Leserartikel-Blog

Hurra, wir haben einen Notfallplan!

Seit dem japanischen Unfall ist nichts mehr wie es war. Eine Zäsur. Ein Einschnitt. In Japan wurde Cäsium freigesetzt, in Deutschland das übliche politische Betroffenheitsvokabular, zusammen mit einer großen Dosis Unehrlichkeit. Das ist nichts Neues, und auch nach Tschernobyl hat es sich bald wieder gelegt.

In den 50er Jahren gab es in den USA eine große Kampagne, mit der die Bürger auf einen möglichen Atomkrieg vorbereitet werden sollten. Die damals empfohlenen Maßnahmen wirken heute verstörend bis lächerlich. So sollte man sich im Falle eines Atomschlags auf den Boden legen und den Kopf bedecken und jederzeit ein paar Dosensuppen im Haus haben. Die Kampagne diente der Beruhigung.

Nun wird auch bei uns mal wieder über Notfallpläne gesprochen, zum Beispiel, was man im Fall eines großen Unfalls im Uraltreaktor Biblis tun könnte. Immerhin, wir haben Notfallpläne, da kann ja nichts schiefgehen. Der Plan besteht allerdings wie in den fünfziger Jahren in den USA nur darin, die Bevölkerung zu beruhigen. Sinngemäß steht darin, daß wir uns am besten hinlegen und eine Zeitung über den Kopf halten sollten.

Sehen wir uns einmal an, was daran aus unerfindlichen Gründen an die zu geringe Anzahl an Rettungsbooten auf der Titanic erinnert:

1. Es gibt Sammelstellen für einen kleinen Teil der zu deportierenden verstrahlten Bevölkerung. Wie die Bewohner zu den Sammelstellen kommen ist deren Problem. Wie sie weitertransportiert werden und wohin ist ein ungelöstes Problem.

2. Eine Stadt wie Mainz hat 115.000 Rationen Jodtabletten gelagert, aber 198.000 Einwohner.

3. Einige wenige Feuerwehren in der Gegend haben „ABC-Erkundungskraftwagen“ und ABC-Züge, die in der Lage sind, bei Chemieunfällen zu helfen und bei einem Atomunfall die Strahlung zu messen und für tolle TV-Bilder mit Schutzanzügen zu sorgen (und sonst nichts).

Seit Tschernobyl wissen wir, daß man bei einem großen Unfall nur noch die Bevölkerung aus der näheren Umgebung evakuieren kann. Was die "nähere Umgebung" ist, das hängt ab von der Windrichtung. Im Falle von Tschernobyl wurde eine Fläche von 218.000 Quadratkilometern besonders stark radioaktiv verseucht.

Damit man sich das vorstellen kann: 218.000 Quadratkilometer, das ist ein Quadrat von 467 mal 467 Kilometern. Ganz schön viel - wenn man einen Kreis mit diesem Durchmesser um Biblis zieht landet man nämlich westlich in Paris, nördlich in Lübeck, östlich in Prag und südlich in Mailand.

Das wäre die verstrahlte, für längere Zeit unbewohnbare Zone. Bei Tschernobyl fiel uns die riesige Fläche, die man aufgeben muß, nicht so auf, weil die Ukraine weit weg und dünn besiedelt ist. Bei Fukushima haben die Japaner bisher noch Glück mit der Windrichtung und verseuchen mit Hingabe den Pazifik, aus dem Japan sich ernährt.

Anders gesagt: würde ein Unglück wie in Tschernobyl oder Fukushima im Uraltreaktor Biblis oder einem beliebigen anderen Atomreaktor in Deutschland passieren besteht die Evakuierung darin, daß man halb Mitteleuropa entvölkert.

DAS wäre der Notfallplan, und nicht das Verteilen von Jodtabletten und Baldrian an die Bevölkerung von Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt, Mainz und all den anderen Städten, die so nah an Biblis liegen, daß man sie auf Dauer aufgeben müßte.

Nur eine Frage stelle ich mir:

Wieso haben unsere Politiker eigentlich mehr Angst vor den Wählern und noch mehr Angst vor den Lobbyisten als vor solch einer Katastrophe?