Leserartikel-Blog

Die "Schuld" der sogenannten "Verbraucher"

"Schuld" und "Verbraucher" - nun, es musste im Zusammenhang mit dem Dioxinskandal, verursacht von deutschen Fettproduzenten, welche deutschen Tierfutterproduzenten Fettanteile an deren Produkten liefern, über kurz oder lang in der Medienöffentlichkeit zum Zusammenzug dieser beiden Begriffe kommen!

Längst gewohnheitsmässig proklamieren zahlreiche Medienveröffentlichungen jedes Mal, wenn ein Nahrungsmittelskandal auffliegt, "die" Verbraucher zu Schuldigen, weil wegen deren Gewöhnung an billige Nahrungsmittelpreise Kosteneinsparungen bei der Produktion von Nahrungsmitteln erzwungen würden. Folglich, so die publizierte Logik manch eines Medienschaffenden hier zu Lande, müsse man sich nicht wundern, wenn bei der Nahrungsmittelherstellung gepfuscht und beschissen werde. Schliesslich müsse der Billigpreis des Endpodukts irgendwo in der Produktionskette generiert werden.

1.
Im konreten Fall ist es aber völlig anders gelaufen. Zwei Lieferanten von Fett für Tiernahrungsproduzenten haben mit Absicht dioxinverseuchte Fette aus Maschinenfettabfällen als Tierfettabfälle deklariert und verkauft. Vielleicht - aber das ist bislang nicht erkennbar nachgewiesen worden - zu etwas günstigeren Konditionen als Konkurrenten, welche wirkliche Tierfettabfälle verkaufen.
Ob sich wegen dieser Fettanteillieferung zur Tiernahrung am Endpreis der Tierprodukte - also bei den Eier- oder Fleischpreisen - irgend etwas Unterschiedliches erkennen oder nachweisen lässt, ist offensichtlich nicht möglich. Der Endpreis der Nahrungsmittel dürfte kaum vom Fettanteil in Tiernahrung abhängig sein, denn dazu ist dieser Anteil viel zu gering. Man bewegt sich diesbezüglich in der Kostenrechnung wohl im 0,0ungrad-Prozentbereich. Und zwar deshalb, weil es durch die Tierschlachtung in Deutschland sicherlich genügend Tierfettabfälle gibt, welche als Fettanteil für den Tiernahrungsmarkt verarbeitet werden können. In der ganzen Skandalkette namens dioxinverseuchter Fettanteile in der Tiernahrung geht es viel eher um eine Gewinnerzeugung ausserhalb der Legalität, genauer: Um eine an sich, berücksichtigt man die Gesetze, gar nicht gegebene Renditeerezugung. Maschinenfettabfälle müssen entsorgt werden. Tierfettabfälle ebenfalls. Während man mit Tierfettabfällen Tiernahrung anreichern kann, sich also diesbezüglich ein kleines Geschäft zwischen Schlachtereien, Abfallverwertern und Tiernahrungsherstellern ergeben kann, erzeugen Maschinenfettabfälle vermutlich kein Geschäft. Sie müssten einfach entsorgt werden, und zwar in irgend einer Form kostenpflichtig für Abfallverursacher schadstoffhemmend verbrannt oder aufgelöst. Die Abfallentsorger werden dafür von den Abfallproduzenten bezahlt. Dass sich Abfallentsorger einen an sich nicht gegebenen Zusatzgewinn aus ihrer bereits bezahlten Entsogung mit Maschinenfettabfällen ausgedacht haben, indem sie Maschinenfettabfälle als Tierfettabfälle weiterverkaufen ansttat diese zu entsorgen, ist schlichterdings gesetzeswirdig, das heisst: Hier geht es ausschliesslich um kriminelle Machenschaften. Mit dem Preis an der Ladenkasse hat dieser Vorgang aber rein gar nichts zu tun, denn die Maschinenfettabfallkriminalität wird ja als Tierfettabfallverwertung deklariert betrieben. Das heisst, die Tierfutterhersteller werden im Glauben gelassen, Tierfettabfälle einzukaufen. Sie bezahlen nicht, meinetwegen augenzwinkernd, Tierfettabfallpreise für an sich gar nicht verkaufbare, allerdings bereits als Entsorgungsprodukte bezahlte Maschinenfettabfälle. Vielmehr werden sie durch die Fettabfallverkäufer (und unter anderem sowohl als Maschinenfettabfallbeseitiger als auch als Tierfettabfall-Aufbereiter firmierte Geschäftspartner) mit falsch deklarierter Ware betrogen.

Den einzigen Reibach in diesem Kriminalstück machen die Betrüger.
Mit Verbrauchern und deren angeblichen "Billigsüchten" hat das einfach nichts zu tun.

2.
Warum ist ein solcher Betrug überhaupt möglich?

Möglich ist diese fortegsetzte kriminelle Aktivität einiger Fettabfallentsorger deshalb, weil die staatliche Kontrolle nicht funktioniert. Der Einfachheit halber haben die Verbraucher- und Landwirtschaftsministerien des Bundes und der Bundesländer die Kontrolle ausgelagert. Die Fettlieferanten und die Tiernahrungshersteller sollen sich selber kontrollieren. Die Ergebnisse dieser Kontrollen werden in den Ministerien offenbar bloss archiviert, nicht nachgeprüft, nicht einmal stichprobenweise. Es herrscht diesbezüglich vor allem in den Ministerien und deren Behröden eher kumpelhaftes Vertrauen als Aufsichtsabsicht gegenüber den zu kontrollierenden Betrieben.
Im Hintergrund solcher Kumpanei steht die jahrzehntelange symbiotische Verbindung des Staates als Landwirtschaftssubventionsgeber und den Automatismen, mit denen die Land- und Nahrungsmittelwirtschaftslobby den aus rieisigen Steuergeldanteilen bestehenden Geldsegen über ihr Tun mitbestimmen. Handfeste Kontrollen stören in dieser Verflechtung. Also stehen sie bloss auf dem Papier.

3.
Kontrolle kostet Geld. Subventionen kosten auch Geld. Im Interesse der Gerechtigkeit (alle Bürger sind vor dem Gesetze gleich) müsste mindestens die parlamentarische Kontrolle des Subventionssegens über Landwirstchaft und Nahrungsmittelindustrie endlich kostennutzenorientiert aufgebaut werden und nicht -wie heute immer noch üblich - nach Lobbyideologie oder Betriebsgrösse.
Als zweites Standbein der Kontrolle muss der Staat selber kontrollieren, was er subventioniert. Es braucht eine handungsfähige betriefsfremde Kontrollinstanz, die in der Lage ist, vor Ort Kontrollen, das heisst Messungen, Analysen usw. vorzunehmen. Die Betonung liegt dabei auf "betriebsfremd". Nur so kann gewährleistet werden, dass Betrug, dass Inkaufnahme von schleichender Vergiftung von Verbauchern allein aus dem Grund, illegal zu Gewinnen zu kommen, rechtzeitig aufgedeckt werden kann.

Die Kontrollkosten lassen sich im übrigen bestens aus den bereits bestehenden und jährlich durch den Etat finanzierten Haushalten der zuständigen Ministerien bezahlen. Man kann dort einfach weniger ungeprüfte Subventionsgelder in Kanäle leiten, welche sich oft genug als Betrugs - oder als Klientelfinanzinstitute erwiesen haben und erweisen.

4.
Fazit: Mit Verbrauchern und deren "Verhalten" hat der Dioxinskandal nichts zu tun. Mit Klientelwirtschaft und unausgegorener Ideologie über angeblich dringend notwendige Deregulierung der "Märkte" aber sehr viel.