Leserartikel-Blog

Winnenden-Jahrestag: Kollektive Zwangsjacke für Deutschland abgewendet

Es jährt sich der Amoklauf von Winnenden, der zweite in Deutschland mit einer zweistelligen Zahl von Getöteten, nach Erfurt am 26.4.2002.

Mit von der Partie ist schon in den jetzigen Artikeln und Kommentaren der Medien das "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden", in dem sich einige Eltern getöteter Kinder zusammen geschlossen haben, um in Folge der Tat politische Forderungen durchzusetzen. Dieses Aktionsbündnis ist umstritten, manche unterstellen ihm primär kommerzielle Absichten. Umstritten sind aber vor allem seine Forderungen.

Denn genau diese Forderungen sind die absolut falschen Konsequenzen aus der Tat: Zensur, Gängeleien und Verbote, soweit man die Texte liest: Waffen, "Killerspiele", Internet, die Berichterstattung über Amokläufe - überall soll nach dem Willen des Aktionsbündnisses Zucht und Ordnung im Sinne der bürgerlichen Norm durchgedrückt werden, mit staatlicher Gewalt gegen Schützen, Computerspieler und Internetnutzer.

Das Waffenrecht in Deutschland ist schon eines der schärfsten der Welt, und die Kopfschüsse des Tim Kretschmer aus kurzer Distanz wären mit einer Kleinkaliberwaffe genauso tödlich gewesen. Schon jetzt werden selbst erwachsene Computerspieler inakzeptabel gegängelt, weil ihre Spiele trotz Freigabe ab 18 nur als minderwertige Schnittversionen oder gar nicht erscheinen. Und die Freiheit des Internets ist permanent bedroht; jetzt muss aktuell wieder das Leyen-Gesetz entsorgt werden.

Keine dieser Verbotsregeln, von Waffen vielleicht mal abgesehen, hat irgendeine nachvollziehbare Wirkung auf mögliche künftige Amokläufe; es geht vor allem bei Politikern und einigen Journalisten darum, sich mit Verbotsgeschrei zu profilieren und als Moralapostel hinzustellen - repressive Pseudomoral! Und auch bei den Waffen muss die Restriktion in angemessener Relation zu den Risiken stehen!

Wenn wir hergehen und in Folge jeder solchen Tat einen Wust von Verboten und Zensurmaßmahmen erlassen, wenn wir nach der Logik vorgehen, dass alles verboten werden soll, was mutmaßlich auch nur ein kleines bischen zu solchen Taten beitragen könnte, dann führt dies zur endgültigen Konsequenz, dass Deutschland insgesamt ein kollektives Gefängnis wird, mit kollektiver Zwangsjacke für alle Bürger!

Wenn man Bildschirm-Ballerei verbietet, weil man mutmaßt, dass vielleicht einige einzelne durch die Spielhandlung zu realen Gewalttaten animiert werden, warum nicht dann auch das Hüpfen auf einem Bein verbieten, weil es vielleicht die Hirnentwicklung negativ beeinflusst und langfristig aggressiv macht?

So tragisch der Einzelfall für Betroffene ist, die Opferzahlen durch Schulamokläufe sind winzig im Vergleich zu anderen Tötungsdelikten, zu Verkehrsunfällen oder auch zu Selbsttötungen von Menschen, weil sie von einem böswilligen Umfeld gemobbt oder sonstwie ihrer Lebensgrundlage beraubt werden (insgesamt jährlich ca. 10000 Selbsttötungen in Deutschland, mal mehr, mal weniger). Sollen wir deshalb ein kollektives Gefängis für alle akzeptieren? Und ein Staat, der Waffen, Horrorfilme und "Killerspiele" verbietet und das Internet zensiert, der den interessierten Bürger den Namen und das unverpixelte Bild eines Straftäters nicht sehen lässt, ist ein kollektives Gefängnis!

Nein, wir sollten froh sein, dass die Forderungen der Politiker und des Aktionsbündnisses nach der Tat zum Großteil nicht umgesetzt wurden, und wir sollten dagegen kämpfen, wenn es weiterhin versucht wird! Sicher, manche Schmähmail an das Bündnis schlägt über die Stränge, aber es ist doch lobenswert, dass viele Bürger, ob Schützen, Computerspieler oder Internetnutzer, sich für ihre Grund- und Freiheitsrechte einsetzen! Man denke daran, wie der "Killerspiele"-Entsorgungscontainer des Bündnisses Gegendemonstranten auf die Straße geholt hat (und überdies der Container, bis auf eine für's ZDF gestellte Szene, fast leer blieb).

Und vielleicht finden auch die Angehörigen der Getöteten von Winnenden bessere Wege, mit ihrer Trauer umzugehen, als stellvertretend für den von selbst aus dem Leben geschiedenen Täter alle anderen zu bestrafen (und genauso wenig die Eltern des Tim Kretschmer).