Leserartikel-Blog

Blödsinn? Über Guttenbergs Verteidigungs-Performance

Erst sagte er, der Plagiatsvorwurf sein „Unsinn“. Eine Woche später erklärte er, dass in seiner Dissertation viel „Blödsinn“ stehe. Dass Guttenberg für „Blödsinn“ die Auszeichnung „summa cum laude“ erhalten hat, wirft damit auf alle Beteiligten an seinem Promotionsverfahren an der Universität Bayreuth ein ziemlich diffuses Licht – nicht von aussen, sondern verursacht durch die Hauptperson des Verfahrens, nämlich Guttenberg selber.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist klar, dass Guttenberg eine Dissertation eingereicht hat, in der in weiten Teilen die akademischen Regeln verletzt worden sind. „Weite Teile“ heisst im konkreten Fall nachgewiesenermassen, dass es nicht Kleinigkeiten sind, die dem Doktoranden als „Fehler“ unterlaufen und deshalb entschuldbar sind, sondern dass absichtsvoll Textteile seiner Arbeit nicht von ihm stammen, er aber die Fremdtexte nicht als solche gekennzeichnet hat. Das heisst: In der Diskussion geht es nicht um eine Belanglosigkeit, sondern darum, dass Guttenberg bewusst Fremdtexte als eigene ausgegeben hat. So etwas kann man zum Beispiel Fälschung nennen. Oder man nennt es, bezogen auf die Vorgabe, Verfasser eines grossen Textes zu sein, der man aber nicht ist, Betrug. Dass diese betrügerische Vorgabe, Verfasser einer eigenständig geschriebenen Dissertation zu sein, aufgeflogen ist, ist nach den Informationen darüber einem Zufall zu verdanken. Anderseits befindet sich ein Betrüger immer im Zustand eines Risikos, dass seine Betrügereien bekannt werden können. Werden Betrügereien bekannt, kommt es im Rechtsstaat normalerweise zu einem strafrechtlichen Verfahren. Ob der Betrüger danach bestraft wird, ob er zum Beispiel einen Titel nicht mehr führen darf, ob er den Schaden, den seine Betrügerei angerichtet hat, wieder gutmachen muss usw., ist Angelegenheit gerichtlicher Verfahren. Herr des Verfahrens im Rechtsstaat ist nicht der Betrüger, sondern das Strafrecht, also ein Prozess (mit Anklage und Verteidigung).

Nachdem seine Plagiate aufgedeckt worden sind, verhält sich Guttenberg so, als ob er Herr des Verfahrens sei. Er „verzichtet“ auf seinen Doktortitel, „bittet“ die Universität Bayreuth, ihm den Titel abzusprechen. Er „entschuldigt“ sich. Öffentlich erklärt Guttenberg, er habe „gravierende Fehler“ begangen und viel „Blödsinn“ verfasst.
Damit, meinen er und seine PR-Berater, sei die Sache vom Tisch.

Zu betrachten ist die Verteidigungs—Performance eines Mannes, der weiss, dass er unzählige Textstellen ohne Angabe, wer sie verfasst, wo sie erschienen sind, wie er sie gefunden hat, in seine Dissertation eingebaut hatte, um sie als eigene Textleistung auszugeben. Um die Herkunft der Fremdtextstellen zu verschleiern, hat Guttenberg das eine oder andere Wort aus den Originaltexten nicht übernommen oder das eine oder andere Wort hinzugefügt. Eine Schlaumeierei, die allerdings auch darauf hinweist, dass er sich klar darüber war, als Plagiator unterwegs zu sein. Gerade diese kleinen Veränderungen an den übernommenen Texten zeigen, dass Guttenberg durchaus absichtsvoll vorgegangen ist.

Was kann ein Plagiator in einer solchen Situation unternehmen, um weiteren Schaden für seine Karriere zu verhindern?

Der Verteidigungsminister und seine PR-Berater haben sich ersichtlich auf eine Art „Vorwärtsstrategie“ eingelassen: Der Mann gibt zu „Fehler“ begangen zu haben. Er erklärt, viel Blödsinn verfasst zu haben.

1.
Was den Begriff „Fehler“ betrifft: Semantisch interessant ist nicht sosehr der Begriff an sich als vielmehr die beabsichtigten Folgen, die seine Verwendung im Verteidigungsdispositiv Guttenbergs bewirken soll:
Jeder macht doch Fehler. Jeder lügt sich doch mal irgend etwas schön. Jeder hat in seiner Vita dunkle Flecken. Jedem kann passieren, dass er mal „fehlt“. Fehler machen ist menschlich. Und: Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein.
Prompt treten nun Seehofer, Merkel, Kauder, Friedrich und wie sie alle heissen auf und erklären, Guttenberg habe seine Fehler bekannt und damit sei die Sache doch erledigt. Es menschelt halt überall, auch in der Politik, wird augenzwinkernd versichert. Und, wird nachgeschoben, das Plagiat einer Doktorarbeit habe nichts zu tun mit der „ausgezeichneten“ Arbeit Guttenbergs als Verteidigungsminister. Als nächster Schritt folgt dann die Beschimpfung der Kritiker, welche Guttenbergs Rücktritt vom Amt des Verteidigungsministers fordern. Neid sei im Spiel. Vorverurteilung, Hetze.
Dass sich Guttenberg selber „verurteilt“ hat, indem er seinen Doktortitel „zurückgibt“, bemerken seine Verteidiger wohl nicht. Indem Guttenberg aber diesem seinem Doktortitel quasi abschwört, fällt er natürlich über das Zustandekommen seiner Doktorarbeit ein Urteil:
Er bestätigt die Plagiatsvorwürfe.
Er bestätigt sie aber nur insofern, als er zugibt, „gravierende Fehler“ gemacht zu haben. Verschleiern möchte er, dass solch „gravierende Fehler“ nur mit Absicht, also im klaren Bewusstsein, dass es sich um Verletzungen der akademischen Regeln handelt, „passieren“ konnten.
Diese zu beobachtende Verteidigungs-Performance Guttenbergs soll ihm politisches Amt erhalten. Einen anderen Sinn macht sie nicht.

2.
Was den Begriff „Blödsinn“, den er verfasst habe, angeht, unterstellt Guttenberg damit schlicht, dass die zahlreichen Texte, die er abgekupfert hat, „Blödsinn“ enthalten. Eigentlich will er mit dem Begriff „Blödsinn“ seine Dissertation als unnütz, als dummen Jungenstreich, als blöde Fleissarbeit ohne Sinn hinstellen. Er, sagt dieser Begriff unter anderem auch aus, habe es doch eigentlich gar nicht nötig, seinem Namen einen Dr. voranzustellen. Er verzichte darauf, und damit sei der Blödsinn aus der Welt gebracht.
Nun hat dieser Blödsinn aber wohl doch mehrere Prozessbeteiligte: Da ist einmal sein Doktorvater, der den Blödsinn ja wohl mitgemacht und ihn erst noch mit der höchsten akademischen Auszeichnung benotet hat. Da sind die Professoren, welche aus Regelgründen an der Promotion Guttenbergs beteiligt gewesen sind. Da sind alle jene Textverfasser, bei denen Guttenberg abgeschrieben respektive per Mausklick abkopiert hat. Da sind Mitarbeiter des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages und so weiter. Sie alle haben „Blödsinn“ geliefert, von Guttenberg verlangt oder auch nicht. Er, Guttenberg, verkündet als Urteil, dass in seinem gesamten Promotionsprozess nebst „Fehlern“ auch viel „Blödsinn“ eine Rolle gespielt hat.

Auch mit dem Begriff „Blödsinn“ im Rücken treten nun seine Verteidiger aus CDU und CSU an, den Kritikern des Verteidigungsministers Kleinlichkeit vorzuwerfen. Sie erklären, das massive Plagiatieren Guttenbergs in seiner Dissertation habe überhaupt keine Bedeutung für die Amtsführung des Ministers. Was sie dabei geflissentlich übersehen, ist der Umgang, den Guttenberg in seiner Verteidigungs-Performance mit Leuten, die mit ihm beruflich (an der Universität als Lehrer beispielsweise) zu tun haben, umgeht:
In einer Haltung, die mit dem Adjektiv „arrogant“ ziemlich präzise umschrieben wird, übergibt der Plagiator den Ruf von Professoren, den Ruf einer Universität, den Ruf zahlreicher Publizistinnen und Publizisten der öffentlichen Lächerlichkeit. Unterstützt wird er dabei von der Bundeskanzlerin, die nichts dabei findet, wenn Wissenschaftler, Publizisten, Journalisten von ihrem Verteidigungsminister in die Kategorie „Blödsinn machen“ bugsiert wird, weil sie schliesslich keinen „wissenschaftlichen Assistenten“, sondern einen Verteidigungsminister „berufen“ habe. Und als Verteidigungsminister leiste er vorzügliche Arbeit.
Mit anderen Worten: Vorzügliche Arbeit als Verteidigungsminister kann man auch machen, wenn man auf dem Weg in dieses Amt einen akademischen Titel erschwindelt hat. Ein Verteidigungsminister, so lässt sich aus Merkels Qualitätsvorgabe schliessen, darf in seiner privaten Welt lügen, betrügen, auch indirekt üble Unterstellungen an die Adresse universitärer Gremien in die Welt setzen, denn das hat nichts mit seiner Amtsführung zu tun.

Guttenbergs Persönlichkeit wird durch seine Verteidigungs-Performance in aller Öffentlichkeit gespalten. Einmal die – gerade mal 2 Jahre zurückliegende – „Jugendsündenzeit“ des Shootingstars, anderseits seine durchaus als absolutistische Endgültigkeit feststehende „Reife“ als Verteidigungsminister.