Teil-Habe am "Einen", um das Gottesebenbildliche in uns, das jedoch nicht zum Zuge kommen kann, weil wir uns selbst fremd sind, genau wie die Dinge uns fremd bleiben, als in den Körper Gefallene unbekannt bleiben müssen, solange wir nur getrennte Körper sehen, eine Art Sündenfall, weil wir im Körper und unseren Sinnen gefangen sind. Carl Friedrich von Weizsäcker hat das sehr schön am Beispiel der heutigen Theorie der Physik, der Quantentheorie gedeutet, die von Kants Denken gelernt hat: Die von uns sinnlich wahrgenommene Vielheit der Dinge - so Carl Friedrich von Weizsäcker - sei "letztlich nicht wahr." Isolierte Objekte bedeuten nur "mangelnde Kenntnis der Kohärenz ...der Wirklichkeit. Wenn es überhaupt eine letzte Wirklichkeit gibt, so ist sie Einheit. Vom Standpunkt dieser Einheit aus gesehen ... sind die Objekte nur Objekte für endliche Subjekte (d.h. für Subjekte, denen gewisses mögliches Wissen fehlt)... (d.h. sie sind individuelle Seelen unter den Bedingungen der Körperlichkeit)."
Kant Situation als vorausschauender Geist im 18. Jahrhundert ist tragisch: Er ist 200 Jahre zu früh gekommen. Seine Intuitionen im höheren Bereich der Vernunft und der Einheit der Zeit sind genial, im Bereich des Verstandes aber eingeengt, abhängig vom Wissensstand seiner Zeit, ihrer mechanischen Raum und Zeitvorstellungen. Wie außerordentlich wichtig aber dieser "innere Sinn" der Einheit ist, und auch als Subjekt und Substrat der Zeit gilt, die das Ich aus der Ewigkeit erzeugt, körperliches Dasein erst ermöglicht, zeigt die Rückübersetzung dieses Sinnes in den späten Vorlesungen Kants über "Rationale Psychologie" ins Zeitlose, nämlich als Garant des "persönlichen Überlebens des Todes": "Das Bewußtseyn seiner selbst und die Identität der Person beruht auf dem inneren Sinn. Der innere Sinn bleibt doch auch noch ohne den Körper ... also auch die Persönlichkeit."
Doch dieser "innere Sinn" und sein Wechselspiel mit der "reinen Vernunft" spiegelt schon das, was nach dem Tode geschieht: Geist, der nach dem Moralgesetz in unsere Handlungen unmittelbar hineinwirken kann via Gewissen, dieses aber geht dem "inneren Sinn" voraus, der die Zeit und die Gegenstände im Leben erzeugt. Es scheint bei Kant so, als wäre Leben ein Widerschein der andern Welt, und Selbstverwirklichung erst möglich, nachdem wir im Tode zu ihr, also zu uns gekommen sind. So heißt es bei ihm: " ... der Tod (ist) nicht die absolute Aufhebung des Lebens, sondern eine Befreiung der Hindernisse vollständigen Lebens." Bei Swedenborg und bei Kant wird etwas Unheimliches angenommen: dass das "Jenseits" immer da und greifbar da ist, nur eine dünne Wand trennt uns von ihm und den "Toten", die bei Erleuchtungen, manchmal in Träumen durchbrochen wird, im Tod aber endlich wegfällt.
"Die Trennung der Seele vom Körper", heißt es bei Kant, "ist nicht in eine Veränderung des Ortes zu setzen, (es ist die) Veränderung der sinnlichen Anschauung in die geistige (...) und das ist die andere Welt..." Mit den Sinnen und unseren irdischen Gewohnheiten aber ist jene andere Welt unvorstellbar, denn die "Vorstellungen von der Geisterwelt" mögen noch so "klar und anschauend sein, wie man will, so ist dieses doch nicht hinlänglich, um mich deren als Mensch bewusst zu werden (...) Er ist frei, wenn dann endlich durch den Tod die Gemeinschaft der Seele mit der Körperwelt aufgehoben worden ..." Die nackte Wahrheit wird erst jenseits der Sinne erkennbar, und schon in der "Kritik der reinen Vernunft" heißt es: " (Im Tod) ... wird vielmehr klar gezeigt: dass wenn ich das denkende Subjekt wegnehme, die ganze Körperwelt wegfallen muß (...) die Erscheinung in der Sinnlichkeit (...) und eine Art Vorstellung desselben." Und später in den Vorlesungen heißt es sogar: "Wir sind uns itzt durch die Vernunft schon als in einem intelligiblen Reiche befindlich bewusst; nach dem Tode werden wir das anschauen und erkennen und dann sind wir in einer ganz anderen Welt, die aber nur der Form nach verändert ist, wo wir nemlich die Dinge erkennen, wie sie an sich selbst sind."
"Der Gedanke des Swedenborg ist hierin sehr erhaben (...) Er sagt: Alle geistigen Naturen stehen mit einander in Verbindung (...)"
Kant und Swedenborg waren sich in ihrer Grundhaltung nahe. Auch Swedenborg hat sich Gedanken gemacht über die Schwierigkeiten, seine übersinnlichen Erfahrungen in Worte zu kleiden. So sagt er, dass die Geisterwelt, nicht "anders reden" könnte, "als der Mensch es fasst, nemlich nach dem Schein und Betrug der Sinne." Und auch die Sprache "der Engel" wird als eine Art himmlische Wärme und Nähe "gefühlt", die der Mensch zwar auch in sich habe, sie aber in seine Wortsprache nicht übersetzen könne. Sogar die Geister benützten, um von uns gehört zu werden: Gedanken und Worte des Menschen ... "In Wirklichkeit redeten nicht sie, sondern ich..." Zu Swedenborg schrieb schon der junge Kant in den "Träumen" zustimmend, und der alte Kant wiederholt dass es "... so gut als demonstriert, und ich weiß nicht wo oder wann, noch bewiesen werden (wird), dass die menschliche Seele auch in diesem Leben in einer unauflöslichen Gemeinschaft mit allen immateriellen Naturen der Geisterwelt stehe, dass sie wechselweise in diese wirke und von ihnen Eindrücke empfange, deren sie sich aber als Mensch nicht bewusst ist, solange alles wohl steht.(...) und daher, was ich als Geist denke, von mir als Mensch nicht erinnert wird, und umgekehrt (...)" Der Tod aber ist bei Kant immer Übergang, Steigerung, Hoffnung, es gibt kein Grauen, keine Skelette, Leichen, sondern Licht, Wachstum, Fortsetzung geistiger Entwicklung. Und die Erde ist pädagogische Provinz, Erfahrungsbereicherung, die nach dem Tode "hinüber" genommen wird.
Aus einer unerträglichen Kluft zwischen dem so kurzen Leben und unseren unendlich reichen Anlagen, die in dieser Lebenskürze nicht entfaltet werden können, schließt Kant sogar mit apodiktischer "Gewissheit" auf eine seelische Tätigkeit nach dem Tode: "Also lässt sich von der Seele vermuthen, dass sie für eine künftige Welt aufbehalten sein muss, wo sie alle diese Kräfte anwenden und gebrauchen kann." Für Kant ist die Seele durch die Geburt (wie schon für Platon) in einem Kerker gefangen, der sie an ihrem geistigen Leben hindert: "Der Tod ist also eine Beförderung des Lebens, und ihr künftiges Leben wird erst ihr wahres Leben sein."
Kant rieb sich an Swedenborg, um die kritische Philosophie der Aufklärung zu begründen und kurz danach auch zu überwinden! Woran müsste sich Denken heute reiben, um zu seinen Gründen zu kommen? Es wären nicht nur die Atom- und Quantenphysik, die, wie Heidegger, später Weizsäcker formulierten, nicht in der Lage sind, sich selbst zu denken, und es wäre die Parapsychologie, dann die "Transkommunikation" mit Tausenden von "Stimmen" und Nachrichten aus der anderen Welt. Die Grenze zwischen Leben und Tod ist heute offener denn je, was zu einer Mutation der Menschheit beitragen könnte. Kant ist aktueller denn je, doch eine Aufklärung in seinem Sinne steht noch aus.
"Also lässt sich von der Seele vermuthen, dass sie für eine künftige Welt aufbehalten sein muss, wo sie alle diese Kräfte anwenden und gebrauchen kann."
Kant glaubt ja an das "Commercium von Leib und Seele, den Wechsel der Anschauungsart durch den Tod und eine Geistergemeinschaft schon zu Lebzeiten" wobei er sich ausdrücklich auf Swedenborg bezieht.

LITERATUR
Immanuel Kant. Sein Leben in Darstellungen von Zeitgenossen. Die Biographien von L.W.Borowski, R.B. Jachmann und A.Ch.Wasianski. Hrsg. von Felix Groß. Berlin 1912.
Immanuel Kant: Träume eines Geistersehers erläutert durch Träume der Metaphysik. Textkritisch herausgegeben und mit Beilagen versehen von Rudolf Malter, Stuttgart 1976.
Immanuel Kant. Werke in 6 Bänden. Hrsg. von Wilhelm Weischedel, Frankfurt/Main 1956 – 1964.
(1783), Vorlesungen über rationale Psychologie, in: Immanuel Kant: Vorlesungen über Metaphysik, AA (Ausgabe der preußischen Akademie der Wissenschaften) XXIX, 1. Hälfte, 2.Teil, Berlin 1983.
(1790), Vorlesungen über rationale Psychologie, in: Immanuel Kant: Vorlesungen über Metaphysik (1790), nach Pölitz, AA XXVIII, 5. Band, 1. Hälfte, Berlin 1968.
Wilhelm Lütgerts: Die Religion des deutschen Idealismus und ihr Ende, 1923.
Carl du Prels (Hrsg.): Immanuel Kants Vorlesungen zur Psychologie, 1964.
Emanuel Swedenborg: Himmel und Hölle nach Gehörtem und Gesehenem. Aus dem Lateinischen von Friedemann Horn, Zürich 1977.
(1748), Arcana coelestia, Tom. 1-8, Deutsch: Himmlische Geheimnisse im Worte Gottes, 16 Bände, Swedenborg-Verlag, Zürich.
Ernst Benz: Vision und Offenbarung, Ebda, Zürich 1979.
Emanuel Swedenborg. Begleitbuch zu einer Ausstellung und Vortragsreihe in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart. Bearbeitet von Horst Bergmann und Eberhard Zwink, Stuttgart 1988.
Gottlieb Florschütz: Swedenborgs verborgene Wirkung auf Kant. Swedenborg und die okkulten Phänomene aus der Sicht von Kant und Schopenhauer, Würzburg 1992.
Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe, München 1975.
Uwe Schultz: Kant, Reinbek 1965.