Leserartikel-Blog

Das Merkel- und BILD-Desaster

Zu betrachten ist nach dem Rücktritt Guttenbergs von allen seinen politischen Ämtern unter anderem auch, wie er, seine „Parteifamilie“ (Seehofer) und BILD mit ihrer gemeinsam inszenierten Verteidigungslinie gescheitert sind.

1.
Zu Guttenberg hat seine Dissertation nicht regelkonform erarbeitet und geschrieben. Selbstverständlich ist sich zu Guttenberg klar darüber, wie seine Dissertation entstanden ist. Ihre Entstehung liegt schliesslich nicht in seiner biografisch gesehen „grauen“ Vorzeit, sondern bloss zwei Jahre zurück. Wenn jemand 2009 im Alter von 37 Jahren eine Doktorarbeit zum Druck freigibt, kann er 2011, im Alter von 39 Jahren, nicht auf Gedächtnislücken oder auf „Jugendsünde“ oder sonst eine für ihn angeblich nicht mehr genau eruierbare Fehlerhaftigkeit in seiner Arbeit verweisen.
Trotzdem:
Innerhalb weniger Tage inszenierte Guttenberg nichts weiteres als seine „Fehlerhaftigkeit“. Der Begriff „Fehler“ wurde zum Schlüsselbegriff aller seiner Einlassungen zu den immer konkreter erkennbaren Plagiaten in seiner Dissertation. Erst waren es Fehler bei einigen „Fußnoten“, dann wurden die Fehler grösser, schliesslich „massiv“, aber es blieben „Fehler“. Diese Fehler entschuldigte Guttenberg unter anderem auch im Deutschen Bundestag. Wohlverstanden: Er „entschuldigte“ sich, er bat nicht etwa um Entschuldigung.
Mit dem Begriff „Fehler“ wollte Guttenberg den Begriff „Absicht“, aber auch Begriffe wie „Diebstahl geistigen Eigentums“ oder „Betrug“ aus der Diskussion um sein Plagiatsverhalten heraushalten. Er selber hat sich bis in den Wortlaut seiner Rücktrittserklärung an den Begriff „Fehler“ festgebunden. Gerade deswegen aber musste er wohl schliesslich zurücktreten. Die Plagiate stellten sich als viel zu zahlreich dar, von Zufall, von „erklärbaren Fehlern“ ohne Absicht kann inzwischen nicht mehr die Rede sein.

2.
Kaum war der Plagiatsvorwurf bekannt geworden, bildete die „politische Familie“ Guttenbergs eine Wagenburg um den „populärsten“ Minister. Ziel war deutlich erkennbar das kurzfristige „Überleben“ Guttenbergs im Bundeskabinett. „Kurzfristig“ bedeutete für die Bundes-CDU: Bis nach dem Landtagswahlen in Baden-Württemberg. Für die CSU allerdings galt etwas ganz anderes: Guttenberg sollte, als Nachfolger für alles und jedes und als scheinbarer Garant für die Wiedereroberung der absoluten Mehrheit in Bayern, unter allen Umständen erhalten bleiben.
Was tun?
Zuerst legte man sich nach altbekannten Mustern mit der Opposition an: Sie hetze gegen einen grossartigen Politiker, was Ausdruck eines gewaltigen Neidkomplexes sei.
Als sich zeigte, dass der Plagiatsvorwurf nicht nur berechtigt, seine Richtigkeit vielmehr objektiviert unübersehbar geworden war, erklärte die Bundeskanzlerin, sie habe nicht einen „wissenschaftlichen Assistenten“, sondern einen Verteidigungsminister berufen. In der Rolle als Verteidigungsminister leiste er exzellente Arbeit, weshalb er im Amt bleibe. Natürlich benutzte Frau Merkel den Begriff „Rolle“ nicht. Er drängte sich vielmehr im Kontext dessen, was aus der Wagenburgkonstruktion an Verteidigungssemantik nach aussen drang, für sehr viele Menschen in Deutschland von sich aus auf:
-Dort der Plagiator. Nicht weiter schlimm, eine „Sünde“, ein „Fehler“, und da wir alle ja sündigen und fehlen, könne doch niemand einen Stein werfen!
-Hier aber der grossartig handelnde Minister, dessen Popularität schliesslich nichts mit seiner Vergangenheit, sondern mit seiner Präsenz in der deutschen und internationalen Öffentlichkeit zu tun habe.
Kurz:
Die Persönlichkeit Guttenbergs wurde schlicht gespalten.

3.
Einen ergänzenden Guttenberg-Verteidigungsbeitrag startete BILD.
Der Grund für diese Kampagne ist erklärbar:
Die Springer-Zeitung machte Guttenberg sozusagen zu einem Produkt einer bis vor zwei Wochen sehr erfolgreichen Marketingstrategie:
BILD produzierte seit bald zwei Jahren regelmässig in ihrem Selbstverständnis die Popularität Guttenbergs. Der Minister war so etwas wie einer ihrer hauptsächlichen Aushängeschilder geworden. Dabei ging es nicht etwa um politische Inhalte, die der Minister gestaltet. Es ging um die Person, um die „Aura“, um seine Ehefrau, es ging um eine quasi demokratisch hergestellte, nämlich „gewählte“ Lichtgestalt. Anstelle von Nachrichten wurden Bilder erzeugt: Der smarte Gesellschaftslöwe, der Popkult-Geniesser, der mutige Minister im Kriegseinsatz, die schöne Ehefrau im Einsatz gegen Kinderschänder und so weiter. Guttenberg wurde zum BILD-Model des vorwärtsdrängenden tüchtigen, dabei auch noch ansehnlichen und glücklich verheirateten „guten“ Deutschen. In ihm sollte sich „die Jugend“ . welche sich BILD offenbar wünscht, erkennen. Ihn sollten die Alten „geniessen“, weil er die böse Welt wie ein Drachentöter in ihre Schranken zu verweisen versteht. Die nicht nur von BILD vielzitierten „Soldaten“ durften zunehmend als Komparsen auftreten, was zu einer gewissen „Militarisierung“ der Betrachtungsweise darüber, was ein „normaler“ junger Mann sei, geführt hat. Das Militärische begann die BILD-Bilderflut über Guttenberg zunehmend zu beherrschen. In Phantasieuniformen gekleidet sprang der Minister irgendwo in Afghanistan aus einem Hubschrauber, sass bei Bier und ganz „normal“ bei „seinen Soldaten“ und stellte dadurch eine Wertehierarchie her, welche wohl irgendwann darin gipfeln würde, dass nur Soldaten gute deutsche Jungs seien. Der Wilhelminismus, beispielsweise Heinrich Manns „der Untertan“ und der Kommisstaat lassen grüssen!
(Nur nebenbei bemerkt: Tausende junge Deutsche beiderlei Geschlechts arbeiten für Hilfsorganisationen in aller Welt, zehntausende arbeiten während ihres Zivildienstes in der Altenpflege, in Kitas, ohne dass BILD sie auch nur eines Satzes würdig erachtet).

Und nun dieser „Fauxpas“, Plagiat genannt.
Von einem Tag auf den andern drohte das Model Guttenberg nutzlos zu werden. Nutzlos im Sinn der verlegerischen Zukunftsvorsorge, was die Rendite des Verlagsrenditegaranten BILD betrifft. Aber auch im Sinn der politischen Absichten des Verlagshauses – unklare, aber seit Jahren zu beobachtende Neigungen, die Welt aus der Perspektive kleinbürgerlicher Reinheitsvorstellungen gegenüber „den anderen“, den Fremden, den Minderheiten jeglicher Couleur zu be- und verurteilen. BILD propagiert dagegen gerne die „Normalität“ – nicht ohne täglich das „Unnormale“ breit ausgewalzt zu übertreiben.

Den drohenden Model-Verlust konterte Bild mit einer Kampagne, von der die BILD-Leute wohl annahmen, sie würde zum Erfolg und allenfalls noch zur weiteren Popularisierung ihres Produktes führen.
Nun: Bild hat sich bezüglich Guttenberg vertan.
Die „politische Familie“ ist –unter anderem wohl auch wegen der BILD-Rettungskampagne – blamiert.
Guttenberg musste zurücktreten.

Der Rücktritt wurde unumgänglich, weil die Verteidigungslinie von den Verteidigern Guttenbergs völlig fasch angelegt worden ist:

- BILD, CDU/CSU und einige sonstige „Meinungsmacher“ im Feld der Guttenbergbewunderer haben übersehen, dass Millionen Menschen inzwischen Informationsmöglichkeiten zur Verfügung haben und benutzen, welche nicht ohne weiteres manipuliert werden können. Die Dynamik der Socialbookbenutzer ist nicht nur – zur Zeit beispielhaft – in Nordafrika und im arabischen Raum eine relevante Grösse, sondern eben auch in Deutschland.

- Merkels Spaltung der Person Guttenbergs in einen „exzellenten Minister“ und jemanden, den sie als wissenschaftlichen Mitarbeiter nicht anstellen würde, trieb Hunderttausende ernsthaft arbeitender Wissenschaftler, Akademiker, Lehrer usw. auf die Barrikaden. Zu Recht, denn ohne die Arbeit dieser „Minderheit“ wäre Deutschland als Ort gesellschaftlicher Prozesse, als Ort eines gewissen Wohlstandes, ja als Ort eines sinnvollen Lebens unvorstellbar.

- Zwar ist Lüge im Leben einer Gesellschaft, also auch im politischen Alltag – abgesehen vom wirtschaftlichen, individuellen oder familiären – allgegenwärtig. Wenn eine Lüge als solche erkannt wird, verliert sie allerdings sehr oft ihre beabsichtigte Wirkung. Der Versuch, Betrug, Fälschung, Lüge als „lässliche Sünde“ hinzustellen, misslingt dann, wenn dadurch erreicht werden soll, sie zu leugnen. Konkret: Guttenberg hatte die Möglichkeit, sofort zurückzutreten, als die Plagiatsnachweise klar zu Tage getreten waren. Er wollte durch eine Lüge – nämlich, nicht mit Absicht Texte abgekupfert zu haben – den Schein des Zufälligen wahren, dem er wegen Überlastung ausgesetzt gewesen sei. So ist die Situation einer Lügenfortsetzungsgeschichte entstanden. Anstatt rechtzeitig zurückzutreten und damit die Absicht der Fälschung zuzugeben, wählte Guttenberg eine Verteidigungsmethode, welche nicht durchzuhalten war, und zwar aus schlicht objektiven Gründen. Das Verwenden von Fremdtexten, die man als eigene ausgibt, geschieht nun al nicht ohne Absicht.

Blamiert ist durch diese Affäre vor allem das sogenannt „Bürgerliche“, welches sich CDU/CSU und BILD als ihre Wertvorstellungen auf die Propagandafahnen geheftet haben. Diese Blamage haben sie sich ganz alleine geschaffen.
Zusätzlich möchte ich ¨festhalten, dass BILD zwar die „grösste“ Tageszeitung in Deutschland ist. Diese Auflagegrösse aber findet ihre Einflussbeschränkung auch und gerade in der Semantik: Auch BILD kann eine Lüge nicht ungeschehen machen. Auch Guttenberg und seine „Parteifamilie“ samt ihrer angeblichen „Popularität“ können den Diskurs über Werte, welche quasi im Notfall innerhalb einer Gesellschaft unter allen Umständen verteidigt werden sollten, nicht stoppen.