Leserartikel-Blog

Gegnerliebe und Feindesdienst, Das Jahrhundert der Freundschaft

Gegnerliebe und Feindesdienst, Das Jahrhundert der Freundschaft

Eine kleine Ergänzung zu Adam Soboczynskis Artikel „Die Außenseiter“ (DIE ZEIT, 13.08.2009 Nr. 34 ) und „»Die waren schon dicke miteinander«“ ( DIE ZEIT, 13.08.2009 Nr. 34), einem Interview der ZEIT mit Rüdiger Safranski, anlässlich des Erscheinens seiner neuen Monografie „Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft“

Ein schöner und inhaltsreicher Artikel Herrn Soboczynskis, der auf eine Wurzel unserer oftmals nur noch zum Schein gepflegten, irgendwie ausgeliehen wirkenden Bürgerlichkeit aus dem 18. Jahrhundert, dem „Jahrhundert der Freundschaften“, hinweist und die Lichtgestalten nicht künstlich glänzend putzt. (http://www.zeit.de/2009/3...)

Ja, nur an den Höfen und im Umkreis einer Hand voll Universitäten entwickelte sich jene Gelehrtenrepublik häufig über Freundschaften, die aber nicht Konflikte ausklammerte sondern einschloss. Kein Wunder also, dass nach Weimar, zu Schiller und Goethe, aber auch bis 1803 zu Wieland nach Gut Ossmannstadt Leute pilgerten, die entdeckt werden wollten. Der Letztere war ja durch Gunst und Honorar einer der ganz Erfolgreichen. Von der schriftstellerischen Arbeit konnte nur Schiller mehr schlecht als recht leben und ohne schriftstellerische Produktion wären auch die Einkünfte als Historiker-Professor nicht zustande gekommen. Niemand hätte ihn berufen. Er selbst verstand zwar den Zweck der Geschichte, aber die Universität zu seiner Zeit, das war ihm doch wohl zu viel Regesten und Reichsaktenstudium. Die meisten anderen Literaten dieser Zeit lebten als Hofmeister, Lehrer an höheren Anstalten oder aus den Pfründen einer Pfarre, wenn ihnen kein fürstlicher Mäzen unter die Arme griff.

Oder aber, sie schrieben, mit ähnlichen Lebens- und Ausbildungswegen wie die der Dioskuren aus Weimar, für ein breiteres Publikum. August Lafontaine lieferte viel gelesen Romane für das Herz des Bürgertums, vor allem für seine weibliche Hälfte. Er konnte davon leben.

Der Fortsetzungsroman „Leben und Thaten des Freiherrn Quinctius Heymeran von Flaming“ sei jedem Interessenten an Neu- und Wiederentdeckungen anempfohlen. Er ist derzeit in einer günstigen Ausgabe (Zweitausendeins, F.a.M.) wieder greifbar und führt, noch ein bisschen weiter gesponnen, zu einem weiteren Liebhaber der Außenseiterliteratur, zu Arno Schmidt, der selbst eher ein Außenseiter blieb. Der hatte den belletristisch schreibenden Lafontaine wiederentdeckt und vorgestellt, sonst wüssten wir, die Unglücklichen außerhalb des germanistischen Seminars, nicht einmal den Namen.

In der Enge schließen sich Freundschaften schneller und leider schärfen sich auch die Feindschaften, von denen es eben auch viele gab, bis zum entwürdigenden Hass. Die Liste der sich selbst viel versprechenden, dann aber enttäuschten Besucher in den Häusern der Weimarer ist lang. Lenz, für Goethe eine Art Sternschnuppe, Kleist, eine „Contorsion“ in Person, vielleicht eine fast barocke Muschel, Jean Paul, ein „personifizierter Alpdruck“, sind paradigmatische Beispiele, auch dafür, wie man mit Zurückweisung und Kränkung im verlängerten Zeitalter der Freundschaft umging.

Offen gestanden, war die Bandbreite so groß wie heute, wenn bald schon nach einem kaum mehr auflösbaren Zerwürfniss , wieder eine neue Zusammenarbeit geplant wurde. Das galt zum Beispiel für den Berliner Hofkapellmeister Reichhardt, der sich von Goethe als Revolutionsfreund und Demokrat in den „Xenien“ verspottet sah und trotzdem zu Schillers Gedichten Musik schrieb, um aus ihnen veritable Lieder entstehen zu lassen.

Noch viel inniger verbindet sich der Gedanke an eine gradezu idealisierte Lebensphilosophie der Freundschaft mit den Autoren der Empfindsamkeit und der Anakreontik, die sich ausdrücklich zu den verklärten antiken Idealen diesbezüglich bekannten und manchmal dabei weit abhoben, in ein arkadisches Reich der Seelenbünde. Wer dazu etwas wissen möchte, der kann sich aus der hervorragenden und vor allem sehr gut lesbaren und reichhaltig ausgestatteten Katalog zum Thema, herausgegeben von Ute Pott, „Das Jahrhundert der Feundschaft“, umfassend informieren.

Nicht unerwähnt soll bleiben, dass sich Goethe häufig recht despektierlich über die Gefühligkeit der Gleims und Gellerts auslies, die „schönen Seelen“ tadelte, aber zumindest anerkannte, wie gut diese Leute schreiben konnten. Vor allem in der Poesie hat er ihnen einen Einfluss nicht abgesprochen, auch wenn er selbst bei Gellert zunächst abblitzte.

Wenn einer viel über das Thema nachgdacht und geschrieben hat und wohl auch wegen der persönlichen Art Feundschaften zu entwickeln, schon von Zeitgenossen so anerkannt wurde, dann war es aber nicht Heinrich von Kleist, sondern der preußische Ritter Ewald Christian von Kleist. Heute fast vergessen, hatte er, wie die späteren berühmten Klassiker, ein Gespür für recht komplizierte Vers- und Gedichtformen und schrieb schöne Erzählungen. Heute weiß kaum noch jemand, mit diesem Freundesfreund aus dem frühen 18. Jahrhundert etwas anzufangen, obwohl es nie leichter gewesen ist einige seiner Texte zu lesen:

-“Die Freundschaft“, ein episches Gedicht zum Thema:

http://www.zeno.org/Liter...

-“Der Frühling“, das ihn bekannt machende, in Hexamentern geschriebene Gedicht, lieh bei den antiken Klassikern und bei James Thomsons „Seasons“, einem Poem des englischen Autors der in Mode war und von Barthold Heinrich Brockes, ein weiterer, etwas bekannterer Vergessener, ins Deutsche übertragen wurde.

http://www.zeno.org/Liter...

-Meine persönliche Empfehlung: „Die Unzufriedenheit des Menschen“. Hier hat Ewald von Kleist in sehr feinsinniger und kunstvoller Gestaltung das wohl heute noch aktuelleste individuelle Thema Deutschlands, glaubt man den Umfragen, ausgeleuchtet. Die meisten Menschen sind nämlich mit sich selbst höchst unzufrieden und daher gehemmt, an den Zuständen die sie umgeben etwas zu ändern. Lieber noch werden Sündenböcke gesucht und der Status quo mit Vorurteilen verteidigt. Das ist eben die Bürgerlichkeit in fast Allen von uns, die uns nach Außen zu „Dieben der indischen Berge“ werden lässt und mittlerweile Viele innerlich leer wie eine hohle Nuß abstumpfen lässt:

http://gedichte.xbib.de/K...

Kleist wurde wegen überzogenen Mutes, wie hundertausend Andere, in den Kabinettskriegen des alten Fritz über den Haufen geschossen und starb bald an seiner Verletzung aus der Schlacht bei Kunerdorf. Sein Todesjahr 1759, ist heuer kaum einer Beachtung wert gewesen. Aber das Jahr hat ja noch Zeit und wer kann, der sehe sich die Austellung im Gleim-Haus zu Halberstadt an ( http://www.gleimhaus.de/a... ).

Wenn Rüdiger Safranski, -der sich grundsätzlich nur an solchen Gegenständen abarbeitete, die dem kaufbereiten und zahlungskräftigen Publikum irgendwie nominell bekannt sind, die auch im zur Floskel und zum Kanon neigenden Bürgertum ankommen-, wenn er sich nun also erneut Schillers und Goethes annimmt, dann darf man erwarten, dass die Erwartungen erfüllt werde. Aber auch nur die!

Wie schon zu Zeiten Goethes und Schillers so manche übermäßige Verehrung und Verklärung gesehen wurde, das lese man bei Christian Friedrich Grabbe nach.

Der schrieb über den Briefwechsel Goethes und Schillers und vor allem über die Aufnahme dieses Briefwechsels in der literarischen, in der sogenannten kulturellen Öffentlichkeit, nicht ohne beißenden Spott und trotzdem nicht ohne Bewunderung für Schiller, aber auch für Goethe. Nebenbei beleuchtet sein knapper Beitrag, „ein Etwas“, wie er so gekonnt selbst formuliert, das doch auffällige, vielleicht schon ewige Missverhältnis zwischen dem Rezensierten und seiner Rezensentenschar. Spott und Ironie lassen aber den Raum, nie zu vergessen, dass diese gespannte Wechselbeziehung eine ewige, vielleicht notwendige, Verkettung bleiben wird.

„ (...)In succum et sanguinem haben wir es indeß noch nicht vertirt, selbst die historischen Compendien-Fabrikanten und Guckkastenzeiger, wozu insbesondere die deutschen Geschichtschreiber mehr oder weniger gehören, nicht ausgeschlossen. Und was soll man da hoffen? Was wenigstens bei unsren Landsleuten? Eine Recension, von irgend einem Laffen zusammengeschrieben, ist ihnen oft mehr werth als das recensirte Buch, denn – es ist eine Recension, – eine Pflanze lernen sie eher aus Linnés System kennen, als in der Natur selbst, denn – sie steht in einem System. Analogisch geht's ihnen grade so bei den Weltbegebenheiten. (...)“

Was im „Etwas“ zum damals veröffentlichten Briefwechsel Schiller-Goethe steht, das mag hier jeder selbst nachlesen. Es ist garantiert kurzweilig:

http://www.zeno.org/Liter...

Grüße an das Forum

Christoph Leusch