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Die Entwicklung der Geburtenrate in Deutschland,

Einleitung
Zusammengefasste Geburtenrate, jährlich
Die Geburtenraten werden in den Statistischen Jahrbüchern für die Bundesrepublik Deutschland (bzw. für das Deutsche Reich) für die Kalenderjahre altersspezifisch für je 1000 Frauen der Altersjahrgänge von 15 bis 44 Jahre angegeben (z.B. Bild 1).
Die Summe der Kinder in diesen Altersjahren werden dort als Zusammengefasste Geburtenziffer bezeichnet und im allgemeinen in der Presse als Kinder je Frau diskutiert. Diese Ziffer ist jedoch nicht die Realität, denn die so errechnete Anzahl der Kinder je Frau würde nur gelten, wenn diese Geburtenrate dreißig Jahre lang bestehen bleiben würde, was natürlich niemals der Fall sein wird. Trotzdem gibt diese Größe einen Anhalt für die Größe und die zeitliche Entwicklung der Geburtenrate. Bei etwa 2,1 Kinder je Frau würde eine Bevölkerung sich reproduzieren.
Zusammengefasste Geburtenrate der Alterskohorten
Realistischere Werte ergeben sich, wenn man die altersspezifische Geburtenrate einer Alterskohorte von Frauen betrachtet. Zum Beispiel gilt für die 1935 geborenen Frauen:
Geburtenrate als 15-jährige = Geburtenrate der 15-jährigen im Jahr 1950
Geburtenrate als 16-jährige = Geburtenrate der 16-jährigen im Jahr 1951
……………………………………………………………………………..
Geburtenrate als 44-jährige = Geburtenrate der 44-jährigen im Jahr 1979
Die Summe diese Werte ergibt dann die Zusammengefasste Geburtenziffer der 1935 geborenen Frauen und gibt (ziemlich genau) an, wie viele Kinder je Frau in dieser Alterskohorte geboren wurden.
Nettoreproduktion, jährlich
Die vorangehend beschriebene Zusammengefasste Geburtenziffer hat noch einen Mangel an Genauigkeit. Betrachtet man 1000 Mädchen bei der Geburt, so werden diese Mädchen im Alter von 15 Jahren einige weniger geworden sein. D.h. man muss die altersspezifische Geburtenrate, die sich auf 1000 Frauen bezieht, jeweils auf die Erlebenswahrscheinlichkeit herunterrechnen, was vor hundert Jahren doch beträchtliche Reduzierungen ergab. Des weiteren werden bei dieser sich ergebenden Größe, der Nettoreproduktionsziffer, nur die geborenen Mädchen betrachtet, wobei wiederum zu berücksichtigen ist, dass stets etwa 5 % weniger Mädchen als Jungen geboren werden. Man muss also nicht durch 2 sondern durch 2,05 teilen. Ein Wert der Nettoreproduktionsziffer = 1 bedeutet, dass sich die Bevölkerung reproduziert.
Nettoreproduktion der Alterskohorten
Die Nettoreproduktionsziffer der Alterskohorten ist dann die eigentliche realistische Größe, die man wissenschaftlich zu betrachten hätte.
Zum Beispiel gilt für die 1935 geborenen Frauen:
Netto Geburtenrate der 15-jährigen Kohortenmitglieder
= Erlebenswahrscheinlichkeit der 15-jährigen weiblichen Kohortenmitglieder
    x  Geburtenrate für Mädchen der 15-jährigen Mütter im Jahr 1950
Netto Geburtenrate der 16-jährigen Kohortenmitglieder
= Erlebenswahrscheinlichkeit der 16-jährigen weiblichen Kohortenmitglieder
   x  Geburtenrate für Mädchen der 16-jährigen Mütter im Jahr 1951
…………………………………………………………………………………
Netto Geburtenrate der 44-jährigen Kohortenmitglieder
= Erlebenswahrscheinlichkeit der 44-jährigen weiblichen Kohortenmitglieder
    x  Geburtenrate für Mädchen der 44-jährigen Mütter im Jahr 1979
Die Summe diese Werte ergibt dann die Nettoreproduktionsziffer der Alterskohorte 1935.
Die jährlichen Geburtenraten.
In den Statistischen Jahrbüchern der Bundesrepublik Deutschland werden für jedes Kalenderjahr die Geburtenraten altersspezifisch für je 1000 Frauen der Altersjahrgänge von 15 bis 44 Jahre angegeben. Bild 1 zeigt die einzelnen Werte dieser Geburtenraten und die zusammengefasste Geburtenziffer (Summe dieser 30 Werte für 1000 Frauen) für das Jahr 1965 in dem die Geburtenrate besonders hoch war (Babyboom der 60iger Jahre).

Bild 1 Altersspezifische Geburtenrate für das Jahr 1965
In Bild 2 sind altersspezifische Geburtenraten der Bundesrepublik Deutschland / Alte Bundesländer und in Bild 3 die Kinder je Frau zwischen 1950 und 2005 dargestellt.

Bild 2 Die altersspezifische Geburtenrate für die Alten Bundesländer von 1950 bis 2000
Die Struktur der Kurven in Bild 2 lässt erkennen, dass in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg die Geburten in relativ höherem Alter der Mütter stattfanden, wahrscheinlich wurden im Krieg und unmittelbar danach aufgeschobene Geburten nachgeholt. Später verschob sich das Maximum von 1970 bis 2000 zu immer höheren Werten. 1970 lag es bei 23, 1980 bei 26, 1990 bei 28 und 2000 bei 29 Jahren.

Bild 3 Kinder je Frau = Zusammengefasste Geburtenziffer / 1000 für 1950 - 2005
Die zusammengefassten Geburtenziffern waren in den 60er Jahren besonders hoch (Babyboom). Ab 1970 lagen sie unter der Reproduktionsrate (etwa 2,1 Kinder je Frau), insbesondere ab 1973, als regelmäßig nur noch ca. zwei Drittel der für die Reproduktion der Bevölkerung notwendigen Kinder geboren wurden.
Die Geburtenraten der Alterskohorten
Die bisherigen Angaben zu den Geburtenraten bezogen sich auf bestimmte Jahre. Von Kinder je Frau kann man in diesem Zusammenhang nur sprechen, wenn man annimmt, dass die für ein bestimmtes Jahr gemessenen altersspezifischen Geburtenraten für 30 Jahre unverändert bleiben.
Jetzt sollen aus diesen Angaben die wirklichen Zahlen für die Kinder je Frau extrahiert werden. Es sollen die durchschnittlichen Anzahlen für die Kinder je Frau für Alterskohorten bestimmt werden. Bild 4 zeigt die Geburtenraten für die Alterskohorte 1935, für die 1935 geborenen Frauen.

Bild 4 Geburtenraten nach dem Alter der Mütter für die 1935 geborenen Frauen
Der erste Wert ist die Geburtenrate der 15-jährigen Frauen des Jahres 1950, sie wurden 1935 geboren. Der nächste Wert ist die Geburtenrate der 16-jährigen Frauen des Jahres 1951, usw. Der letzte Wert ist die Geburtenrate der 44-jährigen Frauen des Jahres 1979. Stets handelt es sich um Frauen, die 1935 geboren wurden.
Bild 5 zeigt die altersspezifischen Geburtenraten für die Frauen von Alterskohorten 1935 bis 1995.

Bild 5 Die altersspezifischen Geburtenraten der Alterskohorten 1935 bis 1995
Für die Alterskohorten von 1935 bis 1961 liefern die Daten der alterspezifischen Geburtenraten für die Jahre 1950 bis 2005 aus den Statistischen Jahrbüchern alle benötigten Werte. Für diesen Bereich sind die Kohorten-Geburtenraten korrekte Werte. Nach 1962 sind die Kohortenwerte teilweise extrapoliert und zwar unter der Annahme, dass die Geburtenraten für 2005 weiterhin gültig sein werden, was recht wahrscheinlich ist, da zumindest die zusammengefassten Geburtenziffern sich seit über 30 Jahren praktisch nicht verändert haben.
Die Maxima der altersspezifischen Kohorten-Geburtenraten sind für die Jahre 1935 und 1945 wesentlich höher als die nachfolgenden. Dies dürfte an der Einführung der Ovulationshemmer in Deutschland am 1. Juni 1961 liegen.
In Bild 6 ist die Entwicklung der Kohorten-Geburtenraten feiner aufgetragen. Es zeigt sich, dass die Maxima ab 1935 zuerst mit den Jahren abnehmen und sich außerdem bis etwa 1950 in immer niedrigerem Alter auftreten. Dann ab etwa 1950 verschieben sich die Maxima wieder zu höherem Alter, was besser in Bild 5 zu erkennen ist. Die Ursache für dieses Verhalten dürfte in zwei Effekten liegen. Auf der einen Seite dürften Geburten, die im und nach dem Krieg aufgeschoben worden waren, später nachgeholt worden sein, was die Maxima zuerst zu höherem Alter und nach dem Nachlassen dieses Effektes wieder zu niedrigerem Alter hin verschob. Der zweite Effekt, die Einführung der Ovulationshemmer im Jahr 1961, dürfte für die Erniedrigung der Geburtenrate verantwortlich sein. Ab 1973 blieb die Geburtenrate nur noch bei etwa zwei Drittel Reproduktion.

Bild 6 Die altersspezifischen Geburtenraten der Alterskohorten der einzelnen Jahre, 1935 bis 1955
Bild 7 zeigt die Wert der Kinder je Frau (zusammengefasste Geburtenziffern / 1000) wiederum für die Alterskohorten von 1935 bis 2005.

Bild 7 Kinder je Frau für die Kohortenjahrgänge 1935 bis 2005
Auch hier gilt, wie bei Bild 5, dass die Werte bis 1961 korrekt sind. Danach sind sie teilweise extrapoliert unter der Annahme, dass die altersspezifischen Geburtenraten für das Jahr 2005 weiterhin gültig sind.
Nettoreproduktion, jährlich
Für wissenschaftliche Zwecke wird häufig eine etwas aussagekräftigere Größe für die Geburtenrate verwendet. Dies ist die Nettoreproduktionsrate. Hierbei geht man bei Betrachtung der altersspezifischen Geburtenrate eines Jahres davon aus, dass 1000 Frauen eines Geburtsjahrgangs im Verlauf der Altersjahre von 15 bis 44 bereits etwas weniger geworden sind. Darum werden hier noch die Erlebenswahrscheinlichkeiten der Frauen für das Lebensalter 15 bis 44 verarbeitet. Außerdem wird nicht nach der Zahl der Kinder sondern nach der Zahl der geborenen Mädchen gefragt. Wenn dann eine Frau in der Zeit vom 15. bis zum 44. Lebensjahr ein Mädchen zur Welt bringt, hat diese Nettoreproduktionsziffer den Wert 1, was Reproduktion bedeutet. Bild 8 zeigt diese jährliche Nettoreproduktionsziffer von 1950 bis 2005.

Bild 8 Jährliche Nettoreproduktionsziffer von 1950 bis 2005
Von 1956 bis 1970, während des Babybooms, ist der Wert (Mädchen je Frau) größer oder gleich 1. Vergleicht man diese Graphik mit der zusammengefassten Geburtenziffer (Bild 3), so zeigt sich, dass 1956 eine zusammengefasste Geburtenziffer von etwa 2,2 nötig war um Reproduktion zu erreichen, 1970 dagegen nur etwa 2,1. Dies liegt daran, dass sich die Lebenserwartung erhöht hat und dementsprechend die Erlebenswahrscheinlichkeiten der Frauen bis zum 44. Lebensjahr.
Nettoreproduktion der Alterskohorten
Wie in der Einleitung erläutert wurde, werden hier Kohortenwerte für die Geburtenraten für Mädchen und die Erlebenswahrscheinlichkeiten innerhalb der Kohorte verwertet. Bild 9 zeigt die Werte der Kohorten-Nettoreproduktion von 1935 bis 2005.

Bild 9 Kohorten-Nettoreproduktion von 1935 bis 2005
Hier ergibt sich, dass bei den Kohorten ab 1935 durchgehend Reproduktion nicht erreicht wurde.
Bild 10 zeigt noch einmal im Vergleich die zusammengefassten Geburtenziffern für die Jahres-altersspezifischen-Geburtenraten, die Kohorten-zusammengefassten-Geburtenziffern, die jährlichen Nettoreproduktionsraten und die Kohorten-Nettoreproduktionsraten.

Bild 10 Zusammengefasste Geburtenziffern für die jährlichen altersspezifischen Geburtenraten
Zusammengefasste Geburtenziffern der Alterskohorten
Nettoreproduktionsziffern der jährlichen altersspezifischen Geburtentaten
Nettoreproduktionsziffern für die Kohorten altersspezifischen Geburtenraten
Es zeigt sich, dass zwar in den 60er Jahren während des Babybooms Reproduktion gegeben gewesen wäre, wenn diese Geburtenraten einige Jahrzehnte angehalten hätten, dass jedoch in der Realität in den Kohorten seit 1935 keine Reproduktion erreicht wurde. Und bei der jetzigen, seit 35 Jahren in etwa gleichbleibenden Geburtenrate nur noch eine Reproduktion von 0,65 (etwa zwei Drittel) gegeben ist.
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Leser-Kommentare
    • 25.04.2008 um 16.00 Uhr
    • iDog
    1. @ demograph

    schoen gemacht aber was nun ? da der westen europas schon seit geraumer zeit das am dichtesten besiedelte gebiet der welt ist kann man ja nur sagen , dass es ok ist wenn sich die reproduktion vermindert. der gesellschaftliche wandel , der darus resultiert wird leider weder berucksichtigt noch wahrgenommen.

  1. 2. Warum geht das nicht einfacher??

    Jede Geburt wird doch erfaßt.
    Die Daten von Personenwechsel vom Inland ins Ausland und umgekehrt sind bekannt.
    Jeder der stirbt, wird doch auch erfaßt.
    Aus diesen 3 Roh-Daten müßte sich doch jegliche Veränderung in der Demograhie einer Landes auf Knopfdruck ermitteln lassen.
      

    • 25.04.2008 um 20.24 Uhr
    • BieneX
    3. Überzeugende Bilder

    Man kann die Änderung der Geburtswünschen sehen. Darüberhinaus  entscheiden auch andere Fakten den Geburtsrat. Z. B.: die Jahre des Babybooms sind die Jahre der lockeren Einwanderung. Die Geburtsziffer der türkischen Frauen ist mehrfach höher als die der deutschen. Leider macht das Statistische Bundesamt keine feinere Statistik jenhach Nationalität, Religion, Wohnort, Ausbildung, Beruf, worauf man bessere Analyse machen und exaktere Resümee schließen könnte. Schade!

    • 25.04.2008 um 20.32 Uhr
    • BieneX
    4. Tut mir leid,

    dass ich Geburtsrate mit Geburtsrat wechsle.

    • 25.04.2008 um 22.25 Uhr
    • Anonym
    5. das ist ja schön gemacht. :-)

    aber (nur so z. B. )... Erlebenswahrscheinlichkeit der 15-jährigen weiblichen Kohortenmitgliedermit oder ohne Pille? ;-)

  2. 6. tatsache

    ist die bevölkerung der EU wird immer älter.
    die gefahr sollte erkannt werden den wie sieht es mit der arbeitenden bevölkerung aus?
    kann es sein das in 30 jahren der durchschnittsalter der arbeitnehmer in deutschland 60 jahre beträgt?
    wenn wir weiter rechnen wie wird es in 50 jahren aussehen?
    werden wir dann überhaupt noch menschen haben die produktiv arbeiten können?
    die politik ist gefordert deutschland sicher in die zukunft zu bringen sei es durch förderung der familie oder durch gezielten zuzug aus dem ausland.

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