Die ZEIT-Community und was aus ihr bisher nicht wurde
Die ZEIT-Community und was aus ihr bisher nicht wurde
Liebe Foristen, Gäste, liebe Redaktion,
Geduld ist eine Tugend, die bei langfristigen Projekten, die eine wirkliche Absicht erkennen lassen, niemals fehlen sollte. Der Sommer müht sich ersichtlich auch Wochenenden so ungemütlich zu gestalten, dass Zeit bleibt, ein wenig an der ZEIT-Online-Metadiskussion um Formen, Inhalte und Chancen mitzuwirken, nach bestem Wissen und Gewissen.
Noch immer ist das Leser- und Nutzer Beteiligungsmodell der ZEIT-Online Redaktion im Prinzip eine große Chance und dazu eine weitgehend von Restriktionen freie Möglichkeit, die üblichen Pfade der Presse und der ewigen Einweg-Kommunikation zu verlassen, sich die Erfahrung und das Wissen, aber auch die Kreativität ganz unbekannter Menschen zu Nutze zu machen. Altmodisch hieß das Lernerfahrung und Unterhaltung auf einem weiterführenden, besseren, eben dialogischen Niveau, als es Ein-Weg-Journalismus je könnte, als es die häufig vorherrschende Verachtung des "Publikums" unter Medienschaffenden zuließe.
Es gibt mittlerweile Konkurrenz, z.B. "der Freitag", die sich müht und von ähnlichen Problemen geplagt wird, aber die meisten Print- und Online-Medien der Republik halten sich weiterhin für so überlegen, manchmal werden sie von Claqueuren aus der Nutzerschar sogar unterstützt, dass unbeirrt im uneigentlichen Jargon der niveauvollen Publikumsbeschimpfung fortgesetzt wird.
Das Alles nur zur Tarnung eines ganz simplen ökonomischen Zusammenhangs, der da lautet, die journalistische Ware muss, mit Anzeigen und Abo, mit Kaufpreis und Zweit- wie Drittverwertungsrechten, unter Erzielung eines "angemessenen" Profits, verkäuflich sein. - Der Profit liegt bei der "ZEIT" über 10%! ZEIT-Online dürfte mit viel
Glück eine schwarze Null, viel eher jedoch, Verluste produzieren.
Diese ungesunde Denkhaltung führt auch zu den selbst auferlegten Restriktionen, es weiterhin und mit allen möglichen Einreden zu verhindern, das Publikumsforen im Rahmen eines Presseorgans wirklich öffentlich präsent und sichtbar zu machen, es gar als Schwerpunkt der eigenen Arbeit zu "vermarkten". Die Qualität und Quantität des Mediums spricht sich weiterhin nur unter Insidern herum.
Hauptvorwurf an die Nutzer: Ihr liefert, statt zusätzlicher Qualität und erweiterter Nachdenklichkeit, nur Journalisten-Bashing, interne Zerwürfnisse und Beschimpfungsorgien und haltet das häufig auch noch für lustig und weitgehend ironisch. Ihr degradiert euch selbst zu Alleinunterhaltern oder Bespielern einer virtuellen "Community".
Leider hängen aber beide Haltungen wie ein System kommunizierender Röhren zusammen. Auf die Verachtung des Publikums und die weitgehende Weigerung, die Presse wieder zu dem zu machen, was sie in der Gutenberg-Ära in den besten Fällen war, nämlich eine enorme Erweiterung der Öffentlichkeit, ernten viele Journalisten, manchmal sogar ganz unverdient, nur Spott, Beschimpfungen oder gar ebenfalls Verachtung. - Es geht nicht mehr vorwärts mit dem neuen Medium, sondern eher rückwärts.
Wenn es auf dieser Ebene weiter geht, dann bleibt ZEIT-Online weiterhin ein respektables Ablage- und Zweitverwertungsfach für ZEIT-, Tagespiegel- und ZEIT-Ablegermagazin-Artikel, dann bleibt das Forum der Gemeinschaft nicht mehr als eine Spielwiese, dann bleibt, trotz des löblichen Verzichts auf Zeilen- und Zeitbegrenzung, trotz des enormen Aufwands an Moderation, -man vergleiche mit den ganz rabiaten Vorgehensweisen in anderen presserechtlich verantworteten Foren-, die "Community" hauptsächlich eine Art erweiterter Leserbrief- Postkasten.
Ich hege ja die Hoffnung, es verhalte sich mit der Weiterentwicklung eines mittlerweile größer gewordenen Online -Pressemediums wie mit der Umstrukturierung und Weiterentwicklung von Bürokratien oder wachsenden mittelständischen Firmen. Müssen diese komplexe Aufgaben abwickeln und nicht einfach nur ein bekanntes marktgängiges Produkt verkaufen, haben sie längerfristige Ziele und Überzeugungen, dann braucht es die eingangs beschriebene Geduld. Wenn aber auf dem Weg nicht ab und an deutliche Zeichen gesetzt werden, dann verliert das Publikum die Hoffnung und die Lust zur Beteiligung. - Das Internet ist groß und weitläufig genug, jederzeit woanders anzufangen oder nachzulesen.
Um nicht zur Gänze nur Philosophisches zum Thema abzuliefern, möchte ich zum Schluss noch einige Dinge erwähnen, die mir persönlich gut gefallen und auch die Sachen benennen, die ich weiterhin für schlecht halte.
Das Positive:
Erläuternde Grafiken und ansehnlich aufgearbeitetes statistisches Material gelangen
zunehmend auf die Webseiten, allerdings manchmal ohne direkte Verbindung zum jeweiligen Themenartikel.
Jeder kann hier so viel oder so wenig schreiben wie er möchte, vierundzwanzig Stunden lang!
Fast jeder Artikel ist kommentierbar. Ich wünschte mir das konsequent auch für die Videos und Hörbeiträge.
Die ersten zaghaften Ansätze zur Leser/Nutzer-Beteiligung finden gute Resonanz. Das ist doch ausbaufähig, ob mit Frau Berben oder Herrn Wallraff. Man wünschte sich ein wenig mehr davon, um nicht am Ende auf dem Niveau von TED und TV-Medien zu landen, die auch einmal drei Fragen an den Ehrengast einblenden, mitsenden und einplanen. Die Redaktion der ZEIT-Online hat ja auch bewiesen, wie gut sie ihre eigentliche journalistische Rolle der Auswahl und Strukturierung nutzen kann, wenn sie es denn versucht.
Auf ZEIT-Online wird weniger geschimpft und geschmäht, als bei der einschlägigen Konkurrenz. Das ist ein Verdienst der beständigen Moderation.
Auch für die Presse eher ungewöhnliche Formen finden ihren angemessenen Platz.
Das weiterhin Negative:
Die Metadiskussionen verbrauchen Energie und arten häufig aus. Das teilt die ZEIT-Online mit ähnlichen Medien und mit den Publikums-Blogs. - Dort haben sich bekannte Aktivisten mittlerweile so "professionalisiert", dass sie nun mit den Methoden schlechter Publikumsthreads und auf dem Niveau der "BILD" übereinander herfallen. Übrigens wieder weitgehend zu Themen, die hier auf ZEIT-Online unter das
Etikett "Meta-Diskussion" fallen würden.
Obwohl ich hoffe und auf den Herbst setze, die Leser/Nutzer-Beteiligung bleibt auf den Hauptseiten der Online-ZEIT eine eher versteckte Form. Selbst der kleine
Kasten mit "Empfehlungen" zu Leserartikeln oder Kommentaren wird nur sporadisch gepflegt und nicht ausgebaut.
Weiterhin fehlen Anmerkungen der Artikelautoren zu substanziellen und vielfältigen Leserreaktionen. Das kann nicht hauptsächlich seinen Grund darin finden, dass keinem Autor abverlangt werden kann auf Beleidigungen reagieren zu müssen.
Meiner Überzeugung nach, nutzt ZEIT-Online den Vorsprung der verschiedenen Informationskanäle (Sehen, Hören, Lesen) noch immer nicht ausreichend.
Mir fehlt es am Witz und an der eigenständigen Design-Sprache bei der Gestaltung. Da war vor Monaten mehr los. Heute werden zu häufig nur Agentur-Fotos geschnippelt und auf die strukturierenden Kästchen verteilt.
Leider verstehen viele Nutzer/Leser den Unterschied zwischen einem Artikel und einem Kommentar nicht. Erweiterte Kommentare gelten als Artikel, Artikel sind häufig nur knappe Statements, Kommentare weichen völlig vom Thema ab.
Eine journalistische Tugend ist eine einfache, immer sichtbare Ordnung in Ressorts. Der Publikumsteil folgt hier nur sehr grob der Blatteinteilung und ist nicht als Struktur analog der redaktionellen Seite sichtbar.
Links und erweiterte Lese-bzw. Informations-Hinweise werden immer noch zu selten bei den entsprechenden Artikeln angeführt.
Für mich bleibt ZEIT-Online immer noch ein Möglichkeitsmedium und ich hoffe, die Redaktion bekommt den Raum und die Leser haben die Geduld.
Grüße
Christoph Leusch
nichts für Ungut, aber meiner Meinung nach überschätzen Sie sich vielleicht hin und wieder ein wenig. Und könnte es sein, dass Sie sich auch ein bissel zu wichtig nehmen?
Ich habe eben den Artikel gelesen und anschließend Ihren Kommentar. Sicher, mit dem Artikel konnte ich auch nicht all zu viel anfangen. Aber gestatten Sie mir die Frage, wie man drauf kommt, daß sich der Autor vielleicht zu wichtig nimmt.
Mir fehlt fa irgendwie der Zusammenhang.
Intuition.
..und ich dachte schon, es wäre was seriöses.
Na dann.
auch ich bekam beim Lesen der unverhohlenen Ankündigung von Kuhn, dass diese Foren möglicherweise eine schwerwiegende Kürzung wenn nicht sogar die Schließung erleben werden, große Magenschmerzen, denn in puncto Qualität und Beteiligungsmöglichkeiten gebe ich Ihnen uneingeschränkt recht.
Allerdings übersehen Sie mE. ein strukturelles Problem (oder haben es nur nicht angesprochen): Die ZEIT ist als Wochenzeitung angelegt, eine Erscheinungsform mit der eine online-Ausgabe möglicherweise (!) nicht lange überleben kann. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass der Nachrichten- und Meinungsinhalt des Netzmediums überwiegend mit eigenen Beiträgen gefüllt wird und eben nicht mit Zweit-Verwertungen der Papierausgabe (unschwer zu erkennen an den Copyright-Angaben unterhalb des jeweiligen Titels). Hier habe ich manchmal den Eindruck (da ich beide Ausgaben regelmäßig lese), dass einige Autoren in der online-Ausgabe mehr oder weniger eine Pflichtkür hinlegen, da oftmals die Artikel ungenügend recherchiert, lieblos geschrieben und nicht lektoriert erscheinen. Wobei ich bitte, diese Worte als meinen ganz persönlichen Eindruck zu werten, ohne in irgendeiner Weise jemanden herabwürdigen zu wollen. Andererseits bietet dieses Dilemma möglicherweise auch eine Chance, wenn man zahlreiche Autoren betrachtet, die wegen ihrer Jugend bisher publizistisch nicht großartig in Erscheinung treten konnten, sich aber hier einem größeren Publikum vorstellen wollen.
Ich gebe Ihnen auch weiterhin recht, wenn sie die Auffassung vertreten, diese Foren seien eine Art Experiment. Diesen Eindruck habe auch ich gewonnen. Es wird viel in Form und Features (allerdings immer sehr behutsam) experimentiert und für mein Dafürhalten zu einer sehr annehmbaren Konfiguration geführt. Aber wie Sie vermisse ich besonders die vertiefenden Querverweise der jeweiligen Autoren (von mir aus auch zu eigenen Beiträgen), mit denen ein umfassendes Bild dessen geliefert werden könnte, was und wie sie es meinen. Das würde den mündigen Leser durchaus fördern.
Ob das Experiment andauern wird, wird auch eine wirtschaftliche Entscheidung sein, vor allem weil, wenn meine Annahme richtig ist, womöglich die vorliegende online-Ausgabe von Haus aus teurer sein dürfte als jene, die ihre Druckausgabe nur ein zweites Mal verwerten. Die Zeiten, in denen Herausgeber auch Mäzene waren, sind lange vorbei, Clickzahlen zählen nun mal mehr als das hehre Prinzip. Auch hierin wird die ZEIT keine Ausnahme bilden.
Zum Schluss die Teilnehmer und da geht mE. Ihre Kritik ein wenig zu weit. Gemessen an der Zahl der Beiträge haben wir es hier mit äußerst friedlichen Zuständen mit einigen wenigen Ausreißern zu tun. Vor Jahren Moderator von Foren einer –wie sie sich selbst nannte- größten Community im deutschsprachigen Raum, weiß, dass die Pflege von User-Beiträgen ein mühsames Geschäft ist. Vor allem, wenn möglicherweise (!) dem Moderator Kollegen im Nacken sitzen, die sich ungern öffentlich beschimpfen lassen. Wobei, nur nebenbei bemerkt, die Beschimpfungen dann eben nur in den eigenen vier Wänden des Lesers erfolgen, niedergeschrieben haben sie wenigstens ein Ventil und könnten idealerweise sogar dem Autor helfen, sich zu verbessern. Hier hat Kuhn bisher großartige Arbeit geleistet, mit Augenmaß und mit der nötigen Distanz.
Dass dies zugunsten von so beliebten Fragethemen wie „Ihr letzter Eiertanz“ und „Wie haben Sie sich von Ihrem Vater abgenabelt“ aufgegeben werden soll, will ich nicht hoffen. Obwohl ich es befürchte.
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Es wird darum gebeten, Tatsachen zu unterdrücken, um die Meinungen nicht zu stören (Marco Travaglio)
Herr Gengerke,
Sie haben es intuitiv erfasst. Ich bin sogar der festen Überzeugung, dass die schlechtesten, d.h. stilistisch und inhaltlich unüberlegtesten, Beiträge aus einer geringen individuellen Selbstachtung erwachsen. Im Grund schätzen sich solche Leute selbst zu gering und daher pflaumen sie andere an oder schreiben einfach Bullshit hin oder bleiben stumm wie die Fische. Weil sich darin so viele einig sind, entsteht so wenig außerhalb der Selbstbespiegelung oder der ewigen Bewerteritis.
Grüße
Christoph Leusch
eines vergaß ich: Wo ist "der kleine Kasten für Empfehlungen"? Kenne das zwar von Wikipedia, kann es aber hier nicht finden ....
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Es wird darum gebeten, Tatsachen zu unterdrücken, um die Meinungen nicht zu stören (Marco Travaglio)
Werter "ed2murrow",
Tatsächlich habe ich vor Zeiten schon einmal zu dem Unterschied Wochenzeitung und ZEIT-Online geschrieben. Das ist, wie Sie völlig zu Recht anmerken, ein Problem.
Aber im Prinzip geht es, legt man die gleichen Qualitätsmaßstäbe an, hält man die längeren "Standzeiten" der Artikel ein, um die gleiche "Ware", besser, den gleichen Inhalt. Der Unterschied in der Kommunikationsform wird jedoch verschenkt, wenn es zu keiner Diskussion, zu keinem Dialog mit dem Leser kommt, wenn sich der Inhalt um einen guten Autorenartikel nicht durch andere mediale Formen erweitern lässt.
Im Grund wäre ein guter Artikel und ein guter, dazu gehöriger Thread der geeignete Anlass für den nächsten Artikel zum Thema. Damit erfüllte sich die eigentliche Erweiterung zum auf Orientierung und umfassende Argumentation setzenden Print-Medium.
Ich habe zugespitzt, was das Community-Forum angeht. Das haben Sie natürlich gleich erkannt. Bei der ZEIT-Online geht es, ich erwähnte es, relativ gepflegt zu. Das ist, wie ich schrieb, auch ein Resultat der guten Moderation.
Liebe Grüße
Christoph Leusch
Empfinden Sie Ihre Intuition als unseriös?
dann haben wir doch Klärung schaffen können. Prima.
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