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Quo vadis, SPD?

In der Meinung, dass es von allgemeinem Interesse sein könnte, wie sich ein "Handwerkerherz" zu den Problemen der SPD stellt, möchte ich hier einige hoffentlich recht anregende Gedanken veröffentlichen.

Eigentlich wollte ich nach dem Dresdner Parteitag erstmal abwarten, was sich so tut in unserer Partei. Denn irgendwie hatte man ja Hoffnungen auf bessere Zeiten bekommen. Was aber war die erste „Amtshandlung“ unserer neuen „Generalin“? Genau, sie musste ein Buch rausbringen, in dem sie wieder einmal (und zum wievielten Mal eigentlich?) nichts Besseres zu tun hat, als sich auf Kosten der Partei zu profilieren und das alte Flügeldenken zu neuem Leben zu erwecken.
Danke, Andrea! Du hast uns allen eine große Freude bereitet! Mit Dir werden wir noch Großes vollbringen. Denn deine Kraft zu Integration und Führung, die hast Du nun endgültig unter Beweis gestellt.

Aber „Scherz“ beiseite. Wir sind ja nicht Mitglieder der SPD, um für unsere Mitgliedsbeiträge regelmäßig verarscht zu werden, sondern weil wir politisch was bewegen wollen, und das wollen wir gemeinsam und ohne uns ständig von jemandem sagen zu lassen, wie wir zu funktionieren haben und uns gegeneinander aufhetzen zu lassen. Wir haben auch keine Lust mehr, uns immer und überall für unser Führungspersonal entschuldigen zu müssen.
Wir wollen eine Partei, mit der wir uns als Ganzes identifizieren können. Wir möchten einen Wahlkampf, wo wir morgens Lust haben aufzustehen, wo uns das Müsli schmeckt, wo es Spaß macht, Plakate aufzuhängen, Wahlkampfstände aufzubauen und die Leute auf uns aufmerksam zu machen. Und zwar weil wir stolz sind auf unsere Partei und auf die Inhalte, die wir in ihrem Namen vertreten. Wir wollen mit dem Herzen bei der Sache sein. Wir wollen Inhalte, mit denen wir uns identifizieren können, dann wird sich das mit Sicherheit auch auf unsere potenziellen Wählerinnen und Wähler übertragen.

Fragen wir uns doch mal:
Warum identifizieren sich denn so viele von uns gar nicht richtig mit unserem Parteiprogramm, obwohl es sehr gut ist?

Das kann mehrere Ursachen haben. Eine Ursache könnte sein, dass es immer einen Parteiflügel zu geben scheint, der befürchtet, dass ein anderer Parteiflügel das Programm einseitig zur Durchsetzung seiner Linie ausnutzen könnte, und damit ist dann die Identität der Partei als Ganzes in Frage gestellt. Wir dürfen also die Vertreter der verschiedenen Flügel mit Fug und Recht immer wieder daran erinnern, dass wir ihre Grabenkämpfe nicht mehr wollen. Besonders wenn sie ihre Spitzenpositionen innerhalb unserer Organisation zu solchen Auseinandersetzungen nutzen, sollten wir ihre Eignung für diese Spitzenpositionen überprüfen.
Ein Ganzes, auch ein Parteiganzes besteht aus Widersprüchen, Widersprüche entstehen immer wieder neu. Die Kunst ist, damit kreativ umzugehen. Das können wir lernen, und ein solcher Lernprozess, der kann auch Freude machen.

Ein zweiter Grund für mangelnde Identifikation mit unserem Parteiprogramm liegt sicher darin, dass es „nur Worte“ sind. „Ach, das sind doch alles nur schöne Worte!“ Wie oft hört man diesen Satz – natürlich in Bezug auf die Programme aller Parteien, die sich ja in ihren Kernaussagen gelegentlich durchaus überschneiden.
Ein Programm, das ist immer auch ein Ideal. Ein Ideal, das ist seiner Natur nach etwas, das man nie erreicht. Trotzdem besteht für uns die Notwendigkeit, unsere Ideale zu formulieren und sie nicht von vornherein auf dem Altar des Pragmatismus zu opfern. Der Preis dafür ist dann halt, dass man zunächst nur „schöne Worte“ hat und viele, die aufgrund der beinharten Realität in unserer Gesellschaft große Zweifel hegen, inwieweit sich auch nur Bruchteile der schönen Worte in die Praxis umsetzen lassen. Dieser Zweifel verhindert die Identifikation, er lädt ein zur Untätigkeit.
Dabei, und das ist besonders problematisch, sind die Ziele gerade unserer Partei solche, die aktive mittätige Bürger brauchen, um verwirklicht werden zu können. Die können letztlich nicht einfach „von oben“ durchgeführt werden, auch eine absolute Mehrheit würde da nichts nützen.
Was aber tun, wenn die Tendenz zu Zweifel und Untätigkeit bereits an der Quelle – also bei uns Mitgliedern – vorhanden ist? Wie soll die in unserer Gesellschaft so weit verbreitete Müdigkeit, ja Resignation in Bezug auf alles Politische da jemals überwunden werden?
Das Dilemma ist groß.

Ein weiteres Problem kommt hinzu: Die Mitgliederzahl unserer Partei hat sich innerhalb nur weniger Jahre nahezu halbiert. Das bedeutet neben einem enormen Verlust an menschlicher Ressource auch, dass es vor der nächsten Bundestagswahl finanziell ziemlich eng werden könnte.

Ich denke, hiermit habe ich die drei Kernprobleme unserer Partei angesprochen und möchte mich im Folgenden ausschließlich damit befassen, wie diese Probleme gelöst werden können. Das heißt, für Gejammer und Gemecker soll in meinem Blog kein Platz sein.

Ein Wahlkampf ist sehr teuer. Er ist auf die Breite, auf die Masse angelegt. Man versucht, gute Qualität massenhaft zu transportieren. Da man aber auf den kleinsten gemeinsamen Nenner kommen muss, um auch ungebildete und unpolitische Leute zu erreichen, bedeutet Masse immer Verlust an Qualität. So kommt es zu Slogans, Schlagworten und wunderschön ausgeleuchteten Politikerbildern auf Großplakaten. Die dahinterstehenden Inhalte werden von vielen Bürgern gar nicht mehr differenziert wahrgenommen. Für sie sind all die Plakate der verschiedenen Parteien mittlerweile ein einziger Brei, ja etwas, das viele geradezu als Verschandelung des Straßenbildes empfinden. Aber solange alle Parteien dieser Strategie folgen, können auch wir uns nicht leisten, aus dem System auszusteigen.
Folglich muss die Aufgabenstellung lauten: Wie bekommen wir es hin, dass die Leute „hinter“ unsere Plakate schauen? Wie bekommen wir unsere Inhalte in qualitativ bestmöglicher Form in das Bewusstsein der Menschen, und zwar auch der ungebildeten und von den Medien manipulierten Menschen? Wie können wir erkennbar, erlebbar, denk- und fühlbar machen, was wir wollen und inwieweit wir uns deutlich von den anderen Parteien unterscheiden?
Wie schaffen wir das, auch wenn es uns an Geld fehlt? Wie schaffen wir das, wenn uns gar aufgrund unserer Glaubwürdigkeit keine Spenden aus der Großindustrie mehr erreichen?

Ihr seht, Langeweile war gestern. Denn wir stehen vor ganz neuen und sehr interessanten Herausforderungen.

Politik ist dazu da, die Lebensbedingungen der Menschen zu gestalten. Sie schafft den Rahmen, der, wenn er gut gebaut ist, zur Entfaltung vielfältigster Kräfte auf den verschiedensten Gebieten des menschlichen Lebens und Zusammenlebens führt. Ist der Rahmen zu eng, unterfordert er, ist er zu groß, kann er auch eine Überforderung bedeuten. Diesen Rahmen immer neu abzustecken im Dialog mit allen gesellschaftlichen Gruppen und Entwicklungen, das ist Politik. Sie ist nicht das Leben selber, sie kann es nicht ersetzen, und sie darf sich auch nicht zu sehr einmischen.
Aber immer wird sie an den Ergebnissen und den Möglichkeiten und Hoffnungen, die sie eröffnet, gemessen werden. Das heißt, eine Wahl ist in aller Regel ein Versprechen für die Zukunft. Es wird etwas angekündigt, wovon meist noch nichts sichtbar und greifbar ist.

Warum sollte es nicht möglich sein, dasjenige, wofür wir stehen, bereits vor der Wahl exemplarisch sicht- und greifbar zu machen?
Mein Vorschlag besteht darin, ein ganz konkretes Projekt ins Leben zu rufen, an dem sich quasi urbildlich ablesen lässt, welche Verbesserungen auf welchen Gebieten des Arbeitslebens und des Sozialgefüges von uns geplant sind. Ich hatte diese Idee bereits 2004 und habe erste Überlegungen dazu in Gestalt der Ideenskizze „Ein Haus für Europa“ aufgeschrieben und an den damaligen SPD-Vorstand geschickt.
Einige Reaktionen aus unserer Parteispitze:
Andrea Nahles schrieb mir, dass sie in ihrer politischen Arbeit sicher hin und wieder auf meine Ideen zurückgreifen werde. Unsere damalige Familienministerin Renate Schmidt ließ ausrichten, dass es zwar leider nicht möglich sei, das Vorhaben finanziell zu unterstützen. Ihre Referentin Barbara Wurster wünschte mir jedoch viel Erfolg und bat um Verständnis, dass „ich Ihnen daher Ihr interessantes Heft mit der Auswahl von Ideen, Beispielen und Überlegungen für eine mögliche Produktpalette für „ein Haus für Europa“ mit der Anlage wieder zurücksende“. Franz Müntefering ließ durch seine Referentin Mechthild Reith folgendes ausrichten:
Liebe Genossin Ameli Zieseniß,
wir hatten ja schon mal Kontakt, als Gerhard Schröder Parteivorsitzender war. Um gleich zur Sache zu kommen: Was könnten denn deiner Meinung nach die SPD-Projekte sein, in denen du deine Vorstellungen verwirklichen könntest? Was soll denn Franz Müntefering konkret für dich tun? Berge versetzen kann nämlich auch ein SPD-Vorsitzender nicht. Leider.
Die Tatsache, dass du den Vorgang in Kopie an die Mitglieder des Parteivorstandes geschickt hast, erleichtert die Sache übrigens nicht.
Denn „Rundbriefe“ werden in der Regel nicht beantwortet – da deine Ideen aber eigentlich sehr gut sind, machen wir eine Ausnahme.
Ich hoffe von dir zu hören.

Nun, es ist soweit: Ich lasse jetzt wieder von mir hören!
Der Originaltext der Projektskizze mit einigen Konkretisierungen, was die Produktpalette anbelangt, ist zu finden unter:
http://einhausfuereuropa....

Ein solches Projekt ist kein politisches, deshalb kann es nicht innerhalb der SPD verwirklicht werden. Was aber sollte uns daran hindern, es gemeinsam mit Freunden außerhalb der Partei ins Leben zu rufen. Wer verbietet uns, überall zu erzählen, dass SPD-Mitglieder dieses Projekt verantworten?
Es lässt sich wunderbar in allen Einzelheiten dokumentieren und via Internet und Fernsehen zu unseren Wählerinnen und Wählern transportieren. Es können anhand dieses Projekts unzählige Fragen von der Gestaltung eines Krippenplatzes bis hin zum Klimaschutz anschaulich diskutiert werden. Es ist lebendig, farbig und voller Entwicklungskeime. Es muss ja auch gar nichts Fertiges vorgezeigt werden, sondern gerade die Teilhabe am Aufbauprozess ist spannend und wird besonderes Interesse auf sich ziehen.
Es ist die „Universität der kleinen Leute“, also genau das richtige Projekt für eine Partei, die immer Politik für kleine Leute machen wollte und auch gemacht hat – was sicher noch einiger Erläuterung bedarf, die wir leisten werden, nicht zuletzt weil wir gerade alle gemeinsam lernen, Widersprüche kreativ zu nutzen.

Wenn wir Widersprüche in Zukunft kreativ nutzen wollen statt an ihnen kaputtzugehen – dann ist es unumgänglich, mal ehrlich mit der Ära Schröder abzurechnen.
Fangen wir mit Hartz IV an. Ich habe das damals unterstützt und das auch laut gesagt, und das, obwohl ich mich eher dem linken Parteiflügel zuordnen würde und genau wie manch anderer schon mit einem Wechsel in die Linkspartei geliebäugelt habe. Ich habe das unterstützt, weil mir bekannt war, dass die USA so gigantische Auslandsschulden hatten (und haben), dass ein Zusammenbruch des Finanzsystems nur noch eine Frage der Zeit war. Ich dachte, es ist klug, ein Instrument zu schaffen, mit dem man in Zeiten extremer Massenarbeitslosigkeit alle quasi „durchfüttern“ kann. Extreme Massenarbeitslosigkeit, das bedeutet ja auch, dass das Solidarsystem der Arbeitslosenversicherung zusammenbricht. Das wiederum heißt, dass Arbeitslosigkeit faktisch, sozusagen in der echten brutalen Realität nicht mehr in der uns bekannten Weise finanzierbar ist. Da geht´s dann richtig an die Existenz. Hat man aber ein System, das allen in solchen Notzeiten eine bezahlbare Grundversorgung sichert, dann kommt man viel besser durch die Krise als Staaten, die so etwas nicht haben. Momentan haben wir die Situation, dass das System der Arbeitslosenversicherung die Grenzen des Machbaren antestet, aber nicht wegen der Hartz IV-Empfänger, sondern wegen der Kurzarbeiterregelung und der Höhe des Arbeitslosengeldes I. Das kann noch schlimmer kommen. Es kann soweit kommen, dass die Kurzarbeiterregelung zurückgenommen werden und Hartz IV für alle eingeführt werden muss – zumindest wenn wir Merkel und Co weiter lustig Steuergeschenke verteilen und Geld drucken lassen. Aber interessant ist doch, dass tiefer als auf Hartz IV niemand fallen kann.

Bitte glaubt nicht, dass ich Hartz IV supertoll finde. Ich bin derzeit selbst aufgrund von Trennung Hartz IV-Empfängerin und durfte schon des öfteren „Kafka“ höchstpersönlich in Gestalt der Jobagentur kennenlernen. Aber andererseits bekomme ich mehr oder weniger (eher weniger) pünktlich mein Geld, zwar nur als Darlehen, aber niemand sonst hätte mir in meiner derzeitigen Situation regelmäßig Geld für Miete und Lebensunterhalt geliehen und mir gleichzeitig noch eine sehr interessante Weiterbildungsmaßnahme angeboten.
Mehrfach stand ich vor dem Problem, dass ich wegen fehlender Unterlagen, die ich nicht schnell genug vorlegen konnte, gar kein Geld mehr in der Tasche hatte. Da habe ich dann die Vorzüge des Lebensmittelgutscheins kennengelernt. Man geht zur Jobagentur, belegt per Kontoauszug, dass man pleite ist, und bekommt im Vorgriff auf die einem regulär zustehende Leistung einen Gutschein in Höhe von 30 Euro (pro Person der Bedarfsgemeinschaft). Davon kann man Lebensmittel und Drogerieartikel einkaufen. Da habe ich erstmal gelernt, wie viel man davon kaufen und wie erstaunlich lange man davon leben kann (wenn es echt sein muss). Ich habe auch die Tatsache schätzen gelernt, dass man den Gutschein nur bis zu einer Höhe von 25 Euro ausnutzen muss, 5 Euro kriegt man also, wenn man will, in bar zurück. Für mich als Raucherin bedeutet das ein Päckchen Tabak und Blättchen. Es kann aber auch ne Pulle Schluck bedeuten für diejenigen, die das brauchen. Das hätte man auch anders regeln und „Volkserziehung“ betreiben können.
Es ist zwar nur ein Detail, aber eines von unzähligen, guten wie schlechten. Sehr schlecht ist zum Beispiel die Geschwindigkeit, mit der Hartz IV-Leistungen gekürzt werden können. Da spricht man den Mechanismus der Behördenwillkür an. Den wird man nie ganz wegkriegen, weil es in jeder Behörde Mitarbeiter gibt, die gern mal verborgene Machtgelüste an unschuldigen Antragstellern auslassen. Andererseits braucht man auch Handlungsspielräume für Einzelfallprüfungen und Fälle von missbräuchlicher Inanspruchnahme der Leistungen, sonst könnte man da statt der Mitarbeiter Computer hinsetzen, und dann wäre die Unmenschlichkeit komplett.

Ich sehe es also so, dass Hartz IV auf das gesellschaftliche Ganze bezogen richtig war und ist, dass aber Nachbesserungen selbstverständlich und auf gar keinen Fall ein „Kampfthema“ innerhalb der SPD sein sollten. Wie hätte nun Schröder die Notwendigkeit einer Existenzsicherung für alle in schwerer Krise kommunizieren sollen? Hätte er sagen sollen: „Leute, das System kracht in Kürze zusammen!“ Hätte er das überhaupt sagen können, hätte er sich das leisten können angesichts eines Systems, in dem Regierungschefs Teil dieses Systems sind, was jeder weiß, worüber jeder schimpft, was man aber in Rechnung stellen muss, wenn man einen aus den eigenen Reihen da oben hinschickt.
Unbotmäßiges Verhalten wird in der eiskalten Höhenluft unserer „politischen Eliten“ gnadenlos bestraft, wie man gerade an Gerhard Schröder bestens ablesen kann.
Fangen wir doch mal bei scheinbaren Banalitäten an. „Der färbt sich die Haare!“ „Und dann lügt er auch noch per einstweiliger Verfügung!“ Hallo! Was ist denn, wenn er nicht gelogen hat? Wir denken mal einen Moment in Ruhe nach und überlegen, wie es kommen könnte, dass jemand trotz Maximalstress und vorgerücktem Alter keine grauen Haare kriegt, obwohl er die nicht färbt. – Richtig. Es gibt eine Erklärung. Aber so genau wollten wir das ja nicht wissen, wir wollen ja letztlich doch, dass er hübsch aussieht auf Wahlplakaten und wir nicht weiter darüber nachdenken müssen, wie er das immer hinbekommt.
Ach ja, und dann wollen wir natürlich auch, dass er glücklich verheiratet ist. Wir finden, das kann man von einem integren Politiker durchaus erwarten. Ein bisschen lustig finden wir es schon, wenn Hillu verbreitet, dass sie ihn kurz vor der entscheidenden Bundestagswahl in die Ehe mit einer „Affäre“ gezwungen hat. Da isser ja irgendwie selber Schuld. Denn Machos müssen auch mal bestraft werden. Andererseits ändern die sich nie, und da schauen wir doch genüsslich zu, wenn der von seinen Ehefrauen mal vorgeführt, mal erpresst wird.
Einerseits finden wir ja, dass erlaubt sein soll, was Spaß macht. Wir möchten die Freiheiten, die wir heute haben, auf keinen Fall mehr missen. Wir lieben auch Fernsehstars, die zu ihren sexuellen Vorlieben stehen und mit ihrem Outing Kohle machen. Da finden wir gar nichts dabei, da sind wir völlig offen und locker. Aber unser Bundeskanzler, der muss Moralmaßstäben aus viktorianischer Zeit standhalten. Ist doch klar, sonst geht die Welt unter. Oder was?
Gleichzeitig wird die Homo-Ehe eingeführt und die Prostitution zu einem steuerpflichtigen, gesellschaftlich anerkannten Beruf gemacht. Das alles ist Doppelmoral par excellence, Leute! Und die Frage ist, ob wir das wirklich brauchen.

Womit wir bei „suboptimalem“ Verhalten während einer gewissen Elefantenrunde in einer gewissen Wahlnacht angekommen wären. Ich sag´s ganz ehrlich: Mich hätten die da in komatösem Zustand reintragen müssen, wenn ich an Schröders Stelle gewesen wäre.
So, er wusste: Jetzt ist es aus. Ich habe gekämpft wie ein Bekloppter, dabei ständig aus den eigenen Reihen Knüppel zwischen die Beine gekriegt, und nun habe ich keine Chance mehr aufzuzeigen, dass das, wofür ich stehe, der richtige Weg ist. Jetzt werden alle über mich herfallen, ich werde zum Gespött der Nation. Mir wird man die Schuld an allem geben, was schief gelaufen ist in den letzten Jahren, ja, man wird es dahin umdichten, dass eigentlich alles schief gelaufen ist. Das kann die SPD nicht überleben. Oskar wird selbstzufrieden die Linke spalten, und Merkel wird das Land an den Rand des Ruins bringen.
Während also unzählige (auch von uns) schadenfroh zusahen, wie jemand quasi öffentlich ans Kreuz genagelt wurde, nahm das Unheil seinen Lauf. Und nun stehen wir vor einem Scherbenhaufen. Aber wie das so ist, manchmal muss etwas zusammenkrachen, manchmal muss man nicht nur in den Abgrund schauen, manchmal muss man da richtig rein, damit es einen Neuanfang geben kann.
Ein Neuanfang kann aus meiner Sicht nun nicht darin bestehen, aus Gerhard Schröder sone Art leuchtende Märtyrergestalt zu machen. Sollte das gerade so rübergekommen sein, dann liegt ein Missverständnis vor. Ich wollte nur auf gewisse Versäumnisse an der Basis hinweisen.
Völlig inakzeptabel finde nämlich auch ich Äußerungen wie „Frauen und Gedöns“ oder „Lehrer sind faule Säcke“. Was ist denn mit „Gedöns“ gemeint? Das können doch eigentlich nur unsere Kinder sein. Unsere Kinder… Gedöns? Wie bitte?
Unsere Kinder sind das Wertvollste, das wir haben! Ich war selbst 25 Jahre lang hauptsächlich Mutter und Hausfrau, und zwar weil es mir wichtig war. Und ich weiß, dass es den allermeisten von uns sehr wichtig ist, wie es unseren Kindern geht. Deshalb sollten gerade wir in der SPD uns fragen, wie Kitas und Krippen beschaffen sein müssten, bevor wir der Bevölkerung guten Gewissens anraten, einen Teil des elterlichen Erziehungsauftrags aus dem eigenen Heim auszulagern. Denn wenn wir nicht aufpassen, haben wir am Ende so etwas wie das „Abschieben von Gedöns“ in die staatliche Aufsichtspflicht. Das kann auch Gerhard Schröder nicht wollen. Und es wäre schön, von ihm mal ein paar konstruktive Vorschläge zur Verbesserung der Betreuungssituation zu hören, und zwar welche, die über Gruppengrößen, Hygienevorschriften und Finanzlastenverteilung hinausgehen.
Zu den faulen Säcken kann ich nur sagen, dass man nur, weil man selber kein fauler Sack ist, sondern im Gegenteil unter Arbeitswut leidet, noch lange nicht berechtigt ist, einen ganzen Berufsstand zu beleidigen. Klar, es sind nicht alle Lehrer fleißig. Es sind sowieso nicht alle Menschen gleich. Aber auch nicht jeder scheinbar faule Lehrer ist tatsächlich faul. Es ist bloß so, dass viele unter den gegenwärtigen Bedingungen einfach keinerlei Freude mehr an ihrem Beruf haben.
Sie sollen aus den Schülern eine Leistung für unsere Leistungsgesellschaft herauskitzeln, die die Schüler gerade aufgrund der soziologischen Bedingungen dieser Leistungsgesellschaft nicht zu erbringen in der Lage sind. Wenn das nicht funktioniert, dann sind die Schuldigen schnell gefunden: die Lehrer, die selber nicht genug Leistung gebracht haben. – Die wiederum schieben das Problem dann gern auf die Eltern, die freuen sich, wenn Gerhard Schröder son Quatsch von faulen Säcken von sich gibt, und so weiter, es ist eine Kette ohne Ende.
Da fände ich es nun auch schön und mehr als angebracht, wenn er mal von allgemeinen Redensarten wegkommen und Butter bei die Fische packen und sagen würde, wie denn seiner Ansicht nach die Probleme an den Schulen gelöst werden könnten.
Ich denke, es war ein echter Fehler, einen solchen Spruch in die Welt zu setzen. Andererseits ist es gerade der Umgang mit Fehlern, mit scheinbaren und mit echten, der die größten Chancen bietet. Wir können Fehler nämlich auch als etwas Weiterführendes ansehen, indem wir die Fehler, die einzelne von uns machen, in ihren Folgen gemeinsam tragen und dann auch gemeinsam nach Lösungen suchen, wie aus diesen Fehlern etwas umso Besseres entstehen kann – etwa in dem Sinne: Da hat noch was gefehlt!
Um ganz ehrlich zu sein – und weil hier sonst noch was fehlen würde – habe ich herzlich gelacht, als ich den Spruch zum ersten Mal gehört habe, und gedacht: „Endlich sagt es mal einer!“

Weil wir hier ja auch ein bisschen Spaß haben wollen, kommt nun noch ein offener Brief von mir an Barack Obama:

Dear Mr. President,

some years ago I wrote a book for children titled "Die kleinste Schule der Welt". I wrote this book for to help my party, the German Social Democratic Party, because I thought it would become very difficult to win the next election after saying "NO" to the war in Irak. So I started writing in summer 2003. My opinion was that we needed some new ideas, a picture about how life could become better because of these ideas. I thought politics is for life, so look at life how we can make it if we try.
The book is also about Chancellor Schröder. I made four characters out of him: an eight years old boy by the name of Will Washington, a Minister of Education by the name of Erwin Ehrenpreis, a teacher off duty who runs a boat hire and a kiosk by the name of Nobbi Nolte and a working man by the name of Alfred Lupe. Also our former Secretary of State has a small part in this book as a little boy by the name of Baby Josi.

Further I wanted to talk about the situation of asylants in our country and about the problems they have. I wanted to catch a little more sympathy for these people. So Will Washington had to be the son of an asylant from Togo.

And because I thought there must be some change in America if we ever want to stop wars like the one in Irak little Will Washington has no other wish than to become President of the United States when grown up.
In summer 2003 I couldn´t imagine that the change would come to America only six years later. I had never heard anything about Barack Obama, Senator of Illinois. But now I think it is very funny that I wrote a book about you in some way without knowing anything about you.

If you like take a look above and tell me if I am right with my description of Will Washington, if it also fits for you.

By the way the ideas in my book are still not bad. They are free for everyones need and I think it is never too early for starting the next election campaign.

I wish you good luck and a Happy New Year!

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Leser-Kommentare
    • 07.01.2010 um 22.53 Uhr
    • hardob
    1. Die gute alte SPD!

    ich habe Ihren Artikel gelesen. Da steht ja nun viel drin. Und froh bin ich über den Enthusiasmus und Ihre Idee für ein Projekt. Aber musste denn der Artikel so lang werden? Eine Aufteilung in zwei Artikel wäre auch nicht schlecht gewesen. So als Vorschlag:

    a) Abrechnung und Beichte

    b) Vision und Zukunft

    Dann würde ich mir etwas leichter tun mit dem Lesen und Verstehen.

  1. 2. Schröder , der alte Schwerenöter..

    Hätte er sagen sollen: „Leute, das System kracht in Kürze zusammen!“ Und: Ich geh scon mal zu Gasprom, oder wie die heissen..hi hi hi

  2. 3. schon mal zu..

    sorry, Putin!

  3. 4. Unverbesserlich!

    Wie Müntefering, nur wortreicher.
    Nachträgliche Selbstrechtfertigung! Den Makel, die Agenda 2010 propagiert zu haben, kann man nie wieder abwischen.

    • 07.01.2010 um 23.41 Uhr
    • redcat
    5. Eine

    prominente HartzIV-Empfängerin sagt einmal im Interview über ihr Verhältnis zur SPD:"Das müssen die Historiker beurteilen."
    ;))))

  4. 6. Ah ja

    "Die" kenne ich:-)))

    • 10.01.2010 um 02.17 Uhr
    • Moin.
    7. Siehe dazu

    Kommentar 1 von @declareinit auf den Artikel von @Kasperklatsche "Bundesagentur:Selbst leitender Angestellter für Grundeinkommen"

    Leitende Angestellte und Beamte, die ihre Schäfchen im Trockenen haben, machen sich Gedanken über die "Zukunft" der anderen...

  5. 8. Passt!

    Danke für die Querverbindung,Moin.;)

  6. 10. Der Typ aus Berlin

    Werter declareinit,
    dieser Typ aus Berlin, der meinte, mit seiner Behörde getestet zu haben, dass man sich von der Hälfte des Hartz IV Geldes ausgewogen ernähren könnte und der das nur vier Wochen getestet hat, der bringt mich genauso auf die Palme wie Sie.
    Man kann auch mit dem vollen Hartz IV-Satz auf Dauer nur unter größtem kreativem Einsatz ein einigermaßen normales Leben führen und gleichzeitig noch irgendwie am gesellschaftlichen Leben teilnehmen oder seine Kinder teilnehmen lassen (von gesunder Ernährung ganz zu schweigen).
    Sie haben - Entschuldigung - mein Zitat ein wenig aus dem Zusammenhang gerissen.
    Und wahrscheinlich sind Sie weder Raucher noch Alkoholiker - denn sonst könnten Sie verstehen, warum selbst solche Feinheiten wie die von mir beschriebene von großer Bedeutung sein können.

    Es ist aber auch notwendig, sich klarzumachen, was man hat, bevor man es quasi "in die Tonne tritt". Es gibt viele Länder, in denen träumen die Leute von sowas wie Hartz IV, und der Begriff Lebensmittelgutschein ist ein Fremdwort. Das sind zum Beispiel die Schwellenländer.
    Wenn nun bei uns immer weiter Produktionen ausgelagert werden, das heißt, die Produktivität immer weiter absinkt, laufen wir Gefahr, in eine ähnliche Situation wie diese Länder zu geraten. Nichts ist heutzutage mehr sicher. Die Arbeitnehmerrechte nicht, die Krankenversicherung nicht, und Hartz IV auch nicht.
    Vielleicht lesen Sie mal meinen Artikel zu dieser Gesamtproblematik unter
    http://community.zeit.de/...
    oder auch
    http://community.zeit.de/...
    Würde mich freuen, wieder von Ihnen zu hören!

    • 08.02.2010 um 22.19 Uhr
    • GEBE
    11. @ (10) Ameli_Zieseniß

    Welche Erfahrung haben SIE denn damit von 359,- Euro monatlich zu leben?

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