Beatmung für professionelle Online-Medien
(Be)atmungszeit für das professionelle Online-Nachrichtenmedium
Alles atmet, seit geraumer Zeit sogar Unternehmen. Nur die Artikel in den so überreich mit technischen Möglichkeiten ausgestatteten Online-Qualitätsmedien, die bleiben, was sie gedruckt immer schon waren, starr.
So, wie sich die sinnvolle Beatmungs- und Wiederbelebungstechnik bei der ersten Hilfe drastisch änderte, weniger häufig sollen wir Atem spenden, dafür aber mehr Herzdruckmassagen ausführen, -Wer schreibt einmal an prominenter Stelle dazu, es wäre lebensrettend!-, so wünschte man der Online-Form unserer Leib-und Magen Presse eine solche dynamische Innovation.
Das Unternehmen "atmen" umschreibt euphemistisch die Entwicklung, unbehindert von arbeitsrechtlichen und sozialen Bestimmungen, entlassen und einstellen zu können. - Bei text- und zunehmend bildlastigen Medien allerdings, wäre das eine Chance, nicht immer einen neuen, sondern immer öfter einen aktualisierten, ergänzten und vernetzten Artikel zu lesen. Die vorhandene Technik dazu bleibt weitgehend ungenutzt.
Dabei gelänge es mit dieser Methode, sowohl die Inhalte zu aktualisieren, als auch auf die zahlreichen Leser/Nutzer Reaktionen gebührend einzugehen, nicht beachtete Momente einzufügen und endlich, endlich, konsequent die eine oder andere weiterführende Quelle zu verlinken, ohne die Zahl der angebotenen Artikel zu erhöhen, beziehungsweise die Unübersichtlichkeit weiter zu steigern.
Ein ZEIT-Online Themen Dossier bestünde dann nicht aus einer Ansammlung von zwei Dutzend bisher erschienener Artikel, grob geschätzt mindestens 200 DIN-A 4 Seiten, sondern aus einem Überblick, der die wesentlichen Thesen und Fakten zusammenfasst. Dazu gesellten sich, sagen wir über eine Strecke von zwei Wochen, die Reaktionen des Publikums, die Korrektur von Fehlern, Links zu den Archivartikeln und die Aktualisierungen über diesen Zeitraum. Wer mehr möchte, der liest die Original-Artikel, die als Linkverweise natürlich weiterhin angeführt werden. Wer noch mehr lesen möchte, findet endlich unter jedem Online-Artikel Hinweise zu Quellen, Personen, zu externen Artikeln und zu weiterführenden Medien.
Kein Mensch kann beliebig häufig, beliebig mehr lesen, sehen oder schreiben. Trotzdem startet auch der Web-Auftritt unserer renommierten Wochenzeitung regelmäßig den Versuch, die unhaltbare These doch noch zu bestätigen.
- Ist das Chuzpe oder Realitätsverlust?
Die "Just- in- time"-Produktion wird aus einem Mix von vorstrukturierten Agenturmeldungen, deren Bildmaterial, Kurzbeiträgen des Tagespiegels und der ZEIT-Online Redaktion aufgebaut. Dazu gibt es diverse eigene Artikel und Bildgeschichten, die allerdings nicht auf die Dauerhaftigkeit großer ZEIT-Überblicke hingeschrieben oder gestaltet sind, sondern in der Anmutung eher der klassischen Arbeit von Tageszeitungen entsprechen. Zuletzt kommt noch der Anteil an längeren und kürzeren Übernahmen aus den Print-Ausgaben.
Interessant, dass schon zu vordigitaler Lichtsatz-Zeit eine weibliche Lichtgestalt der ZEIT-Geschichte über den ausufernden Stil und die Überfrachtung mit Textmassen, -heute tritt das Bild in Massen hinzu-, kräftig mit sich diskutieren ließ. Die Gräfin Dönhoff, sie kannte sogar noch den Bleisatz, würde angesichts der weiterhin anwachsenden, theoretisch unbeschränkten Möglichkeit Web- und Papierseiten mit geringer Inhaltsdichte anzufüllen, heute noch mehr Gründe zu Diskussion finden.
Der hauseigene Supervisionär, "Onkel Brumm", bezeichnet das Online-Angebot als unübersichtlich. Er hat Recht. - Aber, noch viel gravierender als die Unübersichtlichkeit, ist der Verlust an inhaltlicher Dichte, weil jeden Tag etwas Neues, ein neuer Text, die Web-Seiten füllen muss, anstatt kontinuierlich an einer Verbesserung und Anreicherung von eher sparsam neu verfasstem Text zu wirken. - Das wäre durchaus ein Alleinstellungsmerkmal.
Ein aktuelles Beipiel:
Die ZEIT/ZEIT-Online wurden mit der Entscheidung der grünen Hamburger Umweltsenatorin konfrontiert, der Bau des Kohlekraftwerks Hamburg-Moorburg sei grundsätzlich, unter Beachtung von Auflagen, nach dem Umwelt- und Planungsrecht nicht zu beanstanden. Zunächst existiert dazu nur eine Agenturmeldung (Kurzer, schon gestalteter Artikel und eine mehr oder weniger umfangreiche Nachbearbeitung), dann vielleicht das Statement der Senatorin (wieder ein Beitrag). Bald kehrt jemand aus dem virtuellen digitalen Archiv mit fünf Haus- und dreißig fremden Artikeln zurück. Vielleicht gibt es dort auch noch einen Haufen Bilder und einige Grafiken. Wieder wird ein Artikel fällig, der jedoch nicht die Fakten der eigenen, schon einmal geleisteten Redaktionsarbeit aufnimmt und anbietet, sondern die aktuelle Entscheidung und ihre Auswirkungen kommentiert. Das Material aus dem Archiv bleibt Vergangenheit und so über weite Strecken tot. Nach wenigen Minuten oder Stunden folgen nun die Reaktionen der Regierungs- und Oppositionsparteien, vielleicht noch die Kommentare einiger Umweltverbände und die Energiewirtschaft schickt eine vorbereitete Presseerklärung.
Nun ist ein Wust neuer, eher kleiner und knapp gehaltener Artikel entstanden, das Angebot für den Leser/Nutzer unübersichtlich und schwer bewertbar, weil erstens, die Informationsdichte in diesen Artikeln relativ niedrig bleibt, zweitens, Zusammenhänge nicht aufgezeigt werden und drittens, Unsicherheit besteht, auf welche Erkenntnisse sich die "Einordnung" berufen kann, wenn der Artikel selbst nur aus Meinungen und Wertungen besteht. - Dann ist das Thema durch.
Verschenkt die ZEIT-Online Redaktion nicht eine große Möglichkeit, weil sie die technisch möglichen Gaben nicht ausnutzt, sondern kopiert oder zu übertreffen sucht, was andere Online-Medien auch schon anbieten?
Web-Werbung entlang solcher "nachhaltiger", beständig aktualisierter, nicht immer neu verfasster Artikel, -man schaut nach was sich tat, man schaut nach, welche neuen Erkenntnisse eingebaut wurden und ob es Anregungen aus dem Publikum gab-, dürfte ebenso eindrücklich auf das Publikum wirken, wie der Leser häufiger einem längeren Artikel folgt, wenn gegensätzliche Argumente abgewogen und neue Informationen sinnvoll mit der Vorgeschichte verknüpft werden.
Grüße
Christoph Leusch
na, da hat sich aber einer richtig tiefe Gedanken zum Unsinnigen gemacht. Gut so!
Möge es auf Hirn, Wollen und Können stoßen!
Lesen heißt durch fremde Hand träumen. (F.Pessoa)
für den sich die Verantwortlichen bei der ZEIT mal etwas Zeit nehmen sollten. Denn wenn sie darüber nachdenken, hat jeder etwas davon. Sowohl die ZEIT als auch ihre Leser, egal ob Print oder Online.
Die Idee kann ich nur unterstützen. Warum etwas unverändert in Stein gemeißelt lassen, wenn es genauso gut dynamisch immer wieder verändert, ergänzt und vorangetrieben werden kann? Grade inhaltliche Fehler oder neue Aspekte, die wiederum zu einer veränderten Ansicht führen können, könnten so berücksichtigt werden.
wahrensfeld @ http://zu-zeiten.blogspot...
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