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Darf man einen Austritt nahelegen?

In Deutschland ist es in aufgeklärten Kreisen üblich, Menschen daran zu messen, in was für Vereinigungen sie Mitglied sind. Ein Mitglied einer Partei muß sich für die Politik dieser Partei rechtfertigen, ein Mitglied einer Konfession für die Dogmen dieser Konfession.
Bei Nebensächlichkeiten mag man sich und anderen sagen: "Ja, da spinnt mein Verein, aber aus diesem oder jenem wichtigeren Grund bleibe ich dabei."

Bei den Kernaussagen hingegen würde das nicht verstanden werden.

Dies ist so, weil jeder, der mit der Vereinigung, in der er Mitglied ist, in zentralen Punkten nicht übereinstimmt, die Freiheit -- wenn nicht sogar die Verpflichtung -- hat auszutreten und eine Vereinigung zu wählen oder zu schaffen, die seinen Überzeugungen eher entspricht. So funktioniert eine offene, pluralistische Gesellschaft.

Nun muß ich offen gestehen, daß mir der Gemütszustand "Religiosität" ziemlich fremd ist, und daß ich auch keine dogmatisch-religiösen Menschen kenne. So ist es wohl zu erklären, daß ich jüngst im Zeitforum in ein rasch wegzensiertes Fettnäpfchen trat, als ich meinte, daß Muslime, denen das Dogma der wortwörtlichen Göttlichkeit des Korans zuwider ist (da hängt die Scharia mit dran), es doch offenstünde, zum Beispiel Alewiten zu werden (die dieses Dogma nicht kennen) -- ebenso wie es nicht ungewöhnlich ist, daß Katholiken, die das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes ablehnen, Protestanten oder Altkatholiken werden. Umgekehrt müßten sich die verbliebenen Muslime gefallen lassen, für die angeblich göttlich gebotene Scharia kritisiert zu werden.

Meine Frage ist: Wieso gilt es gegenüber Muslimen als nicht "sachlich und respektvoll" (um die Worte des Zeitzensors zu benützen), sie auf die Möglichkeit des Austrittes aus ihrer Religion hinzuweisen? Ist der Austritt nicht lediglich innerhalb der Dogmen des Islam (und anderer Religionen) tabuisiert, oder gilt dieses Tabu tatsächlich auch allgemein? Und wenn dem so ist: Warum?

Meine These ist: Jedwede Vereinigung, die Aussagen gleich welcher Art macht, muß sich für diese Aussagen der Kritik stellen. Und jedes Mitglied jedweder Vereinigung muß ebenfalls mit Kritik rechnen. Wenn Kritik nicht geäußert und an Austreten nicht gedacht werden darf, stellt man Wortführern der Vereinigungen Blankoschecks aus und ermuntert gerade die anmaßendsten Charaktere, sich Vereinigungen untertan zu machen.

So funktioniert eine aufgeklärte pluralistische Gesellschaft nicht.

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