Leserartikel-Blog

Mauergedenken - aus Anlass des 13. August

Ich kann mich noch an den 13. August 1961 erinnern. Sommerferien, anstatt im Internat bei den Etlern zu Hause in der Schweiz. In den Radionachrichten der "Schweizerischen Depeschenagentur", der Nachrichtenquelle von Radio Beromünster, wurde von der Absperrung der Strassen zwischen West- und Ostberlin berichtet, nachdem während der vorangegangenen Wochen täglich die Zahlen der nach Westberlin eingereisten DDR-Flüchtlinge mitgeteilt worden waren. Der Name "Aufnahmelager Marienfelde" war nicht nur mir mir geläufig.
Niemand in meiner Umgebung war verwundert: Der Kommunismus, sagte man, zeige ja nur sein wahres Gesicht.
Noch galt die Losung "Niemals vergessen!", welche nach dem bei uns so genannten "Ungarnaufstand" im Herbst 1956 auf die "rote Gefahr" aufmerksam machte. Auch ohne diese Losung konnte man nicht übersehen, was jenseits des Eisernen Vorhanges Alltag war: Diktatur.
Erstmals begegnete mir am 13. August 1961 der Name "Willy Brandt".
Etwa zwei Jahre später reiste ich als Mittelschüler mit der Bahn über Probstzella, wo man von Hundegebell und fremdtönendes Deutsch sprechenden "Organen", weiblichen, wie ich mich erinnere (was sonst an Grenzübergängen in Europa damals nicht der Fall gewesen war, dass Frauen Kontrollen vornahmen) , geweckt wurde, über Halle an der Saale (Leipzig wurde umfahren) im Interzonennachtzug von Nürnberg nach Westberlin, schaute mich auf der Westberliner Seite am Checkpoint Charly um, trank in einem Strassencafé am Kudamm Coca Cola, wurde zum Rathaus Schöneberg geführt und von einem Senatsmitarbeiter über die Lage unterrichtet, stand in der Nähe des Reichtstagsgebäudes auf der Wiese, erblickte den First des Brandenburger Tores. Mit der S-Bahn fuhr ich vom Bahnhof Zoologischer Garten zum Bahnhof Friedrichstrasse, sah den "Grenzwall" und von allerlei Hindernissen durchsetztes Niemandsland längs der Spree hinter dem Reichtsagsgebäude, wurde durch DDR-Uniformierte geprüft, trat aus den engen Gängen auf die Friedrichstrasse, zog einen von den Abgasen der Zweitaktmotoren hervorgerufenen Ostgeruch ein, spazierte Unter den Linden Richtung Alexanderplatz, bekam eine Wachablösung vor dem Schinkelschen Neuen Wache mit, Stechschritt, auffallend flache Helme, Stiefel, die auf dem Boden aufgeschlagen wurden, setzte mich ins Operncafé, wo ich sofort bemerkte, wer aus dem Westen stammte. Ein älterer Herr setzte sich an den Tisch, lächelte, zog sorgfältig eine Ansichtskarte aus einer Brieftasche und zeigte sie vor: Ein Mann, hoch zu Pferd, uniformiert. Erkennbar war sowohl die Hilflosigkeit der Geste als auch die Bearbeitung der Fotografie. Der Kopf passte nicht zum Rest des Bildes, war unsorgältig einkopiert.
Wohin sollte ich gehen?
Zuerst: Pergamonmuseum. Schlangen im Hof vor dem Eingangsportal. Blick auf den riesigen Altar. Danach wieder Unter den Linden, Gang zum Alexanderplatz mit der Baustelle des Turms. Hinter dem Bahnhof erblickte ich fernein überwindbarer Ferne die Türme der Stalinbauten an der Karl-Marx-Allee. Überall Baustellen. Die Mächtigkeit der Zuckerbäckerstilgebäude ( so wurde uns der Baustil au den Feuilletonseiten der NZZ oder der FAZ beschrieben) beeindruckte mich. Eine fremde Welt.
Die Mauer, nahm ich damals wahr, trenne tatsächlich zwei völlig unterschiedliche Welten. Die Menschen in Ostberlin waren anders gekleidet, sahen anders aus als wir. In einem der Türme am unteren Ende der Karl-Marx-Allee stand die Türe zu einer Galerie offen. Ich trat ein. An einem Tisch sass eine junge Frau. Sie strickte. Schaute mich an, schaute wieder auf ihre Strickarbeit und ich ging den Wänden nach. Fotografien. An mehr erinnere ich mich nicht. Rückkehr zum Bahnhof Friedrichstrasse, Durchschleusung in engen Gängen zum Bahnsteig. Auf dem Nachbarbahnsteig warteten zahlreiche Menschen, "Einheimische", dachte ich, auf S-Bahnen Richtung Ostberlin. Zwischen den beiden Bahnsteigen Zaungitter. Polizisten überall.
Vor dem Bahnhof Zoo meine Welt, die westlich; nervös, laut, es fuhren nebst den Bussen auch noch Stassenbahnen, nach Spandau, wenn ich ich richtig erinnere.

"Die Mauer" genügte mir noch längere Zeit, bis etwa 1965, als Orientierungsparameter. Vor der Mauer, hinter der Mauer. Obwohl ja Westberlin ummauert war, dachte ich über die DDR als einem Staat "hinter" der Mauer.
Im Sommer 1966 reiste ich durch Polen, blieb einige Zeit in Krakau, besuchte Auschwitz, fuhr nach Gdansk, schliesslich nach Warschau. In Wrosclav Besuch bei einer mit der Familie meines Freundes, mit dem ich unterwegs war, verwandten Frau, welche während des Zweiten Weltkrieges einen Polen, der in der Schweiz interniert war, geheiratet hatte. Sie schimpfte über den "Dreck", den "Verfall". Nach Einwänden, die wir angesichts des Wiederaufbaus im Stadtzentrum vorbrachten, sagte sie: Sie wisse es einfach. Sie müsse nicht hingehen. Dreck bleibe Dreck.
Die wiederaufgebaute Dominsel war ihr unbekannt.
20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg begegnete mir in Polen Wiederaufbau, die Posener Altstadt, restaurierte Getreidespeicher in Gdansk, Kaffeeleben in und um die Tuchhallen in Krakau und liebevoll nachgebaute klassizistische Häuser an rekonstruierten Altstadtgassen in Warschau, die Beatles in aller Munde. Im Gegensatz zu Ostberlin entdeckte ich für mich in Polen nicht "andere", mir "unbekannte" Menschen. Nova Huta vor Krakaus Stadtweichbild? Nun, ich sah Baustellen, dachte an den Begriff "Trabantenstadt", verglich mit der Pariser Banlieu (mich an Abbé Pièrre erinnernd) , mit der Umgebung von Rom, mit Manchester und schloss daraus: Hier wird an die Bewohner gedacht: Grünflächen, Strassenbahnverbindungen ins Stadtzentrum, Schulen an jeder Strassenecke; und Bidonvilles fehlten.

Ab etwa 1965 geriet für mich "der Westen" in eine Posiiton, welche Zweifel weckte: Algerienkrieg. Bürgerkrieg im Kongo mit der Ermordung von Lumumba und von Dag Hamerskjöld. Militärdiktaturen noch und noch. Vietnam. Springer. Schahbesuch. Benno Ohnesorg. Ich emfpand eine Einschnürung aus dem, aus "meinem" Westen kommend, die mir als immer näherrückender erschien.

Nicht, dass "hinter der Mauer", in Ostberlin, irgend etwas existiert hätte, was mir als vorbildlich erschienen wäre, als erstrebenswert, als Grund, mich dort umzusehen. Neugierig war ich allenfalls auf das Berliner Ensemble.
Die Mauer spielte für meine sich entwicklenden Vorstellungen von Unrecht oder Recht, von Gerechtigkeit, von solidarischer Gesellschaft keine Rolle. Sie war, auch wenn ich mich in Westberlin aufhielt, weit weg, betraf mich nicht.

Dafür wurde mein Wissen über Auschwitz immer konkreter. Die Abscheu eines Nachgeborenen. Ich entdeckte eine Art Lebensnotwnedigkeit, Abscheu über die Ungeheuerlichkeit dieses Gehorsams-Archipels aufrecht zu erhalten. Gut und Böse, seit Kindertagen auf "Die dort", die Kommunisten, Moskau auf der einen und "Freiheit", Demokratie und Amerika auf der anderen Seite hin genau definiert, geriet aus den Fugen einer Sicherheit, die mir seit den frühen Fünfzgerjahren, seit meinen ersten Leseversuchen, Hörverständnisentdeckungen am Radio, Unterrichtsstunden in den Schulen, in den Gesprächen unter uns, vermittelt worden war.

Mauertote? ich nahm ihre vorangegangenen Versuche, aus der DDR zu fliehen, kaum wahr. Ich fand es andersits obszön, dass die getöteten Vietnamesinnen und Vietnamesen einfach als Kriegsbegleitung angenommen, ja gerechtfertigt wurden. Kommunisten sind selber Schuld, wurde suggeriert, sie sind freiwillig Menschenfeinde, Freiheitsfeinde.

Anlässlich eines Kurses für Rhythmik an einem Leistungssportzentrum nahe bei Stuttgart erwiderte mir eine Altersgenossin aus dem Bayerischen auf meine Vorhaltung, die Auschwitzprozesse würden in der Bundesrepublik bewusst, gezielt nicht wirklich wahrgenommen: Ach, hör doch endlich auf mit diesen alten Geschichten. Wir wurden genug bestraft. Das waren doch sowieso nur die Nazis.
Der Satz empörte mich nachhaltig.

Ich geriet in die Auseinandersetzung mit meinem mir vermittelten Schulwissen, welches sich als Weltbild etabliert hatte. Die berühmt-berüchtigte Vätergeneration verschmähte die genaue Erzählung über ihre jüngeren Jahre. Ihre "Westorientierung" hielt sie wie eine Monstranz des absolut Richtigen und Wahren vor uns hin und erwartete, dass wir andächtig in die Knie sinken würden. Dem - von mir durchaus als solches wahrgenommenen - verlogenen eindimensionalen Unterwerfungsgestus der Kommunisten unter ein geschichtsgefälschtes Glaubensbekenntnis namens "realer Sozialismus" gesellte sich das zwar etwas frabenprächtigere, vor allem verführerischer aufgezogene Glaubensbekenntnis namerns "Freiheit", in deren Namen allerdings hingenommen wurde, dass Afrika verhungerte, Lateinamerika von Militärdiktatoren abgetötet und Vietnam zusammenbombardiert wurde.

Heute ist das Ideologische zwar immer noch existent, aber nicht mehr alleinbestimmend. Manchmal denke ich, dass die "Mauer", vor 48 Jahren errichtet und vor 20 Jahren wieder abgerissen, meine Welt offener werden liess. Hinter der Mauer - und vom Ostblock aus gesehen befanden wir uns genau so "hinter" ihr, ungefühlt zwar, aber faktisch betrachtet halt schon, wie sich die DDR, Polen und so weiter "hinter" ihr befanden, entwickelten sich Widerrpüche, die schliesslich dazu führten, dass die Chance entstand, über die eigene Verortung nachzudenken. Anstelle von Ausschliesslichkeit trat Differenzierung. Anstelle von Ewigkeit trat Prozessorientierung, auch Prozessbewusstsein.
So unmenschlich die Mauer war, so notwendig war sie, um endlich aus dem Todesschatten der Nichtentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg den Weg in offenere Verhältnisse unter Menschen, unter Staaten, unter uns zu kommen.
Natürlich exisitert keineswegs "Friede, Freude, Eierkuchen".
Meiner Ansicht nach aber befinden wir uns auf vielgestaltig erscheinenden Trampelpfaden, welche wir mit "kleinen Schritten" begehen lernen. Was mir in Erinnerung ruft, weshalb ich die Person und das Handeln von Willy Brandt bis heute von allen politisch Handelnden, die mir in meinem Leben über Nachrichten begegnet sind, am meisten schätze: Er fand dort, wo es Mauern gab, jene engen Durchlassöffnungen, welche schiesslich zum Mauerzusmmenbruch führten, weil er dem rechthaberischen Verharren auf "einziger Wahrheit" zu entkommen verstand.