Leserartikel-Blog

Stammtisch-Integration

Der deutsche Stammtisch hat wieder einmal einen Vorsitzenden erhalten. Dieses Mal einen, der sich Sozialdemokrat nennt und so tut, als spreche er aus, was "das Volk" denke.
Natürlich ist er diesem "Volk" weit voraus, denn er ist in der Lage, ein Buch zu schreiben, über dessen Inhalt vor seiner Erscheinung im Buchhandel derart öffentlich gestritten wird, dass der Verkaufserfolg nicht ausbleiben dürfte.

Die Stammtischleute, an die er sich offensichtlich wendet, beziehen ihre Informationen zwar meistens nicht aus Büchern, sondern eben am Stammtisch, allenfalls vom Fernseher, wenn es hoch kommt noch von BILD und damit vergleichbaren Publikationen. Informationen, welche in RTL-Formate gekleidet daherkommen: Das Wüste und das Leidende der Soap-Welt, welche dank ihrer Präsenz tagsüber als eigentliche "Realität" für viele Stammtischbrüder erscheint. Am Stammtisch lässt sich dann darüber lautstark und apodiktisch aufgeladen der angesammelte Dampf dieses "Wissens" abladen. Kommt einer mit dem selbsternannten Sachwissensnachweis daher, von "Ausländern", von "Islamisten", überhaupt vom Fremden was zu verstehen nämlich - denn schliesslich sei er Politiker gewesen und nun Bundesbankvorstand -, hat der Stammtisch wieder mal einen, der es denen dort oben sagt. Das Volk, so meint der angeblich klassische Stammtisch, habe endlich wieder eine Stimme, die seine Bedenken und seine Befürchtungen öffentlich mache. Und der Gross-Vordenker Sarrazin hat erreicht, was er wollte: Dank seiner Medienpräsenz wird sein Buch wohl gekauft. Ob es gelesen wird? Spielt keine Rolle, denn der "Stammtisch" weiss eh, wovon es handelt.

Ob es diesen deutschen Stammtisch noch gibt?

Es spielt wohl eine Rolle, wo man ihn sucht. Manche in Deutschland lebende Zeitgenossen dürften eine Stammkneipe haben, eine Stammbar, einen Stammclub. Ich verkehre in meiner freien Zeit in meiner Wohnstadt Berlin regelmässig in drei Bars, drei Cafés, einer Strassenpizzeria und einem (schwulen) Club. An jedem dieser Einrichtungen treffe ich Bekannte. Die einen, eher politisch ausgerichteten, treffen sich hie und da in einem Café, welches reine Frauentage kennt, reine Veganertage usw. Dort spricht man nebst Alltäglichem vor allem über Politisches, wobei es dabei um Kiezzerstörung durch sogenannte "Investoren" geht, um Nazis und deren Bekämpfung, um das Wohlbefinden im Alltag. Andere, welche sich in der schwulen Kiezbar treffen, erzählen sich eher Liebes- und Reiseabenteuer, vermitteln Ein- und Ausladungen, schwärmen vom deutschen Schlager der Fünfzigerjahre oder von sonst etwas und fühlen sich wohl, wenn nicht von Politischem gesprochen wird. Und so weiter.

Für mich bedeutet das: Es gibt das eine, das andere und noch vieles mehr, was ich in meinen Stammbars und Stammcafés erlebe, erfahre und erfahren und erleben möchte.

Was ich weiss: Sarrazins Gerede über Integration kommt in meiner "Stammtisch"-Erfahrung nicht vor. Einfach deshalb nicht, weil Integration in meinem Bekanntenkreis keinen Inhalt an sich darstellt. Man stelle sich vor: Integration findet in meiner Stammtischwelt tatsächlich alltäglich statt. Nicht problemlos, dafür aber in aller Offenheit. Auffallend dabei ist, dass in meiner Stammtischwelt viele Integrationen gleichzeitig stattfinden. Es sind nicht "Ausländer", die sich intergrieren, es sind Bewohner von Berlin, welche sich gegenseitig kennen lernen - mit allen Schattenwürfen, die solcherlei zu werfen gewohnt ist.

Herr Sarrazin bezieht sein "Wissen" aus Statistiken, aus schnell angelesenen Lehrgängen über "Islam", über "Gene", welche diesen oder jenen eigen seien, aus Theorien von Ökonomie, welche zwar die Vorboten der Weltfinanzkrise nicht erkennen konnten, dafür aber genau wissen, dass Migranten in Deutschland mehr Kosten verursachen als Gewinn bringen.
Von Etwicklungsprozessen schreibt und spricht er nicht. Dabei übersieht er vor seiner eigenen Berliner Haustüre die schlichte soziale, wirtschaftliche, gesellschaftliche Realität. Man macht sich in der grossen deutschen Mediengleichschaltungswelt gerne lustig über Wowereits Satz über die arme, aber sexy-Stadt Berlin. Nur: Genau diese Beschreibung ist typisch für urbanes Verständnis, welches an urbanen Stammtischen eine Rolle spielt. Man lernt sich dort gerade deswegen kennen, weil man nicht "gleich" ist, sondern verschieden. Man lernt voneinander. Mein Pizzabäcker in Berlin macht wunderbar feine Pizzaböden und belegt sie phantasievoll und schmackhaft. Er ist kein Italiener. Auch kein Türke, er ist ein muslimischer Libanese.
Einer meiner Friseure wiederum stammt aus der Karibik, ein zweiter aus Hessen, ein dritter aus Fürstenwalde. Der Junge an der Tanke, welcher mir mitten in der Nacht Zigaretten verkauft, stammt aus Brandenburg, sein Ablöser aus Marokko. Wenn ich um 3 Uhr in der Frühe Lust auf Brötchen habe, hat die Bäckerei an der Ecke bereits geöffnet, worüber viele Schichtarbeitende und Frühschichtverpflichtete, o ja, auch viele mit "rein" deutscher Herkunft, froh sind. Die Bäckersfrau, man stelle sich vor, trägt ein Kopftuch.

Bekannt ist das Phänomen, dass Islamophobie vor allem dort Stammtischgespräch ist, wo es keine oder kaum Muslime gibt. Homophobie herrscht nicht dort, wo Schwule öffenltich erkennbar auftreten, sondern dort, wo solcherlei allenfalls per TV-Bild als Bildausschnitt präsent ist. Bild-Ausschnitt: Bilder sind der Maipulation ausgesetzt, man weiss es.

Sarrazin betätigt sich seit einiger Zeit als Statistikausschneider, neuerdings offenar auch als Genetiklehr-Ausschneider. Er liefert dem provinziellen Stammtisch Begriffe, nicht Inhalte, nicht Wissen. Anders gesagt: Sarrazin macht genau das, was Bildung, Kenntnisanreicherung, Erfahrungserweiterung, sozialen Prozess - unverzichtbare Bestandteile eines gesellschaftlichen Integrationasprozesses - verhindert und Vorurteile festigt.

Solchem Treiben steht die urbane Stammtisch-Erfahrung entgegen. Sie ist genau so wenig "wissenschaftlich" wie Sarrazins Ausschneidedienst. Aber sie ist geprägt von Neugier auf das Andere, das zunächst Fremde. An meinen Stammtischen lässt man sich überraschen. Insofern findet an ihnen nicht "das Volk" statt, sondern, wenn schon, die Stammtisch-Integration vieler Völker.