Leserartikel-Blog

Vor und nach Kurras

Der kleine Artikel "So viele Verschwörungen" von Michael Naumann in der gedruckten ZEIT vom 28. Mai 2009, publiziert auf Seite 50, könnte in der Stasi-Kurras-Diskussion in den deutschsprachigen Feuilletons Anlass zu etwas genauerem Nachdenken auslösen, wenn es gewissen immer wieder, wenn es um "die" Stasi geht, ganz geschwind und latstark auftretenden Geschichtsdeutern nicht bloss um ihre moralisierende Besserwisserei, gespiesen aus Nachwissen, gehen würde.

Kurras war also Stasi-IM. Und er war offensichtlich Mitglied der SED. Aber ist damit über Kurras Tat vom 2. Juni 1967 "alles" anders als bisher zu bewerten? Ist damit, anders gesagt, über die juristische und die politische, über die publizistische wie die individuell-biografische Verarbeitung jenes Tötungsfalles "alles" neu zu überdenken?
Fakten spielen in vielen eilfertig verfassten Zeigefingerretrospektiven mit ungenau angehäuftem Neuwissen kaum eine Rolle. Das beste Beispiel für diese Deutungsanmassung liefert Götz Aly in der gleichen Ausgabe der ZEIT auf Seite 49, wo er - in salbungsvoll angestimmter Quintessenz - schreibt: "Ausserdem stärkt der Fund das Argument, dass die spezifische Härte und Unbedingtheit der deutstchen Studentenunruhen von 1967/68 als Spätfolge und Spätausläufer des Totalitarismus zu analysieren ist. Die Beteiliten blieben infolge des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkriegs, des Kalten Krieges, der kommunistischen Lehre vom Klassenkampf in das Freund-Feind-Denken gebannt..."

Naumann stellt diesbezüglich Fragen welche mir viel naheliegender erscheinen als der Topos "Weltgeschichte", den Aly bemüht:
"War Kurras wirklich nur Stasispion? Gab es im Berlin jener Jahre nicht den ehrenwerten Beruf des Doppelagenten?..."

Festhalten möchte ich, dass "68" nicht bloss ein deutsches Phänomen ist, dass so etwas eine terroristisch handelnde RAF keineswegs nur eine deutsche Erscheinung war, dass die Quellen, aus denen sich jene Veränderungen, welche die "68"-er gerade im gesellschaftlichen Leben mindestens auf der nördlichen Hemisphäre entwickelten und unübersehbar durchsetzten, nicht nur auf "Nationalsozialismus, Kommunismus,Kaltem Krieg und Freund-Feind-Denken" beruhten.
Hier zu Lande wird beispielsweise der französiche Mai 68 ständig übersehen. Kaum beachtet wird die Entwicklung damals in Italien, in deren Folge die Brigata Rossa mindestens soviel terroristische Energie entwickelte wie die RAF in Westdeustchland. Ausser anlässlich von Gedenktagen zum 21. August 1968 (dem Einmarsch von Warschaupakttruppen in der Tschechoslowakei) wird den emanzipatorischen Schritten in- und ausserhalb der dortigen Kommunistischen Partei von damals kaum Beachtung geschenk. Und Lateinamerika? Oder von den grossen Protesten gegen den Vietnamkrieg, den Unruhen mit vielen Todesopfern von Massakern, angerichtet etwa durch Nationalgardisten in den USA (Kent). wer erinnert wo daran?

Bevor "man", wie es in vielen Feuilletons gefordert wird, "die Geschichte von 68", quasi neu schreiben muss, sollte "man" sich vielleicht erst einmal deren Vorgeschichte vergegenwärtigen. Diese bestand nicht bloss aus den von Aly genannten Hauptwörtern, sondern vor allem in einer Verklemmung gesellschaftlicher Verhältnisse im Westen - was eben den Westen betraf und betrifft. Überall, wo "68" in irgend einer Art und Weise Prozesse angestossen hat, sind gesellschaftliche Prozesse entstanden, deren Beweglichkeit sich nicht einfach auf "gut" oder "böse", auf "Autorität" oder "Antiautorität", auf "bürgerlich" oder "proletarisch" und dergleichen Leitplankenbegriffe mehr reduzieren lässt.
Aus einigen Wörtern, welche mit "68" zusammenhängen können oder könnten, wenn man sich die Mühe machen würde, das, was vorher in den westlichen Geslelschaften bestimmend war, zu untersuchen, lässt sich vermutlich Genaueres über das Phänomen "68" lesen als es stündige Wiederholungen und "Neubeurteilungen" der Irrungen und Wirrungen innerhalb einiger personenbezogenen Bografien namens "Fischer" oder "Aly", "Dutschke", Kurras" oder eben "Ohnesorg" ermöglichen.
Etwa "die Pille". Etwa "das Fernsehen". Etwa "die Hausfrau", jener Zentralbegriff des Kleinbürgertums, entwickelt im Verlauf des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, deren Endlichkeit nach "68" in unseren Breitengraden ziemlich offensichtlich geworden ist.
Gerade "das Fernsehen" hat vermutlich meiner Ansicht nach zu einem der wichtigsten Prozessanstösse von "68" mehr beigetragen, als heute bedacht wird. Denn das Fernsehen informierte über den amerikanischen Vietnamkrieg ungefilterter, als es - aus der Erfahrung über die bilderreiche Berichterstattung aus Vietnam gespiesen von Propagandisten von militärbehördlichen Zensoren verhindert - spätere Kriegsführungen zuliessen. "Gut" und Böse" verloren nach und nach, aber nachhaltig ihre eindeutige Charakterisierung und die Demaskierung ihrer Protagonisten erreichte beispielsweise mit der Veröffenltichung der sogenannten "Pentagon-Papiere" einen, bezogen auf "68", frühen Höhepunkt.

Natürlich kann man erklären, "68" wäre ohne die Tötung von Benno Ohnesorg in Deutschland "anders" verlaufen. Man kann auch behaupten, dass "68" bloss ein vorübergehendes studentisches Phänomen gewesen sei. Oder man kann, von Nachwissen und damit Besserwissen gestützt, erklären, "die" Achtundsechziger müssten ihre damaligen Ansichten als "falsch" erkennen. Das alles aber hat mit dem Westberliner Polizisten Kurras nur insofern zu tun, als seine eben entdeckte Stasizugehörigkeit der Springerresse und einigen Deutern ihrer eigenen Biografie wie Götz Aly dazu dient, heutige Standpunkte quasi aus der Geschichte heraus zu verklären. Dabei übersehen diese Apologeten ihrer eigenen Meinungsveränderungen oder ihrers Festhaltens an damailigen Positionen alle offenen Fragen, welche im Zusammenhang mit dem Tod von Benno Ohnesorg durchaus nicht "aufgeklärt" sind:
-Das Verhalten der Westberliner Polizeiführung und der zuständigen Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit der Untersuchung der Tötung Ohnesorgs;
-die Urteilsfindung der beiden Gerichtsinstanzen;
-die gegenseitige Spionagetätigkeit von Ost und West gerade in Berlin (Dazu die Frage nach den Quellen. Offen liegen weder alle östlichen und schon gar nicht irgendwelche westlichen, weder jene der Besatzungsmächte von damals noch jene des BND oder ähnlicher Geheimdienste, um nur einmal daran zu erinnern, dass man "objektiv" Fakten nicht bloss auf der Grundlage einer Quelle als "einzig wahr" erklären kann).

Geschichtsschreibung ist kein leichtes Fach. Man muss sich ernsthaft mit Quellen auseinandersetzen. Als Quelle werden im Allgemeinen "alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen, aus denen Kenntnisse der Vergangenheit gewonnen werden" können (Paul Kirn, Einführung in die Geschichtswissenschaft, Berlin 1963, S. 291), verstanden. Zudem kann man nicht ohne kritische Quellenberücksichtigung arbeiten. Dabei spielen drei Faktoren mit:
-Heuristik (also Quellenfindung): Quid erat demonstrandum!;
-Kritik, darin: a) äussere Kritik (Philologie, Echtheitsüberprüfung), b) innere Kritik (Wer? Wann? Wo? An wen? Was? Wie? Warum? usw.) und c) Fragen der Ideologie, der Topoi und der Mentalitäten;
-Textinterpretation, also die Suche nach einem Erkenntnisgewinn.

Selbstredend ist es nicht Aufgabe von Journalisten, Geschichtswissenschaft zu betreiben. Insbesondere Feuilletonbelieferer aber, welche ja vorgeben, die Zeitläufte ihren Lesern erklären zu helfen, sollten neben Spekulativem mindestens die Vorläufigkeit ihrer Erklärungsmuster im Kopf haben und nicht so tun, als ob sie in der Lage seien, zeitgeschichtliche Phänomene ein für allemal in "eine" Wahreit hineinformuliert darstellen zu können. Im Fall der Kurras-Stasitätigkeit ist in den letzten Tagen viel Unsinniges und Unüberprüftes als "letzte Wahrtheit" verkündet worden.
Dem wollte ich hier in Spuren widersprechen.