Leserartikel-Blog

Lafontaine

Plötzlich hat irgend jemand im deutschen Nachrichtengeschäft Lafontaines Polaroid-Trick entdeckt. Ein Populist, der mit Hilfe einer völlig veralteten Technologie Stimmung mache, wird berichtet. Und viele Saarländerinnen und Saarländer, etwas tumb, etwas gar neben den Schuhen, wird zwar nicht gesagt oder geschrieben, aber deutlich unterstellt, seien gerührt ob soviel Nähe zu einem Mann, der sie mehr oder weniger übertölple, um Politik zu personalisieren.

Da hat man ihn also wieder mal gestellt, diesen Egomanen und unsäglichen Vereinfacher, der aus lauter persönlicher Rachesucht die deutsche Politlandschaft durcheinanderwirbelt und die schönen Aussichten auf klare Wahlergebnisse, hier Schwarzgelb am Regieren, dort die SPD in der Opposition, wo sie hingehört, verhindern dürfte!

Zur Zeit wird in der veröffenlichten Meinung Deutschlands über keine Politikerin, keinen Politiker derart undifferenziert verurteilend berichtet wie über Lafontaine. Seine politischen Fähigkeiten, die sich - nach seinem zeitweiligen Rückzug aus dem Politikbetrieb Deutschlands - unter anderem darin zeigen, eine Partei mitaufgebaut und zu einem ernstzunehmenden Faktor im Mächteränkespiel des Landes gemacht zu haben, werden weder besprochen noch kritisch begleitet. Dafür wird Häme über den undisziplinierten "Haufen", den die "Linke" im Westen der Republik angeblich darstelle, verbreitet. Noch die nebensächlichste Äusserung irgend eines Mitgliedes dieser Partei wird sofort zum Beweismittel sowohl für die "Unberechenbarkeit" der Partei als auch für angeblich diktatorische Allüre ihre Kovorsitzenden Lafontaine erhoben. Nirgendwo findet sich eine Darstellung der in kurzer Zeit aufgebauten Sturktur der Partei "Die Linke". Nirgendwo findet eine Auseinandersetzung über Programminhalte der Partei statt.
Angeblich sei Lafontaine bloss ein Rechthaber. Er räche sich an der SPD, er räche sich auf Kosten der "Linken" am politischen System der Republik und so weiter. Lafontaine, der egomanische Rächer seiner zerbrochenen Karriere.

Ob das alles so, wie es mehr oder weniger unisono dargestellt wird, stimmt, spielt keine Rolle. Hauptsache, man erzeugt einen Ekel vor diesem Populisten. Und dann stellt man nach Landtagswahlen fest, dass die Verteufelung Lafontaines oder auch des "wilden Haufens" seiner Parteigänger den Einzug der "Linken" in die Parlamente nicht verhindern konnte. Also macht man fleissig weiter mit Unterstellungen, Beschimpfungen, dem Versuch, Lafontaine entweder lächerlich zu machen oder zu dämonisieren.

Schaut man sich das poliische Personal der übrigen bereits im Bundestag vertretenen Parteien an, kommt man um ein Kopfschüttlen, mindestens ein Kopfschütteln über derart einseitige Berichterstattungen und Meinungseinseitigkeiten nicht herum.
Lafontaines Vergangenheit wird auf seinen Rückzug aus der Bundespolitik im März 1999 beschränkt, seine vorher während über 2 Jahrzehnten geleistete politische Arbeit bleibt unerwähnt, seine Bücher genauso. Das gleiche Vorgehen wird auch über die biografische Entwicklung von Frau Merkel angewandt, nur mit einem ganz anderen Aussagewert: Angeblich hat Frau Merkel erst mit der "Wende" angefangen zu leben. Ihr DDR-Leben bleibt unerwähnt. Das wäre nicht weiter verwunderlich, wenn man es insgesamt so halten würde. Aber dem ist nicht so. Gregor Gysi's Dasein als Rechtsanwalt in der DDR, was Widersprüchlichkeiten geradezu erzwungen hat, wird beispielsweise bis in kleinste Details hinein durchleuchtet. Er ist ja auch ein Protagonist der "Linken". Herrn Tillich dagegen lässt man seine kleinen biografischen Lügen durchgehen, schliesslich ist er CDU-Mitglied und CDU-Ministerpräsident in Sachsen. Dies nur nebenbei bemerkt.

Lafontaine wird unterstellt, er habe mit seinem Rücktritt als SPD-Vorsitzender und als Bundesfinanzminister "Verantwortungsflucht" begangen. Weil er diese Flucht begangen habe, wird unterstellt, sei ihm eine erneute politische Rolle vorzuenthalten. Man könne ihm nicht vertrauen. Herrn Koch, CDU, allerdings kann man vertrauen, auch wenn dieser unsägliche Lügen über angelbiche "jüdische Gelder", welche der hessischen CDU im Geheimen auf irgendwelchen schweizerischen Nummernkonti anvertraut worden seien, verbreitet hatte.
Herrn Seehofer darf man ebenfalls vertrauen, auch wenn dieser Politiker heute so redet, morgen genau andersherum und übermorgen erklärt, nie so geredet zu haben wie vorgestern oder gestern.
Lafontaines Eigenheit in diesem Bereich besteht aber darin, dass er zu einem gewichtigen Teil bereits vor 10 Jahren so geredet hat, wie er heute noch redet. Das passt nun auch wieder nicht. Heute redet sogar der britische Premierminister von "Kontrolle" über "Finanzmärkte", wenn er auch das Handeln, welches dieser Rede folgen sollte, behindert. Herr Westerwelle erklärt sich zum Hüter der "sozialen Marktwirtschaft", ohne dass seiner diesbezüglichen Rede auch nur ein irgendwie noch fassbares substantielles Konkretum folgen würde.
Lafontaine hat über die Welt der Finanzmärkte, die sich als Märkte von Lug und Betrug etabliert haben, wie man inzwischen wissen kann, wenn man wissen will, detailliert in Büchern und in politischen Manifesten geäussert - wie gesagt bereits vor 10, ja sogar vor 15 Jahren. Weil seine Analysen und Befürchtungen so ziemlich auf der ganzen dargetsellten Linie eingetroffen sind, muss er seine diesbezüglichen Redebeiträge nicht ändern - was ihn von den allermeisten Politprotagonisten und vor allem von dem versammelten "Sachverstand", der sich eben als sehr wenig sachlich und dafür sehr ideologisch vebrämt entpuppt hat, unterscheidet.

Nicht, dass ich Lafontaine als den Propheten des richtigen Weges verstehe. Ich glaube nicht an ihn!
Nur: Zu sagen hat er schon etwas. Jemand, der über die Zusammenhänge von Finanzkapitalismus und Fehlentwicklungen sowohl gesellschaftlicher wie wirtschaftlicher Entwicklungen nachgewiesenermassen kompetent nachgedacht hat, zum bösen und egomanischen Populisten zu diffamieren ist nicht bloss schlechter Stil, sondern verwerflich. Verwerflich, weil damit eine wirklich inhaltliche Diskussion über politische Handlungsfähigkeit gegenüber den teilweise kriminellen, teilweise wirklich das Leben von Milliarden Menschen bedrohenden Machenschaften (viele Millionen Menschen hungern, Millarden Menschen wird Bildung, Gesundheitsfürsorge usw. aus Geldmangel vorenthalten) einer selbsternannten, global, aber völlig undurchsichtig handelnden "Elite" verhindert wird.

Das, meine ich, ist endlich zu diskutieren.