Leserartikel-Blog

Nach Winnenden in die kollektive Zwangsjacke?

In den ersten zwei Tagen nach der Tat keimte die Hoffnung, dass dieses Ereignis nicht wie bisherige Amokläufe für platte Hetze gegen Unterhaltungsmedien und Subkulturen ausgeschlachtet würde. Doch mittlerweile ist der Tonfall in Medien und Politik wieder zu den schon aus der Zeit nach Erfurt und Emsdetten bekannten Platitüden und Repressionsforderungen zurück gekehrt. Gerufen wird nach allem, was nach Repression klingt und so bei einfältigen Geistern Assoziationen zu mehr Sicherheit weckt; unterschiedslos werden in Boulevardmedien wie auch in vermeintlich hochwertigen journalistischen Produkten Stammtisch-Wirkungstheorien zu Medien verbreitet und halbwissenschaftlich untermauert.

„Amokläufer verbrachte Abend vor der Tat mit Killerspiel“, so publizierte es der „Spiegel“ am Samstagmorgen nach der Tat, der agitatorische Begriff „Killerspiel“ stand dabei ohne Anführungszeichen. Und die Meldung wurde gierig weiter verbreitet, Stunden später erschien sie in diversen anderen Onlinepublikationen. Eine Belanglosigkeit wurde zur Schlagzeile, eine Sache, die wohl hunderttausende andere genau so getan haben. Genauso gut hätte man berichten können, ob der Täter am Morgen der Tat Kaffee, Kakao oder Milch getrunken, oder was er sich auf sein Frühstücksbrot geschmiert hat. Schon am Tag vorher hatte Focus Online ein Interview mit dem ebenso reißerischen wie falschen Titel „Mörderische Nachahmung“ versehen, darin behauptete ein Psychologe namens Hans Markowitsch, Spiele würden Vorbilder zum Imitieren geben und könnten so in einzelnen Fällen zum „Dammbruch“ führen. Kritische Leserkommentare zum Artikel wurden abgelehnt, und bei weiterem Durchsehen erkannte man, dass der verantwortliche Focus-Redakteur Werner Siefer mit dem Interviewpartner gemeinsam ein Buch veröffentlicht hat. Und die Politiker, die sich an den ersten Tagen noch zurück gehalten haben, fordern auch schon wieder Zensur und Verbote, allen voran die üblichen Verbotsschreier aus der CSU und dem bayerischen Innenministerium. Und angeblich sollte ein Gesetz zur Einführung staatlicher Internetfilterung, für die man bisher die Kinderporno-Bekämpfung als Einstiegshilfe propagierte, noch im März 2009 durchgebracht werden - was so nun doch nicht umgesetzt wurde.

Was ist uns Freiheit und Lebensqualität wert?

Nach Ereignissen wie in Winnenden wird gerne behauptet, jede Maßnahme, welche die Wahrscheinlichkeit solcher Taten auch nur mutmaßlich minimal verringert, sei gerechtfertigt. In –durchaus umstrittenen- Studien zur Mediengewaltwirkung wird gerne behauptet, statistische Korrelationen hätten auch dann hohe Bedeutung, wenn Korrelationen nur gering sind. Gerade bei Mord und Totschlag sind die absoluten Zahlen sehr niedrig, die Polizeiliche Kriminalstatistik nennt für 2007 eine bundesweite Opferzahl von 757 für diese Delikte. Interessant ist auch zu sehen, wie das Schulmassaker von Erfurt 2002 die statistische Häufigkeit von vollendeten Mord- oder Totschlagsdelikten pro 100000 Einwohner auf 9,5 gegenüber einem Durchschnittswert von 2,6 in den Jahren 2003 bis 2007 erhöhte, und zwar nur für die Stadt Erfurt. Dabei schwankte diese Häufigkeit 2003-2007 zwischen 0,5 und 4. Auf Bundesebene hoch gerechnet, machen Schulamokläufe also nur einen geringen Teil der Mord- und Totschlagsdelikte aus, das Risiko pro Einwohner ist statistisch minimal. Nun wird man natürlich sagen, dass jeder Getötete einer zu viel ist und man dagegen alles unternehmen muss. Aber was heißt dieses „Alles“? Vergleichbare Korrelationen zu Gewalttätigkeit gibt es auch für uneheliche Kinder und bei mäßigem Alkoholkonsum. Soll man deswegen wieder anfangen, uneheliche Kinder zu diskriminieren und außerehelichen Sex unter Strafe zu stellen, sollte man eine Alkoholprohibition, wie zeitweise in den USA, verhängen?

Dies ist übrigens die gleiche Logik, nach der auf Kinderspielplätzen nach und nach die Geräte abgebaut werden, weil sich Kinder darauf verletzen und man die „gefährlichen“ Geräte los werden will – bis nur noch Sandkästen bleiben und die Kinder lieber auf der nächsten Baustelle spielen gehen. Wenn nach dieser Logik reglementiert und verboten wird, muss dies konsequent dazu führen, dass die Bürger eines Landes irgendwann kollektiv in Zwangsjacken und Gummizellen gesteckt werden, um auch die letzten Risiken auszuschließen – und damit würde man in der Tat auch die letzten Straftaten verhindern! Ein offener Brief einiger Angehöriger von Winnendener Opfern geht genau in diese Richtung. Die Forderung nach rigiden Beschränkungen der Sexualität oder einem totalen Alkoholverbot haben keine gesellschaftliche Mehrheit, eben, weil sie die Lebensqualität der Menschen massiv beeinträchtigen und dieser Anspruch auf Lebensqualität auch im Establishment hinreichend verwurzelt ist – was bekanntlich nicht immer der Fall war. Doch auch Unterhaltungsmedien sind mit einem hohen Gewinn an Lebensqualität verbunden, gerade auch solche, wo man das ansehen oder nachspielen kann, was in der Realität zu Recht verboten ist. Wenn sie verboten oder nur noch geschnitten ausgeliefert werden, wird auch die Lebensqualität von Millionen Menschen massiv beschnitten. Falls nun einige behaupten, dass „keiner so was braucht“, dann maßen sie sich nur an, ihre Meinung ohne jede Legitimation sehr vielen anderen Menschen aufzunötigen.

Und nicht zuletzt sollte man bedenken, dass bei vielen der Forderungen die (angeblichen) Gefährdungen nur ein Vorwand sind, um niederen Beweggründen freie Bahn zu geben: dem Bestreben, eigene Geschmacksurteile und Normen allen anderen aufzudrücken, die Lust an der Spielverderberei, am Gängeln und Schikanieren.

Expertenmeinungen: Gewalttraining durch Computerspiele und Rückenmarkschwund durch Onanieren

Bei den Video- und Computerspielen, in den letzten Jahren schon immer eine Zielscheibe der Zucht- und Ordnung-Fraktion, kommen nach Winnenden zunehmend Behauptungen in die Presse, die in den letzten Jahren eher im Hintergrund zusammen gerührt wurden, aber bisher weniger Beachtung fanden. So wurde der Zensorenkongress am 20.November 2008 in München, auf dem mit klarer Zielsetzung Statistiken und Vortragsmaterialien zusammen getragen wurden, in der Presse nur mäßig beachtet, doch die Inhalte, die auf dem „Gipfeltreffen der Spielekiller“ gebracht wurden, werden nun vielfach als „Expertenwissen“ heraus posaunt. Eine Studie, welche an der Uni Tübingen von Dr. Werner Hopf, Prof. Günther Huber und Dr. Rudolf Weiß erstellt wurde, ist offenbar eine der Grundlagen, auf der jetzt „Medienexperten“ behaupten, Gewaltspiele könnten zu echter Gewalt führen. Die beteiligten Professoren waren schon vor ihrer Studie durch Forderungen nach absoluten Verboten von gewalthaltigen Computerspielen aufgefallen; ihre Untersuchung bezog sich auf 12-14-jährige Probanden, die nach den geltenden USK-Einstufungen gar keine brutaleren Spiele spielen dürfen.

Auch die Parolen aus dem „Kölner Aufruf gegen Computergewalt“, der für seine fundamentalistische Medienfeindlichkeit und seine platten Verschwörungstheorien belächelt wurde, tauchen im Presse-Mainstream auf; der Focus Online interviewte die Mitinitiatorin Elke Ostbomk-Fischer als „wissenschaftliche Expertin“ zu Computerspielen. Im einigen Publikationen im Umfeld des Aufrufs wird angedeutet, dass auch heute ab 12 Jahre frei gegebene Spiele einem Totalverbot anheim fallen sollen. Es wird eine weitgehende Ablehnung des Mediums Computer an sich deutlich; so in Texten, wo gegen das „Schlaumäuse“-Programm von Microsoft agitiert wird.

Immer wieder taucht in den „Experten“interviews dieser Tage die Behauptung auf, „Killerspiele“ seien vom Militär entwickelt worden, um Soldaten zu desensibilisieren und ihnen das Töten beizubringen. Dies ist, wenn sie sich auf gewalttätige Unterhaltungssoftware bezieht, etwas, das kein wissenschaftlich denkender Mensch ernsthaft behaupten dürfte. Es beruht auf den Werken des ehemaligen US-Militärausbilders Dave Grossman, der darin beschreibt, wie Rekruten durch eine Vielzahl von Maßnahmen, ein Aspekt daraus das simulierte Schießen auf Menschen, zum leichteren Töten animiert werden sollten. Tatsächlich handelt es sich fast ausschließlich um Parallelentwicklungen und nicht um als Unterhaltungssoftware getarnte Tötungstrainer; nur in wenigen Fällen schauten sich Militär und Spielentwickler voneinander ab.

Das Trainingsspiel „Marine Doom“ entstand, als 1995 zwei Armeeangehörige namens Snyder und Barret eine gängige Ladenversion des Shooter-Klassikers „Doom 2“ modifizierten, so, wie es tausende anderer Spieler auch taten, nur, dass sie nicht neue Level und Monster erstellten, sondern auf Basis des Spiels eine militärische Simulation produzierten. Die Entwicklung kam also nicht vom Militär, sondern dieses griff eine zivile Unterhaltungstechnologie für seine Zwecke auf. Das von der US-Army verbreitete Propaganda- und Rekrutierungsspiel „America’s Army“ gilt als ausgesprochen blutleer, weil es sich auch an jüngere Jugendliche richten soll. Es verwendet lediglich eine Grafikengine aus der „Unreal“-Spielreihe, so, als würde ein ziviler LKW-Motor auch in einem Militärfahrzeug verbaut.

Wenn jemand also behauptet, ein wesentlicher Teil der gängigen Ballerspiele seien Abkömmlinge militärischer Tötungstrainings-Software, so ist das zumindest völlig unwissenschaftlich, im schlimmsten Fall aber eine vorsätzliche Falschbehauptung. So etwas hat nichts mit Wissenschaft zu tun, auch nicht mit Mängeln in einer grundsätzlich wissenschaftlichen Arbeit, sondern mit Pseudo- und Propagandawissenschaft, um damit bestimmte politische Ziele zu verfolgen.

Solche Pseudowissenschaft hat übrigens in der Bundesrepublik Tradition: Dass Onanieren zu Rückenmarkschwund führe, war nicht, wie oft angenommen, ein reines Schauermärchen für Kinder. Es wurde noch 1972(!) von „Experten“ behauptet und führte u.a. zur Indizierung von Bravo-Heft 6/1972 wegen Berichten über Selbstbefriedigung. Die Begründung der „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“, der heutigen BPjM, der übrigens damals schon die heutige Behördenleiterin Elke Monssen-Engberding angehörte, lautete u.a.: „Rückenmarkschwindsucht“ durch Masturbieren.

Waffen: Gefahr, Freiheit und Schutz

Von Waffen geht, anders als von gewalthaltigen Unterhaltungsmedien, eine konkrete Gefahr aus. Trotzdem sind sie für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens, sei es zu Sport und Jagd, aus Sammelleidenschaft oder zum Selbstschutz. Und auch dies ist ein wesentlicher Aspekt, der nicht ausgeklammert werden darf: Waffen sind Macht bzw. Gegenmacht. Sie sind Mittel, dass man nicht völlig hilflos böswilligen Angriffen ausgesetzt ist, sei es durch Kriminelle oder auch einen tyrannischen Staat. Das Recht auf Waffenbesitz ist also auch im weitesten Sinne ein Recht auf Wehrhaftigkeit, dass man Menschen nicht hilflos machen will. Genau deshalb steht das Recht, Waffen zu besitzen und zu tragen, in den USA gleich an zweiter Stelle in den Zusatzartikeln der Verfassung, in denen die wesentlichen Grundrechte fest gelegt werden. Ein Recht, das nicht kostenlos ist, denn Waffen waren in den USA Anfang des Jahrtausends für rund 30000 Todesfälle jährlich verantwortlich, Notwehr, Polizeieinsätze, Unfälle und Freitode (letztere mehr als die Hälfte der Opfer) eingeschlossen. Trotzdem legt ein Großteil der US-Amerikaner mehr Wert auf Freiheit als auf das letzte Quäntchen Sicherheit – und verteidigt das „Second Amendment“, wie sie auch das Recht auf freie Rede viel konsequenter als die meisten Europäer.

In Deutschland gibt es schon jetzt eine Vielzahl von Vorschriften, die das Führen von Waffen einschränken und die weitgehend erfolgreich verhindern, dass sie im Affekt in unangemessener Weise eingesetzt werden. Doch auch das ist vielen nicht genug, wenn es darum geht, sich mit Verboten profilieren zu wollen. Wie in vielen anderen Medien auch wurde im WDR-Fernsehmagazin „Monitor“ moralinschwanger gefragt: „Warum überhaupt dürfen mehr als ein Dutzend Waffen in einer Privatwohnung aufbewahrt werden“. Dass die Tat von Winnenden mit einer einzigen Waffe begangen wurde und der Rest brav im Waffenschrank lag, interessiert nicht, wenn es darum geht, den hobbymäßigen Umgang mit Waffen an den Pranger zu stellen. Die Konsequenz hatte Monitor schon in der Vorankündigung gefordert, nämlich privaten Waffenbesitz ganz zu verbieten.

Eine solche Verbotsforderung ist zwar auf Grund der objektiven Gefährdung anders zu werten als die Forderung nach sittlich-normativer Zensur in fiktionalen Welten. Doch auch sie zielt darauf ab, individuelle Freiheit dort zu beschränken, wo die Gefährdung schon wesentlich reduziert ist, und sie will den Menschen ein Stück der Macht über sich selbst nehmen, die sie im äußersten Notfall vielleicht brauchen.

Innenpolitiker: Privilegien für Schützen und Jäger, Verbote für Zocker

Interessant ist trotzdem, wie sich gerade die Innenpolitiker jetzt gegen schärfere Waffengesetze wenden, und gleichzeitig bei Medien, wo es hauptsächlich um Geschmacksurteile und Normtreue geht, laut nach Verboten schreien. Nicht wenige von ihnen haben einen einschlägigen Hintergrund: Schünemann und Schönbohm bewegen sich gern im Umfeld der Schützenvereine oder Jäger, Schäuble hatte sich 2007 für ein Liberalisierung des Waffenrechts eingesetzt, wie der „Spiegel“ mutmaßte, auf Antrieb der Sportschützen-Lobby hin. Es liegt der Verdacht nahe, dass hier Freizeitverhalten mit zumindest potentiellen Gefahren geschützt wird, weil die zuständigen Minister ihre Klientel dort sitzen haben oder selbst daran teilnehmen. Auf der anderen Seite äußert sich etwa Schünemann über Ballerspiele mit Begriffen wie „abartig“ und „pervers“, was darauf hin deutet, dass es ihm gar nicht um die Abwehr von mutmaßlichen Gefahren geht, sondern darum, anderen die eigenen Geschmacksurteile und Normvorstellungen aufzunötigen. Und die noch immer stark subkulturell erscheinenden Computerspieler sind dafür, so wie der Keiler auf einem frisch eingeweihten Schießstand, Freiwild.

„Jugendschutz“ und Verbote: Außer Spesen nichts gewesen

Der Amoklauf von Winnenden ist ein tragischer Anlass darüber nachzudenken, was die jahrzehntelangen Bestrebungen nach „Jugendschutz“ gegen angeblich „jugendgefährdende Medien“ gebracht haben.
Bereits früh begann der Staat, seine Bürger damit zu gängeln, 1953 mit dem „Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften“ und 1954 mit Gründung der Bundesprüfstelle. Dann kamen verschiedene Vorschriften und Verbote; mit der Ausdehnung des Gewaltdarstellungsparagrafen §131 auf fiktionale Horrorfilme 1985 auch explizit gegen Erwachsene. Die Indizierung zielte dabei von Anfang an nicht nur darauf ab, Kinder und Jugendliche zu „schützen“, sondern auch den Verkauf der Medien insgesamt zu behindern und so auch Erwachsene zu treffen. Mit der Indizierung wird eine wirtschaftliche Vermarktung praktisch unmöglich, sie ist wirtschaftliche Zensur.

Mit den verschiedenen Zensurmaßnahmen, und als Zensur muss jeder Zwang gelten, die individuelle Freiheit in reinen Fantasiewelten nachrangigen Gütern wie gesellschaftlichen Normen zu unterwerfen, werden Millionen Bundesbürger in ihrer persönlichen Freiheit und Lebensqualität beschnitten. Es werden jedes Jahr Steuermillionen vergeben für Zensurbehörden wie die BPjM, jugendschutz.net und verschiedene, teilweise konkurrierende Kontrollinstanzen. Das deutsche „Jugendschutz“-System gehört zu den strengsten Zensur-Regulatorien außerhalb autoritärer Staaten. Es sind also enorme Kosten, finanziell wie ideell, die auf den Deutschen durch diese Praxis lasten. Stehen dem auch in irgend einer Weise angemessene Erträge gegenüber?

Was die Verbrechenslage angeht, so ist Deutschland in Europa im Großen und Ganzen Durchschnitt, die Amokläufe von Erfurt und Winnenden sind durch die hohen Opferzahlen und das Medieninteresse auffällig, spielen aber in der Gesamtstatistik kaum eine Rolle. Trotzdem sind sie, wie auch die kleineren Amokläufe, die spektakulären Anlässe, zu denen Zensur gefordert und umgesetzt wird, und genau sie hätten durch die bereits bestehende Zensur verhindert werden sollen, wenn sie denn wirksam wäre. Weniger Verbrechen finden in südlichen Ländern, wie Griechenland, Spanien und Portugal statt, obwohl es dort keine vergleichbaren „Jugendschutz“- oder Verbotsgesetze gibt; in Großbritannien, wo es noch eine klassische Vorab-Zensurbehörde gibt, ist die Kriminalität mit am höchsten. Auch bei Waffen hat Großbritannien mit die strengsten Regeln, trotzdem wuchert die Gewaltkriminalität mit am schlimmsten in Europa; dort sind vielfach Messerstechereien und Schlägereien das Problem.

Man erkennt: die deutsche Medienzensur, allgemein als „Jugendschutz“ beschönigt, bringt keinen nachvollziehbaren, praktischen Nutzen. Während die FSK- bzw. USK-Freigaben aus elterlich-erzieherischer Sicht nützlich sein mögen, für Jüngere ungeeignete Medien auszusortieren (der Begriff „jugendgefährdend“ ist unangemessen), gibt es für Maßnahmen, die Erwachsene beschränken, Totalverbote und Indizierung, keinerlei Berechtigung. Hier wird mündigen Bürgern auf bloßen Verdacht, allenfalls auf eine hochabstrakte und geringe Gefährdung hin, eine kollektive Zwangsjacke angelegt. Auch das scheußlichste und brutalste Computerspiel, ob es besonders brutale Mafiamorde oder simulierte Snuffmovie-Produktion enthält, hat einen ureigenen Wert, nämlich, dass es für die Freiheit der Menschen steht, sich ihre Fantasiewelten selbst auszusuchen und zu gestalten.

Deshalb sollte spätestens ab dem 18. Lebensjahr auf jegliche sittlich-normative Beschränkung bei Unterhaltungsmedien verzichtet und erst bei konkreten Schädigungen echter Menschen eingeschritten werden – Grenzen werden sich übrigens die meisten Mediennutzer selbst setzen. Den 16 Opfern von Winnenden hat die bisherige Zensur nicht geholfen, und die kollektive Zwangsjacke sitzt schon viel zu eng in Deutschland.