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SPD am Ende?

Es wird viel darüber orakelt, wohin sich die einst stolze SPD weiterentwickeln wird. Angeblich soll sie ihre Aufgabe als Volkspartei und Vertretung der Arbeiterschaft, der Benachteiligten, des sogenannten kleinen Mannes quasi durch eigenes Versagen erfüllt und letztlich verloren haben.
Das ist aber schon ein bisschen anders. Der Wucht des Strukturwandels, der sich durch die Globalisierung der Märkte und die Digitalisierung aller Lebensbereiche vollzogen hat, konnte sich niemand entziehen oder gar entgegenstemmen. Selbstverständlich auch die SPD nicht. Durch diesen Strukturwandel ist ein hoher Prozentsatz der SPD-Klientel ins Abseits geraten. Was das für die Kinder respektive die Zukunft dieser ins Abseits Geratenen bedeutet, lässt sich wahrnehmen, wenn man sich meine „Briefe an das zu dicke Kind“ durchliest.
http://briefeandaszudicke...
Das „Volk“ ist ja nicht weg, es ist auch zahlenmäßig nicht geschrumpft, im Gegenteil, durch die seit Jahren sich vollziehende Spaltung unserer Gesellschaft in Arm und Reich vermehrt es sich zusehends.
Und da soll eine Partei wie die SPD ihre Aufgabe verloren haben?
Ist es nicht vielmehr so, dass es an der Zeit ist, einen abermaligen Strukturwandel einzuleiten, der sich die Vorteile der Globalisierung und Digitalisierung, auch die Vorteile der Individualisierung und Befreiung von obrigkeitsstaatlichen Denkmodellen zunutze macht?
Ich möchte im Folgenden anhand dreier gesellschaftlicher Aufgabenfelder skizzieren, in welche Richtung solch ein neuer Strukturwandel zielen könnte. Es wird deutlich werden, dass genau hier die Ansatzpunkte liegen, die der SPD wieder zum authentischen Profil einer Volkspartei verhelfen können. Die von mir vorgestellten Lösungsansätze sind so konkret und praxisnah wie nur irgend möglich verfasst und wurden bereits 2002 zum ersten Mal veröffentlicht. Ich verschweige nicht, dass ich sie vor dem Hintergrund der Idee der „Dreigliederung des sozialen Organismus“, wie ihn die Anthroposophie lehrt, entwickelt habe.

ÜBERLEGUNGEN ZU PROBLEMEN DER BERUFLICHEN BILDUNG

Es begann damit, dass ich vor ungefähr 33 Jahren – kurz nach dem Abitur – meine Berufsentscheidung treffen wollte. Ich war damals in linksintellektuellen Studentenkreisen zuhause, auch in der Anti-AKW-Bewegung engagiert und hatte schon einen Studienplatz für Germanistik und Soziologie in der Tasche.

Aber ich fühlte mich nicht wohl in der damaligen Protestbewegung und hatte ein kaltes und leeres Gefühl, wenn ich nur in die Nähe der Uni kam. Die vielen Diskussionen erschienen mir abgehoben und fruchtlos. Immer wieder überlegte ich, wie es nur kommen konnte, dass junge Intellektuelle das Wirtschaftssystem, das aber hieß ja: das gesamte gesellschaftliche System revolutionieren wollten, dass sie aber gar nicht in der Lage waren, sich mit denen zu verständigen, für die sie sich zum Sprachrohr glaubten machen zu müssen, sondern vielmehr auf vieles mit Überheblichkeit herabsahen, was einem durchschnittlichen Arbeiter lieb und teuer war. Umgekehrt lehnten die Arbeiter viele der 68er-Ideen schlichtweg ab.

Mir ging es trotz hervorragender Schulbildung oft ähnlich wie den sogenannten einfachen Leuten. Ich verstand häufig einfach nicht, was die Linksintellektuellen wollten mit ihren endlosen theoretischen Abhandlungen über „Haupt- und Nebenwidersprüche“. Leben wurde zerlegt in Kommunikations- und Organisationsmodelle. Tugenden wie Fleiß, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit galten als Zeichen von „Spießertum“. Werte wie Liebe, Treue und Selbstüberwindung wurden psychologisch in Vorformen der Neurose umgedeutet.

Kurz und gut: Ich habe mich dann entschieden, einen praktischen Beruf, nämlich den der Tischlerin zu erlernen. Dadurch und durch weitere ähnlich gelagerte Entscheidungen schied ich nach kurzer Zeit faktisch aus der „Welt der Intellektuellen“ aus. Ich habe dann die vielen Jahre des Rückzugs genutzt, um in Gedanken immer wieder und von möglichst vielen Seiten das Problem unserer in „Kopfarbeiter“ und „Handarbeiter“ gespaltenen Gesellschaft zu beleuchten.
Ein Ergebnis dieser Überlegungen ist die folgende Skizze eines

BERUFSAUSBILDUNGSGANGES IM SINNE EUROPAS

Fachbereich: Holz

Spezialisierung: Tischler

Ausbildungsdauer: 4 Jahre

Ausbildungs- und Arbeitszeit im Betrieb: Von montags bis donnerstags von 8.00 – 17.00 Uhr. An einem der Nachmittage haben die Jugendlichen frei.

Fachtheoretischer Unterricht: Jeden Freitag ganztags und einmal im Monat samstags. Zusätzlich findet zweimal pro Woche ein Abendkurs in Englisch statt.

Fachbezogene Lehrgänge: Im zweiten Lehrjahr zwei Wochen Maschinenlehrgang, im dritten Lehrjahr zwei Wochen CNC-Maschinenlehrgang, im vierten Lehrjahr zwei Wochen Oberflächenlehrgang, zusätzlich ein Forstpraktikum.

Praktika: Jährlich ein vierwöchiges Auslandspraktikum

Studienreisen: Jährlich zwei einwöchige Reisen in europäische Metropolen

ALLGEMEINES

Die Ausbildung richtet sich grundsätzlich nach den Bestimmungen des geltenden Tarifrechts, des Berufsbildungsgesetzes, der Handwerksordnung sowie der Verordnung über die Berufsausbildung zum Tischler. Durch den zusätzlichen europäischen, allgemein- und sozialbildenden Charakter des Ausbildungsganges und durch die damit verbundenen zeitaufwändigen Zusatzangebote wird von §29 des Berufsbildungsgesetzes respektive §27a der Handwerksordnung Gebrauch gemacht, die jeweils eine Verlängerung der Ausbildungszeit in begründeten Ausnahmefällen ermöglichen.
Es wird eine Ausbildungsgruppe von circa zwölf Jugendlichen gebildet. Bis zu ein Drittel der Jugendlichen könnte im Sinne einer vernünftigen Integration und gegenseitigen Förderung der Gruppe der sogenannten Benachteiligten entstammen. Die Jugendlichen wohnen möglichst gemeinsam in ausbildungsstätteneigenen Wohnräumen.

Die Ausbildung erfolgt in einem „Ausbildungs-Produktionsbetrieb“. Das heißt, es müsste ein Betrieb gefunden beziehungsweise geschaffen werden, der alle zwölf Jugendlichen zusammen ausbildet und extra zu diesem Zweck einen Tischlermeister beschäftigt. In Absprache mit der örtlichen Berufsschule könnte der Berufsschulunterricht direkt vor Ort, also entweder im Betrieb oder im Wohngebäude der Jugendlichen stattfinden.

ZUSATZKENNTNISSE THEORETISCH

Englisch (intensiv), Geographie, Geschichte, Textverarbeitung
Die theoretischen Zusatzkenntnisse werden besonders erworben durch den vierjährigen abendlichen Englischunterricht sowie durch die Studienreisen in europäische Metropolen. Diese Reisen werden theoretisch vor- und nachbereitet, sodass die Kenntnisse in Geographie, Geschichte und Kunstgeschichte vertieft werden.
Jugendliche, die die Ausbildung mit einem Defizit in Rechtschreib-, Sprach- oder Rechenkenntnissen beginnen, können im ersten Lehrjahr im Rahmen von Wochenendkursen gezielt gefördert werden.

ZUSATZKENNTNISSE PRAKTISCH

Es wird jedes Jahr ein vierwöchiges Auslandspraktikum absolviert, zum Beispiel in relativ unbekannten Ländern Europas. Es könnte ein landwirtschaftliches Praktikum mit Schwerpunkt Milchvieh und Ackerbau im Baltikum, ein anderes mit Schwerpunkt Schafzucht und Wollverarbeitung in Wales, Schottland oder Irland, ein Dorferneuerungs- und Häuserinstandsetzungspraktikum in Polen oder Rumänien und ein Schiff-Fahrts- und Fischfangpraktikum in einem Mittelmeerland stattfinden.
Dies sind nur erste Überlegungen zur Veranschaulichung.

Die Auslandspraktika sollen so angelegt sein, dass möglichst viel Umweltschutz- und Alternativtechnik zur Anwendung kommt, also zum Beispiel Installationen von Solar- und Windkraftanlagen, Wärmedämmung von Wohn- und Zweckbauten, Bau von Kläranlagen.
Die Praktika dienen einerseits dem Kennenlernen der unterschiedlichsten ländlichen Regionen und der verschiedenen Möglichkeiten, Nahrung zu erzeugen (Grundvoraussetzung jeglicher Produktion und Zivilisation). Andererseits sollen möglichst in Zusammenarbeit mit einheimischen Jugendlichen dringend benötigte technische Installationen sowie Instandsetzungsarbeiten zur Verbesserung des dörflichen Lebens in den Gastgeberländern durchgeführt werden.

BEGRÜNDUNGEN

Der hier in Grundzügen dargestellte Ausbildungsgang berücksichtigt verschiedene Probleme, die das deutsche Berufsbildungssystem bisher nicht ausreichend löst. Die Jugendlichen erhalten eine besonders intensive und vielseitige Ausbildung und gleichzeitig durch die vielen Reisen und Praktika einen weiten Horizont und eine konkrete Vorstellung davon, was Europa ist beziehungsweise werden könnte.

1.
Unsere Jugendlichen lernen die handwerklichen, aber auch andere Berufe nicht gründlich genug. Dem wird durch die vierjährige Ausbildungsdauer entgegengewirkt.

2.
Unsere moderne Gesellschaft vernachlässigt in vielen Lebens- und Erlebnisbereichen der Jugendlichen das Prinzip der Solidarität, das aber heißt auch der Wahrnehmung der Bedürfnisse anderer zugunsten eines „Ellenbogendenkens“. Dem wird durch das Arbeiten, Lernen und nach Möglichkeit auch Leben in einer für vier Jahre konstanten Ausbildungsgruppe entgegengewirkt. Gleichzeitig werden durch das konsequente Zusammensein in der Ausbildungsgruppe Sozialkompetenz und grundlegende Tugenden wie Verlässlichkeit und Disziplin erworben.

3.
Mehr intellektuell begabte Jugendliche beziehungsweise solche aus besser verdienenden Gesellschaftsschichten werden durch unser Bildungssystem einseitig begünstigt. Durch die Erlangung des Abiturs erhält der Jugendliche den Rechtsanspruch auf ein Hochschulstudium, damit aber auch auf eine finanzielle Leistung des Staates, die einerseits aus den Finanzaufwendungen für die Universitäten, andererseits aus den Bafögzahlungen besteht. Diese Leistung lässt sich in konkrete Pro-Kopf-Summen umrechnen. Wir stehen vor der Frage, warum ein Haupt- oder Realschüler nur aufgrund des intellektuell geringer zu bewertenden Schulabschlusses keinen Rechtsanspruch auf eine genauso hohe Summe zur Finanzierung seines praxisbezogenen Ausbildungsganges hat wie ein Student.

Ich lasse hier die Finanzmittel, die den Sekundarstufen II vom Staat in Form von Unterricht zur Verfügung gestellt werden, außer Acht, sondern beziehe mich ausschließlich auf die Berufsausbildungsfinanzierung. Der Jugendliche mit Haupt- oder Realschulabschluss hat zwar ebenso wie der Student Anspruch auf Bafög, mittlerweile auch während der Meisterlehrgänge. Aber die eigentliche Ausbildungszeit muss abgesehen von den Ausgaben, die die Berufsschule dem Staat verursacht, von den Betrieben direkt geleistet werden. Gleichzeitig werden diese Betriebe über ihren Beitrag zum Gesamtsteueraufkommen an der Finanzierung der Hochschulen beteiligt.
Richtig und gerecht wäre es, wenn hier gleiche Rechtsverhältnisse hergestellt würden. Dies könnte über ein System der Bildungsgutscheine erfolgen, in das die Wirtschaft für alle Berufsarten, also sowohl für die akademischen als auch für die nichtakademischen gleichermaßen zur Finanzierung herangezogen werden könnte. Dies würde zu einer Entlastung des Mittelstandes und der kleinen Handwerksbetriebe führen.

Wenn man also meinen Ausführungen entgegenhalten will, das sei doch nicht finanzierbar, dann muss ich auf die ungleichen Rechtsansprüche hinweisen, die sich aus den unterschiedlichen schulischen Abschlüssen ergeben. Auch das Gegenargument, das sei doch völlig unrealistisch, dass ein kleinerer Handwerksbetrieb zwölf Auszubildende des gleichen Jahrgangs gleichzeitig und dann auch noch mit so vielen „Extras“ ausbildet, ist unter dem eben ausgeführten Gesichtspunkt nicht mehr stichhaltig. Denn wenn der Ausbildungsbetrieb eine angemessene Bezahlung für seine Ausbildungsleistung erhalten würde, wäre es ein Leichtes, das von mir beschriebene Modell durchzuführen.

4.
Wenn wir wirklich ein „Haus Europa“ bauen wollen, dann kann sich das auf Dauer nicht auf die Felder der Politik und des Handels, im Mesosozialen auf Sportwettkämpfe und Städtepartnerschaften und im Mikrosozialen dann nur noch auf Schüleraustausch und zufällige Urlaubskontakte beschränken.

Deshalb enthält der skizzierte Ausbildungsgang mehrere europäische Komponenten, nämlich den Intensiverwerb der englischen Sprache sowie die genannten Praktika und Studienreisen. Welche Jugendlichen der unteren Bildungsschichten in Deutschland haben gegenwärtig die Möglichkeit, in vergleichbarer Weise Land, Leute, Kultur und Arbeitsleben unserer europäischen Nachbarn kennenzulernen? Wäre es nicht gerade aufgrund des Zusammenwachsens der europäischen Länder ein Gebot sozialer Gerechtigkeit, in unserem Land die Chancen auf eine umfassende Berufs- und Persönlichkeitsbildung für alle Jugendlichen wenigstens annähernd gleich zu gestalten?

Vergleichbare Überlegungen ließen sich auch unter dem Aspekt der Globalisierung anstellen. Ich denke, ein europäisches Bewusstsein zu veranlagen, ist die beste Voraussetzung zur Entwicklung eines globalen Bewusstseins. Daraus könnte ein Vorbild auch für andere Länder entstehen.
Aus nahe liegenden Gründen habe ich meine Skizze am Berufsbild des Tischlers entwickelt. Eine Übertragung auf andere Berufsfelder ist ohne weiteres möglich.

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Leser-Kommentare
  1. 1. Schöner Artikel

    Danke!

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