Leserartikel-Blog

Der "nichtexistente" reale afghanische Bürgerkrieg

Herr Jung hat, unterstützt von Herrn Schäuble, vom BKA und von vielen Journalisten, seit einiger Zeit vor "vermehrten Angriffen" der "Aufständischen" in Afghanistan auf deutsche Einrichtungen gewarnt, weil zur Zeit der Bundestagswahlkampf stattfinde. Die "Aufständischen", sprich die "Taliban" wollten damit den Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan erzwingen.
Das komme aber, auch wenn es Zwischenfälle wie die Bombardierung zweier Tanklaster, von einem Bundeswehroberst angefordert, viele Tote gefodert hat, und zwar, wie Herr Jung scheibchenweise zugibt, "leider" auch Zivilpersonen, nicht in Frage, denn die Bundeswehr leiste wertvolle Aufbauarbeit im Gebiet von Kundus: Sicherheit für die Bevökkerung vor Talibanterror, Wiederaufbauhilfe für die Zivilgesellschaft und so weiter.

Heute hat Herr Neudecker, dessen Grünhelme nach seinen eigenen Worten im Westen Afghanistans zur Zeit gerade die 24. und 25. Schule eröffnen würden, im Inforadio von RBB darauf hingewiesen, dass die meisten
Bundeswehrangehörigen in Afghanistan sich seit 2 Jahren nicht etwa am "Aufbau" ziviler Strukturen beteiligen würden, sondern in ihrem Feldlager in Kundus verschanzt blieben. Seine Organisation lehne den Schutz von Natotruppen für ihre Projektarbeit ab.

Zwei Sichtweisen, die gegensätzlicher nicht sein könnten.

Herr Jung lässt heute im Bendlerblock in Berlin, im Bereich seines Amtssitzes also, eine Gedenkstätte für Soldaten, welche während ihres Dienstes in der Bundeswehr zu Tode gekommen sind, einweihen. Der Tod im Dienst des Vaterlandes soll gewürdigt werden.
Anderseits erklärt Herr Jung seit Jahren ununterbrochen, dass sich die Bundeswehr in Afghanistan nicht im Krieg befinde, sondern, siehe oben, "Aufbauarbeit" betreibe.

Weil aber die getöteten Soldaten nicht sinnleer getötet werden durften, soll sie das Vaterland, in dessen Dienst sie ihr Leben verloren haben, ehren, an einem dafür ausgesuchten zentralen Ort: Im Hof des Verteidigungsministeriums.

Soweit der Versuch, Widersprüchliches in einfache Beschreibungssprache zu fassen.

Welche Geschichte hinter den Widersprüchen, welche das Engagement der Bundeswehr im Rahmen des Natokriegseinsatzes in Afghanistan ausmachen, steckt, ist damit allerdings nicht bedacht.

Die Nato kriegt in Afghanistan seit nunmehr bald 8 Jahren. Als Kriegsziel ist die Ausschaltung der Talibanterroristen benannt. Als Kriegsgrundlage dient ein Auftrag der UNO. Der Kriegsbeginn hängt mit 9/11 im Jahre 2001 zusammen. Erreicht wurde - nun ja - die Regierung von Präsident Karsai. Erreicht wurde, dass in Afghanistan wieder einmal gewählt wurde. Der jüngste, zum wiederholten Mal durchgeführte Akt namens "Wahl eines Präsidenten" versickert allerdings in einer Auszählzeitdauer, welche jedem einigermassen nachvollziehbaren Nachrichtenverlauf irgendwo weltweit spottet. Ein Wahlergebnis existiert offensichtlich nicht.
Was wurde sonst noch durch die Nato erreicht?
Auch unter Zuhilfenahme weitherzigster Auslegung von Begriffen, welche eine Zivilgesellschaft im allgemeinen Sprachgebrauch weltweit beschreiben, fällt einem nicht viel ein. Hingegen erscheinen Begriffe wie Korruption, Warlords, Stammesgebiete, Selbstmordattentate, Angriffe von Aufständischen und so weiter in alltäglicher Abfolge. Woraus sich schliessen lässt, dass Afghanistan kein Staatsgebiet im Sinn des Begriffs darstellt und alles andere als "befriedet" ist. Seit Jahren wird am "Aufbau" einer afghanischen Armee, einer afghanischen Polizei, afghanischer respektive einheimischer Sicherheitskräfte gesprochen. All dies exisitert im 8. Jahr des Natoeinsatzes in Afghanistan offensichtlich noch nicht. Man steht im 8. Jahr immer noch dort, wo man vor 8 Jahren stand. Die gelungene Entmachtung des seinerzeitigen Talibanregimes in Kabul zu Beginn des Natoeinsatzes hat keineswegs dazu geführt, dass "Afghanistan" aufgebaut worden ist.

In dem Gebiet, welches Afghanistan genannt wird, herrscht Bürgerkrieg. Die Natotruppen sind dabei sowohl Interventionsarmee als Bürgerkriegspartei. Klar ist, dass viele Menschen im Land diese Interventionsarmee zum Teufel wünschen. Klar ist, dass Karsai und die Seinen allenfalls lokale Macht besitzen, dass ihre Gestaltungsmöglichkeit mit und ohne Nato grösstenteils auf Kabul, sogar bloss auf Teile dieser Stadt beschränkt sind.

Klar ist inzwischen aber auch, dass die Kriegsziele innerhalb der Nato nicht für alle beteiligten westlichen Regierungen gleich formuliert werden. Das realexistierende Oberkommando vertritt US-Interessen, die Gebietskommandos wiederum, etwa jenes, welches die Bundeswehr in Kundus ausübt, wird von Herrn Jung, von der Bundesregierung und vor allem durch Bundestagsbeschlüsse bestimmt. Insgesamt ist es vermutlich so, dass Afghanen in diesem Kommandowirrwar gar nichts zu betimmen haben dürften.

Kurz: Ein Krieg, der offiziell nicht Krieg genannt werden dasrf, weil das Bundestagsmandat nicht von einem solchen spricht, existiert zwar unübersehbrar, kennt aber keine erreichbaren Zielsetzungen, keine Orientierung an Parametern, welche seine Fortführung rechtfertigen oder seinen Abbruch erzwingen würden.

Meiner Ansicht nach geht es genau darum: Die Verantwortlichen wissen nicht, was sie wollen müssen, was sie wollen können und was sie nicht wollen dürfen.

Der aus deutscher Politiksicht nicht existierende Kriegseinsatz der Bundeswehr, die konkret als Aufbaumitarbeit im Rahmen eines UNO-Mandates definiert wird und dazu angeblich die "deutsche Sichehrheit" in Afghanistan "verteidigt", ist längst Teil eines Bürgerkrieges.

Ist es nicht an der Zeit, die parlamentarischen Beschlüsse und deren Folgen realtitäsbezogen zu diskutieren? Bleibt, anders gefragt, denn irgend eine andere Option als der Rückzug aus einer Kriegssituation, welche auch mit massiver Aufstockung der Truppenbestände der Bevökerung in Afghanistan nur Tod, Verlust von Lebensmlöglichkeit und Hoffnungslosigkeit auf weitere ungezählte Jahre hinaus garantiert?