Leserartikel-Blog

Transsexualität - für Journalisten ein Tabu?

Wann immer über betroffene Personen oder den Umgang von Gesellschaften mit Transsexualität berichtet wird, wimmeln die Artikel von faktischen Fehlern und beleidigenden Darstellungen. Warum ist das so?

Die Existenz von Transsexualität durchkreuzt Unmengen von Weltbildern.
- Die biblische Dichotomie in Mann und Frau - Mann und Frau werden nahezu wie zwei unterschiedliche Spezies behandelt. Sie findet sich immer dann gerne in der Öffentlichkeit, wenn über "familiäre Werte" geredet wird.
- Die freudsche Psychoanalyse, welche die Psyche eines Menschen am Vorhandensein eines Phallus definiert (Penisneid)
- Die feministische Grundhaltung, der einzige Unterschied zwischen Mann und Frau sei die Erziehung durch Eltern und Umwelt
- Der Biologische Determinismus, z.B. anhand von Chromosomenpaaren (XX = Frau, XY = Mann)

Und so bleibt für jede Person, deren Weltbild sich so begründet, nur eine Erklärung übrig: transsexuelle Menschen müssen an einer Geisteskrankheit leiden oder sexuell Motiviert sein. Auch Journalisten sind nur Menschen und so taucht dies in letzter Konsequenz dann auch in der Berichterstattung auf.

Dabei ist die Wahrheit ganz einfach - transsexuelle Mädchen und Frauen sind schlichtweg und waren immer Mädchen und Frauen mit einem Penis und Hoden, transsexuelle Männer hatten das Unglück, mit Eierstöcken und Scheide geboren zu werden - denn das unveränderliche Geschlecht ist zwischen den Ohren - im Gehirn.

Und wie sehen diese Fehler aus?
Es beginnt schon mit der Grundannahme, dass eine Transsexuelle Person einmal einem anderen Geschlecht angehörte, ja dieses sogar das "wahre" Geschlecht sei.
"Kim war einmal Tim", "Kim wurde geboren als Tim", "Als Kim noch Tim war..." usw.
Niemand wird mit einem Namen geboren, er wird vergeben. Zuerst sagt der Hebammenblick auf die Genitalien, welchen Geschlechts das Kind sei, dann wird von den Eltern ein passender Name ausgesucht. Die Benennung als Tim war so gesehen ein schlichter Fehler, der später ausgeglichen wurde. Wie ein falsches Etikett.

Die Rede von der "Geschlechtsumwandlung"

Das Geschlecht sitzt im Gehirn - es legt fest, wie man seinen Körper erfährt, und mit welchem Geschlecht man sich von der ersten Sekunde an identifiziert. Dieses Geschlecht ist nicht wandelbar. Es ist nicht auszuschließen, dass sich irgendwann einmal OP Techniken entwickeln, die das Gehirn entsprechend umbauen können, doch solch grundlegende Eigenschaften eines Menschen durch Operationen zu verändern, sollte auch für nicht Betroffene klar eine Horrorvorstellung sein. Bei rechtzeitiger Hilfe, wie bei Kim, ist alles was Chirurgisch erfolgen muss, eine Anpassung eines kleinen Teil des Körpers, der nicht zur neuronalen Vernetzung im Gehirn passt. Bei transsexuellen Menschen, die in eine falsche Pubertät gezwungen wurden, kommen häufig jedoch chirurgische Interventionen hinzu, um dies Schäden wieder auszugleichen.

Transsexualität ist extrem selten.

Diese Behauptung wird gerne mit Zahlen untermauert, die sich streng an erfolgten Operationen orientieren und noch zu einer Zeit erhoben wurden, als kaum Menschen zu dieser Operation Zugang finden konnten.
Tatsächlich zeigt eine realistische Berechnung für die Anzahl der Menschen, die eine entsprechende, Genital angleichende, Operation hatten, für die USA einen kaum gehörten Wert von 1:2500 - die tatsächliche Anzahl Betroffener dürfte aber etwa um das fünffache Höher liegen, da viele Betroffene aus verschiedenen Gründen die Angleichung nicht Möglich ist. Da Anzahl Betroffener Personen lieg also deutlich über der z.B. von Multipler Sklerose Betroffener. Während aber für MS Betroffene eine solide Forschungsbasis und medizinische Infrastruktur bereitsteht, wollen sich am TS Thema kaum Menschen "die Hände schmutzig machen" - weil da wieder die oben genannten gesellschaftlichen Weltbilder in Frage gestellt werden.
Das Problem ist, dass es für Betroffene extrem Schwer ist, überhaupt kompetente Hilfe zu finden, geschweige denn rechtzeitig, bevor die falsche Pubertät den Körper unwiederbringlich verunstaltet (Hiervon sind transsexuelle Frauen stärker betroffen als transsexuelle Männer)

Transsexualität ist eine sexuelle Orientierung

Viele sind in dem glauben, transsexuelle Menschen seien "übertrieben" Homosexuelle. Selbst wenn es in den Artikeln nicht ausdrücklich gesagt wird, kommt es oft durch die Bebilderung eines Artikels mit verkleideten Männern an Homosexuellen-Anlässen zum Ausdruck. Einfach nur Bilder eines Mannes oder einer Frau zu zeigen, wäre ja auch zu langweilig? Tatsächlich gehört zur Voruntersuchung, die oft bis zu zwei Jahre dauert, der Ausschluss einer homoerotischen Motivation. Ein homosexueller Mensch, der meint, seine Orientierung würde besser passen, wenn er im anderen Geschlecht lebt, würde sich durch den Prozess erst zu einer transsexuellen Person machen - so dass weder die Identität noch das Körpergefühl mit dem nun weitestgehend dem anderen Geschlecht entsprechenden Körper zusammenpassen würde.

Transsexualität ist eine Geisteskrankheit

Von Seiten der Psychologie wird seit mehr als 80 Jahren geforscht, was denn nun einen Mann eine Frau sein lassen will (die Frage nach der Frau, die Mann sein will, wird nicht gestellt, vgl. "Penisneid"). Jede Ursache die man einmal angenommen hat (z.B. die übersteigerte Homosexualität, Sonderform der Schizophrenie, Sonderform des Borderline Syndroms usw... ) ist heute nicht nur wiederlegt, sondern sollte die Motivation diesen ursprünglichen Leiden entspringen, wird die Diagnose Transsexualität gar nicht gestellt. Dabei gilt bis heute nur die Differentialdiagnose... alle möglichen Ursachen in einem psychologischen Leiden werden ausgeschlossen, nur wenn sich herausstellt, dass sie psychisch völlig stabil und Gesund ist, wird sie zu den Medizinischen Maßnahmen zugelassen. Aus diesem Grund allerdings wird die Diagnose noch immer von Psychologen gestellt und findet sich Handbüchern als psychologische und in der aktuellen Formulierung diffamierenden Einträgen.
Aus diesem Grund gelten auch Psychologen als Experten, wenn es um das Thema geht, und werden dann in Fachbeiträgen als solche zitiert - und die können nicht aus ihrer Haut, ignorieren die jahrzehntelangen Fehlschläge und reden nach wie vor gerne von einer Entwicklungsstörung, oder in den Fachbüchern von einer Identitätsstörung - für ein körperliches Phänomen.
Tatsächlich ist die Hirnforschung in den letzten zwei Jahrzehnten mit Zahlreichen Studien dahinter gekommen, dass transsexuelle Frauen ein weibliches Gehirn und weibliche Reaktionen haben, und transsexuelle Männer ebenso Männliche. Diese Bereiche des Gehirns werden in der 4.-8. Schwangerschaftswoche durch Geschlechtshormone geprägt. Es ist also eine neurologische Normabweichung. Dies zeigt auf, dass die Psychologen und Psychoanalytiker stets die falsche Frage gestellt haben. Die richtige lautet: "Warum will ein Mädchen eine Vagina und keinen Penis und Hoden (und sekundäre falsche Geschlechtsmerkmale)".

Transsexuelle, Transgender und Transvestiten werden wild vermischt.

Transvestiten sind Personen, die aus unterschiedlichsten Motivationen heraus Kleidung des für sie anderen Geschlechts tragen wollen. Auch Transvestiten fußen nicht in einer sexuellen Orientierung und die überwiegende Mehrheit ist heterosexuell. Und fühlen sich im Normalfall auch als dass, als was sie im Alltag erkannt werden.

Transgender ist ursprünglich einmal als Begriff für Menschen, die Rund um die Uhr in der anderen Geschlechtsrolle, aber ohne körperliche Anpassungen leben wollen. Mittlerweile steht der Begriff aber für die Menschen, die eine zwischengeschlechtliche Identität haben und auch im medizinischen Handlungsbedarf zwischen Transvestiten und Transsexuellen stehen.

Transgender wird auch gerne als Überbegriff für alles, was nicht für ein eindeutiges, ganzheitliches Geschlecht spricht, verwendet. In dieser Funktion schließt es sowohl Transsexualität als auch Intersexualität mit ein, wogegen sich beide Gruppen aber gerne wehren.

Welche Fehler sollten Journalisten nun vermeiden?

Falsche Personalpronomen und Namen verwenden.

Es gibt derzeit nur eine Person, die Aussagen kann, was eine Person für ein Geschlecht hat, und welche Personalpronomen und welcher Name sie treffend Kennzeichen. Deshalb können auch nur diese richtig sein und sollten auch für Erzählungen aus der Vergangenheit genutzt werden. Dabei ist es unerheblich ob nun eine Diagnose vorliegt oder, wie es aktuell in den journalistischen Richtlinien erfolgt ist, eine Genital angleichende Operation für die korrekte Benennung zu fordern.

Formulierungen vermeiden, die implizieren, das fälschlich festgestellte Geschlecht sei das Wahre, z.B.
"War einmal ein Mann", "Wurde als Tim geboren", "ist als biologischer Mann geboren" "ist als Mann geboren" "Mann zu Frau Transsexuelle", "Achim will eine Frau sein" und vergleichbares.
Wenn eine Frau nach außen ein Leben als Mann geführt hat, so war sie doch nie einer. Auch wenn Betroffene diese Formulierungen gerne übernehmen.
Statt "War einmal ein Mann" währe korrekt: "Spielte die männliche Rolle".
Statt "Wurde als Tim geboren" währe korrekt: "wurde Tim genannt".
Statt "Biologischer Mann" oder "als Mann geboren": "Wurde das männliche Geschlecht zugewiesen".
Statt "Mann zu Frau Transsexuelle" : "transsexuelle Frau".

Und ein Vorschlag. Die "Experten" die weiter auf einer psychologischen Ursache beharren, doch bitte einmal mit dem aktuellen Forschungsstand in der Neurobiologie und dem mehr als 80 jährigen, stetigen Versagen bei der Suche nach einer psychologischen Ursache konfrontieren. Hier wird die Psychologie zur Esoterik gemacht - und warum? Um die Eingangs genannten Weltbilder zu schützen.

Dabei ist die Wahrheit so einfach.